
Kosename und künstlerische Provokation
Rezension von Susanne Konrad
Für intellektuelle Zeitkritiker ist „Dada“ von alters her ein Zauberwort. 1916 in Zürich initiiert, war Dada eine direkte Reaktion auf die reaktionären bürgerlichen Wertvorstellungen, die den Kriegseifer für den Ersten Weltkrieg befeuert hatten. Mit Werten wie Schönheit und Ordnung wurde der Vaterlandskult untermauert. Gegen alles Konventionelle wandten sich die Dadaisten. Einer Anekdote zufolge blätterten die Künstler Hugo Ball und Tristan Tzara 1916 in einem deutsch-französischen Wörterbuch und stießen auf das Wörtchen Dada, das so viel wie „Holzpferdchen“ oder „Kinderspielzeug“ bedeutete. Sie erklärten es zu einem kindlichen, unsinnigen und universellen Laut, einem Namen, der Spontaneität, Zufall und die Ablehnung jeder Logik oder Ordnung verkörperte.
Dieses Konzept macht sich Bernhard Bauser in seinem Roman zunutze. Ja, die Idee des Romans ist grundlegend mit der Idee von Dada verknüpft, was den Titel des Buches alternativlos macht. Das konzeptionelle Grundprinzip des Textes ist die Reflexion des dadaistischen Ansatzes. Der Doppelsinn des Wortes, nämlich ein Kosename zu sein und für die Hinterfragung von Sinn und Ordnung zu stehen, spiegelt sich in der Konzeption von Bausers Roman. Mit „Dada“ spricht der Ich-Erzähler seinen Vater seit der frühesten Kindheit an. Ich glaube, auch seine Mutter, die ihren Mann sehr liebt, nennt ihn so. „Dada“ ist ein zärtlicher Rufname, der mit dem gleichlautenden Begriff für die antirationale Provokation konfrontiert wird. Mit dieser Doppelbödigkeit operiert Bausers Roman. „Dada“ erzählt eine Geschichte, aber tut dies sprunghaft und episodisch, mit Dopplungen und Überschneidungen, mit Vorgriffen und Rückgriffen, sodass der Leser ein Puzzle zusammensetzen muss. In 22 kurzen Kapiteln, die selten einer chronologischen Ordnung folgen (am Anfang noch weniger als am Ende) werden Erzählmotive eingesetzt und variiert und erst am Ende offenbart sich ein in sich schlüssiges Drama.
Am Anfang dominieren Kindheits- und Jugenderinnerungen, die immer wieder aufgegriffen und gespiegelt werden. Ein zentrales Motiv ist das Stockbett, von dem der obere Teil unbewohnt ist. Der Ich-Erzähler, der keinen Namen bekommt, erinnert sich daran, dass er eine kleine Schwester hatte, die aber kurz nach der Geburt gestorben war und von der Familie nicht vergessen wird. Schlaglichtartig wird der Vater in diesem ersten Drittel eingeführt, immer in wechselnd aufflackernden Bildern. Er trinkt und raucht zu viel. Später wird erzählt, dass er stark übergewichtig ist. Diese Erinnerungen sind sehr deutlich und konkret, auch diejenigen an bestimmte Situationen und Ereignisse, wo der Junge sich die Welt erobert. Beim Angeln laviert er beim Umgang mit einem kleinen Fisch zwischen Behutsamkeit und Grausamkeit herum, und so ähnlich ist es in einer anderen Situation, als ihm ein verletzter Spatz in die Hände läuft. „Dada“ erzieht seinen Sohn entspannt, wie es für die siebziger Jahre typisch ist, obschon er seine Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten hat.
Auch im letzten Drittel des Textes wird mit Wiederholungen und mit wechselnden Perspektiven auf denselben Erzählgegenstand gearbeitet, wie wiederum auf das Stockbett, aber jetzt gewinnt der Erzählinhalt an Bedeutung. Der Vater hat Krebs, und der Sohn, inzwischen sechzehn, wird auf eine Jugendfreizeit geschickt. Dort lernt er ein Mädchen kennen, aber es wird nichts Bleibendes daraus. Dafür stirbt Dada während der Operation, die ihn eigentlich retten sollte, mit 43 Jahren und hinterlässt eine Witwe, die gerade 39 Jahre alt ist. Auch die Operation wird in den Schlusskapiteln unter wechselnden Aspekten beleuchtet. Sie ist traumatisch und ein Trauma verlangt die stete Wiederholung des Erlebten.
Der Roman lässt insgesamt offen, ob er mit der Lebensgeschichte seines Autors gleichzusetzen ist. Auch im Umschlagtext gibt es keinerlei Andeutungen oder Hinweise. Die aktuellen Diskussionen über autofiktionales Schreiben lassen aber den Schluss zu, dass dies unerheblich ist. Autofiktional ist es dort, wo ich spüre, dass es den Autor getriggert haben mag, als er das schrieb. Fiktional hingegen, wo er der souveräne Gestalter seines Erzählstoffes war. Was wo der Fall ist, lässt sich aber nur vermuten, es bleibt spekulativ und für das Leseerlebnis bedeutungslos. Das Verhältnis von Rekonstruktion und Erfindung wird vom Erzähler gern verschleiert, zum Beispiel, als erzählt wird, der Vater sei nicht gestorben, sondern mit einer Geliebten durchgebrannt (S. 77). Oder als die kleine Schwester unversehrt auf den Ich-Erzähler zuläuft (S.93). Hier werden gezielt Spuren verwischt – ein Bestandteil der Erzähltechnik. Realitätsbeschreibung und Realitätsverzerrung sind nicht immer klar zu trennen.
In seinem Gesamtaufbau ist der Roman etwas uneinheitlich. Während im Anfangsteil das episodische Erzählen überwiegt, gewinnt gegen Ende das chronologische Erzählen mehr Raum: Der Tod des Vaters, die Trauer und die Depression der Mutter und die Zukunft des noch gemeinsam erworbenen Baugrundstücks haben zu viel Gewicht für die dadaistische Spielerei. Gerade dieser Kontrast macht das Buch für mich bewegend: Er liegt in der Kombination von Dramatik und persönlichem Schicksal auf der einen Seite und schriftstellerischem Experiment auf der anderen Seite.
Bernhard Bauser: Dada. Roman. Kul-ja Publishing, Erfurt 2025. Broschur, 208 Seiten, 17 Euro.












