Posted On 4. November 2015 By In Bücher, Film/Fernsehen, Litmag With 2461 Views

Sachbuch: Georg Seeßlen: Der Filmemacher Christoph Schlingensief

Seeßlen_Filmemacher Schlingensief„Mit der Faust auf die Leinwand“

— Immer einen Schritt weitergehen, als es die Vernunft gebietet. Es ist ein wenig wie ein gerade überstandener Hochseillauf, wenn man in den Abgrund Christoph Schlingensief geschaut hat – und sei es als Lektüre. Ein x-beliebiges Kapitel aus Georg Seeßlens „Der Filmemacher – Christoph Schlingensief“ genügt, um einen schwindlig zu machen. Abgründe und lichte Höhen, ein Verrücken der Perspektiven und Gewissheiten. Da legt einer die Axt an uns. Immer wieder, unermüdlich. Unglaublich oft in so einem kurzen, reichen Leben. Von Alf Mayer.

Hier bei LitMag gibt es eine persönliche Erinnerung an die Theateraktion „Bahnhofsmission – Sieben Tage Notruf für Deutschland“ im Oktober 1997 im und um das Schauspielhaus Hamburg. Sieben Tage und Nächte harrte Schlingensief aus in seiner Bahnhofsmission in der Ex-Polizeiwache 11 in St. Georg, verteilte Suppe, bot ein Mikrophon, sprengte gewohnte Theatererfahrungen. Er ging auf die Straße, in die Kirche, in die Peepshow, um mit jedem öffentlichen Auftritt mehr Beglückte und Verwirrte zurückzulassen. „An einem Abend, der als Theaterabend angekündigt war, ging er mit allen Besuchern in die Katakomben unter dem Hauptbahnhof. Dort dann in einen Atomschutzbunker mit Betten und allem. Dann wurde die Tür verschlossen. Und das Licht gelöscht. Es sind einige Leute durchgedreht, und er hat dann mit denen und uns über Ängste und Tod und Leben usw. gesprochen. Es war ein sehr intensiver Abend und unvergesslich“, erinnert sich CulturMag-Mitherausgeber Jan Karsten.

Seltenes Bekenntnis: Das Kritikerherz jauchzt

Ich kenne fast alle Bücher von Georg Seeßlen, dieses ist sein schönstes. Das in vieler Hinsicht, auch die Gestaltung ist ein Fest: Schönheit der intensiven Befassung mit einem Künstler, Schönheit des Durchdringens, der Gedanken, Hinweise und Erkenntnisse. Schönheit des tabufreien Denkens, der Radikalität des Hinschauens und der Fragen, die sich daraus stellen – vor allem auch Schönheit der neidlosen Anerkennung eines großen, von vielen als Krawallmacher und Trash-Autor abgetanen, nur 50 Jahre alt gewordenen Jahrhundertkünstlers. In Georg Seeßlen hat er seinen Biographen und Ideal-Kritiker gefunden, der in ihm seinen Ideal-Künstler: Immer einen Schritt weitergehen, als es die Vernunft gebietet.

Jetzt im Oktober 2015 hat Christoph Schlingensief posthum den Konrad-Wolf-Preis erhalten. Die Laudatio von Georg Seeßlen findet sich nebenan in dieser LitMag-Ausgabe. Seeßlen geht darin offen mit seinen Affekten für Schlingensief um, nennt ihn oft einfach Christoph: „Mein Kritikerherz hat gejauchzt bei seinen Filmen, weil jeder von ihnen ein Akt der Befreiung war, eine Neuerfindung des Kinos. All das, was man ansonsten mühsam abschälen muss, die Industrie, das Genre, die Filmgeschichte, die Erwartungen von Publikum und Kritik, der Schatten der großen Meisterinnen und Meister, das, was man lernen muss über Drehbuchschreiben, Inszenieren, story telling, Schnitt usw. und möglichst auch wieder vergisst, die Konvention und den Kanon, das alles findet sich in diesen Filmen nicht. Sie sind reine Substanz, Dokumente eines Vorstoßes zum Kern des Bildermachens, Filme, die in jeder Einstellung offenbaren, womit man Filme macht …“

