
Der Maikäfer, Direktor Haffenloher, Nscho-tschi und Karl Marx
Eine Causerie zum Abschied von Mario Adorf – von Wolfgang J. Ruf
Der erste Schauspieler, dem ich ganz persönlich begegnete, war Waldemar Leitgeb. Er war anlässlich des 50. Geburtstags von Adolf Hitler zum Staatsschauspieler ernannt worden – und behielt den Titel auch nach dem Kriegsende. Manchmal begegnet man ihm auch noch heute: etwa als Fürst Grigorij Orlow in dem berühmt-berüchtigen Fantasy-Film Münchhausen von Josef von Baky, der fünf Wochen nach der Kapitulation von Stalingrad in die Kinos kam. Für mich war dieser Schauspieler vom Typ eines etwas kleinbürgerlich geratenen Grandseigneurs wichtig, weil er mich lehrte das Stottern zu überwinden, das ich mir wohl als Kleinkind in den Bombenkellern Münchens eingefangen hatte, und auch weil er meine Lust aufs Theater weckte.
Wenig später lehnte sich an ein paar Dutzend Abenden eine junge Schauspielerin immer wieder schluchzend, gar weinend an meine Schulter. Das war auf der Bühne eines südwestdeutschen Staatstheaters in der Gerichtsszene eines Stücks des australischen Schriftstellers Morris L. West. Ich agierte als Statist und erhielt eine kleine Zulage, weil ich bei der innigen Szene den eigenen Sakko trug und dieser mehrfach der Reinigung bedurfte. Die Schauspielerin hieß damals nicht mehr Marlies Wienkötter, hatte aber auch noch nicht die Mutter Beimer als Rolle ihres Lebens entdeckt. Ich sehe heute noch, wie sie als Barblin verzweifelt vor uns Schwarzen Soldaten kauerte und um Gnade für Andri flehte. Unseren Anführer spielte Traugott Buhre, und Gustl Bayrhammer, der später Tatort-Kommissar in München wurde, war der angesichts des wortlosen Judenschauers um sein Leben zitternde Wirt. Bei einer Premierenfeier durfte ich, der schüchterne Gymnasiast, diese Marie-Luise sogar küssen, in einer Lokalität mit dem bezeichnenden Namen Zwitscherstube.
Ach, wieviel Schauspielerinnen und Schauspieler bin ich im Lauf der Jahrzehnte begegnet. Der berühmte Curt Bois umarmte und küsste mich bei einer Diskussion auf der Duisburger Filmwoche, als ich mich in eine Diskussion über einen Film mit oder über ihn einmischte. Shirley MacLaine fragte mich bei einer Pressekonferenz auf der Berlinale ganz direkt, warum ich bei ihren Antworten immer lachen würde – ich errötete verlegen. Mit Bernhard Minetti frühstückte ich in einem Hotel in Essen, wo er am Vorabend mit Märchen der Gebrüder Grimm brilliert hatte; das Publikum sei ihm aber zu alt gewesen – obwohl kaum einer im Theater älter war als er. Die tschechische Schauspielerin Jitka Zelenohorská, die man aus einigen Filmen von Jiří Menzel erinnert, half mir ‘mal, mich in Moskauer Nächten zurechtzufinden. Auch der aus der Ferne verehrten Liebe meiner pubertären Kinojahre begegnete ich später einmal leibhaftig: Beim Festival Theater der Welt in Stuttgart sah ich auf einmal Jeanne Moreau allein an einem Tisch in einem Café sitzen; nervös suchte sie in ihren Taschen. Mutig trat ich näher, gab ihr Feuer für ihre Zigarette und kam so für einige Minuten ins Gespräch mit ihr. Sie trat damals in Stuttgart übrigens mit dem Monolog Die Erzählung der Magd Zerline von Hermann Broch auf.
