Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

nonfiction, kurz – Sachbücher November 2025

Sachbücher, kurz besprochen von Alf Mayer (AM) und Thomas Wörtche (TW):

Sunil Amrith: Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre
Françoise Fromonot: The House of Dr Koolhaas
Stephen Fry: Odysseus. Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr
Seth Harp: The Fort Bragg Cartel: Drug Trafficking and Murder in the Special Forces
Adam LeBor: The Last Days of Budapest: Spies, Nazis, Rescuers and Resistance, 1940–1945
Julia Shaw: Green Crime. Was Umweltverbrecher antreibt und wie man sie aufhält
Christian Stöcker: Männer, die die Welt verbrennen

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Putzige Götter und blutriefende Helden

(TW) Meine Generation hatte Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“. Heute haben wir Stephen Fry, der sich der Antike in bis jetzt drei („Mythos“, „Helden“, Troja“) Bänden angenommen hat. Frisch von der Leber weg erzählt, amüsant und auch für Leute, die sich in der Gegend auskennen, durchaus erheiternd. Jetzt kommt Band 4, Odysseus. Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr.

Wie ging´s eigentlich weiter nach dem Fall von Troja? Alle sind unterwegs. Aeneas flieht, schaut in Karthago vorbei und macht sich dran, Rom zu gründen. Agamemnon wird hingemeuchelt, Ajax von der See verschlungen und Odysseus irrt auf den Meeren umher, bevor er in Ithaka so richtig aufräumt, aber hallo. Ärger machen die Götter, die rachsüchtigen, eitlen Olympier, die so ziemlich vor keiner Untat zurückschrecken, just for fun. Kein Wunder, dass sie am Ende keine Chance gegen die aufkommenden Monotheismen haben, was ich persönlich sehr betrüblich finde. Stephen Fry möglicherweise auch – obwohl er besonders die Odyssee (die Homer´sche natürlich) auch als Emanzipation des Menschen von den launischen Göttern lesen möchte. Naja.

Frys anachronistische und sehr witzige Sprache darf uns allerdings nicht dazu verleiten, uns der Antike nahe zu fühlen. Sie ist uns fremd – und muss uns fremd sein. Alterität, heißt das. Aber wir wollen ja nichts lernen, sondern uns nur amüsieren. Well done.

Stephen Fry: Odysseus. Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr (Odyssey, 2024). Deutsch von Matthias Frings. Aufbau Verlag, Berlin 2925.

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Das Ganze als Verbrechen betrachtet

 (AM) »Dear future generations: Please accept our apologies. We were rolling drunk on petroleum.« Dieses Zitat von Kurt Vonnegut steht dem Sachbuch Green Crime. Was Umweltverbrecher antreibt und wie man sie aufhält von Julia Shaw voran, das zeitgleich auch in Großbritannien und USA erschienen ist. Die promovierte Kriminalspsychologin, True-Crime-Expertin für die BBC und andere TV-Produktionen, hat mit »Das trügerische Gedächtnis« und »Böse. Die Psychologie unserer Abgründe« bereits internationale Bestseller gelandet.

Die Klimakrise hatte Shaw, wie viele uns uns, lange Jahre wütend und vor allem hilflos gemacht: »Ich fühlte mich, als stünden wir am Rand eines schwarzen Lochs, das uns unaufhaltsam in die Tief zieht – als wüsste die Welt um diese zerstörerische Kraft, ohne wirklich zu handeln.« Dann gelang ihr ein innerer Perspektivenwechsel: Die Zerstörung unseres Planeten ist nicht nur eine Tragödie. Sie ist ein Verbrechen, kein unausweichliches Schicksal. Die True-Crime-Expertin schaut sich seitdem die Zerstörung der Welt aus der Perspektive der Strafverfolger an, recherchierte dazu umfänglich. Nun porträtiert sie uns Umweltaktivisten, investigative Journalisten und Wissenschaftler, verdeckte Ermittler, internationale Polizeibehörden, Aufsichtsorgane, Juristen. Shaw wünscht sich eine Welt, in der Umweltverbrecher mit der gleichen moralischen Schärfe betrachtet werden wie Mörder – denn ihr Opfer ist die ganze Menschheit.

»Green Crime« benennt Umweltverbrechen beispielhaft anhand von sechs Deliktfeldern, seziert die ökonomische Mechanik, untersucht die Psyche der Täter, erklärt, wie Menschen zu Umweltzerstörern werden, und beleuchtet die Dynamiken: Morde im Regenwald, Abgasbetrug in der Autobranche, Wilderer-Syndikate in Afrika, Piratenfischerei, illegaler Kleinbergbau und Wasserverschmutzung. Shaw beschreibt die psychologischen Faktoren, die Umweltkriminelle antreiben, sie nennt es das Sechs-Säulen-Modell bestehend aus Bequemlichkeit, Straffreiheit, Gier, Rationalisierung, Konformität und Verzweiflung. Eindrucksvoll zeigt sie, dass der Kampf gegen die Klimakatastrophe mehr erfordert als gute Absichten und Demonstrationen. Sie legt konkret dar, wie Umweltverbrechen im Vorfeld verhindert und Täter konsequent zur Rechenschaft gezogen werden können. »Es ist höchste Zeit, die Mörder der Erde zu identifizieren und zu entlarven«, schließt ihr Vorwort. Wenn das kein Teaser ist.

