Posted On 15. November 2017 By In Bücher, Crimemag With 775 Views

Tom Franklin: Smonk

61c6MNrDYTLSodom und Gomorra Reloaded

 Von Katja Bohnet

Körperflüssigkeiten

Ladies and Gentlemen: Tom Franklin is in the house. Wer den Roman „Smonk“ liest, sollte vorsorglich einen Schutzanzug tragen. Es wird schmutzig und wild. Helden und Antihelden waten durch Blut, Scheiße und Rotz. Pisse, Galle und Gehirnwasser. Auswurf, … die Liste könnte endlos sein. Ein Werk der Körperflüssigkeiten. Sie spritzen, laufen, tröpfeln. Der Mensch besteht aus Flüssigkeiten. Tom Franklin hat ihnen ein Denkmal gesetzt. Wer denkt, mit reinem Splatter wäre es bereits getan, irrt. Franklin reichert das Gemetzel mit passgenauen Pointen und einem feinen Gespür für Schauplätze und Figuren an. Wenn das nicht wäre, diese weichen Momente, in denen jede Figur ganz Mensch und nicht nur Monster ist, wäre jedes Wort verschenkt.

Massaker

Aber treten wir einen Schritt zurück, wie es guter Kunst gebührt: Alabama, 1911. Dem einäugigen Farmer Smonk, einem stinkenden, brutalen, todkranken Mann, soll der Prozess gemacht werden. Er drangsaliert eine ganze Stadt, die voll mit Bürgerkriegs-Witwen ist. Das sichere Todesurteil kann leider nicht gesprochen werden, weil die Versammlung eskaliert. Sie endet in einem Massaker. Beinahe jeder, der Smonk lieber tot als lebendig sehen will, bezahlt dafür mit seinem Leben. Zum Einsatz kommt auch ein Maschinengewehr, das alles und jeden niedermäht. Nur ein schwer verletzter Gerichtsdiener überlebt, der Smonk stellen will, da dieser auf der Flucht auch noch seinen Sohn entführt. Die Witwen unterstützen ihn. Zum Beweis seine Erfolges soll er ihnen Smonks Glasauge bringen, das ohnehin ständig durch die Gegend rollt. Dieser Frauenschänder Smonk darf nicht davonkommen.

Ficken $1

Wir kennen den Übeltäter, dazu einen Rächer plus starkes Movens „Vater sucht Sohn“. Gießen Sie einen Eimer Blut darüber, und der Grundplot steht. Aufzug, zweiter Akt. Richtig. Eine Eva fehlt. Sie heißt Evavangeline, ist fünfzehn Jahre alt, hat Hasenzähne und prostituiert sich, wie es ihr gefällt. Sie kassiert immer $1, egal wofür. Wer ihr dumm kommt, wird einfach umgebracht. Das Kind mag zerbrechlich wirken und wie ein Junge aussehen, aber sie macht keine halben Sachen, wenn sie sich einen Mann vom Halse schaffen will. Da wird dem unerwünschten Freier schon mal mit einem Revolver der Kopf weggeblasen, am besten gleich zwei Mal, weil das besser als einmal hält. Und so stockt die Vergewaltigung:

„Warte“, grunzte er, „ich komme gleich zum Schuss -.“

Tat er aber nicht.

Danach wird der Tote noch entmannt. Blutfontäne, usw. und sofort. Frei nach Napoleon: Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. In dem Namen Evavangeline steckt der Name Eva, die erste aller Frauen, die von Gott erschaffen wurde. Und das Evangelium, die Heilsbotschaft. Evavangeline, die Grausame, ist vorbestimmt. Wofür, wird sich herausstellen. Tom Franklins minderjährige Heldin ist wie viele ihrer Vorgängerinnen paradox gestrickt. Sie muss Projektionsfläche, Madonna und Hure zugleich sein. Sie schlägt sich im wahrsten Sinne durch. Zunächst skrupel- und ziellos, später mit einer Aufgabe. Sie will anderen Kindern das Leben retten.

So ist das in einem Western. Einer spielt immer die Mundharmonika.

