Geschrieben am 1. Juni 2025 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2025

Bloody Chops – Kurzkritiken, Juni 2025

Kurzkritiken zu aktueller Kriminalliteratur von: Hanspeter Eggenberger (hpe), Joachim Feldmann (JF), Tobias Gohlis (TG), Sonja Hartl (sh) und Alf Mayer (AM).

Kate Atkinson: Nacht über Soho
Hannah Deitch: Killer Potential
Samuel W. Gailey: Tiefer Winter
Becky Manawatu: Auē
Sue Hincenbergs: Very Bad Widows
Maurice Leblanc: Die Gräfin Cagliostro oder die Jugend des Arsène Lupin
Tobias Premper: Sommer Ende
Dolores Redondo: Wenn das Wasser steigt
Andreas Storm: Die Victoria Verschwörung

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Aus dem Entsetzen entstanden

(TG) Auē ist in Te Reo, der Sprache der Māori, ein Ausruf der Verwunderung oder Bedrängnis, zugleich das Verb für Weinen, Jammern, Stöhnen. Der Debütroman von Becky Manawatu ist genau das: ein Aufstöhnen, eine Wehklage über das Leid und die Gewalt, die zum kolonialen und postkolonialen Schicksal der neuseeländischen Ureinwohner gehören wie die Berge, das Meer und ihre Gesänge.

Entstanden ist Auē aus dem Entsetzen an dem Mord eines Kindes. 1994 wurde der zehnjährige Glen Bo Duggan, ein Verwandter Manawatus, vom Lebenspartner seiner Mutter totgeschlagen. Neuseeland war entsetzt. Um den Schmerz über diesen Tod zu vertreiben, hat Manawatu mit „Auē“ einen „taniwha“ (Geist) geschaffen, der, wie sie schreibt, „die Mauern um dieses Elend“ niederreißen soll, und ist dem toten Glen Bo Duggan gewidmet.

Der Roman erzählt die Geschichte der Brüder Ārama und Taukiri und ihrer Familien. Der achtjährige Ari, gestaltet nach dem Vorbild Glen Bo Duggans, wird nach dem Tod seiner Eltern bei seinem cholerischen und prügelnden Onkel und seiner liebevollen Tante abgegeben. Dort freundet er sich mit der gleichaltrigen Beth an, einer „Art Pippi Langstrumpf aus dem neuseeländischen Busch“ (Katrin Doerksen) und findet Freundschaft bei deren Familie. Sein älterer Bruder fühlt sich schuldig am Unfalltod seiner Eltern im Meer. Er versucht, Bruder, Familie und Tod vergessen zu machen, indem er auf die Nordinsel flieht und sich dort als Straßenmusiker durchschlägt.

Eingeschoben sind die Liebesgeschichten der Eltern, vor allem der Mutter Jade, die dem gewalttätigen Drogenmilieu ihres Vaters und Gangbosses entkommen will. Und noch eine Stimme ertönt in dieser Wehklage: die des Geistes einer Toten. Dieser Geist materialisiert sich sogar, als es zuletzt wieder um Leben und Tod geht.
Ein packender, wiewohl für uns Europäer nicht leicht verständlicher Roman. Zusätzlich Einblick in die unvertraute Gefühls- und Gedankenwelt der Māori gibt ihre Sprache. Die Übersetzung von Jana Grohnert ahmt deren neuseeländischen Sprachgebrauch nach, der Māori-Begriffe in den englischen Sprachfluss integriert. Ein Glossar erleichtert das Verständnis. „Auē“ wurde u.a. mit dem am höchsten dotierten Preis Neuseelands für Fiktion und dem Preis für den besten Kriminalroman, benannt nach Ngaio Marsh, ausgezeichnet.

Becky Manawatu: Auē (2019). Aus dem neuseeländischen Englisch von Jana Grohnert. Kröner Verlag, hamburg 2025. Hardcover, 464 Seiten, Lesebändchen, 27 Euro. – Tobias Gohlis ist Sprecher und Begründer der Krimi-Bestenliste, sein Blog Recoil hier; ein Interview mit ihm zu ”20 Jahre Krimi-Bestenliste“ hier nebenan in dieser Ausgabe.

