Posted On 15. Dezember 2016 By In Bücher, Crimemag, Kolumnen und Themen With 1725 Views

Essay: Tobias Gohlis zum 80. Geburtstag von Petros Markaris

41yxgbbchll-_sx315_bo1204203200_„Alles wandelt sich. Neu beginnen kannst Du mit dem letzten Atemzug.“

Ein Geburtstagsgruß an Petros Markaris zum achtzigsten Geburtstag von Tobias Gohlis –

Als wir uns vor vielen Jahren in Hamburg bei einer der seltenen Gelegenheiten kennen lernten, zu denen Petros Markaris die Mainlinie nordwärts überquert, machten wir einen Plan für ein Filmporträt über ihn.

Jede Rezension, die ich zur Vorbereitung unseres Gesprächs gelesen hatte, erörterte des langen und breiten die Kleinbürgerlichkeit, den Rassismus und die Spießigkeit seines Kommissars Charitos. Typische Kommissarsfixierung. Aber kaum einmal war die zweite Hauptfigur seiner Romane erwähnt worden: Sissis.

Jeder Leser von Petros Markaris weiß, dass seine Kriminalromane mit äußerster Penetranz stadtplangenau geschrieben sind. Manchmal dauert es fast so lange, seine Wegebeschreibung zu lesen, wie Charitos in der Wirklichkeit braucht, den beschriebenen Weg zurückzulegen.

Wir planten in Hamburg, dem faszinierenden Sissis großen Raum einzuräumen und deshalb Petros Markaris vor Sissis‘ Haus zu interviewen. Zuvor wollten wir in seiner (toll an einer Fußgängerzone unterm Dach gelegenen) Wohnung drehen.

Als wir dann in Athen ankamen und mit Petros Markaris unsere ein halbes Jahr zuvor erstellten Pläne erörterten, wollte er als erstes wissen, wie viele Tage Drehzeit wir hätten. „Zwei Tage.“ – „Völlig unmöglich. Einen Tag mehr brauchen wir sicher. Von mir zu Sissis‘ Haus sind es nachts zwei Stunden Autofahrt, tagsüber drei bis vier. (Die Orte sind Luftlinie etwa 10 km von einander entfernt.) Das schaffen wir nicht.“ Ich begriff: Das Chaos von Athen, der europäischsten und internationalsten Stadt Europas, ist so groß, dass es sofort schrumpft, wenn man es vom Ausland her betrachtet, weil es sonst überhaupt nicht auszuhalten wäre.

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Petros Markaris (links) 2007 bei TV-Aufnahmen im Athener Museum des politischen Exils, vor einem Gemälde, das die Haftbedigungen auf einer Gefängnisinsel der Militärdiktatur darstellt, rechts der Direktor des Museums. Foto (c) Tobias Gohlis

Vermutlich muss man ein so vielseitiger Mensch wie Petros Markaris sein, um damit klarzukommen. Und klarkommen musste er mit vielem: Er wurde 1937 in Istanbul in einer griechisch-armenischen Familie geboren, lernte Türkisch und später Deutsch, weil sein Vater (gänzlich unideologisch) meinte, das sei die lingua franca der Zukunft, studierte eher widerwillig in Wien und Stuttgart Volkswirtschaft (heimlich faszinierte ihn die Literatur). Er ging zurück in die Türkei, arbeitete hier und in Griechenland, wohin er erst 1965 kam, arbeitete anderthalb Jahrzehnte für die Zementfirma „Titan“, in deren Auftrag er Libyen, Syrien, Ägypten, Tunesien, Algerien, Saudi-Arabien und Kuweit mit Beton versorgte, zog seine Tochter alleine groß (das innige Verhältnis spiegelt sich in dem Charitos‘ zu seiner Katerina). Währenddessen etablierte er sich noch während der Diktatur als griechischer Theaterautor, schrieb etliche Drehbücher für Theo Angelopoulos, übersetzte Brecht und, erstmals überhaupt, Goethes Faust I und II ins Neugriechische. Von Brecht stammt auch sein Lebensmotto: „Alles wandelt sich. Neu beginnen kannst du mit dem letzten Atemzug.“

Als wäre das alles längst nicht genug für ein schöpferisches Leben, brachte Markaris (den man auf der ersten Silbe betont: „Márkaris) 1995 im Alter von 58 seinen ersten Kriminalroman heraus.