evaAngebot, Nachfrage und Krieg

Natürlich polarisiert Franklin, übertreibt, aber stets lustvoll und intelligent. In dieser Maßlosigkeit liegt die Wahrheit. Sie ist blutbeschmiert, und zieht noch blank. Alle Männer wollen nur das nächstbeste Weib besteigen. Entlarvend, wie der Sohn des Gerichtsdieners stets sein „Teufelswerkzeug herausholen und die Bibel missachten“ muss. Wie er die minderjährige Hure wegen eines Missverständnisses „Jesusmaria“ nennt und ihr wie ein Hündchen folgt, diesem Mädchen, das doch so viel mehr vom Leben weiß als er. Alle verfallen der Kleinen. Auch der Anführer der christlichen Deputys, der vielleicht so etwas wie der Don Quixote dieser Erzählung ist. Stets bemüht, Nächstenliebe zu üben, nicht zu fluchen. Der sich selbst mit dem Trinken seines eigenen Urins bestraft, wenn er unkeusche Träume hat. Dieser christliche Deputy versucht also, seinen schlicht gestrickten Männern das Wort Metapher beizubringen. Franklin treibt den absurden religiösen Helden auf seinem Pferd so weit, dass er einer schlauen Pensionswirtin in einem Akt der Nächstenliebe seine Stiefel überlässt. Sie bedankt sich bei ihm, indem sie ihn hinter seinem Rücken „Arschloch“ nennt. Das IST komisch. Und es ist diese Mischung aus aufbrechenden Wunden, Urgewalten, gebrochenen Tabus und Witz. Packend und unterhaltsam formuliert, was auch Werk eines guten Übersetzers ist. Franklin selbst hat seine Klassiker gelesen. Dieses Spiel mit Zitaten verleiht dem Roman Tiefe und Eleganz.

Die Brutstätten des Übels

Stets an der Grenze zum Horror sind Franklins Szenarien aufgebaut. Explosiv und überraschend. Die Landschaften dieses Romanes wirken unwirtlich, die Städte wie Kulissen, hinter denen Dunkles lauert. Gebäude können nur Büchsen der Pandora sein. Man öffnet besser keine Haustüren. Sodom und Gomorra lassen grüßen. Keine Figur ist böse oder gut. In Franklins Welt kann es nur Opfer geben. Jeder wird zum Täter, schlägt sich durch. Die Guten waren Verbrecher oder umgekehrt. Manche kriechen auf allen Vieren bis zum letzten Atemzug, Gewinner gibt es nicht. Auch wenn sich Smonk zum Bösewicht par excellence eignet, bevorzugt das Übel eine andere Brutstätte. Es kommt nicht durch einen einzelnen, sondern durch eine kranke Gesellschaft in die Welt.

„… sein eigenes Rasiermesser blitzte und schlitzte dem Pächter die Kehle auf, … ehe der Pächter begreifen konnte, dass der Tod heute die Farbe eines Negers hatte.

„Das ist nicht fair“, quiekte er.

Ike trat beiseite, als der andere umfiel.

„Fair“, sagte er, „als ob es sowas gibt.“

Franklins literarisches Schlachtfeld ist ein feines Lehrstück über das, was Menschen anderen antun können, wenn Krieg und Krankheit wüten. Über die Normalität von Perversion. Wie schnell sie zum Konsens wird, wenn es keine moralischen Instanzen mehr gibt. Welche Rolle Religion darin spielen kann. Über Ironie und was Sublimierung im besten Freud’schen Sinne verbocken kann. Nicht zu vergessen: Diese Groteske begibt sich in Amerika.

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Machen wir uns nichts vor: Smonk ist vordergründig ein klassischer Männerroman. Bemüht man das Klischee. Mit allem, was Männerherzen schneller schlagen lässt: Southern Gothik, Country Noir, wilden Schießereien, Horrorelementen, großen Knarren, kargen Landschaften. Manche mögen McCarthys Herzschlag hören, wenn sie Franklin lesen. Aber in der Mitte dieses Romanes steht eine Frau. Oder liest man sich das als Leserin nur schön? Franklins Humor entlarvt die Männergesellschaft und die der Frauen zugleich. Da bricht die Konvention. Hier wird es „desmonkratisch“. Hier öffnen sich die Grenzen des Klischees. „Smonk“ ist eine Parabel darüber, dass Menschlichkeit oft an den unmenschlichsten Orten zu finden ist. Franklins Figuren reiten über blutgetränkten Boden. Weil das Morden immer eine Geschichte hat. Diese Menschen sind Amputierte, Kranke, Suchende, Verwirrte, Traumatisierte und doch Kämpfer wider Willen. Aber in ihrer Abweichung von der Norm handeln sie in diesem vom Himmel gefallenen Kosmos völlig normal. Natürlich endet die Geschichte in einer Tragödie von biblischen Ausmaßen. Sex, Gewalt, Tod, Rausch und Religion. Aber nur mit den Mitteln der Komödie wächst der Text über sich hinaus. Wer sich die Mühe macht, Franklins Buchstaben aus diesem Massengrab zu bergen, entdeckt darunter das Herz eines Überlebenden. Es schlägt noch. Stark und warm.

Katja Bohnet

Tom Franklin: Smonk (Smonk, 2006). Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl, mit einem Vorwort von Frank Nowatzki. Pulp Master, Berlin 2017. 310 Seiten, 9,99 Euro.

Lesehinweis auf Alf Mayers zweiteiliges Porträt von James Carlos Blake:
CrimeMag, September 2013: Odysseus in Amerika
CrimeMag, Oktober 2013: Grenzgänger, Outlaws, Heimatlose

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