Georg Seeßlen by Guido Alfs

Georg Seeßlen © Guido Alfs

Der panoramische Blick

Georg Seeßlen, Jahrgang 1948 und in München Kunstgeschichte und Semiologie studiert ist einer der letzten Enzyklopädisten unserer Tage. Die Bandbreite seiner sensibilité universelle, wie das bei Diderot geheißen hätte, spiegelt sich in seinen Arbeiten, sei es zum pornografischen oder zum Cop-Film, überhaupt alles mit Film, von Spielberg, Tarantino, Kubrick oder David Lynch bis Schlingensief, überhaupt Schlingensief, dazu Kritisch-Erhellendes über Untote, Volksmusik, Populär- und Hochkultur, Kriegsbilder, televisionäre Dummheiten oder Rechtsextremismus, Blödmaschinen und Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld, die Prostitution Bayerns durch den Fremdenverkehr und alles Sonstige aus unserem Wahnsinn, überhaupt dem Wahnsinn. Dazu ein Blog mit dem Titel „Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn“, einem Archiv auf der website getidan.de und ein Schädel, der in keine Schublade passt. Seeßlen wohnt im Allgäu – und ist trotzdem weithin präsent.

Der Enzyklopädist Seeßlen, als Maler nicht verkäuflich, als Musiker zu ungenau, vom Bildhauen zu schweigen, kommt dem Filmemacher Schlingensief nicht nur über die Begriffsinstrumente der Filmkritik nahe. Intermedialität ist das Stichwort: Theaterarbeit, Bildende Kunst, Fluxus und Film, das Akausale, die Hysterie, das offene Kunstwerk, Film und Theater, Film als Soziale Plastik, Schlingensiefs Operndorf in Afrika, Trash, Ready Mades, das sich selbst fortzeugende Kunstwerk sind Expeditionspunkte, von denen aus er seinen Schlingensief erkundet. Der arbeite an einem Animatographen, einer Weiterentwicklung der Seherfahrung des Kinos. (Schlingensief war beim Experimentalfilmer Werner Nekes in die Lehre gegangen.) Da gibt es Exkurse über das spielende Kind, über Parade und Totentanz, über nomadische Kunst oder das Vulgäre, kluge Bemerkungen zur Anwesenheit des Künstlers in seinem Werk oder über das Scheitern, überhaupt unglaublich viele kluge Bemerkungen, die aber so, dass man sich nicht belehrt, sondern bereichert fühlen kann.

451-Schlingensief 100J+KS2.qxdDie Matrazen auf dem Boden….

Georg Seeßlen: „Ein erster, registrierender Blick auf die Kunst von Christoph Schlingensief sagt: Dies ist Karnevalisierung in ihrer ursprünglichen Form, nämlich als Reflex auf Unterdrückung und Heuchelei, auf ein Auseinanderfallen von Herrschaft und Ordnung, von Ordnung und Recht, von Recht und Gerechtigkeit, von Sprache und Gesprochenem, von Abbild und Sinnbild, von Preis und Wert usw.“

Auf vielfältige Weise macht Georg Seeßlen in diesem klugen, schönen Buch anschaulich, welch eine Künstlerpersönlichkeit dieser Christoph war. Schon erstaunlich, wie viele Menschen dieser Apothekersohn aus Oberhausen berührt und beeindruckt hat. Einmal konnte ich das in einer besonderen Situation aus der Nähe erleben – bei der Beerdigung meines Freundes Alfred Edel. „Weißt du“, hatte der mir mal nach einer Berlinreise und einem Dreh mit „dem Christoph“ erzählt, „eigentlich bin ich für diese Wohngemeinschaften und diese Matratzen direkt auf dem Boden viel zu alt, aber der Christoph ist halt so. Da mach ich das. Aber nur für den.“ Schlingensief sprach dann auf der Beerdigung in Frankfurt so anrührend über den toten Alfred Edel, dass auch ein Alexander Kluge ihn danach in den Arm nahm, ihm mit höchstem Respekt begegnete.

