Posted On 15. März 2017 By In Bücher, Crimemag With 526 Views

Zwei Blicke auf Adrian McKinty: Rain Dogs

51XAh5MUzCL._SX313_BO1,204,203,200_Ein Buch – zwei Perspektiven:
Sonja Hartl und Roland Oßwald über „Rain Dogs“ von Adrian McKinty.

Sie beide schauen ganz unterschiedlich auf dieses Buch. Und es ergänzt sich – aber lesen Sie selbst.

I. People v. Collins

Von Roland Oßwald

Der Fall People v. Collins war eindeutig. Ist es noch. Es sei denn, man hat im Mathematikunterricht gepennt oder war mit den Gedanken bei der schönen Sarah oder dem schönen Tom aus der Parallelklasse. Und somit wären wir immer noch beim Thema, klebten weiter daran fest, denn mit den Gedanken bei der schönen Sarah oder Tom zu sein, wäre dann eine Bedingung A, die eine Meinung B, der Fall People v. Collins ist nicht eindeutig, beeinflusst. Juristen ausgenommen, weil von denen ja bekannt ist, dass sie nicht rechnen können. Iudex non calculat. Bayes’ Theorem bleibt natürlich auch eindeutig und wird jeden Tag aufs Neue und in Varianten durchgespielt. Variante eins: Eine Überwachungskamera zeichnet einen jungen Mann, dunkle Hautfarbe, schwarzes Haar, Bart, sportlich gekleidet dabei auf, wie er nachts ein jugendliches Mädchen auf einem schwach besetztem U-Bahnhof anspricht, sie gewaltsam an sich zieht und versucht, sie zu küssen. Sie wehrt sich. Schreit vielleicht. Er lässt von ihr ab, sie versucht wegzulaufen, er stellt ihr nach, wirft sie zu Boden, zerrt Mobiltelefon und Geld aus ihren Taschen und haut ab. Es gibt zwölf Zeugen. Sechs stehen auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig, sechs in sicherer Entfernung auf dem Bahnsteig des Geschehens. Niemand greift ein. Den Zeugen wird später ein Angeklagter vorgeführt. Er ist jung, hat dunkle Haut, schwarzes Haar, Bart und ist sportlich gekleidet. Die Entscheidung zu einer Aussage fällt allen Zeugen leicht. Von dem Fall wird in den Fernsehnachrichten berichtet. Millionen Menschen sehen das Überwachungsvideo, hören den Kommentar des Journalisten, der erzählt, dass die Zeugen sich einig waren, hören das Urteil. Was denkt nun jemand, der seit drei Tagen diesen Vorfall in den Nachrichten verfolgt, wenn er abends in einem schwach besuchtem U-Bahnhof auf den nächsten Zug wartet; auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig steht ein junges Mädchen mit Kopfhörern in den Ohrmuscheln, sie tippt auf ihrem Smartphone herum, ein Mann mit dunkler Haut, schwarzem Haar, Bart, in Jogginghose, schwarzer Sportjacke und Turnschuhen steigt die Stufen herab, nähert sich ihr, blickt, kurz bevor er sie erreicht, noch einmal den Bahnsteig auf und ab?

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Variante zwei: Ein Mann, weiß, blond, kleidet sich extravagant, Fernsehmoderator der beliebtesten Musikshow im Land, ist seit mehreren Jahrzehnten im Geschäft. Er ist bekannt für sein soziales und politisches Engagement und seine markigen Sprüche. Über die Jahre ist er selbst ein Star geworden. Vielleicht der größte im Showbusiness. Medien und Politiker nutzen jede Gelegenheit, sich mit ihm zu schmücken. Ihn umgeben Glanz und Leichtigkeit. Psychiatrische Einrichtungen und Krankenhäuser tragen den Namen seiner Stiftung im Titel. Es gibt kaum eine Auszeichnung, die an ihm vorüberzieht. Wo er auftritt, jubeln kreischende Fans. Sein Markenzeichen ist die dicke Zigarre im Mund. Sein Motto: Gibt’s ein Problem? – Ich kann’s richten. Irgendwann beginnt ein unangenehmer Reporter dem Mann unangenehme Fragen zu stellen. Es gibt Unregelmäßigkeiten in psychiatrischen Einrichtungen und Krebsstationen. Er ist Vorstandsmitglied in allen, die der Reporter nennt. Aber die großen Fernsehstationen vertrauen ihm. Politiker stellen sich vor ihn. Dreck klebt nun an seinem Werk und Ruf. Bevor wir nun Schlussfolgerungen über den Mann ziehen, gilt es darüber nachzudenken, ob in seiner Angelegenheit ein Umkehrschluss zulässig wäre.

