Geschrieben am 1. Dezember 2024 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2024

Sonja Hartl zu den Kriminalromanen von Nicola Upson

Fiktionales Wiedersehen mit Josephine Tey

Über die Krimireihe von Nicola Upson

Ehrlich gesagt: Weder die Cover noch die Titel noch die Idee, eine Krimi-Autorin als Ermittlerin einzusetzen, finde ich sonderlich reizvoll. Aber: Die ersten Teile von Nicola Upsons Reihe mit Josephine Tey haben mich positiv überrascht.

Ursprünglich wollte Nicola Upson eine Biographie über die schottische Autorin Josephine Tey schreiben. Bei der Recherche stellte sie fest: Es gibt zu wenig Material. Josephine Tey war eine sehr private Person, abgesehen von ihren Romanen und Theatertexten hat sie kaum schriftliches Material hinterlassen. Es gibt noch nicht einmal Interviews. Daraufhin hat Nicola Upson einen anderen Weg gewählt: In ihrer Krimi-Reihe entwirft sie eine fiktive Version von Josephine Tey, die auf ausgewählten Fakten basiert.

Tatsächlich ist dieses Spiel mit Fakten und Fiktionen ein Hauptreiz der mittlerweile elfbändigen Reihe. Beständig baut Nicola Upson Verweise auf die Romane von Josephine Tey ein. Der erste Roman „Experte in Sachen Mord“ (2008; Ü: Verena Kilchling) spielt am Londoner West End– so wie auch Teys erster Roman, der bei Upson mehrfach explizit genannt wird. „Experte in Sachen Mord“ enthält viel Zeitkolorit, viele Einblicke in die Londoner Theaterszene der Nachkriegsjahre – mit allen Eitelkeiten und sozialen Problemen. Auch die Folgen des Ersten Weltkriegs sind bei Upson spürbarer als bei Tey.

Ein anderes Beispiel für die Nähe zu Teys Werk ist Upsons Polizist Archie Penrose: Er ist deutlich an Alan Grant von Josephine Tey angelehnt. Upson lässt ihre Tey sogar denken, dass Grant von Archie Penrose inspiriert ist. Allerdings mit Abweichungen: Alan Grant ist in Teys Romanen auffällig wenig an Frauen interessiert – Val McDermid liest ihn sogar als queere Figur –, dagegen ist Penrose in Upsons frühen Romanen offensichtlich in Josephine Tey verliebt. Hinsichtslich des Liebeslebens ihrer Protagonistin entscheidet sich Upson indes, der hartnäckigen Vermutung zu folgen, dass Josephine Tey lesbisch war.

Mal ein neuer Band, mal ein alter Band

Mit ihre Reihe hatte Upson im Vereinigten Königreich einigen Erfolg, seit 2023 erst erscheinen die Bände bei Kein & Aber in deutschsprachigen Übersetzungen. Der Verlag hat sich dazu entschieden, zu den neuen Teilen auch die alten zu veröffentlichen. Deshalb sind in diesem Herbst beispielsweise sowohl Band 11 „Drehbuch des Todes“ (Ü: Anna-Christin Kramer) als auch Band 3 „Die Schatten alter Sünden“ (Ü: Anna-Christin Kramer) und Band 4 „Tödliche Sommerfrische“ (Ü: Andrea Stumpf, Garbriele Werbeck) erschienen. Diese Erscheinungsweise mag für Menschen, die streng chronologisch lesen, ein Ärgernis sein. Ich hingegen finde sie spannend: Sie ermöglicht einen sehr deutlichen Vergleich zwischen den älteren und neuen Bänden. „Die Schatten alter Sünden“ ist im Original 2010 erschienen, „Drehbuch des Todes“ indes 2023. Aufgrund der Erscheinungsweise der Übersetzungen habe ich beide Teile hintereinander gelesen – den bisher besten Band der Reihe und den bisher schwächsten.

