Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

Der »Himmelsatlas« von Andreas Cellarius (1660)

Horizonterweiterung, grandios

Ihm träumte davon, die Freundschaft mit den Sternen wieder aufzunehmen wie als Kind…
(Hans Henny Jahnn, Perudja)

Robert van Gent (Hg.): Cellarius: Atlas. Harmonia Macrocosmica of 1660. The Finest Atlas of the Heavens/ Der prächtigste Himmelsatlas/ L’atlas Céleste le Plus Admirable. Dreisprachige Ausgabe: Englisch, Deutsch, Französisch. Verlag Taschen, Köln 2025. Format 29 x 48 cm (Baby Sumo), Gewicht 3.72 kg. Hardcover, 248 Seiten, 125 Euro. – Informationen zum Buch hier, Verlagsinformationen: taschen.com

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Schon das Format dieses Buches strebt zum Himmel. Mit 48 Zentimetern ist es ungewöhnlich hoch, 29 cm breit. Baby Sumo nennen sie im Verlag Taschen solche Maße. Von Inhalt und Qualität her fügt es sich ein in die inzwischen beachtliche Reihe aufwendig(st)er Reproduktionen berühmter historischer Druckwerke: Basilius Besler: The Garden at Eichstätt, Jacques Devaulx: Nautical Works, Joan Blaeu: Atlas Maior of 1665, J. C. Volkamer: The Book of Citrus Fruits, Hokusai: Thirty-six Views of Mount Fuji; The Book of Color Concepts, The Book of Miracles, Fausto & Felice Niccolini: Houses and Monuments of Pompeii, Das Buch der Bibeln, The Art and Science of Ernst Haeckel, Theodore de Bry: America, Freydal: Medieval Games. The Book of Tournaments of Emperor Maximilian I und andere.

»The Finest Atlas of the Heavens« steht in goldenen Lettern über dem Buchtitel »Harmonia Macrososmica«. Es handelt sich um den Reprint eines in der Universiteitsbibliotheek Amsterdam aufbewahrten Exemplars des 1660 in Amsterdam veröffentlichten Folianten, der als »Der prächtigste Himmelatlas« bekannt ist. Die digitale Reproduktion des Originals wurde vom Göttinger DigitalisierungsZentrum der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen besorgt – also höchste Qualitätsmaßstäbe rundum. Der Untertitel lautet übersetzt:

Die Harmonie der großen Welt oder allgemeiner und neuer Atlas darstellend die allgemeine und neue Kosmographie des gesamten erschaffenen Universums

In welchem die harmonische Verbindung aller Weltkreise nach den widerstreitenden Meinungen verschiedener Autoren auch die Himmelsbeschreibung oder der ganze Himmelskreis die Theorie der Planeten und der Erdkugel in der Ebene und in szenischer Darstellung sowie in neuen Beschreibungen vor Augen gestellt werden

Ein neues, zuvor nie gesehenes Werk, nützlich für Menschen aller Stände überaus ergötzlich, höchst nützlich und schmuckvoll.

Jede Karte darin ist ein Ausdruck des Staunens über die Ordnung des Kosmos. Ist Staunen über ein Weltall, das größer als die menschliche Vorstellungskraft ist. Staunen über unser kleines Erdendasein unter solch einem gewaltigen Himmel. Und, wie alle Kartographie, auch Ausdruck menschlichen Bemühens, dem Unbekannten Namen und Orte, Längen- und Breitengrade, und (wohl vor allem) Ordnung und Gesetzmäßigkeit zu geben. Letztlich aber eben auch, Wissen erfahrbar zu machen. Die »Harmonia Macrocosmica«, der Himmelatlas von Andreas Cellarius, ist dabei nicht nur eine besonders prachtvolle Ausgabe solcher Bemühungen, sie ist auch so etwas wie ein archimedischer Punkt.

Die klügsten Köpfe von Wissenschaft und Religion kämpften damals einen Kampf um die Vorherrschaft von Ideologie und Dogma oder nüchterner Beobachtung und Sachlichkeit. Es war ein »Sternen-Krieg«. Ein Krieg darum, WIE wir auf die Sterne blicken. Nicht nur mit welchem Blick, sondern auch mit welchem Glauben. Nämlich, ob die Sonne um die Erde kreist – oder, ob buchstäblich alles (?) was die Kirche lehrt, auf den Kopf gestellt gehört. Keine kleine Sache. Sondern ein Kampf um das »richtige« Weltbild. Welt-Anschauung, buchstäblich.

Für die Kirche bildete damals die Erde unwiderruflich den Mittelpunkt der Schöpfung und allen Daseins. Die Astronomie war dabei, das Denken der Menschen zu verändern. Das alte ptolemäische Weltbild aus den Angeln zu heben. In genau dieser Zeit schuf Andreas Cellarius ein Werk, das Wissen erfahrbar machte. Das macht seine »Harmonia Macrocosmica« so bedeutsam. Sie umfasst– in wunderbaren Stichen zu Papier gebracht – 1500 Jahre Astronomie-Geschichte. Also alles, was die westliche Menschheit von den Sternen wusste und wie sie sich den Kosmos erklärte.