Julia Shaw: Green Crime. Was Umweltverbrecher antreibt und wie man sie aufhält (Green Crime. Inside the Minds of the People Destroying the Planet, and How to Stop Them, 2025 ). Aus dem Englischen von Ingrid Ickler. Ullstein Verlag, Berlin 2025. Hardcover, 316 Seiten, 24,99 Euro.

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Casablanca an der Donau

(AM) Bei Andreas Pflüger ist das »war-time« Budapest einmal aufgetaucht und verschlüsselt auch in den (bei uns nicht übersetzten) frühen »Yalta Boulevard«-Romanen von Olen Steinhauer, aber wir wissen hierzulande herzlich wenig von Budapest im Zweiten Weltkrieg. Es war das ›Casablanca Zentral-Europas‹, die kosmopolitischste Stadt des Kontinents, voller Exilanten und Spione, ehe es zum Schauplatz der letzten großen Belagerung (wir dürfen Stalingrad denken) und dann eines abscheulichen Holocaust-Kapitels wurde. Der britische Journalist Adam LeBor fächert uns diese buchstäblich wechselvolle Geschichte im Oral-History-Buch The Last Days of Budapest: Spies, Nazis, Rescuers and Resistance, 1940–1945 äußerst spannend und sozusagen in Technicolor auf.

Adam LeBor war längere Jahre Korrespondent  mit Sitz in Budapest, ist mit einer Ungarin verheiratet. Deutsche Leser kennen ihn als Autor der Noir-Romane »District VIII« und »Zwischen den Korridoren« (beide 2023/24 im Polar Verlag erschienen). Sie sind nur ein kleiner Ausschnitt aus seinem Werk – seine Internetseite hier. Schon in seinem Romandebüt »The Budapest Protocoll« (Reportage Press, 2009) war er in die von den Nazis besetzte Hauptstadt des Winters 1944 gereist und hatte Verbindungslinien in die Europäische Union der Gegenwart gezogen. LeBors Romane sind Recherche und O-Ton gesättigte Exkursionen entlang der Wirklichkeit. Seine Geschichten-Webekunst macht auch sein Sachbuch so lesenswert.

Der Rahmen, den er spannt, reicht vom Ende des zusammen mit Deutschland verlorenen Ersten Weltkrieg und dem Trauma des Friedensvertrags von Trianon, mit dem Ungarn völkerrechtlich verbindlich zur Kenntnis nehmen musste, dass zwei Drittel des historischen Königreichs verschiedenen Nachbar- und Nachfolgestaaten zugesprochen wurden, bis zur erbarmungslosen Deportation der jüdischen Bevölkerung 1944/45 durch die Nazis. Mit all der Naivität, den Utopien, den Hoffnungen auf Neutralität und der Vielvölker-Toleranz dazwischen. Das Buch summt voller Stimmen: Untergrundkämpfer verschiedener Fraktionen, Revolutionäre, Anarchisten, neutrale Diplomenten, Schmuggler, Aristokraten, Soldaten, Künstler, Überlebende. Einer der Interviewten ist LeBors Schwiegervater Róbert Licht­en­stein, der mit 14 die Befreiung Budapests durch die Rote Armee erlebte.

Adam LeBor: The Last Days of Budapest: Spies, Nazis, Rescuers and Resistance, 1940–1945. Public Affairs (USA)/ Apollo Publishing (GB), New York/ London 2025. 512 Seiten, 35 USD, 12,99 GBP.

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Architektur als Detektivroman

(AM) Band 1 einer wirklich pfiffigen Architektur-Reihe: Architekturgeschichte in Form eines Detektivromans. Die Gumshoe-Reihe aus dem Zürcher Verlag Parkbooks nähert sich wegweisenden Gebäuden der Moderne auf innovative Art. Vorbild ist das Genre des Detektivromans, der ja auch in Disziplinen wie Psychoanalyse (Sigmund Freud), Film (Siegfried Kracauer) und Kunstgeschichte (Carlo Ginzburg) akademische Weihen erfahren hat. Jede Geschichte untersucht ein Gebäude, als wäre es ein Rätsel, das darauf wartet, gelöst zu werden. Statt Theorie also jeweils ein konkreter »Fall«, ein konkretes Gebäude.

Der erste Fall dreht sich um Rem Koolhaas und ein Privathaus im Pariser Vorort Saint-Cloud. Die renommierte französische Architekturkritikerin und Historikerin Françoise Fromonot präsentiert The House of Dr Koolhaas. Sie entschlüsselt für uns die Villa dall’Ava, das allererste Gebäude, das Rem Koolhaas, einer der berühmtesten Architekten der Gegenwart, 1984 bis 1991 mit seinem Büro OMA realisiert hat. Obwohl eindeutig zum Kanon der modernen Architektur gehörend, wird die Villa dall’Ava hier erstmals einer tiefergehenden Analyse unterzogen. Das Taschenbuch ist üppig illustriert, das Grafikdesign stammt von John Morgan, Adrien Vasquez und Teresa Luna. Text und Bild durchliefen mehrere Metamorphosen. So witzig und spannend habe ich mich schon lange nicht mehr einem Gebäude angenähert.

Françoise Fromonot: The House of Dr Koolhaas. Gumshoe presents, Band 1, herausgegeben von Thomas Weaver. Park Books, Zürich 2025. Broschiert, 224 Seiten, 166 s/w-Abbildungen, 19 Euro.

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Nein, dies ist keine Netlix-Serie

Seth Harp: The Fort Bragg Cartel: Drug Trafficking and Murder in the Special Forces. Viking/ Penguin, New York 2025. 368 Seiten, 39,95 USD.

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