Posted On 3. Mai 2016 By In Bücher, Litmag, News With 2340 Views

Sachbuch: Christian Adam: Der Traum vom Jahre Null

adam_Traum Jahre Null cover„Weil wir so brav sind …“

Die große Studie von Christian Adam über die Neuordnung der deutschen Bücherwelt in Ost und West nach 1945 ist für Alf Mayer ein Anlass, an den Widerstandskämpfer, Exilanten und Nachkriegsverleger Karl Anders zu erinnern und damit damalige Strukturen sichtbar zu machen. Christian Adams Buch ist nicht nur eine spannende, sondern auch eine kultur- und zeitgeschichtlich erhellende und wichtige Lektüre.

Der Traum vom Jahre Null, ich kannte ihn aus den Unterhaltungen mit dem Vater einer Freundin. Über die Jahre gelang es mir, ihn immer mehr von der Verlagswelt nach dem Zweiten Weltkrieg ins Erzählen zu bringen. Ins Erzählen von einer Zeit, über die er nicht so ganz gerne redete. Eine Zeit, in der er als ehemaliger Widerstandskämpfer und dann Emigrant mit einem Traum und einem Vorhaben zurück nach Deutschland gekommen war – nämlich die Deutschen der Jahre Null mit „demokratischer Literatur“, wie er es nannte, bekannt zu machen. Dazu gehörten für ihn neben Oskar Maria Graf, Theodor Plievier und anderen Exil-Literaten, neben John Dos Passos, Victor Gollancz oder B. Traven auch die Kriminalromane von Hammett, Ambler, Household oder Chandler: „Ein autoritäres System kennt den privaten Ermittler nicht, geschweige denn seine Zivilcourage.“

Karl Anders, der im kommunistischen Untergrund der Nazi-Zeit seine Identitäten so oft gewechselt hatte, dass er den Tarnnamen „Anders“ schließlich zu seinem offiziellen machte, war einer der frühen linken Verleger Westdeutschlands, ein äußerst rühriger dazu. Sein Verlag aber im ursprünglichen Ansatz und Anspruch überlebte das Gründungsjahrzehnt nicht, auch sein eigenes – wichtiges und einzigartiges – Buch „Im Nürnberger Irrgarten“ von 1946 versandete mehr oder weniger.

33KarlAndersIm Nürnberger Irrgarten

Unmittelbar nach der Kapitulation des Deutschen Reiches war Karl Anders als einer der allerersten Emigrations-Heimkehrer in britischer Offiziersuniform und als Begleiter des BBC-Chefs Allan Bullock durch das zerstörte Deutschland gereist und kurze Zeit später endgültig zurückgekehrt. Als Deutschlandkorrespondent der BBC beobachtete er die „Nürnberger Prozesse“ gegen die Nazi-Kriegsverbrecher vom ersten bis zum letzten Tag, fasste das 1946 zum Buch „Im Nürnberger Irrgarten“ (Control license US-E-149 1946) zusammen. Es ist nicht nur wegen seiner politischen Analyse zeitlos geblieben. Karl Anders differenzierte und versuchte Innenleben und Mechanismus des Faschismus zu ergründen. Er ging mit den entsprechenden Kapiteln in die Gefängniszellen, ging zu Speer, Papen, Schacht, Fritzsche und den anderen, brachte die Gespräche über Schuld und Gewissen in den Text ein. Auch das Problem der „Kollektivschuld“ (die er verneinte), registrierte der politisch wache Publizist schon im Gerichtssaal.

Absoluter Renner seines Nest-Verlags war damals Paul Serings (i.e. Richard Löwenthal) Buch „Jenseits des Kapitalismus. Eine sozialistische Bestandsaufnahme“. Eine viel zu geringe Papierzuteilung und eine halbe Million Vorbestellungen  gab es dafür im Frühjahr 1948. Mit den großen Auflageträumen aber war es am Montag, den 21. Juni 1948 ziemlich vorbei: Die „Währungsreform“, allgemein erinnert als DAS positive Datum unserer Republik, trat in Kraft. Sie veränderte den Buchmarkt und die politische Kultur entscheidend.

Bücher plötzlich teurer als ein Ei

Die alte Währung „Reichsmark“ wurde außer Kraft gesetzt. Jeder Deutsche erhielt lediglich 40 Deutsche Mark, einen Monat später nochmals 20 DM. Das Ergebnis dieser Radikalkur, noch heute gefeiert als Geburtsstunde des westdeutschen Wirtschaftswunders und Wurzel der politischen Stabilität, war für Verleger, vor allem solche wie Karl Anders, verheerend. „Politische Bücher gingen nicht mehr. Vorher hatte man zehn Mark ausgegeben für ein Buch. Das war ein Klacks. Ein Paket Tabak kostete 200 Reichsmark, ein Pfund Kaffee 400 und eine Zigarette zehn Reichsmark. Plötzlich waren zehn Mark ein Vermögen. Für zehn Mark konnte man nicht mal ein Ei auf dem Schwarzmarkt kaufen.“

Die Vorbestellungen auf das Sering-Buch wurden selbst von Gewerkschaften zu Hunderttausenden storniert. Gleichzeitig fielen die Lizenz-Beschränkungen, all die alten Verlage drängten mit Belletristik und mit Geschenkbüchern zu Kommunion und Konfirmation auf den Markt. Politische Bücher, beinahe das komplette Nest-Programm, „gingen von einem Tag zum anderen nicht mehr“. Karl Anders wurde von der freien Marktwirtschaft dazu gezwungen, zum „Gemischtwarenhändler, zum Tausendfüßler zu werden“.