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Ist das Leben nicht schön?

(JF) Samuel W. Gaileys Romanuniversum, das Provinznest Wyalusing in Pennsylvania, ist von Wäldern umgeben und von miesen, schwerbewaffneten Typen bevölkert. Positive Figuren sind entsprechend rar. Eine von ihnen ist die Kellnerin Mindy. Und ausgerechnet sie ist das erste Mordopfer in Gaileys blutigem Abgesang auf die Legende vom harmonischen kleinstädtischen Zusammenleben. Ihr verflossener Liebhaber Mike Sokowski erwürgt sie in einem Wutanfall. Sein Sauf- und Kiffkumpan Carl Robinson ist Zeuge. Die Tat schiebt Sokowski dem gutmütigen, seit einem Unfall geistig beeinträchtigten Außenseiter Danny Bedford in die Schuhe. Das müsste ihm eigentlich leicht fallen, denn neben einem schwunghaften Handel mit selbstangebautem Cannabis gehört er als Stellvertreter des Sheriffs zur Polizei, weshalb zunächst auch niemand an seiner Aussage zweifelt. Weil Sokowksi aber nicht nur ausgesprochen bösartig, sondern obendrein recht dumm ist, läuft ihm die Sache aus dem Ruder. Mit dem Ergebnis, dass am Ende eine ganze Reihe Toter und Schwerverletzter zu beklagen sind.

Folgte Samuel W. Gailey in seinem Mitte der 1980er Jahre spielenden Debütroman Tiefer Winter gewohnten Handlungsmustern, würde der zur Unterstützung der örtlichen Ordnungshüter angereiste State Trooper Bill Taggart der Angelegenheit mit kriminalistischer Expertise rasch auf den Grund gehen. Kokowski würde überführt und der zu Unrecht beschuldigte Danny entlastet werden. Doch der alkoholkranke Taggart ist nur bedingt einsatzbereit und folgt blindlings der falschen Spur. So bleibt es dem alternden Sheriff Lester Gilley überlassen, seinem Deputy auf die Schliche zu kommen. Das allerdings viel zu spät.

Dass der Autor das Bedürfnis nach poetischer Gerechtigkeit auf diese Weise systematisch enttäuscht, ist ein Verdienst dieses Romans. Ästhetisch noch gewagter wäre es gewesen, die von einer auktorialen Erzählinstanz dirigierten Figurenperspektiven als innere Monologe zu gestalten. Aber zu schwer wollte Gailey es seinem Publikum wohl doch nicht machen. Das mag auch der Grund dafür sein, dass er den Roman auf einer versöhnlichen Note enden lässt, obwohl die Verhältnisse, denen Mindy und all die anderen zum Opfer gefallen sind, sich nicht geändert haben. Und es ist mehr denn je zu befürchten, dass sie auch heute, mehrere Jahrzehnte nach den geschilderten Ereignissen, noch immer so sind.

Dass „Tiefer Winter“ nun in der gelungenen deutschen Übersetzung von Andrea Stumpf erscheint, verdanken wir dem Stuttgarter Polar Verlag, der auch schon Gaileys zweiten Roman „Die Schuld“ herausgebracht hat, neben dem Berliner Verlag Pulp Master seit vielen Jahren die Adresse für Noir-Literatur. Und wie gewohnt, erscheint das Buch mit einem kenntnisreichen Nachwort, in dem Marcus Müntefering unter anderem erzählt, was Frank Capras herzerwärmender Film „Ist das Leben nicht schön?“ (1941) mit Gaileys tiefschwarzem Roman zu tun hat.

Samuel W. Gailey: Tiefer Winter (Deep Winter, 2014). Aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf. Polar Verlag, Stuttgart 2025. 291 Seiten, 26 Euro.

