
Zum zweiten Mal im Großformat, der magische Satz: »Avengers Assemble!«
Alf Mayer über Band II der XXL-Ausgabe der alten »Avengers«-Hefte
Marvel Comics Library: Avengers. Vol. 2. 1965–1967. Ausgabe: Englisch. Verlag Taschen, Köln 2024. Hardcover, Format 32.2 x 47.1 cm, Gewicht 5.42 kg. 666 Seiten, 150 Euro. – Auch in einer Collector’s Edition mit 1.000 nummerierten Exemplaren erhältlich. Verlagsinformationen: hier und taschen.com
Was wissen Comics, was die Normalkultur noch nicht weiß und die Literatur auch noch nicht erfunden hat? Sechzig Jahre ist es jetzt her, dass der deutschstämmige Don Heck aus dem New Yorker Stadtteil Queens und der in der Bronx aufgewachsene Stan Lee, Sohn rumänischer Juden, das Superhelden-Team »The Avengers« entwickelten. Hawkeye, Scarlet Witch, Quicksilver und Captain America (was für ein Name) nahmen es mit allen Gegnern auf, oft in mehrteiligen Geschichten, in denen die Avengers gegen alte und neue Feinde antraten.
Heute scheinen die magischen Vorschläge, die in solch einem Superhelden-Comic Alltag sind, den Sprung in die Realität geschafft zu haben. 2010 war es noch ein Cameo-Auftritt im Blockbuster-Film IRON MAN 2, ganze zehn Sekunden lang, den sich Elon Musk für eine Drehgenehmigung in seinen Space-X-Produktionshallen verschaffte. Seine Figur nannte sich Justin Hammer, machte einen Pitch bei »Iron Man« Robert Downey Jr.:
»Hey Tony I got a idea for an electric plane!«
»Sure you do buddy, sure you do.«
»A plane…but it’s electric.«
2018 trug eine TV-Dokumentation den Titel »Elon Musk – The Real Life Iron Man«. Jetzt berät er als der reichste Mann der Welt den mächtigsten Mann der Welt. Am Tag der Wahl von Donald Trump postete Musk auf seiner Platt–Form X ein Video, in dem er sich selbst als Avatar von »Dark MAGA« darstellte. Das Zwei-Minuten-Video ist ein wilder Cut von Animes, Comics, Actionfilmen und Trump-Wahlkampfszenen, mit pathetischem Sound und Kommentar unterlegt, das Attentat natürlich auch dabei, und reichlich geschwungene Schwerter, Michael-Bay-Sonnenuntergänge und Superhelden mit Flügeln. Musk präsentiert sich diabolisch lächelnd mit schwarzem T-Shirt und schwarzer MAGA-Cap. Binnen kurzer Zeit hatte das Video 100 Millionen Views. A.O. Scott, der Filmkritiker der »New York Times« titelte Ende November 2024: »The Supervillain Is the Hero Now. How Americans learned to root for the dark side — from the Joker and Wicked to Elon Musk.«

Jetzt vor Weihnachten kam die Marvel-Figur »Kraven the Hunter« ins Kino, von Stan Lee und Steve Ditko 1964 erfunden und in »Amazing Spider-Man #15« erstmals vorgestellt. Kraven, der Sohn eines Oligarchen, ist ein Großwildjäger mit Superkräften. Manche der Posen, in denen sich der Präsidentensohn Donald Trump Jr. über die Jahre mit seinen Jagdtrophäen inszenierte, wirkten wie aus den Kraven-Stories exportiert.
Auch anhand von Donald Duck wies ich neulich zusammen mit Georg Seeßlen auf die Verschränkungen von Comic- und Real-Welt hin (»Donald Duck, Donald Trump – und wir«, CulturMag November 2024). Die aktuelle Aufregung über die Dronen-Schwärme an der amerikanischen Ostküste weiß ebenso kaum mehr zwischen UFOs, Aliens, Verschwörung und Realität zu unterscheiden. Und die Netflix-Serie »The Boys« hat die alten Moralcodes der Superhelden längst ins Zynische verkehrt und als Perversionen durchdekliniert. Die Popkultur, so stellte Georg Seeßlen einmal fest, »ist aufnahmefähig, universalistisch, international, tolerant, liberal, entterritorialisiert«. Siehe auch meinen Neuseeland-Rückreisebericht »Heimflug in Stahlhelden-Gewittern«, CrimeMag Mai 2020.