Zum ersten Fall: Das Ganze ist ein Gedankenspiel. Es gibt keinen Fall. Es sind ein paar Sätze, die eine Situation beschreiben, gefolgt von ein paar Sätzen, die eine ähnliche Situation beschreiben. Die eine hat mit der anderen nichts zu tun. Ein paar Kleidungsstücke weisen Gemeinsamkeiten auf. Genauso wie das Äußere des jungen Mannes. Daraus eine bedingte Wahrscheinlichkeit oder womöglich ein Urteil zu ziehen, wäre ein Irrtum oder ganz einfach falsch. Wie weit Gebrauch und Missbrauch von bedingter Wahrscheinlichkeit, insbesondere im mathematischen Sinne, getrieben werden kann, zeigt der oben genannte Fall People v. Collins. Daher ist es ratsam sich den Satz von Thomas Bayes nochmal ins Gedächtnis zu rufen. Es ist die Regel zur Berechnung der bedingten Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Ereignisses A unter der Voraussetzung, dass ein Ereignis B schon eingetreten ist* – zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit Lungenkrebs zu bekommen (A), wenn man Raucher ist (B). Wenn man es mit den Augen des Kriminalromanciers betrachtet, dürfte Bayes’ Theorem zum wichtigsten Handwerkzeug des Metiers gehören.

jimmy„Ich könnte keins davon ganz verspeisen. … Ich hasse sie.“

(Jimmy Savile)**

Der zweite Fall fasst ganz grob das Leben und Treiben von Sir James Wilson Vincent „Jimmy“ Savile zusammen. Jimmy Savile war Fernsehmoderator und Discjockey bei der BBC. Er war ein guter Freund der Thatchers, Papst Johannes Paul II, Prince Charles und Lady Dianas. Sein Einfluss im politischen Leben Großbritanniens wie auch im kulturellen Leben der Nation, vor allem innerhalb der BBC, war außergewöhnlich. Über Jahrzehnte hat er Frauen, kleine Mädchen und in seltenen Fällen auch Jungen sexuell missbraucht. Dafür nutzte Savile sein soziales Engagement in psychiatrischen Einrichtungen und Krebsstationen von Krankenhäusern. In vielen Einrichtungen fungierte er als Ehrenmitglied des Vorstandes. Er durfte sich in den Anstalten frei bewegen (auch in den geschlossenen Abteilungen) und konnte sich so seine Opfer in Ruhe aussuchen, während das System wegsah und weghörte, auch dann wenn er vor Mitarbeitern von nekrophilen Absichten erzählte. Die genaue Anzahl der Missbrauchsfälle ist nicht bekannt. In dem 2013 erschienen Bericht Giving Victims a Voice ist von 214 Opfern die Rede. 2011 ist der Sir im Alter von 85 Jahren gestorben. Seitdem gehen immer mehr Missbrauchsmeldungen, die mit Savile im Zusammenhang stehen, bei der NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children) ein. Mittlerweile sprechen englische Journalisten von 600 und mehr Fällen. Savile sah das anders:

„Ich habe 42 Jahre die Show Top of the Pops gemacht, auch die allererste, auch die allerletzte. Ich habe 36 Jahre [BBC] Radio One gemacht, und wenn du Top of the Pops und Radio One machst, dann machst du eines nicht: Frauen belästigen. Sie belästigen dich, soviel ist klar. Du musst sie gar nicht anfassen, denn es wimmelt ja von Mädchen um dich herum und überhaupt. Also, so etwas ist aus der Luft gegriffen und völlig falsch. Punkt.“

Er drohte Journalisten, die ihn konfrontierten, mit Sanktionen seiner mächtigen Freunde. Und auch die BBC stand ihrem Jimmy zur Seite. Der Sender vertuschte die Dimension des Kindesmissbrauches. Man behinderte Untersuchungen und unterband die Ausstrahlung kritischer Sendungen über Savile. 2016 gab es schließlich eine Untersuchung der Rolle der BBC im Fall Savile, die zeigte, dass im Sender, ähnlich wie in den Krankenhäusern, die Verbrechen des Top of the Pops-Moderators geduldet wurden. Neu sind die Vorwürfe bekanntlich nicht. Schon in den 60er und 70er Jahren gab es polizeiliche Untersuchungen, die Missbrauchsvorwürfe Saviles zum Gegenstand hatten. Mit den nötigen Freunden in Politik, Kirche und BBC konnte er alle Anschuldigungen bis zum Jahr 2007 abwehren.

Handelt es sich um ein Fahrrad?

Beide Topoi spielen in dem neuen Roman „Rain Dogs“ von Adrian McKinty eine Rolle. Es ist der fünfte Band der Sean Duffy Serie. Der Polizist hat es zum zweiten Mal in seiner Karriere mit einem locked room mystery zu tun. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich ein seltenes Ereignis dieser Art in einem Beamtenleben wiederholt? Ein Polizist in einem Vorort von Belfast, späte 80er Jahre, die Troubles geben keine Ruhe, und Duffy steht vor einer Leiche einer jungen Frau, die im Castle von Carrickfergus Selbstmord begangen haben soll. Aber ein guter Polizist hegt eben immer Zweifel. Duffys Partner „Crabbie“ McCrabban und Alexander Lawson pflichten ihrem Vorgesetzten bei. Mit den Schuhen der Toten stimmt etwas nicht. Zudem handelt es sich auch nicht um ein Fahrrad. Und das gibt auf einem irischen Polizeirevier immer Anlass zur Sorge. Die Sorge bei Sean Duffy ist dieses Mal so groß, dass er sich, wie es sich für einen guten Katholiken gehört, in seinen Schuppen zum Kiffen und Saufen zurückzieht, um nachzudenken, was bedeutet, übrigens in ganz Irland, sich ordentlich zu betrinken. Die offizielle Definition vom ordentlichen Betrinken geht so: Erst wenn man aus eigener Kraft nicht mehr auf dem Rücken liegen kann, ist man wirklich betrunken.