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Tödliche Fluten

(sh) Glasgow, 1983. Seit Jahren ist Inspector Noah Scott Sherrington hinter dem Serienkiller her, dem Polizei und Presse den Namen Bible John gegeben haben. Bisher konnte er noch nicht einmal ein aussagekräftiges Phantombild erstellen, weil alle Beschreibungen des Killers letztlich darauf hinauslaufen, dass er durchschnittlich aussähe. Dann folgt Noah Scott Sherrington einer Eingebung – und einem Verdächtigen bis zu einem abgelegenen See. Er ist überzeugt: Der Mann, der ihm dort gegenübersteht, ist Bible John. Plötzlich kippt Sherrington um. Er ist tot. Aber nur kurz: Jäger beleben ihn wieder, er landet im Krankenhaus und erfährt, dass er aufgrund einer Herzerkrankung nur noch wenige Monate zu leben hat. Diese Zeit wird er für eines nutzen: Bible John endlich dingfest machen.

Spektakulär beginnt Dolores Redondos Kriminalroman „Wenn das Wasser steigt“ – und nach diesem Knaller-Anfang geht es trotz einiger Übersetzungsungenauigkeiten atmosphärisch-dicht und spannend weiter: Sherrington ist überzeugt, dass Bible John nach Bilbao geflohen ist und folgt ihm dort hin. Kurz nach seiner Ankunft setzen Regenfälle ein, die tagelang anhalten. Die Feuchtigkeit dringt langsam in jede Ritze der Stadt und jedes Detail dieser Geschichte ein: Figuren drohen zu ertrinken, zu versinken, verschlungen zu werden. Holzbalken werden langsam morsch, bringen Gebäude zum Einsturz. Geheimnisse werden aufgeschwemmt. Dass Sherrington Noah mit Vornamen heißt, ist nur ein Hinweis auf das, was Bilbao bevorsteht.

Nicht nur das Hochwasser bedroht Noah Scott Sherrington Ermittlungen, sondern auch seine Krankheit: Mit jeder Herzattacke, mit jeder Medikamenteneinnahme schleicht sich die Erkenntnis, dass er sterben wird, immer stärker in den Vordergrund. Dadurch ist er mehr als nur ein weiterer Polizist, der von einem Killer besessen ist. Und auch die aufkeimende Liebe zu einer Baskin bekommt eine rührende Dramatik.

Sherringtons Auseinandersetzung mit seinem bevorstehenden Tod und die steigenden Wasserfluten verleihen der Jagd nach dem Serienmörder epische, fast apokalyptische Züge – es ist auf vielen Ebenen ein Kampf um das Überleben. Auf einer zweiten Ebene erzählt Redondo die Psychopathologie des Täters. Auch sie ist vom Wasser bestimmt, aber wie das Ende etwas zu langatmig und überhöht geraten. Interessanter sind Sherringtons Überlegungen zum Täter, auch mithilfe einer Psychologin – im Jahr 1983, in dem Profiling noch in den Kinderschuhens steckt und er für viele Annahmen belächelt wird.

Abgerundet wird die existentielle Serienmörderjagd durch reizvolle Parallelen, die Redondo zwischen Glasgow und Bilbao zieht. Zwei Städte am Wasser, „feucht, schmutzig und unmoralisch“, die allerhand zwielichtige Gestalten anziehen. „Wenn das Wasser steigt“ ist ein dichter, gelungener und sehr süffiger Kriminalroman.

Dolores Redondo: Wenn das Wasser steigt (Esperando al diluvio, 2022). Aus dem Spanischen von Anja Rüdiger. btb, München 2025. 566 Seiten, 17 Euro.