1_Nest_VerlagHandfeste Literaturgeschichte

Mir wird immer gegenwärtig bleiben, mit welch erkalteter Grimmigkeit Karl Anders von den Buchmarktrealitäten der Nachkriegszeit sprach. Ein Verlag als publizistisches Medium, das interessierte ihn ab Mitte der fünfziger Jahre nicht mehr so sehr, er fand andere Ausdrucksmöglichkeiten, etwa als Geschäftsführer der „Frankfurter Rundschau“, dann als Redenschreiber und Wahlkampfmanager Willy Brandts. Für immer wird es sein Verdienst bleiben, Hammett, Chandler, Ambler und andere nach Deutschland gebracht zu haben – und sich als Exilant in den „Nürnberger Irrgarten“ begeben zu haben.

Nach der Lektüre von Christian Adams großer Recherche „Der Traum vom Jahre Null. Autoren, Bestseller, Leser: Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945“ ist mein Respekt vor Karl Anders noch gestiegen. Ebenso mein Verständnis dafür, dass und warum er scheiterte. Scheitern musste. Dies ist ein wichtiges Buch für jeden, der sich für die Fundamente und die Kulturgeschichte des heutigen gesamtdeutschen Buch- und Verlagswesens interessiert. Es ist eine Literaturgeschichte der handfesten Art, nicht an der „Höhenkammliteratur“ orientiert, nicht so sehr an den Spuren der „Gruppe 47“, sondern weit mehr am Massengeschmack und an deutschen Mentalitäten. Dies in Ost und West. Das ist das Besondere. Nicht genug empfehlen kann man auch Christian Adams Vorgängerbuch „Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich“ (Galiani, 2010). Die beiden Bücher sind miteinander verzahnt, so wie auch Autoren, Verlage und Leser der Hitler- und der Nachkriegszeit ihre Brüche und Kontinuitäten haben.

adam_Kirst 08_15 coverVon Neuanfang konnte kaum die Rede sein

Adams detailreicher Arbeit liegt ein erweiterter Literaturbegriff zugrunde, er schließt Sachbücher, Dokumentarisches und seriell hergestellte Heftromane mit. Grundlage des Buches ist eine virtuelle Bestsellerliste. Sie umfasst rund 400 Buchtitel der frühen Nachkriegszeit, die mit 100.000 oder mehr Exemplaren erschienen sind. „Traditionalistische oder rückwärts gerichtete Tendenzen dominierten das literarische Feld der jungen Bundesrepublik“, analysiert Christian Adam. Unter den 16 Büchern, die bis Anfang der sechziger Jahre in Westdeutschland jeweils über eine Million Exemplare Gesamtauflage erreichten, finden sich nur zwei Werke von Emigranten – von Thomas Mann und Erich Maria Remarque. In der frühen DDR waren die Verhältnisse kaum anders, auch der Anteil „systemnaher“ Autoren lag kaum niedriger als im Westen.

Auch damalige Literaturpreise lassen sich durchaus als „Wegweiser in die Restauration“ bezeichnen. Von über 200 zwischen 1945 und 1957 in Westdeutschland verliehenen Literaturpreisen ging lediglich ein gutes Drittel an Autoren aus dem Exil oder an jüngere Schriftsteller, die als unbelastet von der Nazi-Zeit gelten konnten. Fast zwei Drittel der Preisträgerinnen und Preisträger waren der Inneren Emigration zuzurechnen oder gar als Nazi-systemnah zu bezeichnen. Fazit: „Von einem voraussetzungslosen Neuanfang konnte kaum die Rede sein“, konstatiert Adam für Ost und West.

 Von den Feldpostausgaben zu den Rotationsromanen

Während im Westen nach Währungsreform und Abflauen der Reedukationsbemühungen eine strikte Marktorientierung die Angebotspolitik der Verlage bestimmte, wurde im Osten die Literaturpolitik institutionalisiert. 1950 wurde die „Verordnung zur Entwicklung einer fortschrittlichen demokratischen Kultur des deutschen Volkes und zur weiteren Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Intelligenz“ erlassen, 1951 ein „Amt für Literatur und Verlagswesen“ eingerichtet, aus dem dann ab 1958 die „Hauptverwaltung Verlagswesen“ wurde.