Doch soviel ich grüble – nein, Mario Adorf bin ich persönlich nie begegnet – auch wenn mir das in der Erinnerung so scheint. Aber vor einigen Jahren führten wir eine Reihe sehr angeregter Telefongespräche und lernten uns dabei etwas kennen. Wie es dazu kam? Ich arbeitete einige Jahre mit dem rumänisch-deutschen Filmregisseur, Autor und Produzenten Radu Gabrea (1937 – 2017) zusammen. Wir entwickelten ein Drehbuch zu einem Spielfilm mit dem Titel Lindenfeld – eine Liebesgeschichte; das war so etwa um 2012/2013. Es geht darin um einen Siebenbürger Sachsen, der als junger Mann in den Westen geflohen ist und in Deutschland zum reichen Geschäftsmann wurde. Nun schenkt ihm sein Sohn nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Reise in seine Heimat und lässt von einer Theatertruppe das verlassene und zerfallene Dorf wieder aufleben. Der alte Heimkehrer begegnet unter den wenigen alten Einwohnern auch seiner Jugendliebe, die er einst schmählich im Stich gelassen hat. Das könnte eine zugleich wehmütige wie auch groteske Filmerzählung zur Wende-Zeit werden, dachte ich.
Mit unseren vorangegangenen Projekten hatten wir aber bei deutschen Koproduzenten keine guten Erfahrungen gemacht. Entweder waren sie so ignorant, dass sie die Relevanz einer deutsch-rumänischen Geschichte nicht erkannten, oder sie griffen in die Dramaturgie ein, wobei so manch historische Ungereimtheiten entstanden. Hinzu kam, dass der Autor einiger unserer Literaturvorlagen, Eginald Schlattner, von Rumänien-Deutschen, die längst im Westen lebten, bekämpft wurde. Mir kam da der Einfall, dass der Alte in dem Filmprojekt doch eine Paraderolle für Mario Adorf sein könnte – und seine Mitwirkung die Aufmerksamkeit für den Film auch fördern würde. Das ist auch ein altes Theatergesetz: Besetze schwierigere Stücke mit beliebten Schauspielern!
Also versuchte ich Mario Adorf zu kontaktieren. Das war einfacher als erwartet. Er kannte mich, hatte Texte von mir gelesen, fand die Filmerzählung und den Hintergrund interessant und bat mich um Zusendung des Drehbuchs. Es folgten einige intensive Telefonate über das Drehbuch. Dann kam es schnell zu einem Termin, zu dem Radu Gabrea aus Bukarest nach München kam und ich per Telefon zugeschaltet war. Mario las laut das ganze Buch, stellte zwischendurch Verständnisfragen, wir antworteten. Am nächsten Tag teilte er mir mit, dass er diese Rolle spielen wolle und auch Radu Gabrea als Regisseur für ihn eine gute Lösung sei. Aber er brauche Zeit, um hierzulande den richtigen Produzenten für diesen Film zu finden und zu überzeugen. Doch mein Freund Radu Gabrea sah für sich diese Zeit nicht mehr. Er hatte eine Diagnose zu seiner Krebserkrankung erhalten, die nun seinen Zeitplan bestimmte. So drehte er diesen Film, an dem ihm viel lag und der dann sein letzter fertiggestellter Spielfilm wurde, nun möglichst schnell als ausschließlich rumänische Produktion. Irgendwo, ich glaube auf einem Festival in Bulgarien, erhielt der Film Lindenfeld – eine Liebesgeschichte auch einen Preis. In Deutschland war er trotz des deutsch-rumänischen Themas nie zu sehen.
Mit Mario Adorf in der Hauptrolle wäre das anders gelaufen.
Was ich aber aus diesen Telefonaten und diesem Ansatz zur Zusammenarbeit mit Mario Adorf über ihn erfahren habe, ist bemerkenswert. In der gesamten Kommunikation war er stets aufmerksam, interessiert, klug und pragmatisch. Von Allüren und Zickereien, wie ich sie im Theater und beim Film oft erlebte, gab es bei Mario Adorf keine Spur. Ich versuchte später, als Radu Gabrea schon verstorben war, ihm die Gründe für den unglücklichen Verlauf dieses Projekts zu erklären, und er verstand sofort. Diese kleine Geschichte zwischen Filmwelt und Leben hat doch sehr zu meinem Bild von Mario Adorf beigetragen. Wenn ich an Mario Adorfs Weg als Schauspieler denke, fällt mir stets auch sein Herr Sumsemann aus Peterchens Mondfahrt, dem Kinderstück von Gerdt von Bassewitz, ein.
