Geschrieben am 1. Oktober 2024 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2024

Frank Schorneck zu »Amor gegen Goliath« von Frank Schulz

Cupid und Covid

Der neue große Roman von Frank Schulz lässt seine Protagonisten zwischen Midlife- und Klimakrise taumeln – von Frank Schorneck

Ganze acht Jahre betrug die Wartezeit auf einen neuen Roman des Dialog- und Dialekt-Akrobaten Frank Schulz. Nach drei fulminanten (Nicht-)Krimis um den noppenbesockten unbedarften Ermittler Onno Viets zeigte Schulz zuletzt 2018 in seinem Erzählungsband „Anmut und Feigheit“, dass er auch in der kurzen Form den Balanceakt zwischen Komik und Tragik vortrefflich beherrscht. Nun holt er wieder weiter aus, nimmt sich über 700 Seiten Zeit, um eine Handvoll Freunde und ein amouröses Trio durch die Wirrungen der Coronazeit und ihre Ups- und (Lock-)Downs zu begleiten.  Ist „Amor gegen Goliath“ also der viel beschworene große Corona-Roman? Vielleicht – und doch ist er so viel mehr. Er ist – und soviel darf man an dieser Stelle vorweg nehmen – ein weiterer Beweis dafür, dass Frank Schulz zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt.

Ein kurzer Prolog führt in den September 2021 und in einen Ferienort auf Südkreta. Am nächtlichen Strand ein Mann und eine Frau: Dr. phil. Philipp Büttner, vierundfünfzig Jahre alt, stellungloser Zeitschriftenredakteur, und Cathrin Weye, einundvierzig, Diplom-Psychologin im öffentlichen Dienst. Aus dem Strandgespräch erfahren wir, dass beide sich an diesem Tag erst kennengelernt haben, dass er verlobt und sie verheiratet ist, dass es – während es zwischen ihnen möglicherweise knistert – in ihren eigentlichen Beziehungen ordentlich knackst. Die nächtlichen Schatten bleiben nicht unbeobachtet…

Das „erste Buch“ des Romans setzt dann rund zwei Jahre vor der Griechenland-Szene ein. Ungewohnt die Erzählperspektive zu Beginn, denn hier steht ein Baum im Mittelpunkt: Alimur Viribus I., eine zweihundertneunzig Jahre alte Stiel-Eiche, die im Laufe ihres Baum-Lebens im Hamburger Umland schon so manches erlebt hat, wird Zeugin des Zusammentreffens eben jenes Philipp Büttner mit einer längst verflossenen Liebe. Ein Beinahe-Unfall hat sich ereignet und aus dem generischen Fahrzeug steigt neben der Ex und ihrem neuen Partner auch ein blonder Junge von acht, neun Jahren. In Büttners Hinterstübchen beginnt das Rechnen… Mit Philipp Büttner ist Schulz wieder ein großartiger Charakter gelungen. Qua Beruf ein Mann des Wortes, belesen, zitierfreudig, eloquent, scharf beobachtend – aber auch selbstverliebt und gockelhaft bis zur Unerträglichkeit. Seine Biographie gliedert er in erotische Episoden, zur besseren Übersichtlichkeit bemüht er eine „Exen-Excel-Liste“. Seit einer Weile ist er nun verlobt und möglicherweise ist es diese Franzi, die den Schwerenöter sesshaft werden lässt. Aber sendet sie eventuell Signale, dass sie einer Menage à Trois mit ihrer besten Freundin (und Büttners Chefredakteurin) Jette nicht abgeneigt wäre? Büttners Bestreben gilt jedenfalls der schrittweisen Auslotung seiner Chancen auf einen Dreier unter Wahrung der finanziellen Vorteile, die das Einheiraten in Franzis gutbetuchte Familie mit sich brächte.