Wächter und Gefangener während der Militärdiktatur

Gleich im ersten – „Hellas Channel“ – spießte er seinen Hauptfeind auf: die in Griechenland hauptsächlich von Industrie und Banken finanzierte Werbe- und Medienindustrie, deren gelenkte Verblödungsstrategien wesentlich zum Desaster der Demokratie in Griechenland beigetragen haben.

Das Gebäude, das bei jeder Griechenland-Reportage zumindest einen Schwenk bekommt, der Parthenon, findet in Markaris‘ Athen nicht statt. Ganz auf Gegenwart und Fläche konzentriert sind seine Romane aber nicht.

Hier kommt Sissis ins Spiel. Charitos und der skeptische Kommunist Sissis haben sich kennengelernt als Wächter und Gefangener während der Militärdiktatur. Weil Charitos trotz Kontaktverbot dem Häftling manchmal eine Zigarette zusteckte oder ihn nachts auf den Hof ließ, entstand eine Bekanntschaft, die Sissis mit Markaris-Galgenhumor kommentierte: „‘Wenn dir nichts anderes mehr übrigbleibt, woran du glauben kannst, glaubst du sogar an die Polizei‘, entgegnet er mit einem bitteren Grinsen. ‚Ihr seid der Bodensatz. Ich bin ganz unten angelangt, und so haben wir uns getroffen. Das ist alles.‘“

Sissis ist nicht nur moralischer Lebensberater der Tochter Katerina, nicht nur assistierender Ermittler in sozialen Regionen, die Charitos verschlossen sind. Er ist – erst Gefangener der Nazis, dann der Militärdiktatur – die Figur, über die Markaris die ganze traurige und ruhmreiche neuere Geschichte Griechenlands erzählt.

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Gedenktafel für den Künstler Kyriakos Tsakiris, der das Vorbild für Sissis, die zweite Hauptfigur in Markaris‘ Kriminalromanen ist. – Foto (c) Tobias Gohlis

Denn das sind die ersten sechs Charitos-Romane: Satirische Wanderungen durch Athen, Griechenlands Geschichte und Gegenwart, große Gesellschaftsromane, die Petros Markaris nicht nur zum bedeutendsten Kriminalschriftsteller Griechenlands gemacht haben, sondern auch zum Ostflügel der Krimi-Achse des Südens. Andrea Camilleri (*1925) und Manuel Vázquez Montalban (1939 – 2003) und Markaris gehören zur gleichen Generation, waren Freunde, und haben jeweils zur Erneuerung der Kriminalliteratur in ihren Ländern beigetragen.

Doch mit der „Trilogie der Krise“, die sich mit dem Nachklapp „Zurück auf Start“ zu einer Tetralogie auswuchs, hat Petros Markaris sich deutlicher und prononcierter als die beiden anderen in Politische eingemischt.

Kriminalliteratur als Aufdeckung gesellschaftlicher Verbrechen und Risse – so konsequent und programmatisch hat das selten ein Autor getan. Systematisch nimmt er darin, ohne je so explizit zu werden wie in seinen zahlreichen Artikeln und Interviews, die gesellschaftlichen Gruppen und ihren Beitrag zur Verschärfung der Krise aufs Korn. Beispielhaft in „Zahltag“ (2011): Ein Serienmörder bestraft nach Ankündigung die Steuerhinterzieher, die nicht bis zu einem Stichtag ihre Schulden begleichen. Unter dem Beifall der Bevölkerung. Charitos‘ Ermittlungen, eingeschränkt durch die Sparauflagen der Troika, gerät vollends zur Farce: Er will den selbsternannten „nationalen Steuereintreiber“ nicht verfolgen, aber er tut es doch, wie er immer fast alles getan hat, was man ihm befohlen hat.

Ruhe gibt Petros Markaris nicht. Soeben ist ein Band mit sieben Erzählungen um Kostas Charitos erschienen, voller Dialoge und jenem spezifischen trockenen Wortwitz, der Markaris auszeichnet.

Am Neujahrstag 2017 wird Petros Markaris 80. Und ich wünsche ihm – und uns – noch langen Atem.

Tobisa Gohlis

Petros Markaris: Der Tod des Odysseus. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes, 224 S., 22,00 €.
Mehr zu Petros Markaris hier.
Im Band „Crime & Money“ (hrsg. von Tobias Gohlis und Thomas Wörtche; Knaur Taschenbuch) findet sich ein Text von Petros Markaris.

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