Das 1912 in Leipzig uraufgeführte Stück handelt von den Abenteuern des Maikäfers Herrn Sumsemann, der zusammen mit den Menschenkindern Peter und Anneliese zum Mond fliegt, um von dort sein verlorengegangenes sechstes Beinchen zu holen. Für Mario Adorf war die Rolle dieses Maikäfers eine seiner ersten professionellen Auftritte auf einer Bühne von Bedeutung – 1955 an den Münchner Kammerspielen. Diese Aufführung habe ich natürlich nicht gesehen – allein schon weil ich im Jahr zuvor mit der Familie von München weit nach Westen, an den Rhein gezogen war. Dass mir diese Aufführung dennoch immer wieder in den Sinn kommt, hat einen ganz anderen Grund. Denn Peterchens Mondfahrt, damals das Weihnachtsmärchen an den Münchner Kammerspielen, war die erste Regiearbeit des jungen August Everding, des Organistensohns aus Bottrop, der später Generalintendant der Bayerischen Staatstheater in München wurde und als Präsident des Deutschen Bühnenvereins für eine Reihe von wichtigen Jahren auch mein Chef.
Er erzählte immer wieder gern von dieser Inszenierung, in der auch Siegfried Lowitz mitwirkte, damals schon ein Filmstar, und Mario Adorf bei der Premiere sogar nach einem Unfall mit einer auf der Bühne notdürftig verarzteten Platzwunde am Kopf weiterspielte. Auch für Adorf blieb dieser Start ins Theater eine nachhaltige Erinnerung. Kein Wunder, dass er es sich nicht nehmen ließ, 2024 zur Premiere von Peterchens Mondfahrt bei den Burgfestspielen in Mayen, seinem Heimatort, zu kommen und dabei auch von seinen Erfahrungen in der Rolle des Maikäfer-Manns zu erzählen. (In diesem Link hier ist das zu erleben.)

Gast bei TV Mittelrhein 
Mario Adorf hatte 1957 als brutaler Massenmörder im Film Nachts, wenn der Teufel kam seinen Durchbruch als Filmschauspieler. Meine Erinnerungen an Adorf kommen auch immer wieder auf diesen Film zurück. Sein Regisseur Robert Siodmak, hatte 1929 den legendären Film Menschen am Sonntag inszeniert, mit Edgar G. Ulmer als Ko-Regisseur und nach dem Drehbuch von Billy Wilder und Kurt Siodmak – ein Meisterwerk der Neuen Sachlichkeit. Er war nun aus dem US-amerikanischen Exil zurückgekehrt, wo er einige Filme zur Schwarzen Serie Hollywoods beigesteuert hatte. Sein nüchtern stilisierter, in manchen Sequenzen fast dokumentarisch anmutender Film über den vermeintlichen Serienmörder Bruno Lüdke, der um die 80 Morde gestand, und die Vertuschung dieses Falls durch die nationalsozialistischen Behörden, ist wohl einer wichtigsten Filme der Adenauer-Ära. Auch trotz der inzwischen dokumentierten Unstimmigkeiten und Widersprüche dieses Geschehens, die sogar zu einem sogenannten Stolperstein für das NS-Justiz-Opfer Bruno Lüdke in Berlin-Köpenick führten.
Der damals schockierende Film lebte vor allem von seinem bislang fast unbekannten Hauptdarsteller Mario Adorf in der Rolle dieses Bruno Lüdke. Seine körperliche Präsenz, auch sein sprachlicher Duktus waren von einer Wucht, die man im deutschen Film so nicht kannte. Bei allem schauspielerischen Können, das man in jenen Jahren auf der Leinwand durchaus wahrnahm, kam die Darstellung doch so gut wie nie über eine gewisse Verdichtung des auf den zahlreichen deutschen Bühnen gängigen, akademisch geschulten Darstellerhandwerks hinaus.
Mario Adorfs Figur des Bruno Lüdke hatte eine ganz andere Art von intensiver Plastizität, die den Zuschauer geradezu in Bann schlug. Dabei hatte er gar nicht bei Stella Adler oder Lee Strasberg in New York das method acting, die intensivierte Stanislawski-Methode, gelernt, mit der Marlon Brando, James Dean oder Paul Newman beindruckten. Sondern lediglich an der Otto Falckenberg-Schule in München, deren Leiter Hans Schweikart, der gleichzeitig Intendant der Kammerspiele war, ihm beim Vorsprechen, das er trotz eines Sturzes von der Bühne bestand, immerhin „Kraft und Naivität“ attestiert haben soll. Schon der Trailer von Nachts, wenn der Teufel kam gibt einen zutreffenden Eindruck von Mario Adorfs eindringlicher Darstellungskunst.