Die andere männliche Hauptfigur, Patrick „Ricky“ Kottenpeter, wirkt auf Schulz-Fans sofort vertraut. Ricky hat die leicht tapsige Unbeholfenheit eines Onno Viets, ein großes Herz und das Talent, im richtigen Moment das Falsche zu tun. Ricky trägt aber auch Züge von Bodo Morten, dem tragischen Helden der „Hagener Trilogie“. Während Büttner von einer unerschütterlichen Eiche beobachtet wird, wird der Erzählstrang um Ricky eingeleitet von Johnny, einem Kohlmeisen-Männchen. Johnnys Revier ist das Gelände einer ehemaligen Zigarrenfabrik am Osnabrücker Gertrudenberg, das sich ein Kindergarten und ein Wohnhaus teilen. In eben jenem wohnt Ricky mit seiner Cathi (Cathrin Weye, s.o.). Ricky ist Musiker – doch die „große“ Zeit seiner Band „Kottenpeters Knötterpötte“ liegt schon lang zurück und er verdient sein Geld nun hauptsächlich mit der Komposition von Werbejingles. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit für das JobCenter ist Cathi ehrenamtlich engagiert bei „Everydays for Future“. Ihr Tagesablauf ist geprägt von Plenumssitzungen, Diskussionsrunden und Demo-Vorbereitungen. Mit ihrer Energie kann Kottenpeter nicht mithalten. Er entzieht sich diesem Teil von Cathis Leben – und entwickelt gleichzeitig eine krankhafte Eifersucht gegen Mario, einen Aktivisten, von dem Cathi in auffallend bewundernder Weise berichtet. Kottenpeter vermeidet das Gespräch mit seiner Frau, stattdessen brütet er in seinem mit Eierkartons ausgeschlagenen Keller eine „mittelschwere“ Depression aus. Während Cathi ihn bei der Arbeit wähnt, verbringt Kottenpeter die Tage auf der Campingliege, stopft sich mit abgelaufenen Dominosteinen voll und suhlt sich in Selbstmitleid und Rachegedanken.

Schulz konfrontiert nun den Hamburger Schürzenjäger und den Osnabrücker Miesepeter mit der Pandemie Auswirkungen. Während Büttner schnell das stimulierende Element von Videokonferenzen mit Jette für sich entdeckt, begünstigt die zwangsverordnete Isolation Kottenpeters Absturz. Seine Selbstmedikation mit Tavor betäubt nicht nur seine Angstzustände, sondern benebelt seine Wahrnehmung komplett. 2021 dann, als Lockerungen der Corona-Maßnahmen zaghaft wieder Auslandsreisen ermöglichen, macht sich Büttner mit Franzi und Jette auf den Weg nach Griechenland – vorgeblich zu Recherchezwecken, aber auch, um zu sehen, ob die Weichen, die er zum Erlangen der ersehnten Dreier-Konstellation gestellt hat, endlich zum Ziel führen. Ricky und Cathi hingegen wollen nicht weniger, als auf Kreta ihre Ehe zu retten.

Während die Handlung für über 700 Seiten erstaunlich überschaubar wirkt, präsentiert sich der Roman sprachlich als ein überbordendes Wimmelbild der Formulierkunst. Frank Schulz ist in den Dialogen – aber auch in den inneren Monologen – so treffsicher wie eh und je. Die sprachlichen Eigenarten und Marotten seiner Protagonisten bringt er überzeugend aufs Papier. Es wird viel geredet und lebendig diskutiert in diesem Roman, ohne dass er jemals „geschwätzig“ wäre. Schulz lässt auch mal Argumente ins Leere laufen, lässt Ungesagtes, Heruntergeschlucktes bedeutungsschwer im Raum stehen. Neben seinem Gespür für gesprochene Sprache kommt zudem Schulz‘ feine Beobachtungsgabe für die Körpersprache seiner Protagonisten hinzu. Ihm entgeht kein Seitenblick, keine wie beiläufig auf der Stuhllehne drapierte Hand, kein rhetorisch-kalkulierter Rückzug, der lediglich das erneute Vorpreschen einleiten soll. Und es gelingt ihm, dass man mit dem unsympathisch-großspurigen Büttner ebenso mitfühlt, wie mit dem völlig aufgelösten Kottenpeter. Nicht nur die Dialoge, (nahezu) jeder einzelne Satz ist fein ziseliert, da ist kein einziges Wort überflüssig. Die kunstvoll gedrechselten Absätze buhlen darum, laut gelesen und genossen zu werden. Frank Schulz beherrscht einen kunstvollen Umgang mit Sprache, der nicht manieriert daherkommt, sondern von Humor und Witz durchzogen ist, und manchmal fast schon beiläufig erscheint.