Das Vorwort in Georg Seeßlens Buch stammt von Dietrich Kuhlbrodt, Oberstaatsanwalt a.D. zu Hamburg, der beruflich Naziverbrecher jagte, als Filmkritiker ein Faible für alles aus dem Underground hatte und 20 Jahre lang in vielen Schlingensief-Filmen und bei vielen Aktionen mitmachte. Kuhlbrodt: „Okay, schauspielern kann ich sowieso nicht. Nie gelernt. Ich selbst aber als der Erwachsene, wie ich ihn seit 1968 immer gehasst hatte? Aber nun, hallo! – ich konnte mein Haßobjekt aus mir rauskitzeln. Ich hab erst spät gemerkt, wie hilfreich Schlingensiefs Kamera dabei war. Er hatte sie in der Hand und verfolgte das Treiben seiner Darsteller. Nie mußte ich für die Kamera spielen. Sie war mir stets egal. Nein, so stimmt der Satz nicht. Es gab schon Momente, in denen ich angesichts der Kamera vor Schlingensiefs Bauch, sozusagen angesichts dessen expanded Körper, exzessive bis unkontrollierte Gefühle entwickelte.

In „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) lief ich mit der Kettensäge einer Ossifrau nach. Sie kreischte. Die Säge auch. Man hätte die Kettensäge auch abschalten können (und den Ton später einmischen). Aber dann wäre der Exzess nicht gewesen. Ich stolperte also über Stock und Stein durch eine wüste Industriebrache. Schlingensief schlingerte in der Hocke rückwärts, die Kamera vorm Bauch. Ich sah nicht auf meine Füße, sondern aufs Objektiv. „Näher!!“, schrie Schlingensief. „Viel näher! Stell dir vor, du schneidest mit der Säge in den Balg!!“ Damit hatte er mich. Gut, er sollte es haben. Und wenn er was abkriegt, dann kriegt er’s. – Schlingensief war mit der Mordlust in meinem Gesicht zufrieden.“

Ein nicht geringes Verdienst des sorgsam gestalteten Buches – endlich ein angenehmer Satzspiegel und ein Layout, das passt wie der richtige Kasch im Kino – ist die weithin vollständige Filmografie, sind Plakate, überlegt gewählte Illustrationen und gut gesetzte Schlingensief-Zitate.

Eines von ihnen und ein prächtiges Schlusswort: „Kunst kennt keine Sieger, also breche ich die Veranstaltung ergebnislos ab.“ (Christoph Schlingensief)

Alf Mayer

Dietrich Kuhlbrodt, 1932 in Hamburg geboren, ist Jurist, Autor und Schauspieler. Als Oberstaatsanwalt und Autor beschäftigte er sich über lange Jahre mit der Verfolgung von Naziverbrechen. Seit 1957 ist er als Film- und Theaterkritiker auch journalistisch tätig. 2002 veröffentlichte er seine Lebenserinnerungen („Das Kuhlbrodtbuch“, Verbrecher Verlag). Mit Christoph Schlingensief verband ihn eine lange Freundschaft. Er spielte in den meisten Schlingensief-Filmen und nahm auch an dessen Aktionen teil. Mehr auf der Homepage.

Georg Seeßlen: Der Filmemacher – Christoph Schlingensief. Mit einem Vorwort von Dietrich Kuhlbrodt und der ersten vollständigen Filmographie. getidan Verlag, 2015 (für postalische Bestellungen: Leipziger Straße 47, 10117 Berlin). Paperback, viele s/w und Farbillustrationen. 224 Seiten. 23,00 Euro.

Für eine Bestellung außerhalb amazon: ISBN 978-3-9816715-3-7 (getidan). Buchbestellung nur im getidan shop (ohne Versandkosten / Einzelbestellung).

Informationen zum Buch und Leseprobe hier. Der Blog von Georg Seeßlen, „Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn“. Sein Haus-Magazin getidan.de hier.
(Buchcover © getidan Verlag, unter Verwendung eines Fotos von Eckhard Kuchenbecker.)

 

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