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Godard lässt grüßen

(JF) „Weekend“, Jean –Luc Godards wütender Abgesang auf die automobile Gesellschaft (1967), ist einer der Filme, die man nie vergisst. Großartige Karambolagen, ungezügelte Gewalt und nicht endende Staus werden eindrucksvoll in Szene gesetzt. Dass auch eine Geschichte von menschlicher Gier und Boshaftigkeit erzählt wird, gerät angesichts der vielen rabiaten Szenenwechsel  beinahe in den Hintergrund. Zudem wartet der Film, wie es sich für ein Experimentalkunstwerk der 1960er Jahre gehört, mit einer Meta- Ebene auf, die den Figuren ermöglicht, den Handlungsrahmen zu verlassen. Der emanzipatorische Zeitgeist machte auch vor der Fiktion nicht halt. Auch wenn der dazu nötige dramaturgische Trick ein ziemlich alter Hut war, dessen man sich schon zu Beginn des 17 Jahrhunderts im englischen Renaissance-Theater gerne bediente. Was natürlich nicht bedeutet, dass er heute nicht mehr funktionieren würde.

Das mag sich auch der Schriftsteller Tobias Premper gedacht haben, als er die visuelle Gewalt des Godard-Films für einen Roman neu aufbereitete. Wie „Weekend“ handelt Sommer Ende von einem Ehepaar, das sich eine millionenschwere Erbschaft sichern will und zu diesem Zweck einen Wochenendausflug unternimmt. Doch das Filmgeschehen wird natürlich nicht einfach nacherzählt. Immer wieder verweist der Text auf seine Herkunft. Nicht „Seite für Seite“ gehe es voran, lesen wir gleich zu Beginn, sondern „Minute um Minute, wie in einem Film“. Später sorgen Zwischentitel wie „Anschlussfehler“ oder „Rückblende“ für Verfremdungseffekte. Und Figuren hadern öffentlich mit der ihnen zugedachten Rolle. So entsteht experimentelle Prosa wie aus dem Lehrbuch. Handwerklich solide und bewährt provokant.

Die Lektüre lohnt sich schon deshalb, weil man danach unbedingt den Film noch einmal sehen möchte. Bei dessen literarischer Vorlage, der Kurzgeschichte „Südliche Autobahn“ (La autopista del Sur, 1966) des argentinischen Schriftstellers Julio Cortazar (1914-1984), es sich übrigens auch um ein erzählerisches Experiment handelt, das seinen Effekt allerdings mit einfachsten Mitteln erzielt. Aber lesen Sie selbst.

Tobias Premper: Sommer Ende. Steidl Verlag, Göttingen 2025. 173 Seiten, 16 Euro.

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Zwei Frauen auf der Flucht

(hpe) Evie Gordon war eine brillante Studentin. Jetzt bereitet sie als Nachhilfelehrerin Kids von reichen Eltern in Los Angeles auf die College-Aufnahmeprüfung vor. Eines Tages steht die Tür der Villa, wo sie eine Schülerin treffen soll, offen, und niemand scheint da zu sein. Im Garten findet Evie die Leichen der Eltern, die offenbar ermordet worden sind. In einem Kämmerchen stößt sie eine gefesselte junge Frau und befreit sie. Dann taucht die Schülerin auf und geht auf die beiden Frauen los. Evie schlägt sie nieder. Und ergreift mit der Unbekannten die Flucht.

Das Romandebüt Killer Potential der amerikanischen Autorin Hannah Deitch beginnt rasant. Evie fürchtet, dass das Verbrechen an Serenas Eltern ihr angehängt wird. Und der Frau aus dem Kämmerchen, die zwar zunächst kein Wort spricht, aber die offenbar auch ein Opfer ist. Die Flucht wird zum Roadtrip durch die USA. Nach den beiden Frauen wird gefahndet, sie sind in allen Medien. Einzelne Politiker und der Mob fordern die Todesstrafe. „Wir waren gemein, wir waren widerwärtig, wir waren kaum noch menschlich. Jede Erwähnung der Morde erinnerte die Leser daran, dass wir nicht einfach irgendwelche Killer waren; wir waren Killerinnen. Unser Vergehen erhob uns automatisch ins Reich des Mythologischen. Wir waren Vertreterinnen eines mysteriösen, weiblichen Bösen. Schwarze Witwen, Femmes fatales, Hexen, Objekte der Abscheu, Objekte von Rachefantasien, Objekte einer perversen Erotik, Bonnie und Bonnie. Kein Clyde weit und breit.“

