Posted On 4. März 2015 By In Bücher, Kolumnen und Themen, Litmag With 666 Views

Norman Mailer, Nina Wiener, J. Michael Lennon: Norman Mailer. JFK. Supermann kommt in den Supermarkt

Norman Mailer_JFKSalut für einen großen Text

– Alf Mayer über Norman Mailer und die 1000 Tage der Präsidentschaft des John F. Kennedy.

Dieses Buch ein Coffeetable-Book zu nennen, grenzt an üble Nachrede. Es kommt in einem eigenen Koffer, ist reich bebildert, auch inhaltlich überaus gewichtig. Lehrreich ist es, ja aufregend. Es ist ein Zeitdokument, eine kulturhistorische Expedition, ein Bericht von einem archimedischen Punkt der Politik im 20. Jahrhundert, ein Lehrstück auch der Berichterstattung über sie. Aufwendig recherchiert und betreut, noch die Bildunterschriften verblüffen mit ihrem Inhaltsreichtum, ist dies eine Zeitreise ins Jahr 1960 und umliegenden, illustriert mit 300 Fotos von insgesamt 33 Fotografen, unter ihnen Roberts Bruder Cornell Capa, Henri Dauman, Jacques Lowe, Henri Carter-Bresson, Lawrence Schiller, Paul Schutzer, Stanley Tretick, Hank Walker, Garry Winogrand. Über all dem thront ein Reportagetext, der den Journalismus veränderte wie kaum ein zweiter. Ein Text, der die Genres sprengte: Norman Mailers Reportage „Superman kommt in den Supermarkt“. Reichhaltig. Erkenntnisträchtig. Achterbahnlektüre.

mailer_die reportage esquire-lgEin Kandidat als existentieller Held

Pete Hamill meinte dazu: „Mailers Text über Kennedy brandete wie eine Welle durch den Journalismus, veränderte ihn. Wir sagten uns: Uh, oh. So kann man es ja auch machen.“ Dieses Buch ist ein Tusch dafür. Es inszeniert den Gründungstext einer journalistischen Befreiung. Der dieser Tage 84 gewordene Tom Wolfe als einer ihrer vornehmsten Vertreter gab ihr den Namen – „New Journalism“. Dieser Text öffnete die Tür für Truman Capote, Hunter S. Thompson, Gay Talese, Lester Bangs und viele andere, unter ihnen auch hierzulande Jörg Fauser.

Normal Mailer hatte bei Taschen bereits einige Auftritte: mit Marilyn Monroe, mit der Fahrt zum Mond und, 34 Kilo schwer als Buch, mit dem größten Boxkampf des 20. Jahrhunderts. Diesmal kommt er mit einem Text, der in allen Regenbogenfarben schillert. Drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl vom 8. November 1960 in der Zeitschrift „Esquire“ veröffentlicht, die ihn zum Nominierungskongress der Demokraten nach Los Angeles geschickt hatten, beschrieb Mailer darin John F. Kennedy auf eine so sensationell neue, respektlose und bewundernde, verklärende und analysierende, politische und subjektive Weise, dass das damals tatsächlich Wellen schlug – ja sogar, wie immer vermittelt, gebrochen oder in Tröpfchenform unserer aller Bild von diesem 35. Präsidenten der USA geprägt hat: „Ein Prinz in der inoffiziellen Aristokratie des amerikanischen Traums.“

Mailer beschrieb Kennedy als den Vertreter einer neuen, wilderen, freieren Zeit, als einen, der fähig wäre, auf „dem unterirdischen Fluss von unberührten, wilden, einsamen und romantischen Gefühlen der amerikanischen Psyche“ (und ja nicht nur der) zu surfen. Er rief ihn zu einem „existenziellen Helden“ aus, der die Nation aus dem Dämmerschlaf und dem Niemandsland der Eisenhower-Jahre wecken könne, verglich ihn mit dem Schauspieler Marlon Brando, machte ihn zum Rock-Star bevor es den Rock gab, zu einem Hipster, zu einer coolen Backe.

