Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

Michel-Rolph Trouillot »Vergangenheit verschweigen«

Geschichte ist das Ergebnis von Macht

Michel-Rolph Trouillot: Vergangenheit verschweigen. Macht und die Produktion von Geschichte (Silencing the Past. Power and the Production of History, 1995). Aus dem Englischen von Michael Schiffmann, mit einem Vorwort von Hazel V. Carby. Alexander Verlag, Berlin 2025. Fadenheftung, Schutzumschlag, gebunden. 280 Seiten, 35 Euro.

Wie entstehen historische Narrative? Warum bleiben bestimmte Teile der Geschichte in Erinnerung, während andere in Vergessenheit geraten? Wer entscheidet, was dokumentiert und was ausgelassen wird?

Der haitianische Anthropologe Michel-Rolph Trouillot untersucht, wie Machtdynamiken, oft unsichtbar, die Geschichtsschreibung beeinflussen und das kollektive Gedächtnis von Gesellschaften formen. Anhand von Beispielen – vom Kolumbus-Narrativ von der Entdeckung Amerikas über den texanischen Heldenmythos der Schlacht von Alamo (1836) bis hin zur vergessenen Geschichte der Haitianischen Revolution (1791–1804) – zeigt Trouillot auf, wie jeder historischen Darstellung ein »Bündel von Verschweigungen« innewohnt, die freigelegt und dekonstruiert werden müssen. Das Schweigen ist nie zufällig, sondern eine ideologische Entscheidung, die die Machtstrukturen der Zeit widerspiegelt.

Das Buch bildete eine der drei Grundlagen für die 2022 ausgestrahlte vierteilige ARTE-Dokumentation Rottet die Bestien aus! (siehe gleichnamiges Buch), in der sich der haitianische Regisseur Raoul Peck mit der Geschichte des Kolonialismus, der Sklaverei und des Rassismus auseinandersetzt. Siehe auch:

Sven Lindqvist: „Rottet die Bestien aus!“. Eine Reise auf den Spuren des europäischen Völkermordes. Textauszug und Besprechung bei uns.

»Geschichte ist das Ergebnis von Macht, aber die Macht selbst ist nie so transparent, dass ihre Analyse überflüssig würde. Das eigentliche Kennzeichen der Macht ist vielleicht ihre Unsichtbarkeit, die eigentliche Herausforderung die Offenlegung ihrer Wurzeln.« Michel-Rolph Trouillot

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Textauszug mit freundlicher Genehmigung des Alexander Verlags:

… ich habe aus eigener Erfahrung gelernt, dass der eigentliche Punkt solcher Behauptungen vielleicht weniger in dem liegt, worauf sie Anspruch erheben, als in der bloßen Tatsache des Anspruchs. Als jemand, der aufwuchs wie ich, konnte ich der Geschichtlichkeit nicht entkommen, aber ich habe auch gelernt, dass jeder, überall, der das richtige Maß an Argwohn aufbringt, Fragen an die Geschichte stellen kann, ohne dabei vorzugeben, dass diese Fragen ihrerseits außerhalb der Geschichte stehen.

Schon lange bevor ich Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtungen las, war mir intuitiv klar, dass Menschen auch unter einer Überdosis an Geschichte leiden können, die sie zu willfährigen Geiseln der Vergangenheiten macht, die sie selbst schaffen. Wir lernten das auf dem Höhepunkt des Terrors der Duvaliers in vielen haitianischen Haushalten, sofern wir es nur wagten, einen Blick nach draußen zu werfen. Aber wenn ich als der, der ich bin, von dort aus auf die Welt schaue, erscheint mir schon die Idee, dass man der Geschichte entkommen könnte oder sollte, entweder unsinnig oder trügerisch zu sein. Es fällt mir schwer, Achtung für jene aufzubringen, die ernsthaft glauben, dass die Postmoderne, was immer das sein mag, uns erlaubt zu behaupten, wir hätten keine Wurzeln. Ich frage mich, warum sie überhaupt Überzeugungen haben, wenn sie denn tatsächlich welche haben. Ähnlich stellt sich mir bei Behauptungen, wir hätten das Ende der Geschichte erreicht oder befänden uns jetzt ein Stück näher an einer Zukunft, in der sämtliche Vergangenheiten identisch sein werden, die Frage nach den Motiven derer, die solche Behauptungen aufstellen. Ich weiß sehr wohl, dass in dem Vorschlag, zur eigenen Position zu stehen und sie gleichzeitig mit Distanz zu betrachten, eine inhärente Spannung liegt, aber ich empfinde diese Spannung sowohl als gesund als auch als angenehm. Angesichts all dessen nehme ich vielleicht doch dieses Erbe von Nähe und Fremdheit für mich in Anspruch.

Wir sind nie so sehr in die Geschichte eingetaucht wie dann, wenn wir vorgeben, es nicht zu sein; aber wenn wir genau damit aufhören, können wir den Verlust an falscher Unschuld durch mehr Verständnis wettmachen. Naivität dient oft als Entschuldigung für diejenigen, die Macht ausüben. Aber für die, über die Macht ausgeübt wird, ist Naivität immer ein Fehler.

Dies ist ein Buch über Geschichte und Macht. Es beschäftigt sich mit den vielen Arten, auf welche die Produktion historischer Erzählungen auf den ungleichen Beitrag konkurrierender Gruppen und Individuen zurückgeht, deren Zugang zu den Mitteln einer solchen Produktion ungleich ist. Die Kräfte, die ich dabei enthülle, sind weniger sichtbar als Feuergefechte, Klasseneigentum oder politische Kreuzzüge. Aber ich vertrete die Meinung, dass sie nicht weniger mächtig sind.

Dabei möchte ich zugleich nicht nur die naive Vorstellung zurückweisen, wir seien Gefangene unserer Vergangenheiten, sondern auch den schädlichen Gedanken, die Geschichte sei nur das, was wir aus ihr machen. Geschichte ist das Ergebnis von Macht, aber die Macht selbst ist nie so transparent, dass ihre Analyse überflüssig würde. Das eigentliche Kennzeichen der Macht ist vielleicht ihre Unsichtbarkeit, die eigentliche Herausforderung die Offenlegung ihrer Wurzeln.

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