Die Geschichte franst mit der Zeit ein bisschen aus; die Autorin will ein bisschen viel hineinpacken. Doch der Plot vermag zu packen. Und Deitch ist eine gute Erzählerin, sie versteht es, in wenigen Sätzen und präzisen Bildern ganze Universen verständlich zu machen. Zum Beispiel Evies College-Zeit: „Hier durften wir angstfrei Schwarz-Weiß-Filme sehen, schlechte Einakter schreiben und abstrakte Studiendarlehen anhäufen. Ein ganz besonderes College mit besonderen Studierenden, wir stellten uns gegenseitig in unseren besonderen Schuluniformen ganz besonders in den Schatten: mit Kampfstiefeln, Koksresten unter der Nase, ein Buch von Sylvia Plath in einem Beutel mit New-Yorker-Aufdruck über der Schulter, Taufnamen waren grundsätzlich verpönt, ebenso wie natürliche Haarfarben, wir führten schwul-lesbische Adaptionen von Fiddler on the Roof mit Marionetten auf, pflegten unsere psychischen Erkrankungen, zitierten beim Sex Foucault und hegten unsere Vater-Komplexe.“

Deitch würzt ihre spannende Geschichte mit Sarkasmus, Ironie und trockenem Humor. Neben dem Thriller-Plot ist „Killer Potential“ vor allem das stimmige Porträt einer jungen Frau, die trotz hervorragender Ausbildung mit ihrem Leben nicht wirklich zurechtkommt. Hannah Deitch ist Fall eine Autorin, die wir im Auge behalten sollten.

Hannah Deitch: Killer Potential (Killer Potential, 2025). Aus dem Englischen von Conny Lösch. List Verlag, Berlin 2025. 398 Seiten, 17,99 Euro.

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Mit Wohlfühleffekt

(JF) Bei ihrem ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik 1965 wurde Queen Elizabeth II. ein Aquarell des Malers Johann Hermann Kretzschmer (1811-1890) verehrt, das ihre Ururgroßmutter Victoria als junge Frau zusammen mit dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zeigt. Dass es sich bei diesem Geschenk um eine Fälschung handelte, ist eine Erfindung des Autors Andreas Storm, der das Bild in den Mittelpunkt einer komplexen Kriminalgeschichte mit historisch-politischem Akzent stellt. Es geht um Nazi-Verbrechen, Raubkunst und rechtsradikale Umtriebe. Lennard Lomberg, versierter Ermittler in Kunstsachen, hat in seinem dritten Fall allerhand zu tun, die verwickelten Handlungsfäden zu entwirren. Gefordert ist allerdings auch der Erzähler, denn immerhin gilt es, drei Zeitebenen miteinander zu verknüpfen. Eine Aufgabe, die Storm souverän bewältigt.

Dass die Die Victoria Verschwörung als zeitgeschichtlich grundierter Kriminalroman trotz dieser Qualitäten nicht gänzlich überzeugen kann, liegt an dem offenkundigen Bedürfnis des Autors, sein Lesepublikum nicht allzu sehr zu verstören. Für den entsprechenden Wohlfühleffekt sorgen zum Beispiel hübsche Details wie der Auftritt von „Chefkellner Trevor“, der im Londoner Reform Club appetitliche Sandwiches zum Earl Grey Tee serviert. Anglophile Zeitgenossinnen, die ihre Orangenmarmelade im British Shop bestellen, dürften entzückt sein.

Und noch ein bisschen Landeskunde zum Schluss:  Die BBC finanziert sich ausschließlich durch Gebühren. Es gibt also keine „gebuchten Werbezeiten“ (S. 197), die einem reichen Immobilienhändler den Weg in eine Talkshow bahnen könnten.

Andreas Storm: Die Victoria Verschwörung. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025. 363 Seiten, 17 Euro.

