Posted On 15. August 2016 By In Bücher, Crimemag With 1136 Views

Roman: James Grady: Die letzten Tage des Condor

519lq0FgW4L._SX309_BO1,204,203,200_Ver-rückt? Eine Frage der Perspektive!

In einer eigenwilligen und der brüchigen, inneren Situation des „Condor“ höchst angemessenen Sprache erzählt James Grady die Geschichte des ehemaligen CIA-Agenten nach Jahrzehnten weiter. Anne Kuhlmeyer hat sich an der Kunstfertigkeit und der Intensität des Romans erfreut.

Der Condor ist verrückt.
Wer das sagt? Der Condor alias Vin, Ronald Malcolm mit bürgerlichem Namen, selbst, der Klappentext und sein Autor (Sonja Hartl, Kulturjournalistin, führte ein Interview  mit James Grady, in der Juliausgabe des Crimemag nachzulesen.).

Gegen PTBS, paranoide Psychose, Angstzustände, Depression und noch ein paar nicht klassifizierte Diagnosen ist der Condor so sicher mediziert, dass er im Keller der Library of Congress, Washington D.C., Bücher in zu bewahrende und zu entsorgende trennen darf. Wer den Condor aus Gradys Werk „Die sechs Tage des Condor“ oder aus dem genialen Streifen „Die drei Tage des Condor“ kennt, weiß, dass er 1974 als Agentenfrischling in Romanen nach geheimdiensttauglichem Material forschte.

Inzwischen ist der Condor alt, desillusioniert und physisch wie psychisch angeschlagen. Mit der Selektion von Büchern richtet man nicht viel Schaden an, meint die Homeland Security, die ihm den sicheren Job verpasste, eine Organisation, die geheimer als die Geheimdienste, die Geheimdienste kontrolliert.

Sicherheit ist in Condors Interesse, ja sein priorisiertes, alles andere unterwerfendes Bedürfnis, denn allein sein Arbeitsweg ist ein Kraftakt an Aufmerksamkeit und Kontrolle. Ein weißer Wagen folgt ihm. Oder nicht? Flash backs und Erinnerungssplitter zerhacken die Kontinuität seiner Gedanken, seiner Zeit. Mühsam muss er sich ins Jetzt zurück zerren. Der Alltag wird zum Labyrinth, wenn man sich seiner selbst nicht sicher ist. Doch wer ist das schon? Die Geheimdienste, die vor sich hin spionieren, alles und jeden unter vorsichtshalber-Verdacht stellend, ohne Ziel, ohne Verantwortung, nur im sich selbst bestätigenden Modus, scheinen es jedenfalls nicht zu sein. Für ihre Agenten, wie Faye und ihren Partner, die Condor regelmäßig einer demütigenden Begutachtung unterziehen, wäre Paranoia eine Qualifikation. Fayes Partner verfügte offenbar nur begrenzt über diese Ressource: Er wurde in Condors Wohnung gekreuzigt, seine Augäpfel wurden entfernt. Um dem Verrückten eine verrückte Tat anzuhängen? Der Condor flieht. Faye hetzt mit ihm durch die Stadt, schießt in der U-Bahn auf Agenten oder Kriminelle (wobei das „oder“ in Frage steht), immer noch auf ein schützendes System, auf rettende Normalität vertrauend, die es längst nicht mehr gibt. Keiner weiß, wem und ob zu trauen ist. Niemand. Nur noch Daten und Bilder von. Hauptsache weiter. Durch die Straßen. Irgendwo. Damit ich nicht erschossen bin, bevor.

Grady lässt die Sprache in assoziative Sequenzen zerfallen, wie die Welt und ich in wir und jetzt. Laufen. Nicht stehen bleiben. Weiter. Erfreulicherweise nicht in dissoziative Partikel oder formale DenkSprachstör …, sodass man gedanklich oszillierend folgen kann. Eine irre Herausforderung für die Übersetzung, die Zoë Beck meisterhaft gelungen ist.

Mit der Auflösung der Sprache, der Überflutung mit Reizen und Daten, dem Versagen sinnvoller Kommunikation, dem Verwischen interpersoneller Grenzen, dargestellt durch abrupte Perspektivwechsel, steigert sich das Tempo isolierten Handelns und das Ausmaß der Gewalt, bis schließlich nur der Einzelne als fragliches Subjekt übrig bleibt, herausgefallen aus existenziellen Kontexten, nur mit der fragilen Illusion einer übergeordneten, sinn- und haltstiftenden Instanz im ramponierten Kopf.

Also wenn in diesem dynamischen, sprachlich brillanten und erzählerisch anspruchsvollen Roman von James Grady tatsächlich einer verrückt ist, dann ist es das System in seiner rasenden Entmenschlichung. Und aus Systemen kann bekanntlich niemand hinaus(denken), auch die Leserin nicht.

Anne Kuhlmeyer

James Grady, Die letzten Tage des Condor, Thriller, Suhrkamp Berlin, 2016, Aus dem Amerikanischen: Zoë Beck, 367 Seiten, 14,99 Euro

Offenlegung: Thomas Wörtche, der Herausgeber dieses Buches, ist zusammen mit Alf Mayer und Anne Kuhlmeyer für die Redaktion von CrimeMag verantwortlich. Anne Kuhlmeyer verfasste die Rezension freiwillig, ohne Bestellung, Bezahlung, Erpressung oder Bestechung, sondern ausschließlich, weil sie findet, dass über dieses Werk in diesem Magazin berichtet werden muss.

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