Langeweile mit dem „Drehbuch des Todes“

Schon in den ersten Teilen der Reihe gab es einiges Namedropping, in „Drehbuch des Todes“ aber habe ich mich einige Male gefragt, ob es so manche Szenen nur gibt, um noch einen bekannten Namen unterzubringen. Auch die Handlung ist überkonstruiert: Josephine Tey reist nach Hollywood. Dort arbeitet ihre Freundin Marta an der Produktion von Hitchcocks „Rebecca“ mit. Diese Reise – die die tatsächliche Tey nie unternommen hat – bietet allerhand Gelegenheiten zu zufälligen Begegnungen mit prominenten Menschen und dramatischen Momenten, die allerdings hauptsächlich die bekannten Bilder und Anekdoten rund um diese Dreharbeiten kolportieren. Das mag für manche ganz unterhaltsam sein, allerdings ist die Verbindung zum Kriminalfall so bemüht, dass man auf diese Szenen mühelos verzichten könnten.

Der eigentliche Kriminalfall findet nämlich in England statt: Dort ist eine Frau in der Nähe von Milton Hall getötet worden – das Haus, das einst Daphne Du Maurier zu Manderlay inspiriert hat. Verdächtiger ist ein Mitglied von Hitchcocks-Produktionscrew – das ist die Verbindung zum Hollywood-Teil –, allerdings ist sehr, sehr offensichtlich, dass er mit der Tat nichts zu tun hat. Dadurch fügen sich diese zwei Handlungsteile nie zueinander, vielmehr ist alles nur bemüht und konstruiert, viel zu lang, viel zu vorhersehbar. Einzig interessante Momente sind die Einblicke in die zunehmende Angst in der britischen Gesellschaft vor einem weiteren Weltkrieg.

Spannende Schatten alter Verbrechen

Die Schwächen fallen umso deutlicher im direkten Vergleich mit „Die Schatten alter Sünden“ auf – also dem älterem Band. Darin erzählt Upson von einem alten Kriminalfall, über den Tey schreiben soll. In London im Jahr 1903 sollen zwei Frauen gehängt werden, weil sie die Säuglinge unverheirateter junger Frauen nicht – wie von ihnen behauptet – zur Adoption vermittelt, sondern getötet haben. Während Tey nun mit diesem Stoff kämpft, geschehen in ihrem Umfeld weitere Verbrechen.

Alleine schon Teys Hadern mit diesem historischen Stoff, bei dem sie insbesondere die Frage quält, wie sie die Wahrheit über ein historisches Ereignis schreiben kann, setzt einen guten Kontrapunkt in einer Reihe über eine historische Figur. Dazu sind die Einblicke in ein Frauengefängnis im Jahre 1903 hochinteressant. Gesellschaftliche Erwartungen an Frauen spielen eine wichtige Rolle, ebenso weibliche Alltagswelten. Es zeigen sich auch deutliche Klassenunterschiede: Josephine Tey, mittlerweile erfolgreich, und ihre Theaterfreundinnen haben ausreichend Geld, um sich eine gewisse Unabhängigkeit und auch Verstoß gegen Konventionen leisten zu können. Andere Frauen haben das nicht. Hier liefert Upson in einem Unterhaltungsroman einen treffenden sozialen Kommentar – anders als Josephine Tey es jemals in ihren Kriminalromanen gemacht hat.

Bedauerlich ist nur – und nun folgt ein kleiner Spoiler –, dass am Ende diejenigen, die mit den Taten in Verbindung stehen, allesamt vorbestraft sind. Hier habe ich mich gefragt, ob das ein bewusster Kommentar zur Resozialisierung ist, die zuvor oft Thema war – oder ein ignorantes Übersehen. In beiden Fällen hinterlässt es einen Nachgeschmack. Ohnehin sind in den Bänden, die ich bisher gelesen habe (und das sind nicht alle), auffällig häufig Frauen die Täterinnen.

Konservative Sehnsüchte?

So ganz frei machen von konservativer Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit können sich Upsons Romane auch nicht. Aber sie ist – gerade im Vergleich zu Josephine Teys oftmals eklatant misogynen Kriminalromanen – deutlich hellsichtiger und in den frühen Bänden stärker interessiert an sozialen Gegebenheiten. Wohlgemerkt alles verpackt in einem unterhaltsamen Historienkrimi.

Einen weiteren Band der Reihe werde ich auf jeden Fall noch lesen: Im vierten Band gibt es ein Wiedersehen – oder innerhalb der Reihenlogik: eine erste Begegnung – mit Alfred Hitchcock. In „Tödliche Sommerfrische“ will er nämlich Teys Roman „Klippen des Todes“ verfilmen. Das Ergebnis ist „Jung und unschuldig“, ein Film, in dem man einiges von dem späteren Hitchcock findet.

Sonja Hartl

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