Gleichzeitig ist „Amor gegen Goliath“ ein für Frank Schulz überraschend politisches Buch. Klar: Auch die Diskussionskultur in Aktivistenkreisen, ihre Phrasen und Attitüden stellt er bloß – aber er verschleiert nicht, wo seine Sympathien liegen. So ist es bei Kottenpeter nicht allein die Eifersucht, die ihn verzweifeln lässt, sondern auch die Konfrontation mit all den Fakten zum Klimawandel, die ihn dank Cathi ständig umgeben. Die Untergangsszenarien, die Cathis Aktivismus befeuern, lähmen Ricky. Und auch Büttner, der für eine Story einem Internetphänomen namens „Konfusius“ nachjagt (einem Mann, der in ebenso wortgewaltigen wie absurd inszenierten Videos Umweltsünden der Menschheit anprangert), erkennt, dass seine Triebsteuerung dem Verdrängen größerer Probleme gilt. Fast nebenbei entlarvt Schulz so manchen Netzbeitrag von Klima- und/oder Corona-Leugnern in seiner Mischung aus Bräsigkeit und gefährlichem Unterton. Unzweideutig eindeutig sind die kurzen Passagen, in denen eine strahlende Nebenfigur des Romans das Wort erhält: Hans-Otto Röver, eine lebende Journalistenlegende, entlarvt zum Beispiel den TV-Satiriker Billy Meyer, dessen reales Vorbild anhand eines billigen Greta Thunberg-Witzes leicht zu enträtseln ist, als „Arschgeige“. Dieser Röver, stets ein Mann klarer und harter Worte, zeigt sich ungeahnt verletzlich, wenn es um die Zukunft seiner Kinder geht, deren Perspektiven düster sind.

Dass zwischen all dem Dialogwitz die Passagen aus der Perspektive des Baumes und des Vogels nicht wie Fremdkörper wirken, liegt an Schulz‘ Auge für Details. Mit diesen Perspektiven gibt Schulz Einblick in Welten, in denen die sich so wichtig nehmenden Menschen nur Nebenrollen einnehmen. Alimbur, der Baum, wegen seines überschaubaren Radius und Handlungsrahmens auf eine wirklich nur kleine Rolle im Handlungsstrang beschränkt, hat bereits Generationen von Menschen um sich herum erlebt und wird dies noch viele Generationen so tun, wenn die Sommerdürre und andere Umwelteinflüsse dem kein vorzeitiges Ende setzen. Mit Johnny wiederum wird der Blick auf ein Innenhof-Biotop eröffnet, das neben alltäglichen Sorgen kaum wahrgenommen wird. Hier kommt die Natur zu Wort, um deren Rettung es in so vielen Aktionen und Sitzungen geht – und die gut ohne Menschen auskommen könnte. Und Kottenpeter, der bereits an der vergleichsweise kleinen Aufgabe scheitert, Meisenknödel zu kaufen und aufzuhängen, wird sich umso bewusster, wie hilflos er der Zerstörung von Lebensräumen gegenübersteht.

„Amor gegen Goliath“ ist ein hochaktueller Roman, der die großen Themen unserer Zeit – die Klima-Krise, die Verwerfungen der Corona-Pandemie, die Destabilisierung und Spaltung unserer Gesellschaft durch soziale Medien, aber auch die Zunahme psychischer Probleme – aufgreift und verarbeitet. Dies alles auf eine höchst unterhaltsame Weise. Darf man das? Man muss!  

Frank Schorneck

Frank Schulz: Amor gegen Goliath. Galiani-Berlin, Köln 2024. 752 Seiten, Hardcover, 32 Euro

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