Die Filme und Rollen, in denen Adorf über die sieben Jahrzehnte seiner künstlerischen Laufbahn auftrat, sind schier nicht zu überschauen. Eine der eindrücklichsten Szenen mit ihm, in der die Kraft seines persönlichen Ausdrucks besonders stark zu erleben ist, findet sich im ersten Teil der Fernsehserie Kir Royal von Helmut Dietl aus dem Jahr 1986. Da tritt Adorf als Klebstofffabrikant Heinrich Haffenloher aus der Provinz auf, der in der Münchner Boulevardpresse groß heraus gebracht werden will und sich dazu den Klatschreporter Schimmerlos gefügig zu machen versucht – ganz brutal mit Geld und noch mehr Geld.
Franz Xaver Kroetz, der damals ganz gern mal proletenhaft, dann auch wieder arrogant auftretende Stückeschreiber und Schauspieler gibt diesen Schimmerlos. Auf den überraschendenAngriff von Adorf alias Generaldirektor Haffenloher reagiert er zunächst pikiert und abwehrend, dann aber so verdattert und sprachlos, dass man glaubt, Kroetz selbst, der nie um eine Antwort verlegen war, hier in Angst und Schrecken zu sehen. Hier die Szene:
Mario Adorf spielte immer wieder Bösewichte. Dass dies ohnehin die attraktiveren Rollen sind, ist auch eine alte Theaterweisheit. Wegen seines Auftritts in dem Film Winnetou von Harald Reinl, 1963, als Frederick Santer, dem fiesen Gegenspieler von Old Shatterhand, wurde er sogar angefeindet. Weil er der Übeltäter war, der Winnetous Schwester Nscho-tschi ermordete. „Dass du die Nscho-tschi erschossen hast, das habe ich dir lange Jahre nicht verziehen“, hörte er nach eigenen Worten zigtausendmal, vor allem, aber nicht nur von Kindern.

So manche im Kinopublikum konnten auch früher schon Darsteller und Rolle nicht auseinanderhalten, so wie auch heute noch viele glauben, dass US-Präsident Donald Trump ein erfolgreicher Geschäftsmann war, weil er einen solchen in seiner Fernsehshow The Apprentice spielte.

Mit einem seiner letzten Filme habe ich allerdings meine Probleme. Für Mario Adorf war es, soweit ich weiß, eine große Sache, Karl Marx zu verkörpern. Aber der ZDF-Mix aus Spielfilm und Dokumentarspiel Karl Marx – der deutsche Prophet, von Peter Hartl und Christian Twente aus dem Jahr 2018, also im Jahr des 200. Geburtstags des Revolutionstheoretikers, enttäuschte auch mich. „Der große Stirnrunzler– Mario Adorf spielt den alten Karl Marx grandios. Was man aber in dem ZDF-Dokudrama Der deutsche Prophet nicht erfährt: Was steht eigentlich drin in diesem Marx?,“ lautete ganz treffend die Überschrift der ZEIT-Rezension.
In seiner Betulichkeit erinnerte dieser Film mich auch an den DEFA-Trickfilm Lieber Mohr – Persönliche Erinnerungen an Karl Marx von Paul Lafargue aus dem Jahr 1973, als die Welt des real existierenden Sozialismus auch für nicht ganz wenige Intellektuelle im Westen noch auf dem richtigen Weg zu sein schien. Diese filmische Marx-Ehrung des ZDF, die jenseits sozialer und politischer Theorie den Menschen, vor allem den Familienmenschen Karl Marx zu zeigen vorgab und ihn dabei auch verharmloste, als gelte es, ihn für die bundesdeutsche Tradition zu gewinnen – für welche? –, scheute vor vielen fragwürdigen Aspekten von Marx zurück. Leider trifft das auch für Mario Adorfs Darstellung zu, was ihm allerdings nicht anzulasten ist, sondern den Machern dieses Films.
Ein unabhängiges Porträt von Karl Marx sollte doch auch die Gefahr in seiner verhängnisvollen Neigung zur Prophezeiung zeigen – und vor allem auch seine Bösartigkeit, die man sogar nachlesen kann. Dass er seinen revolutionären Mitkämpfer Ferdinand Lassalle, weil der in einigen Dingen anderer Meinung war, als „jüdischen Nigger“ beschimpfte ist nur ein Beispiel dafür. Mario Adorf, von Masken- und Kostümbildnern hervorragend zurechtgemacht, stolziert hier so ähnlich durchs Bild wie Schauspieler als Lenin oder Stalin, die sich auf dem Roten Platz in Moskau mit Touristen fotografieren lassen. Die charakterlichen Widersprüche in Karl Marx bleiben leider auch in seiner Darstellung blinde Flecken.
