Posted On 15. April 2017 By In Bücher, Crimemag With 689 Views

Roman: Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko

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Einen Kommentar zu Antonio Ortuños großem Roman Madrid, Mexiko liefert Roland Oßwald. Die Rezension zum Buch finden Sie hier bei CrimeMag. 

„Im Kaffeehaus »Lisboa« zu Madrid beschlossen einige Händler, in Marokko Felle aufzukaufen. Sie legten 15 000 Peseten zusammen und einer von ihnen reiste mit dem Gelde in die afrikanische Kolonie, um damit die Felle zu erhandeln. Der Riffhäuptling Rogui, ein algerischer Abenteurer, nahm das Geld und überließ dem Madrider Händler die Erzgruben von Ben-Bu-Frur an Stelle der Felle. Der Aufkäufer kam mit einem Schriftstück in arabischer Sprache und einigen Proben des Eisenerzes nach Madrid zurück. Die Untersuchung ergab, daß es sich um hochwertiges Eisenerz handelte. Die Sache wurde in Madrid bekannt. Die Grafen Romanones und Comillas, reiche Politiker, kauften den Häuptling Rogui die Erzvorkommen für eine Millionen Peseten ab. Nach dem Kaufe stellte sich heraus, daß Rogui gar nicht der Eigentümer des Erzgebietes war. Es gehörte den Guelaya oder Riffkabylen. Diese waren die einzigen, die das Recht hatten, die reichen Erzvorkommen zu verkaufen. Der Kaufvertrag mit Rogui mußte rückgängig gemacht werden. Die Kapitalisten machten nichtsdestoweniger ihre Rechte geltend. Sie suchten beim Staat Hilfe. Es wurde bekannt, daß Alfons XIII selbst an dem Raubgeschäft beteiligt war. Die Regierung gewährte ihren hohen und höchsten Würdenträgern die Mittel, um die Militärexpedition nach Marokko zu organisieren. So begann der Marokkokrieg, der Spanien 300 Millionen Peseten und Tausenden von spanischen Söhnen das Leben kostete.“ (Gonzalo de Reparaz)

„Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“

(Carl von Clausewitz)

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Drei dieser spanischen Söhne sind Yago, León und Benjamin. Die drei sind Figuren in dem Roman „Madrid, Mexiko“ von Antonio Ortuño. Und sie alle sind auch Opfer des herrschenden Caciquismo. Sie greifen zu den Waffen, um sich zu behaupten, verlieren und müssen fliehen. Nach Kolumbien, nach Mexiko, in den nächsten Krieg. Was auf den Marokkokrieg und die Ausbeutung des spanischen Volkes folgte, ist bekannt. Spanischer Bürgerkrieg, Vertreibung und Flucht, Zweiter Weltkrieg, wieder Vertreibung und Flucht, Kalter Krieg inklusive Stellvertreterkriege (mit Vertreibung und Flucht), von denen einige heute als Krieg gegen den Terror oder gegen die Drogenkriminalität geführt werden. Und davor natürlich der Erste Weltkrieg. Die Kontinuität der Gewalt ist allgegenwärtig oder, mit Carl von Clausewitz gesagt: Der Krieg ist nie ein isolierter Akt und Der Krieg ist mit seinem Resultat nie etwas Absolutes. Weiter schreibt von Clausewitz in der großen Fibel aller Militärs seit 1832 (Vom Kriege) […] und der Stillstand im kriegerischen Akt muß möglich, d.h. kein Widerspruch in sich sein. Den Spanischen Bürgerkrieg implementiert Antonio Ortuño in sein Buch als zentrale Antriebsfeder, einen Antrieb für die Kontinuität von Gewalt der letzten hundert Jahre. Damit wären wir bei einem Grundproblem in der Literatur. Bücher, deren Geschichte auf hundert oder gar mehr Jahre angelegt sind, scheitern in der Regel, weil das Erzählte als Momentwiedergabe der Schreibzeit ruckzuck ausfranst. Klar gibt es Ausnahmen; wie immer. Science Fiction zum Beispiel bietet als gesamtes Genre eine Möglichkeit der Ausnahme. „Madrid, Mexiko“ kann aber auch als eine solche Ausnahme gelesen werden. Das erklärt das Thema. Gewalt und Krieg birgt in sich die nötige Persistenz, siehe von Clausewitz. In einer etwas moderneren Auffassung, unserer Zeit gemäß, liegt der psychologische Thrill in der Kooperation von Gewalt und Gesellschaft als eine Art Gesellschaftsvertrag, weil die Existenz des nur Einen langfristig nicht überlebensfähig ist; ähnlich wie die Trennung von Staat und Kirche nur in gegenseitiger Abhängigkeit möglich ist.

„So fern von Gott und so nahe den Vereinigten Staaten“

(Mexikanisches Sprichwort)

Miguel Hidalgo

In letzter Konsequenz bedient sich Ortuño für seinen Roman des biblischen Motivs des Vermächtnisses von Schuld nach Mord bis in die dritte Generation. Yagos Enkel Omar, im Mexiko unserer Zeit lebend, kann der Gewalt nicht entgehen. Er wird Zeuge und Hauptverdächtiger in einem Doppelmord und flieht nach Madrid. An den Ursprung der Geschichte zurück. Aber die Zeit des Quetzalcóatl ist noch nicht angebrochen. Die Feinde sind noch da. Die Gewalt bleibt erhalten – encomienda de la violencia para siempre! Wie sehr die Geschichte, die Antonio Ortuño erzählt, der historischen Geschichte nahe kommt, ohne sie deuten zu wollen, zeigt die brutale Tatsache, dass die heutige Sitte rivalisierender mexikanischer Drogenkartelle, die Köpfe der Gegner als Mahnung an Ampelanlagen zu hängen, stark an den Tod des Befreiungskämpfers Miguel Hidalgos erinnert. Die Spanier hingen 1811 den Kopf Hidalgos an die Alhondiga von Guanajuato, wo er 10 Jahre lang zur Abschreckung „ausgestellt“ blieb. Der Legende nach kehrt der Gott Quetzalcóatl alle 250 Jahre auf die Erde zurück und errichtet das Reich des Friedens, nachdem er seine Feinde vertrieben hat. Seine Zeit wäre fällig.

Roland Oßwald

Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko. Roman. Aus dem mexikanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein. Verlag Antje Kunstmann, München 2017. 224 S., 20,00 Euro.

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