Zeit, sich wieder dem Original zuzuwenden. In der Marvel Comics Library im Verlag Taschen sind jetzt die »Avengers. Vol. 2. 1965–1967« erschienen. 666 Seiten, 5,42 kg schwer, im XXL-Format. 20 Ausgaben, jetzt an die 60 Jahre alt, originalgetreu und großformatig reproduziert. Derart »bigger than life« hat man die alten Comic-Ausgaben noch nie gesehen. Das Buchformat ist 32.2 x 47.1 cm, das US-(Standard-)Format für Comics ist eigentlich 16,8 cm breit und 26 cm hoch. Hier gibt es Super-Size.
Die Avengers Nr. 21-40 sind hier in einem Band versammelt, der die Größe und die Proportionen der originalen Comic-Artboadsgenau nachbildet. Anstatt die Originalvorlagen neu zu kolorieren – wie es bei Nachdrucken klassischer Comics aus früheren Jahrzehnten üblicherweise der Fall war –, hat man bei Taschen alles unternommen, die Hefte so darzustellen, wie sie zur Zeit ihrer Veröffentlichung produziert worden sind. Exklusiv für die Marvel Comics Library wurde für Taschen sogar ein spezielles Papier entwickelt, das die Haptik von Zeitungspapier und die Farbigkeit der Originalcomics wiedergibt.
Die Originale stammen aus der Sammlung von Bob Bretall, dem Inhaber des Guinness-Weltrekords für die größte private Comicsammlung. Bretall kaufte seit Juli 1970 all seine Comics regelmäßig selbst am Kiosk, »off the rack« – anders als die meisten anderen Sammler, die im Großeinkauf zu ihren Schätzen kommen. Mehr als 138.000 Hefte finden sich in seinem Besitz. Und er hat sie alle gelesen.
In enger Zusammenarbeit mit Marvel und der im Jahr 2000 gegründeten Certified Guaranty Company (CGC) wurden die makellosesten Comics vorsichtig aufgeschlagen und jede Seite so fotografiert, wie sie vor mehr als einem halben Jahrhundert gedruckt wurde – um dann mit modernen Retusche-Techniken digital überarbeitet zu werden und so Probleme mit dem billigen, unvollkommenen Druck der damaligen Zeit zu korrigieren. Ganz so, als kämen die Hefte frisch aus einer erstklassigen Druckmaschine der 1960er Jahre. Nicht umsonst wurde die Marvel Comics Library für die Kombination eines Leseerlebnisses der alten Schule mit einem luxuriösen, übergroßen Buchformat mit dem begehrten Eisner Award für das beste Publikationsdesign der Branche ausgezeichnet.
Bei Taschen für das wunderbare Erscheinungsbild zuständig: Alexi Alario, Katrin Engler, Frank Goerhardt, David Kenzler, Anna-Tina Kessler, Stefan Klatte und Kathrin Murr. Und über allem natürlich: Schirmherr und Verleger Benedikt Taschen, ohne dessen Leidenschaft die Wiederweckung der Marvel-Superhelden in solch feudalem Supersize-Format nicht möglich geworden wäre.
Die Comics im zweiten Avengers-Band werden durch einen Essay des Black-Panther-Autors Christopher Priest ergänzt, der von einer tiefen Liebe zur Kunstform Comic und der Kenntnis ihrer Geschichte geprägt ist. Eine Galerie mit Originalkunstwerken, Fotos, Raritäten und anderen Ephemera aus dieser Zeit begleitet den Essay. »I have a general theory about superheroes«, schreibt er: »We like them. In fact, we love them. We love them so much that they don’t actually have to do anything. Simply show up.«
Im vorliegenden Band sind neben den mitunter höchst skurrilen Werbeanzeigen auch die Fan-Pages selbst als interessantes Dokument ihrer Zeit abgedruckt. Sie erlauben einen authentischen Einblick in die Fankultur und vor allem in Stan Lees Konzept der Fan-Partizipation. Die Leserbriefseite kommt mit dem Banner: »Avengers Assemble!«
Hier eine kleine Übersicht im Schnelldurchlauf über die Inhalte:
AVENGERS No. 21 bietet den ersten Auftritt von Power Man.