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Realitätstüchtige Antwort auf Agatha Christie

(TG) Irgendwie hat es noch niemand ausgesprochen, deshalb tue ich es hier: Kate Atkinson ist eine der Grandes Dames der britischen Kriminalliteratur. Wie zu den Zeiten von P.D.James und Ruth Rendell gibt es weitere: die Schottinnen Denise Mina und Val McDermid, die Engländerin Liza Cody. Atkinson wurde 1951 in York geboren und lebt heute in Edinburgh. Dort spielt unter anderem ihre Serie um Jackson Brodie. „Weiter Himmel“ von 2019 sieht Brodie in Yorkshire; auch eine der Hauptfiguren in ihrem jüngsten Roman Nacht über Soho, die Bibliothekarin Gwendolen Kelling stammt aus York.

Sie ist dank einer Erbschaft unabhängig, sucht nach zwei Mädchen, die in London Schauspielkarriere machen wollen, und geht bereitwillig auf Detective Chief Inspector Frobishers Vorschlag ein, als dessen Spionin das Nachtclub-Imperium von Nellie Coker zu unterwandern. Gwendolen hat im Weltkrieg als Krankenschwester gearbeitet, das hat ihren pragmatischen Realitätssinn geschärft. Wie damals – der Roman spielt 1926 – ganz London, ist sie Abenteuern nicht abgeneigt: die Schrecken des Krieges sollen überspielt werden.

Im Zentrum der Vergnügungen stehen die „Freudentempel“ (so könnte man versuchsweise den Originaltitel übersetzen) Nellie Cokers. Diese toughe Königin der Nacht ist einer realen Person, der Clubbesitzerin Kate Meyrick, nachempfunden, deren Memoiren Atkinson, wie sie im Nachwort schreibt, viele Details der Zeit verdankt.
Souverän, unerschrocken und mit dem nötigen Weitblick für Intrigen und Intriganten steuert Nellie ihr Imperium durch allerlei Anfeindungen. Ein schmieriger Malteser scheint ihr Club um Club entreißen zu wollen, der bisher gut bezahlte Polizist will gar alle Geschäfte übernehmen. Ihre Kinder sind auch nur bedingte Stützen und wollen eigene Wege gehen, unter ihnen der schwule Ramsey. Der möchte Schriftsteller werden und arbeitet an einem realistischen Roman über das Soho jener Tage. Als er den damals gerade erschienenen Krimi „The Murder of Roger Ackroyd“ (heute bekannt als „Alibi“) von Agatha Christie liest, möchte er „etwas Realistischeres, Härteres“. Für mich ist das ein Schlüssel zum Verständnis von Atkinsons Roman. Christie praktiziert mit ihren Krimis, in denen der zurückliegende Krieg nicht mit einem Wort erwähnt wird, eine andere Art des Vergessens als die spiel- und drogensüchtige Londoner Gesellschaft jener Zeit: Geradezu manisch erfindet sie komplizierte Puzzles, in denen Mord und Tod eskapistisch zu Kicks im Gesellschaftsspiel werden.

Mit seinem Realismus ist Nacht über Soho Atkinsons moderne Antwort auf Christie. „Alibi“ wurde durch den Trick berühmt, den Ich-Erzähler zum Mörder zu machen. Dagegen stellt Atkinson frei von aller Trickserei eine verwundete und traumatisierte Gesellschaft vor, die Verwundungen, Verstümmelte und Tote vergessen will, aber nicht kann. Im düsteren Zentrum ihres Romans verschwinden junge Mädchen, naive Opfer der grassierenden Theatersucht, angeschwemmt werden ihre Leichen am Fuß einer Themsebrücke mit dem sprechenden Namen „Dead Man’s Hole“.

Nacht über Soho erzählt plastisch, mit beeindruckend ausgearbeiteten Figuren und voll wunderbarer Details von 1926. Aber immer wieder kommt einen die Vermutung an, das verzweifelte Vergessenwollen der Roaring Twenties sei nur in seiner taumelnden Intensität von der überspielten Hilflosigkeit unserer Tage unterschieden.

