Geschrieben am 1. Februar 2024 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2024

Joachim Feldmann: Gerhard Henschel »Schelmenroman«

Ästhetisch konsequent

Mit dem „Schelmenroman“ erscheint Gerhard Henschels zehnter Martin-Schlosser-Roman

Am 1. Juli 1996 ist es soweit. Mit der „Wiener Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ wird das Ergebnis von mehr als 25 Jahren Bastelei an der Orthographie zur staatlichen Verordnung. Martin Schlosser ist entsetzt. Als er den neuen Duden aufschlägt, erblickt er eine Hässlichkeit nach der anderen. Dass der Arroganz der Reformkommission argumentativ nicht beizukommen ist, weiß er. Doch das hält ihn nicht davon ab, akribisch die gröbsten Unsinnigkeiten des neuen Regelwerks zu dokumentieren. Deshalb ist der vorletzte Abschnitt in Gerhard Henschels „Schelmenroman“ mit vier Seiten auch eines der längsten Kapitel im zehnten Band seines autobiografischen Martin-Schlosser-Epos. Dass der Autor auch Jahrzehnte später die Vorschriften der „gremiengrauen Grattler“ (Zitat) ignoriert, ist ein ästhetisch konsequenter Akt des Widerstands. Und typisch für Henschel.

Im „Schelmenroman“ begegnen wir Henschels Alter Ego Martin Schlosser, inzwischen Halbtagsredakteur bei der „Titanic“, in vielen Rollen. Als Opfer eines dilettantischen Zahnarztes erregt er unser Mitleid, als unermüdlicher Vortragsreisender gewinnt er unseren Respekt und als enthusiastischer Liebhaber lässt er uns staunen. Ausgesprochen fleißig ist er obendrein.

Wenn ich richtig gezählt habe, erscheinen in den drei Jahren, die die Romanhandlung umfasst, neun Bücher, darunter die mit Wiglaf Droste verfasste Serienmördergroteske „Der Barbier von Bebra“. Zunächst von der TAZ in Fortsetzungen publiziert, sorgt die wüste Satire augenblicklich für Empörung, denn an Bart und Kragen geht es vor allem prominenten Ost-Bürgerrechtlern. Das dürfe nicht ungeahndet bleiben, meinen die Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld und Konrad Weiß und rufen (erfolglos) zum Boykott der Zeitung auf. Kein Problem für den konfliktfreudigen Martin Schlosser. Von anderem Kaliber sind die handgreiflichen Aktionen, mit denen sein Freund und Kollaborateur Droste, der den Zorn autonomer Frauengruppen auf sich gezogen hat, konfrontiert wird. Cancel Culture at its worst gab es also schon Mitte der 1990er Jahre. Man liest und erinnert sich. Die einen machen Spaß und die anderen Ernst.

Martin Schlosser hat sich in diesen Verhältnissen halbwegs komfortabel eingerichtet. Die Arbeit in der „Titanic“-Redaktion lässt ihm genügend Zeit für  Literaturkritiken, Buchprojekte und Freundschaftspflege. Zum Romanpersonal gehören neben Wiglaf Droste Verbündete wie Eugen Egner, Eckhard Henscheid und Max Goldt. Um nur ein paar zu nennen.  Die gröbste finanzielle Not scheint auch überstanden. Honorare werden gezahlt und sogar vom  Finanzamt kommt ein Scheck. Sein Anteil aus dem Verkauf des Elternhauses erlaubt es Schlosser sogar, dem notleidenden Verlag „Weißer Stein“ in Greiz einen Kredit zu gewähren. Was diesen leider nicht retten wird.

So könnte es weitergehen, doch Schlosser ist ebenso traditionsbewusst wie änderungsfreudig. Also gibt er die Stelle bei der „Titanic“ auf und plant einen Umzug von Frankfurt nach, warum auch immer, Göttingen, der sich als logistisches Abenteuer erweisen wird. Um da mitzufiebern, müssen wir nicht verstehen, was unseren Helden antreibt. Das ist echte Identifikation.

Wie die Vorgängerbände ist auch der „Schelmenroman“ sorgfältig komponiert. Kein  Handlungsfaden geht in diesem fabelhaften epischen Mosaik verloren. Eine ziemlich schiefe Metapher übrigens, wie sie dem virtuosen Chronisten und Zitatkünstler Gerhard Henschel nie unterlaufen würde. 

Gerhard Henschel: Schelmenroman. Hoffmann & Campe, Hamburg 2023. 602 Seiten, 26 Euro.

Joachim Feldmann

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