No. 23 macht mit Princess Ravonna bekannt.
No. 25 das erste Aufeinandertreffen von Dr. Doom und den Avengers.
No. 28 hat die Rückkehr von Hank Pym als Goliath und den ersten Auftritt von The Collector
No. 32 sieht das erste Mal Bill Foster, auch die Sons of the Serpent, und Black Widow wendet sich von ihrer verbrecherischen Vergangenheit ab.
No 34 bringt das erste Mal The Living Laser/ Arthur Parks.
No 35 ist der Beginn der langen Zeit von Boy Thomas als Avenger-Writer.
No 38 führt Hercules als wiederkehrenden Gast ein.
Storylines und Credits der im Band reproduzierten Ausgaben:
AVENGERS No. 21: THE BITTER TASTE OF DEFEAT!
Cover-Datum October 1965, on sale: August 10, 1965, 36 Seiten
AVENGERS No. 22: THE ROAD BACK!
Cover-Datum November 1965, on sale: September 9, 1965, 36 Seiten
AVENGERS No. 23: ONCE AN AVENGER!
Cover-Datum December 1965, on sale: October 12, 1965, 36 Seiten
AVENGERS No. 24: FROM THE ASHES OF DEFEAT!
Cover-Datum January 1966, on sale: November 11, 1965, 36 Seiten
AVENGERS No. 25: ENTER … DR. DOOM!
Cover-Datum February 1966, on sale: December 9, 1965, 36 Seiten
AVENGERS No. 26: THE VOICE OF THE WASP!
Cover-Datum March 1966, on sale: January 11, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 27: FOUR AGAINST THE FLOOD-TIDE!
Cover-Datum April 1966, on sale: February 10, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 28: AMONG US WALKS …A GOLIATH!
Cover-Datum May 1966, on sale: March 10, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 29: THIS POWER UNLEASHED!
Cover-Datum June 1966, on sale: April 12, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 30: FRENZY IN A FAR-OFF LAND!
Cover-Datum July 1966, on sale: May 10, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 31: NEVER BUG A GIANT!
Cover-Datum August 1966, on sale: June 9, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 32: THE SIGN OF THE SERPENT!
Cover-Datum September 1966, on sale: July 7, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 33: TO SMASH A SERPENT!
Cover-Datum October 1966, on sale: August 9, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 34: THE LIVING LASER!
Cover-Datum November 1966, on sale: September 8, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 35: THE LIGHT THAT FAILED!
Cover-Datum December 1966, on sale: October 11, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 36: The ULTROIDS ATTACK!
Cover-Datum January 1967, on sale: November 11, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 37: TO CONQUER A COLOSSUS!
Cover-Datum February 1967, on sale: December 8, 1966, 36 Seiten
AVENGERS No. 38: IN OUR MIDST … AN IMMORTAL!
Cover-Datum March 1967, on sale: January 11, 1967, 36 Seiten
AVENGERS No. 39: THE TORMENT AND THE TRIUMPH!
Cover-Datum April 1967, on sale: February 14, 1967, 36 Seiten
AVENGERS No. 40: SUDDENLY … THE SUB-MARINER!
Cover-Datum May 1967, on sale: February 14, 1967, 36 Seiten.
Und hier noch die bisher erschienen überdimensionalen Bände der Marvel Comics Library im Überblick:
Marvel Comics Library. Avengers. Vol. 1. 1963–1965, € 150
Marvel Comics Library. Avengers. Vol. 2. 1965–1967, € 150
Marvel Comics Library. Fantastic Four. Vol. 1. 1961–1963, € 150
Marvel Comics Library. Silver Surfer. Vol. 1. 1968–1970, € 150
Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 1. 1962–1964, € 150
Marvel Comics Library. Spider-Man. Vol. 2. 1965–1966, € 150
Marvel Comics Library. X-Men. Vol. 1. 1963–1966, € 150
Für diese sieben XXL-Bände braucht es ein superhelden-starkes Regal.
Alf Mayer





