Copyright Taschen Verlag

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„It’s Now or Never“

Viele bei den Demokraten glaubten, Kennedy sei zu jung, zu katholisch und zu unerfahren. Mit 42 wurde er der jüngste Präsidentschaftskandidat in der amerikanischen Geschichte, dies in einem weltpolitisch umwälzenden Jahr. Im Mai 1960 war der Pilot Gary Power in seinem U-2-Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen und gefangen genommen worden, im Juni scheiterte eine internationale Abrüstungskonferenz, im Juli beschlossen die USA einen Handelsboykott mit Kuba, der Kalte Krieg war am Kochen. Im „Weltraumrennen“ brachten die Amerikaner einen Wetter- und den ersten Kommunikationssatelliten in die Umlaufbahn, die Russen schossen einen „Sputnik“ mit gleich zwei Hunden in den Weltraum und brauchten sie sicher zurück. Bei den Olympischen Spielen in Rom gewann ein junger schwarzer Boxer aus Kentucky eine Goldmedaille, sein Name: Cassius Clay. Elvis Presley landete 1960 drei Nummer-Eins-Hits mit „Stuck on You“, „It’s Now or Never“ und „Are You Lonesome Tonight?”. Über die Tanzflächen fegte der Twist. Im Kino machten Spartacus“, „Psycho“ und „Exodus, Oceans 11“ Kasse. Mehrere ihrer Darstellerinnen und Darsteller wurden aktive Unterstützer von John F. Kennedy, so etwa Tony Curtis, Frank Sinatra, Sammy Davis, Jr. und Janet Leigh, die in dem Taschen-Buch zu sehen ist, wie sie auf dem Springbrett ihres Pools eine Wahlkampfrede hält.

Der Kongress der Demokraten fand Los Angeles statt, interessant alleine schon, was der New Yorker Mailer über diese Stadt am anderen Ende des Kontinents schreibt. Kennedy setzte sich am 13. Juli 1960 bereits in der ersten Runde gegen seine Konkurrenten Lyndon B. Johnson, Adlai Stevenson, Hubert Humphrey, Pat Brown und andere durch. Gegen den Einspruch seines Bruders Robert und der Gewerkschaftern bestimmte er Lyndon B. Johnson zu seinem Stellvertreter. Es galt Texas zu gewinnen, der Kongress fand das prima. Zum Abschluss begeisterte Kennedy sie alle mit seiner berühmten „New Frontiers“-Rede.

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Das Fernsehen wählt – zum ersten Mal

Wie eine Dampfwalze überrollten Jack Kennedy und sein 34 Jahre alter Bruder Bobby alte Gepflogenheiten der Partei, verbreiteten eine Aufbruchsstimmung. Da war ein Kandidat, der Stimmen holen konnte. Der Taschen-Band zeigt viele Bilder, wie Kennedy in Kleinstädten spricht, auf Autodächern oder Autokühlern steht, inmitten von Bergleuten sitzt, sich vorlehnt, zuhört, lächelt und lacht und grinst. Er kam an bei den Leuten, das ist zu sehen. Ein doppelseitiges Bild zeigt ihn in einem Supermarkt. Mailer wollte mit dem Titel seines heute wohl Essay genannten Textes anzeigen, dass da ein fast mythischer Held unter die einfachen Menschen trat. Die Esquire-Redaktion verstärkte das, indem sie aus dem „Supermarket“ einen an Walmart angelehnten „Supermart“ machte: „Superman Comes to the Supermart“ hieß der Text bei Erscheinen. Für spätere Auflagen sorgte Mailer dafür, dass es wieder Supermarket hieß.

mailer_Prez-Papers-250-BDer Schlüsselmoment des Wahlkampfs ereignete sich im WBBM-Fernsehstudio in Chicago am 26. September 1960. An diesem Abend wurde erstmals in der Geschichte eine Präsidentschaftsdebatte live übertragen. Das Rededuell mit Richard Nixon machte endgültig klar, was für ein Star da am Politikhimmel aufgegangen war. (Mailers Text war zu dieser Zeit schon fertig, er hatte ohne TV das Charisma des Kandidaten erkannt.) Kennedy stahl Nixon die Show. 85 Millionen Fernsehgeräte gab es in den USA, eines auf zwei Einwohner. JFK wurde zum ersten Politiker, der vom neuen Massenmedium profitierte, es war wie für ihn gemacht. CBS-Produzent Don Hewitt hielt fest: „Als diese erste Debatte zu Ende war, wusste ich, dass wir nicht bis zum Wahltag warten mussten. Wir alle hatten gerade einen neuen Präsidenten gewählt. Im Fernsehen.“

Auch der bei den Oscars 2015 schmählich missachtete Film „Selma“ wirft einen Blick auf diese Epoche. Einer der weiteren wahlentscheidenden Momente für Kennedy war der, als er – gegen den Rat seines Bruders – Martin Luther Kings Ehefrau Coretta Scott King anrief, deren Ehemann gerade verhaftet worden war. Bobby fürchtete, dieser Anruf würde die Demokraten im Süden verärgern und entfremden, half dann aber doch mit, den schwarzen Bürgerrechtler frei zu bekommen. Kings Vater, ein prominenter Prediger und Republikaner, der als Baptist eigentlich für Nixon gewesen war, versprach daraufhin „einen ganzen Koffer voller Wählerstimmen“.