Bilder aus diesem Film, zu dem Adorf sich so stolz geäußert hat, gingen mir durch den Kopf, als ich vor einiger Zeit überlegte, den Kontakt mit ihm wieder aufzunehmen. Nein, ein Gespräch über Marx wollte ich mit ihm aber nicht führen.

Mit Alexander Kluge, dem Filmemacher, Publizisten, Medientheoretiker und so facettenreichen Intellektuellen überhaupt, machte ich eine ähnliche Erfahrung. Früher hatte ich mit ihm oft und viel zu tun. Heute gilt er vielen als Gallionsfigur des Jungen Deutschen Films. Aber 1962, bei der Veröffentlichung des legendären Oberhausener Manifests, war er als eigenständiger Filmemacher noch ziemlich am Anfang. Dass er damals in Oberhausen in die vorderste Reihe geschoben wurde und fortan in der Filmpolitik quasi als wichtigster Sprecher der neuen Generation auftrat, war dem Umstand geschuldet, dass er als Jurist am besten argumentieren konnte. Das berichteten mir einige der Unterzeichner des Manifests.

Vor ein paar Jahren lief er mir, nachdem wir uns jahrzehntelang nicht gesehen hatten, vor dem Münchner Arri-Kino über den Weg. Auf Anhieb erkannte er mich und grüßte mich mit meinem Namen. „Melden Sie sich doch mal!“, sagte er und stecke mir seine Kontaktdaten zu.
Ich hatte das auch vor. Doch als ich las, dass Kluge den Aufruf von Alice Schwarzer gegen Waffenlieferungen an die Ukraine unterstützte und der NATO die Schuld an diesem Krieg gab, hätte ich dazu nicht mit dem ausgepichten Adorno-Schüler diskutieren wollen. In seinem wohl letzten öffentlichen Auftritt, einem Gespräch über die „Erzählmaschine Balzac“ in der Wiener Literaturzeitschrift Volltext, Ausgabe 1/2026, sagte er: „Balzac schreibt so intensiv wie Karl Marx, der allerdings abstrakte Texte formuliert.“
Eine ausgesprochen merkwürdige Aussage. Denn Marx und Engels haben sich nirgends besonders um das Verständnis der Beziehung von Individuum und Gesellschaft bemüht. Balzac hingegen hat in seinem Romanzyklus Condition humaine, in dem er ein Gesamtbild der menschlichen Gesellschaft zu bieten trachtete, das Individuum und seine psychische Verfasstheit in den Blickpunkt gerückt. Aber vielleicht muss man Jurist sein, um Texte so zu sehen und zu vergleichen.
Nun haben sich beide, die auf ganz unterschiedliche Weise die Kulturszene und dabei vor allem den Film der Bonner Republik prägten, fast im gleichen Alter binnen zweier Wochen für immer verabschiedet. In ihren Filmen kann man ihnen noch begegnen – und in ihren Publikationen. Alexander Kluge, der 2003 mit dem Georg Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, sagte einmal, dass ihm das Schreiben wichtiger sei als die Filmarbeit. Auch Mario Adorf hat viel geschrieben: Erinnerungen und Erzählungen, wahre und erfundene Geschichten, wie der Untertitel eines seiner neun Bücher lautet.
© WoR – 15. 4. 2026
Wolfgang J. Ruf war von 1975 bis 1985 Leiter der Westdeutschen Kurzfilmtage, wie das Festival damals hieß. Der Film-, Theater- und Literaturkritiker ist auch heute noch als Autor und Dozent aktiv. Zum Beispiel bei der Website „Gespenster der Freiheit„, dort etwa jüngst ein großes Porträt über den Theater-Autor Tankred Dorst.
Siehe auch bei uns: Das Jahr 2025 – Ein unfrisierter Rückblick

Und noch als Nachtrag d. Red. für Trash-Fans: Mario Adorf im italienischen Genrekino der Siebziger hin. „Acht Minuten, die zum Wahnwitzigsten gehören, mit dem der italienische Kriminalfilm damals jede Leinwand anzündete. Kino ohne Netz und doppelten Boden.“ (Thomas Groh)





























