
Weinen, leiden und sühnen
Mit „Holy City“, der titelgebenden Stadt in Henry Wises Debütroman, ist Richmond, Virginia, gemeint. Im Bürgerkrieg einst die Hauptstadt der Konföderation und immer noch Hotspot des „Southern Pride“ ist sie für Deputy Sheriff Will Seems „die Fremde“. Er hat in Richmond gelebt, aber es zieht ihn zurück nach Euphoria County, seine Heimat im Süden des Bundesstaates, um sich einem ganzen Bündel voller Schuldgefühle zu stellen. Dort kommt es zu einem Mord an einem alten Freund.
Ein anderer alter Freund, Zeke Hathom, wird verhaftet, obwohl ein jeder weiß, dass er diesen Mord nicht begangen hat. Aber der Sheriff Jeff Mills hat seine guten, schlimmen Gründe, auf Zekes Verurteilung hinzuarbeiten. Gleichzeitig ist Mills der Förderer von Will Seems Karriere. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum Seems von einem Loyalitätskonflikt in den anderen schlittert. In Euphoria County sind die Menschen nämlich durch ein Geflecht von Verbrechen und Sünden miteinander verflochten, das gilt für Schwarze und Weiße gleichermaßen, weil Verbrechen, Schuld und Leid hier eine größere Wirkmacht haben als rassistische Verhältnisse. So hat Zekes Sohn Sam (schwarz) einst Will (weiß) das Leben gerettet und wurde dabei schlimm und mit lebenslangen Folgen verwundet. Deswegen versteckt Sheriff Will entgegen Recht und Ordnung eben jenen Sam, der mittlerweile zum Junkie geworden ist, vor dem Zugriff der Polizei. Noch komplizierter wird die Angelegenheit, wenn Frauen ins Spiel kommen, darunter eine Mörderin, die eine durchaus bizarre Angewohnheit im Geschmack der Männerphantasie beim Morden pflegt. Und so fragt man sich, warum in aller Welt Will Seems in diesen Kosmos aus Tragödie, Traurigkeit, Verzweiflung, Gewalt und gebrochenen Biografien zurückkehren möchte. In der Ferne glitzert die Holy City, die Heimat hingegen ist ein extrem toxischer Ort.
Der Roman verhandelt bleischwere Themen in einer bleischweren Umwelt, die mal karg und steinig ist, dann wieder dumpf und dschungelartig – diese Passagen gehören zu den stärkeren des Romans, der durchweg an literarischer Ambitionitis leidet. Ein Höllenjob für die Übersetzerin Karen Witthuhn, so manchen Verhau aus unklaren Sätzen, befremdlichen Gedankensprüngen und unnötigem Schwurbel einigermaßen lesbar zu machen.
Überhaupt wird viel geweint und geklagt, man ruft oft Gott an, der auch keine passende Antwort auf das ganze Elend dieser kleinen Welt hat. Loyalität und Freundschaft stehen ganz oben auf der Werteliste, aber auch sie bringen notfalls nur die nächste tragische Situation hervor. Und so ist „Holy City“ ein weiterer „Country Noir“ im auf dieses Subgenre spezialisierten Polar Verlag. Ein Subgenre, das ohne Ende und oft verwechselbar eintönig die (nicht nur) amerikanische Befindlichkeiten abgehängter Gegenden und abgehängter Figuren mikroskopiert.
Darin liegt eine ziemlich bösartige Ironie: Henry Wise und eine Menge anderer Autoren und Autorinnen fokussieren sich auf dieselben Soziotope und Gemütslagen von Menschen, die auch Donald Trumps MAGA-Bewegung als Wählerreservoir im Blick hat. Sie versuchen literarisch zu thematisieren und künstlerisch zu verarbeiten, gar zu erhöhen, was Trump, Vance und Co. zu ihrem Vorteil ausschlachten. Diese Dialektik wird mir zunehmend unbehaglich.
Henry Wise: Holy City (Holy City, 2024). Deutsch von Karen Witthuhn. Polar Verlag, Stuttgart 2026. 340 Seiten, 26 Euro.
© 02/2026 Thomas Wörtche