»Scenographia« des ptolemäischen Weltbilds
Das ptolemäische Weltbild

Der Himmelsatlas stellt auf seinen meisten Tafeln (1–3, 10, 14, 16–18, 20, 21) das geozentrische oder ptolemäische Weltbild dar. Eine Tafel (8) zeigt das alternative geozentrische Weltbild des römischen Autors Martianus Capella (5. Jh. n. Chr.). Das kopernikanische Weltbild wird auf zwei Tafeln (4, 5), das Weltbild nach Tycho Brahe auf drei Tafeln dargestellt (6, 7, 9). Eine detaillierte Beschreibung dieser beiden revolutionären Weltbilder war für den zweiten Band vorgesehen. Dazu kam es jedoch nie.

Die Positionskreise der Himmels- und Erdsphäre werden auf drei Tafeln erläutert (11–13). Astrologische Begriffe und ein Schema der verschiedenen Mondphasen werden auf eigenen Tafeln dargestellt sind (15–19). Die letzten acht Tafeln sind dem Sternhimmel gewidmet. Zwei Abbildungen zeigen in Anlehnung an griechische Vorbilder den nördlichen und südlichen Sternhimmel (24, 27). Zwei weitere Tafeln (22, 23) präsentieren den Sternhimmel mit einer christlichen Ikonografie und orientieren sich an Juius Schillers »Coelum stellatum christianum«. Diese spektakulärsten Abbildungen zeigen die Erde aus vier verschiedenen Perspektiven, wie durch eine durchsichtige Himmelssphäre gesehen, auf der die Sternbilder gezeichnet sind (vgl. Tafel 25, 26, 28, 29). Vor allem diese perspektivischen Tafeln, von Cellarius als »Scenographia« bezeichnet, machen seinen Atlas zu einem der herausragenden Werke der Himmelskartografie des 17. Jahrhunderts, betont Herausgeber Robert van Gent. Seine Detailkenntnisse und sein Hintergrundwissen machen das Buch auch auf der Fachebene zu einem bedeutsamen Werk. Es bleibt aber stets für Himmels-Laien gut lesbar.

Das ist nicht nebensächlich. Die Himmelswissenschaft und mehr noch, ihre Geschichte, ist ein wahrlich komplexes Gebiet. Verständlichkeit ist hier eine große Gabe. Ich entsinne mich an meinen letzten »Ausflug« zu den Sternen, im »Dark Sky Project« der neuseeländischen Alpen oberhalb des Lake Tekapo, bei dem eine Wissenschaftlerin die Sternensucher mit viel Fachwissen geradezu in Ohnmacht redete. Auf immer unvergessen jedoch eine Sternennacht am Uluru in Australiens Mitte, in der die Balance zwischen Wissenschaft und Poesie von geradezu außerirdischer Schönheit war.

Die südliche Hemisphäre mit einem christianisierten Firmament


Doch zurück zum Himmelsatlas von Cellarius: Wie schnell die Publikation der »Harmonia Macrocosmica« bereits in Rom wahrgenommen wurde, zeigt ein Brief des Jesuiten Athanasius Kircher (1601–1680) an das Seminario Romano. Darin äußert er sich am 4. Juli 1660 über den Atlas und die darin aufgestellten Thesen hinsichtlich der vom Heiligen Stuhl verurteilten Lehre von Kopernikus. Kircher, der wegen der niederländischen Ausgaben seiner Werke gute Kontakte zum Verleger Johannes Janssonius unterhielt, sah aufgrund des historischen Charakters von Cellarius’ Werk keinen Grund, es zu verurteilen, und so ist es wohl auch seinem Einsatz zu verdanken, dass der Atlas nicht auf den »Index Librorum Prohibitorum« gesetzt wurde. Die Bibliothek des Vatikans besitzt gleich drei Exemplare der 1661 erschienenen Ausgabe. Ein Exemplar wurde damals sogar an die Bibliothek der Jesuitenmission in Peking versandt.

Auch zum interkulturellen Austausch der Sternen-Wissenschaft gibt es im Text des Herausgebers viele interessante Informationen. Horizonterweiterung also in vielerlei Hinsicht. Heute noch.

Alf Mayer

P.S.: Als erste gedruckte Himmelskarten in Europa kamen übrigen 1515 zwei Holzschnitte von Albrecht Dürer in Umlauf. Sie spiegelten den Stand der Wissenschaft an der Schwelle zur Neuzeit wider. Siehe auch: Hans Gaab: Die Sterne über Nürnberg. Albrecht Dürer und seine Himmelskarten von 1515. Hrsg.: Nürnberger Astronomische Gesellschaft. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2015.

P.P.S.»Directed and produced by Benedikt Taschen« steht vorne bei den Credits. Auf Seite 245, auf den Nachsatzseiten, begegnen wir auf einer Doppelseite himmlischer Kirchenheiliger rechts oben am Firmament auch »S. Benedictus«. Da musste ich schmunzeln.

P.PP.S.: PS. Einige der Stiche aus dem Buch werden in Form großformatiger Metalltafeln zur Wandgestaltung in der U-Bahn-Station Kopernikusstraße in Hannover ausgestellt.

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