Die Gegensätze und Gemeinsamkeiten, die Propagandakriege und den teils frivolen Austausch zwischen Ost und Ost (Kapitel „Schick auch ein Buch nach drüben!“) beleuchtet Adam entlang von Büchern – vom „Tagebuch der Anne Frank“ bis zur „08/15“-Trilogie von Hans Hellmut Kirst, von Anna Seghers und Bruno Apitz bis Heinz G. Konsalik und Harry Thürk. Josef Martin Bauers „So weit die Füße tragen“ kommt ebenso vor wie Hugo Hartungs „Ich denke of an Piroschka“, John Knittels „Via Mala“ oder die „Angelique“-Romane. Es entsteht eine anschauliche Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit, die Linienziehungen sind interessant und erhellend. Etwa die Vorliebe für die lieber dann doch fernere Vergangenheit  in „Götter, Gräber und Gelehrte“ oder das Medium Taschenbuch. Adam sieht die Feldpostausgaben des Zweiten Weltkriegs als Paten und Geburtshelfer der deutschen Nachkriegs-Massenauflagen. Gemeinhin gelten Ernst Rowohlts „Rotationsromane“ als die Vorläufer unserer Taschenbücher, die aber hatten als direkte Vorfahren die in großen Auflagen gedruckten Feldpostausgaben der erfolgreichen und politisch erwünschten Bücher der Nazi-Zeit. Diese Massenauflagen für die Wehrmacht haben gar manchen Verlag groß gemacht.

Plievier Stalingrad_rororo906Bertelsmann etwa, aber auch viele andere

Bertelsmann etwa wurde zum wichtigsten Lieferanten der Wehrmacht, hatte den W. Kohlhammer Verlag in Stuttgart, den Partei-Verlag der NSDAP und das Bibliographische Institut in Leipzig als schärfste Konkurrenten. Als erster Umsatzträger für die neu-alte Publikationsform Rotationsroman diente Ernst Rowohlt ab Mai 1947 Theodor Plieviers „Stalingrad“. Plevier hatte dafür als Exilant in Moskau abgefangene Feldpostbriefe deutscher Soldaten auswerten und mit gefangenen deutschen Offiziere Interviews führen dürfen. Während sein Plädoyer „Über die Freiheit“ bei Karl Anders in der amerikanischen Besatzungszone erschien, wurde „Stalingrad“ zum ersten Bestseller des Ostberliner Aufbau-Verlags, erreichte in kürzester Zeit eine halbe Million verkaufter Exemplare und war deshalb für Ernst Rowohlt in der britischen Zone interessant. Dort gab es als Papierzuteilung nur Zeitungspapier, deshalb wurden auch Rowohlts Rotationsromane darauf gedruckt und im Zeitungsformat vertrieben.

In manchen heutigen Verlagen wird man Christan Adams Buch vermutlich nicht so ganz gerne mögen, denn wohl nicht alle Gründermythen sind nach Lektüre weiter so zu halten. Bei Desch etwa, Kindler, Wunderlich, Witsch, Krüger und S. Fischer, Holtzbrinck, Blanvalet und Random House. Dies auszubreiten aber übersteigt den Rahmen dieser Besprechung. Lesen Sie das Buch, es lohnt.

„Weil wir so brav sind….“

Die Stunde Null der deutschen Verlage, sie war mehr Traum als Wirklichkeit.
Christian Adam findet dafür anschauliche Entsprechung in einer Walzerschnulze des Jahres 1954 . Sie stammt vom bekannten Kölner Karnevalskomponisten Jupp Schmitz, der Text von Kurt Feltz, und befasst sich mit Schuld und Sühne. Der Text:

„Was ihr getan, steht im Buch der Zeit,
ob ihr nun Schmitz oder Müller seid.“

 Und dann der erlösende, bis heute in Deutschland mit seligem Lächeln gesungene Schunkelrefrain:

„Wir kommen alle, alle in den Himmel,
weil wir so brav sind, weil wir so brav sind.
Das sieht selbst Petrus ein,
er sagt: Ich lass gern euch rein,
ihr wart auf Erden schon die reinsten Engelein!“

Alf Mayer

Christian Adam: Der Traum vom Jahre Null. Autoren, Bestseller, Leser: Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945. Galiani-Berlin, 2016. 448 Seiten, viele Abb., 28 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

Siehe auch:
Christian Adam: Lesen unter Hitler. Autoren, Bestseller, Leser im Dritten Reich (Galiani, 2010).

PS: Im Buch von Christian Adam kommt der Nest Verlag nicht vor. Dies sei nur konstatiert, nicht kritisch bemerkt. Die Bücher, die Karl Anders verlegte, waren nach der Währungsreform nicht massenkompatibel, bleiben also in Adams Studie im blinden Winkel.

Karl Anders: „Im Nürnberger Irrgarten“. Nest Verlag, Nürnberg 1946.

Rössler, Patrick (Hg.): anders denken. Krähen-Krimis und Zeitprobleme: der Nest-Verlag von Karl Anders. Begleitpublikation zur Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags von Karl Anders. Sutton Verlag, Erfurt 2007. 158 S., viele Abb., 19,90 Euro.

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