Mailer: „Ich hatte Unverzichtbares für die Kampagne geleistet“

John F. Kennedy gewann die Präsidentschaftswahl mit einem knappen Vorsprung von nur 100.000 Stimmen. Nicht wenige sagten, dass sein Vater ihm den Sieg gekauft habe. Auch Mailer, der nicht gerade an Minderwertigkeitskomplexen litt, bereits 1959 den Band „Reklame für mich selber“ veröffentlicht hatte, schrieb sich den Wahlerfolg zu. „Ich hatte etwas Kurioses, aber Unverzichtbares für die Kampagne geleistet – es war mir gelungen, sie zu einem Drama zu stilisieren“, schrieb er später. Die Delegierten des Parteitags hätten nicht so recht gewusst, was sie da taten, Kennedy war kein sachlicher Politiker, er hatte ihnen zu viel zu tun mit der privaten Verrücktheit dieser Nation, mit den Hundertausenden, die im Mai 1960 in der Nacht der (über die Jahre acht Mal aufgeschobenen) Hinrichtung von Caryl Chessman auf den Straßen waren, gegen die Todesstrafe und für Bürgerrechte demonstrierten, Marlon Brando, mit den Mailer Kennedy verglich, mitten unter ihnen. Den typischen Delegierte von Los Angeles beschrieb Mailer so:

„…he is not happy about the secrets of his appeal, not so far as he divines these secrets; they seem to have too little to do with politics and all too much to do with the private madnesses of the nation which had thousands — or was it hundreds of thousands — of people demonstrating in the long night before Chessman was killed, and a movie star, the greatest, Marlon the Brando out in the night with them. Yes, this candidate for all his record; his good, sound, conventional liberal record has a patina of that other life, the second American life, the long electric night with the fires of neon leading down the highway to the murmur of jazz.“

Kennedy habe schlicht zu viele Gesichter: „Kennedy had a dozen faces. Although they were not at all similar as people, the quality was reminiscent of someone like Brando whose expression rarely changes, but whose appearances seems to shift from one person into another as the minutes go by, and one bothers with this comparison because, like Brando, Kennedy’s most characteristic quality is the remote and private air of a man who has traversed some lonely terrain of experience, of loss and gain, of nearness to death, which leaves him isolated from the mass of others.“

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Mailers Präsidentschafts-Papiere – eine Bewerbung

Kennedy war ein Mann, der eine Woche vor dem Parteitag erklärt hatte, dass die Jungen besser als die Alten geeignet seien, Geschichte zu gestalten. Mailer dazu: „In diesem anderen kurzen Sommer 1960 lag ein Zauber in dem Gedanken, dass ein junger Mann mit einer jungen attraktiven Frau bald Präsident werden könnte. Es eröffnete Möglichkeiten und Visionen; es brachte einen Hauch Leben in das monotone Einerlei der Politik…“

Der Supermarkt-Text brachte Mailer einen anerkennenden Brief von Jackie Onassis ein. Er antwortete darauf in einem langen Brief, in den er sogar, Jackies Vorliebe für Frankreich strapazierend, eine Referenz an den Marquis de Sade einbaute. Im Taschen-Buch nachlesbar ist ein weiterer Esquire-Artikel vom Juni 1962: „Ein Abend mit Jackie Kennedy oder; Der wilde Westen des Ostens“. Ein Buch, mit dem Mailer den Präsidenten beeindrucken wollte, befand sich im Druck, als die Schüsse in Dallas fielen: „The Presidential Papers of Norman Mailer.“ Darin enthalten, der Supermarkt-Text und zehn weitere politisch-kulturelle Artikel, darunter ein offener Brief an Kennedy & Castro, der Entwurf eines Regierungsprogrammes, Überlegungen zur Jugendgewalt, zum Rechtsradikalismus, zum Boxen, zu „radioaktivem Niederschlag, Napoleon, Goethe und Penicilin“, eine Besprechung von Jean Genets „Die Neger“, Gedanken zur Metaphysik des Bauches, zur First Lady als Geisel im Weißen Haus, und der aufregende Text „Ten Thousand Words a Minute“, in dem Mailer das Schreiben mit dem Boxen vergleicht. Eine große Schuld klebe an Reportern wie ihm: „They know they help to keep America slightly insane.“ Kennedy wird im Inhaltsverzeichnis als „The Existential Hero“, seine Frau als „The Existential Heroine“ tituliert.