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Adrian McKinty: Rain Dogs. Übers.: Peter Torberg. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017.  407 Seiten, 14,95 Euro.

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Von Sonja Hartl

Während englischsprachige Leser bereits den sechsten Band um den „katholischen Bullen“ Sean Duffy mit dem wunderbaren Titel „Police at the station and they don’t look friendly“ lesen können (auf dessen deutschen Titel man sehr gespannt sein darf), ist hier in gewohnt guter Übersetzung von Peter Torberg der fünfte Band „Rain Dogs“ erschienen. Darin bekommt es Sean Duffy mit einem Fall zu tun, der ihn allzu sehr an seine jüngere Vergangenheit („Die verlorenen Schwestern“) erinnert: eine Frau wird tot aufgefunden, an einem Ort, zu dem niemand außer dem Opfer Zugang hatte – und dennoch hat die Frau vermutlich keinen Selbstmord begangen. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass es ein Polizist gleich zweimal in seiner Karriere mit einem locked room mystery zu tun bekommt – und es ist eine kluge Entscheidung von Adrian McKinty, diese Unwahrscheinlichkeit auch mehrfach direkt von seinen Figuren ansprechen und sogar diskutieren zu lassen. Denn natürlich gibt es noch eine weitere Erklärung für diese unwahrscheinliche Wiederholung eines Falls.

Die Tote ist die Reporterin Lily Bigelow. Sie hat bei einer Wirtschaftszeitung gearbeitet und eine finnische Delegation begleitet, die sich in Nordirland mögliche Standorte für eine Mobiltelefon-Fabrik angeschaut hat. Duffys Vorgesetzen sind daran interessiert, dass ihr Tod möglich schnell und ohne Aufsehen aufgeklärt wird, aber schon bald gibt es Hinweise, dass die Reporterin nicht ohne Fremdeinwirkung gestorben ist und eigentlich an einer anderen Geschichte gearbeitet hat: Sie hat einen anonymen Hinweis auf die systematische sexuelle Ausbeutung von Kindern in Heimen erhalten. Und angesichts auch im Jahr 2017 noch nicht endender Berichte über die Zustände in kirchlichen Heimen und aufgefundenen Massengräbern von Kindern in Nordirland ahnt man schnell, dass sich dieser Verdacht als berechtigt erweisen könnte.

Als Reihentitel funktioniert „Rain Dogs“ wunderbar: Sean Duffy ist älter, ein wenig klüger und sogar hinsichtlich der Musikauswahl ein wenig toleranter geworden, der Fall greift abermals die nordirische Geschichte auf und verbindet sie gut mit Verweisen in die Gegenwart. Carrickfergus Castle ist ein interessanter und spannender Tatort, das Jahr 1987 bietet ausreichend popkulturelle und historische Anknüpfungspunkte, dazu kommen gewohnt guter Humor und bekannte Figuren. Allerdings sind in dem Kriminalfall dieses Mal die Hintergründe und Drahtzieher recht schnell zu erahnen – und es schleicht sich allmählich die Behaglichkeit guter Krimireihen ein.: Man weiß, was man bekommt – und wird in „Rain Dogs“ auch nicht enttäuscht. Da sich aber alles etwas zu gut und einfach zueinander fügt, vermisst man gerade nach dem sehr guten Vorgänger „Gun Street Girl“ ein paar Ecken und Kanten, an denen man sich abarbeiten kann. Sicherlich kann ein Serienheld nur eine gewisse Anzahl von Schlägen verkraften, ehe er unglaubwürdig wird und fraglos gehört McKintys Reihe zu den besten auf dem gegenwärtigen Markt – aber „Rain Dogs“ erfüllt alle Erwartungen mühelos und lässt gerade deshalb Überraschungen vermissen.

Verlagsseite zu Adrian McKinty und Sean Duffy hier.

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Die Sean-Duffy-Romane:

Police at the Station and They Don’t Look Friendly (noch nicht übersetzt; 2017)
Rain Dogs (2016; 2015)
Gun Street Girl (2015)
Die verlorenen Schwestern (2015; In The Morning I’ll Be Gone, 2014)
Die Sirenen von Belfast (2014; I Hear The Sirens In The Street, 2013)
Der katholische Bulle (2013; The Cold Cold Ground, 2012)

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