Kate Atkinson: Nacht über Soho (Shrines of Gaitey, 2022). Aus dem Englischen von Anette Grube. Dumont Verlag, Köln 2025. Hardcover, 528 Seiten, Lesebändchen, 25 Euro.

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Schwarzhumorige Verwechslungskomödie

(JF) Drei ehemüde Damen in den frühen Sechzigern beschließen, sich ihrer Gatten zu entledigen. Lebensversicherungen von jeweils einer Millionen Dollar sind Motivation genug. Also wird Hector angeheuert, ein Friseur aus El Salvador, dem sie einschlägige Erfahrungen als Auftragskiller zutrauen. Allerdings wissen sie nicht, dass ihre Ehemänner, die seit geraumer Zeit kriminell aktiv sind, um sich eine üppige Altersversorgung zu organisieren, ebenfalls die Talente des Coiffeurs mit Gangvergangenheit in Anspruch nehmen möchten. Denn sie haben ein Unternehmen bestohlen, das keinen Spaß in solchen Dingen versteht, und fürchten um ihr Leben.

Die kanadische Autorin Sue Hincenbergs, ehemals als Fernsehproduzentin tätig, inszeniert diese reizvolle Figurenkonstellation in ihrem Romandebüt Very Bad Widows als schwarzhumorige Verwechslungskomödie mit Thrillerpotential, ohne auf sentimentale Beigaben zu verzichten. Allerdings benötigt sie dafür 430 Buchseiten, und nicht alle davon sind gleichermaßen unterhaltsam. Es wird zu viel erklärt und zu wenig erzählt. Das ist streckenweise ziemlich ermüdend. Und eben nicht „messerscharf, witzig und klug“, wie Hincenbergs Kollegin Jennie Godfrey in ihrem Blurb behauptet. Schade. Die Idee ist nämlich so übel nicht.

Sue Hincenbergs: Very Bad Widows (The Retirement Plan, 2025). Aus dem kanadischen Englisch von Charlotte Lungstrass-Kapfer. Piper Verlag, München 2025. 430 Seiten, 17 Euro.

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Nostalgisches Lesevergnügen

(JF) Rätselhaft wie die schöne Gräfin Cagliostro, die dem jungen Arsène Lupin den Kopf verdreht, ist die deutsche Editionspraxis der Abenteuer des weltberühmten Gentleman-Gauners. Während mindestens sechs Bücher seines Schöpfers Maurice Leblanc (1864-1941) noch der Übersetzung harren, bringt Matthes & Seitz vier Romane in neuer Ausstattung heraus, die bereits vor Jahren in eben diesem Verlag erschienen sind.

Damals ließ man die zum Teil in den 1960er Jahren angefertigten deutschen Fassungen, die lange als Diogenes-Taschenbücher erhältlich waren, überarbeiten und mit Anmerkungen versehen. Antiquarische Angebote dieser Ausgaben sind leicht aufzutreiben. Und wer lieber neue Bücher liest, findet sie als Insel-Taschenbuch. Oder, in anderer Übersetzung, unter den bislang elf Bänden der Ausgabe des Belle Epoque Verlags.

Zugegeben, die illustrierten Matthes & Seitz-Pappbände im schmucken Retro-Design machen sich gut auf dem Nachtischchen, wo sie als nostalgisches Lesevergnügen eine vorzügliche Einschlafhilfe bieten. Auf eine vollständige deutschsprachige Arsène Lupin-Edition allerdings werden ernsthafte Aficionados klassischer Kriminalliteratur wohl vergeblich warten.

Maurice Leblanc: Die Gräfin Cagliostro oder die Jugend des Arsène Lupin (La Comtesse de Cagliostro, 1924). Aus dem Französischen von Erika Gebühr, überarbeitet und mit Anmerkungen versehen von Nadine Lipp. Matthes & Seitz, Berlin 2025. 344 Seiten, 24 Euro.

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