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Im Vorwort bekundet Mailer, er habe das Buch tatsächlich zusammengestellt in der Hoffnung und Erwartung, dass der Präsident es lesen würde, „er und seine Männer“, dass sich Gespräche daraus entwickeln könnten, Beziehungen entstünden. Mailer träumte tatsächlich davon, in Kennedys Camelot mit in der Tafelrunde zu sitzen, Kennedys Berater, sein Kardinal Richelieu zu werden. Bei diesem Aufbruch wollte er dabei sein. Er habe kein Problem, schreibt er im Vorwort, als respektlos zu gelten. In Amerika traue man niemandem, der das nicht sei: „There was a message returned to us by our frontier that the outlaw is worth more than the sheriff.“

Für die Berater des Präsidenten, die das Buch vorschmecken sollten, enthält das Vorwort eine Liste der Themen, es sind 33 – von Todesstrafe, Zensur, Drogen, Amerikas Hunger für Helden, CIA, Castro, schwarzer Bourgeoisie, Atomschutzbunkern, Juden, Presse, Mafia, Hexerei, Kannibalismus, Sex der höheren und der niederen Stände, Architektur und Großveranstaltungen bis zu Totalitarismus. Ehrgeizige junge Männer, die in 20 oder 30 Jahren Präsident werden wollten, könnten Schlechteres tun als dieses Buch zu lesen, seine Lektüre diene der Ausbildung zu einem Befehlshaber. Solcherart empfehle dieser Teufel nun dies Buch.

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„Wählt die Strolche!“

Unklassifizierbar, anregend, überraschend, provokativ, geistreich, politisch querköpfig und ein traumhafter Autor, das war Mailer zeitlebens. Er schrieb über Sex, Gewalt, Technologie, Macht, Identität, Architektur, Kultur, Politik und Aufruhr, Proteste, Kriege, Rassismus, war ein Intellektueller mit überschäumendem Talent, bereit, sich zu irren, immer leidenschaftlich, nie langweilig. Ein Kerl. 1969, insofern hatte Kennedy ihn durchaus angesteckt, kandidierte er für das Bürgermeisteramt von New York, zusammen mit Jimmy Breslin. Sie wollten New York zum 51. Staat der Vereinigten Staaten ausrufen. Ihre Parolen waren kurz und bündig: „No More Bullshit“ und „Wählt die Strolche“ (Vote the Rascals In).

Zwei Jahren und zehn Monate regierte Kennedy im Weißen Haus, seine 1000 Tage Präsidentschaft wirkten weit länger nach. Kennedy blieb für Mailer Thema, die Ermordung spielte breit in seinem „Epos der geheimen Mächte. Ring 1: Feinde/ Ring 2: Gespenster“ (Harlot’s Ghost, die deutsche Ausgabe wurde trotz der Aufteilung auf zwei Bände empfindlich gekürzt). Für „Oswalds Geschichte“ (1995) recherchierte er dem angeblichen Kennedy-Alleinmörder bis in dessen russische Jahre nach. In der Rückschau sah Mailer sein Land mit diesem Präsidenten Fahrt aufnehmen, offener werden. „Die sexuelle Revolution begann mit Jack Kennedy.“ Ebenso einschneidend sah Mailer die Ermordung des Präsidenten: „Es ist unserer Vernunft einfach nicht vermittelbar, dass ein einzelner kleiner Mann einen Giganten inmitten seiner Limousinen, seiner Legionen, seines Gefolges und seiner Leibwächter niedergestreckt hat. Wenn solch eine Null den Führer der mächtigsten Nation der Erde vernichten konnte, verschlingt uns eine Welt der Unverhältnismäßigkeit, und wir leben in einem Universum, das absurd ist.“

In einem Schaukelstuhl wie der Präsident ihn liebte, posierte Mailer für das Buch-Cover seiner „Presidential Papers“. Die Ermordung ließ auf diesen Scherz verzichten. Auf meiner Bantam-Taschenbuchausgabe vom Mai 1964 sitzt Mailer auf einem Stuhl ohne Kufen, lässig vornübergebeugt, den bulligen Kopf vorgestreckt, wie wir das von Henry Kissinger dann oft gesehen haben.

Alf Mayer

Norman Mailer, Nina Wiener, J. Michael Lennon: Norman Mailer. JFK. Supermann kommt in den Supermarkt. Hardcover mit Übersetzungsbeiheft. 300 Fotos und Illustration. 31,9 x 6,3 x 46,8 cm Taschen Verlag, Köln 2014. 370 Seiten. 99,99 Euro. Zur Verlagswebseite. Mehr zum Wahlkampf mit Mailer. Zur Mailer-Society. Fotos: Abbildungen aus dem Buch, Copyright Taschen Verlag.

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