Geschrieben am 1. Juni 2016 von für Bücher, Litmag

Roman: Nuruddin Farah: Jenes andere Leben

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Weiterleben in Zeiten des Terrors: „Jenes andere Leben“ – der neue Roman des somalischen Schriftstellers Nuruddin Farah. Ein hochaktuelles Meisterwerk der Weltliteratur.

Von Ulrich Noller

– Zwei Menschen stehen im Zentrum dieser Geschichte: Bella, Mitte Dreißig, Fotografin, halb Italienerin, halb Somalierin, unterwegs auf der ganzen Welt und zu Hause in Rom. Und ihr älterer Halbbruder Aar, der wichtigste Mensch in Bellas Leben und alleinerziehender Vater zweier Teenager in Nairobi. Er arbeitet für die Uno und pendelt zwischen Kenia und Somalia.

Als Aar bei einem islamistischen Terroranschlag in Mogadischu getötet wird, macht Bella sich auf nach Nairobi. Sie fährt, um zu bleiben. Sie wird Aars Kindern nicht nur beistehen, sondern sich so lange um die beiden kümmern, bis sie auf eigenen Füßen stehen.

Ausgehend von dem unfassbaren Schock, den der Tod des Bruders und Vaters bedeutet, erzählt Nuruddin Farah in „Jenes andere Leben“ (Suhrkamp, 24,95 Euro) im Kern von den ersten Tagen und Wochen der Drei. Davon ausgehend taucht er tief ein in die Gefilde einer somalischen Exilantenfamilie, deren Wurzeln und Wege prototypisch sind für viele andere: Sie leben als moderne, „westlich“ orientierte Metropolenmenschen. Sie sind nicht praktizierende aber „kulturell geprägte“ Muslime. Und sie sind nicht minder geformt von einer somalischen Herkunftskultur, deren Ursprung unerreichbar weit entfernt ist, weiter im Grunde als London, Paris oder Rom.

Es geht also um Trauer, um den Terror und um kulturelle Identität in diesem Roman. Zugleich ist die Geschichte gespickt mit anderen aktuellen Themen: Was bedeutet Familie? Wie wird man familiärer Verantwortung gerecht? Wie umgehen mit gleichgeschlechtlicher Liebe? (Valerie, die leibliche Mutter, die sich nicht um die Kinder kümmern mag, lebt mit einer Frau zusammen – was auf dem afrikanischen Kontinent fast überall schwierig bis verboten ist.) Was bedeutet Heimat? Wie findet man wo ein Zuhause, wenn es unmöglich ist, im Herkunftsland sicher zu leben? Wie erzieht man Kinder in so einer Zeit? Welche Werte kann man ihnen vermitteln? Großartig, wie Nuruddin Farah über seine Charaktere all diese Fragen in die Geschichte integriert und wie er sein Nachdenken über – global gültige –  Gesellschaftsfragen mit Leben füllt: authentisch, warmherzig und lebendig.

Nuruddin Farah, geboren 1945 in Somalia, ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten afrikanischen Autoren und Gesellschaftskritiker, der zum Beispiel gegen Beschneidung und für die Gleichberechtigung eintritt. Farah lebt seit 40 Jahren im Exil und hat nach vielen Stationen wohl in Kapstadt sein Zuhause gefunden. Er ist ein meisterhafter Erzähler, der beim Schreiben unverkennbar aus der Erfahrung von Jahrzehnten schöpft und es trotzdem schafft, ganz nahe an der aktuellen Gegenwart zu sein.

In dem unfassbaren Verlust, den sein sinnloser Tod für die anderen bedeutet, bleibt Aar die ganze Zeit über auf eine Weise lebendig. Und was da beim Lesen berührend spürbar wird, ist auch Nuruddin Farahs eigene Trauer: Seine Lieblingsschwester wurde, wie er im Nachwort erklärt, 2014 bei einem Bombenanschlag getötet. Auch insofern ist „Jenes andere Leben“ Weltliteratur – ein Roman über die Opfer des Terrors, zugleich ein Statement, 380 Seiten übers Weiterleben.

Nuruddin Farah: Jenes andere Leben. Aus dem Englischen von Susann Urban. Suhrkamp, 2016. 382 S., 24,95 Euro.

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