Geschrieben am 1. Dezember 2024 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2024

Joachim Feldmann über »Frauenroman« von Gerhard Henschel

Mit Martin Schlosser durch die Zeit

Mit dem „Frauenroman“ ist Gerhard Henschels episches Großprojekt bei Band 11 angelangt

Als sich der Berufsschullehrer und Verbandsfunktionär Wilfried Leyhausen im Spätsommer 1997 mit einer törichten Stellungnahme zur Rechtschreibreform zu Wort meldete, wird es ihm nicht geschwant haben, dass just diese Äußerung 27 Jahre später für seinen Einzug in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur sorgen würde. Der Schriftsteller Gerhard Henschel nämlich, dessen „Frauenroman“ jetzt als elfter Band seiner Martin Schlosser-Chronik vorliegt, ist ein gewissenhafter Archivar zeitgenössischen Unfugs. Und dazu gehört für ihn unbedingt die in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre in Kraft gesetzte neue deutsche Orthographie, als deren Fürsprecher Leyhausen öffentlich auftrat, um sich von Martin Schlosser, Henschels alter Ego, bescheinigen zu lassen, er wisse „offenkundig nicht, worum es ging und worüber er sprach“. Gerne hätte ich nun auch herausgefunden, wann genau die Zeitung erschienen ist, in der Schlosser auf Leyhausens Statement stieß, aber das weltweite Netz verweigert die Aussage. Was nicht weiter schlimm ist, denn auf Gerhard Henschels Archiv ist Verlass.

Der Leyhausen betreffende Absatz findet sich übrigens fast genau in der Mitte des Buches. Das ist insofern signifikant, da Martin Schlosser auf der folgenden Seite von seiner Idee berichtet, einen „Kindheitsroman“ zu verfassen. Kurz zuvor hatte er zum wiederholten Male Walter Kempowskis autobiographischen Roman „Tadellöser & Wolff“ gelesen und festgestellt, dass noch niemand aus seiner Generation sich die Mühe gemacht habe, „einen Kindheitsroman zu schreiben, der es an Genauigkeit mit ‚Tadellöser & Wolff‘ aufnehmen könnte“. Also beschließt er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, und bedenkt sofort mögliche Probleme bei der Materialbeschaffung. Kinderbücher, alte Fernsehserien, Zeitschriften, all  das gelte es zu sichten und in „eine chronologische Ordnung“ zu bringen. Ein respektheischender Plan, zumal in Zeiten, als das Internet noch nicht als bequeme Quelle zur Verfügung stand und historische Forschung in eigener Sache nicht selten körperliche Anstrengungen erforderte. So ist es kein Wunder, dass Henschels „Kindheitsroman“, der Auftakt zur Martin Schlosser-Reihe, erst sieben Jahre später erschien.

An den absurden Neuregelungen der „Rechtschreibreform“ zu verzweifeln, ist freilich nicht die einzige erinnerungswürdige Beschäftigung für einen aufstrebenden Schriftsteller Mitte dreißig. Fleißig schreibt Martin Schlosser für so unterschiedliche Zeitungen wie die „FAZ“ und die „junge welt“, betreibt enzyklopädische Gemeinschaftsprojekte mit Brigitte Kronauer und Eckhard Henscheid und macht sich beinahe nebenher um die literarische Komik verdient. Lesereisen führen ihn an seltsame Orte, gelegentlich sogar ins benachbarte Ausland. Geld ist ein ständiges Problem. Kaum weist sein Konto einen Überschuss auf, fordert das Finanzamt seinen Anteil am Verdienten. Auch der Umzug von Göttingen nach Hamburg verschlingt etliche tausend Mark. (Und ein Literaturpreis, der Schlossers pekuniäre Nöte hätte lindern können, ist nicht in Sicht.)

Ein weiteres Thema sind die vielfältigen Amouren des Erzählers, wie wir sie aus den vorhergehenden Bänden kennen. Neu allerdings, oder sagen wir ungewohnt, ist ein schmerzhafter Liebeskummer, der Schlosser wochenlang unter Appetitlosigkeit leiden lässt. Denn just als er meint, die Dame seines Herzens gefunden zu haben, gibt diese ihm den Laufpass. Das tut nicht nur unserem Helden weh.

Wer sich an die Jahre, von denen der „Frauenroman“ berichtet, noch gut erinnert, wird zwangsläufig zu einer identifikatorischen Lektüre verleitet. Fand man es nicht auch seltsam, dass sich Eckhard Henscheid an einer Festschrift zum 75. Geburtstag des rechtsradikalen Publizisten Armin Mohler beteiligte? Hatte man die Autobiografie der früheren RAF-Terroristin Inge Viett nicht wie Martin Schlosser mit Befremden gelesen? Und sind solche Überlegungen nicht eigentlich literaturfremd?

Natürlich nicht, lautet die Antwort des anteilnehmenden Lesers. Denn was könnte erzählende Literatur Besseres bewirken, als eine, häufig vergnügliche, Nachdenklichkeit zu befördern. In diesem Sinne darf man die Lektüre von Gerhard Henschels monumentaler  Romanchronik wärmstens empfehlen. Und sich darüber freuen, dass sie noch längst nicht an ihr Ende gelangt ist.

Gerhard Henschel: Frauenroman. Hoffmann & Campe, Hamburg 2024. 556 Seiten, 28 Euro.

Siehe dazu zuletzt bei uns von Joachim Feldmann Febrzar 2024: Gerhard Henschel »Schelmenroman« – Ästhetisch konsequent.

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