Geschrieben am 16. Dezember 2017 von für Bücher, Crimemag, CrimeMag Dezember 2017, Litmag

Buch: Zoë Lescaze: Paläo-Art

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Paläoart: Wie Künstler durch die Zeiten sahen

von Markus Pohlmeyer

I

Dieses Buch ist selbst ein Dinosaurier: gigantisch und monumental, geheimnisvoll und furchteinflößend, imaginativ und phantastisch: ein Zeugnis davon, wie gesehen, gedacht, geträumt und gemalt wurde von jener fernen, so wundervollen und ins Heute ragenden Urzeit. Mit diesem Buch lebe ich schon seit Monaten: entdeckend, schwelgend, staunend.

W. Ford bietet in seinem Vorwort eine methodische und kurze historische Einleitung, um Z. Lescazes Arbeit und die Bedeutung der Paläo-Art zu würdigen:

„Die zeitgenössische Kunstform der ‚Paläo-Kunst‘ – eine visuelle Tradition, die 1830 in England begann – rekonstruiert die prähistorische Vergangenheit. So ist das Bild eines Tyrannosaurus rex, das wir vor unserem geistigen Auge sehen, das Ergebnis jenes Genres.“[1] „Die Grenzen zwischen Unterhaltung und Wissenschaft, Kitsch und Gelehrsamkeit verschwimmen oft.“[2] „Die Autorin Zoë Lescaze […] hat riesige Wandbilder in Moskauer Museen,[3] strahlende Ölgemälde, die in dunklen Lagerräumen in Tschechien verborgen lagen, und feine Aquarelle in den Schubladen britischer Archive aufgestöbert, erforscht und dokumentiert. Sie hat Tuschezeichnungen, Mosaike, Litografien, Flachrelief-Keramiken, Sammelkarten und Fresken ans Licht befördert, die nie zuvor gezeigt worden sind. Sie hat eine reizvoll elegante und aufregende, 200 Jahre umfassende Geschichte der Paläo-Kunst geschrieben […]. Lescaze hat sich auf jene exzessiven Jahre konzentriert, bevor die digitale Bilderwelt die Entstehung der Paläo-Kunst grundlegend veränderte […].“[4]

Das Buch besticht sowohl durch die Qualität als auch die Auswahl seiner Abbildungen (und durch die hinreißenden Faltblätter!), durch interessante Deutungen und durch die jeweiligen historischen Kontextualisierungen der Maler. So entsteht eine Mentalitätsgeschichte ganz eigener Art: die Bilder sind von quasi sakraler Faszination, ohne eine Religion zu predigen; die Bilder (gerade die aus der ehemaligen Sowjetunion) sind politisch, ohne einer Partei oder Ideologie anzugehören. Die Wucht der Evolution relativiert das Projekt Menschheit zu einer Marginalie. Und selbst noch dies gewaltige Leben – so wie die gigantischen Sauropoden, die oft schon gar nicht mehr in die Bildabmessungen zu passen scheinen – muss sich unausweichlich dem Aussterben (in vielen Varianten) desillusioniert beugen.

„Die frühere Paläo-Kunst erschien vor allem in Form von Illustrationen zur Begleitung wissenschaftlicher Texte, sie sollte jedoch bald auch andere Medien erfassen. Als diese Tradition Englands Grenzen überschritt, weitete sie sich auf ehrgeizige Gemälde, Skulpturen und Installationen aus, die von Naturkundemuseen und anderen Institutionen beauftragt wurden. […] Auf ähnliche Weise sind Bilder prähistorischer Tiere Prismen für die veränderlichen Konzepte von Schöpfung und Zerstörung, triumphierende Oden an die Mächte der menschlichen Entdeckung und Testamente unserer Bedeutungslosigkeit.“[5]

Paläo-Art katapultiert uns vielleicht wie keine andere Kunstform in das Reich der Phantasie, die sich zugleich aber wissenschaftlich korrigieren und erweitern lässt. Ob ein Mosaik, eine Leinwand oder später Film und Computer: durch die Geschichte der Medien wandert die Geschichte der Paläo-Art und damit auch die ihrer Hauptdarsteller – voran die Dinosaurier und in vielen Nebenrollen nicht gänzlich unscheinbar die Säugetiere.

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II

Welche düstere Dramatik bei Charles R. Knight! Sein berühmtestes Bild vielleicht, von 1928: ein Tyrannosaurus rex und ein Triceratops bewegen sich wie „Revolverhelden vor einem Salon  […] durch den Nebel. Das Bild inspirierte Kampfszenen in King Kong (1933) und Fantasia (1940) […].“[6] Lescaze erläutert die methodische Prämisse des Malers:

„Knight glaubte, dass Paläo-Künstler prähistorische Tiere ebenso naturalistisch malen sollten wie zeitgenössische Arten. In einer unveröffentlichten Autobiografie betonte er, wie wichtig es sei, sich daran zu erinnern, dass auch die Dinosaurier ‚lebende, atmende Kreaturen waren, die in einer Atmosphäre aus Farbe, Licht und Schatten auf genau dieselbe Weise lebten wie [neuzeitliche] Tiere.‘ Knight widmete sich seinen ausgestorbenen Modellen wie er auch die Tiere im Zoo in der Bronx malte: als stünden sie direkt vor ihm.“[7]

Und welch melancholische Monumentalität bei Zallinger! „Das Bild Das Zeitalter der Reptilien von Rudolph F. Zallinger spürt die Entwicklung prähistorischen Lebens vom Devon bis zur Kreidezeit nach und bildet nahezu 300 Millionen Jahre ab. Das Gemälde wurde 1947 vervollständigt und ist eines der größten und bekanntesten Paläo-Kunstwerke, die je entstanden sind; ein gigantisches Meisterwerk, für welches über 33 Meter Gips verarbeitet wurden.“[8] Gepanzerte Horndinosaurier, feuerspeiende Vulkane und ein übermächtig wirkender T-Rex[9] im kreidezeitlichen Teil (übermächtig deshalb, weil sich zum Beispiel Brontosaurus in einem Jura-Sumpf versteckt): die Schrecken des Zweiten Weltkrieges scheinen auch die düstere (End)Fassung beeinflusst zu haben, wie die Autorin vermutet.[10]

Manches wirkt in der heutigen, digitalen Paläo-Art so real, als hätte der Künstler z.B. einen gefiederten Dinosaurier eben mal so in seinem Garten fotographiert.[11] Aber welch vibrierende Wucht kommt uns in Burians Inszenierungen entgegen! „Auf mehr als 500 Gemälden und Zeichnungen ließ der launische tschechische Künstler Zdenĕk Burian eine düstere neue Vision der prähistorischen Vergangenheit entstehen. Bei seiner Arbeit während des Zweiten Weltkriegs und später im Schatten der Sowjetunion schuf Burian eine bedrohlich wirkende, aufregende Welt, die von aktuellen Ereignissen und seinen eigenen persönlichen Dämonen inspiriert wurde. Seine Arbeit stellte einen scharfen Kontrast zur optimistischen Haltung gegenüber dem evolutionären Fortschritt dar und betonte die Parallelen zwischen unserer eigenen prekären Position und jeder der prähistorischen Tiere.“[12] Burians Dinosaurier donnern geradezu in gigantischer Größe durch die Bilder, und wenn sie nicht donnern, sind sie Monumente, den Pyramiden gleich, in einer stolzen Trauer vor den unbezwingbaren Mächten der Zeit, sind Inkarnationen der Schwerkraft. In R. T. Bakkers revolutionären, aber nicht unumstrittenen Illustrationen (im Buch nicht mehr mit aufgenommen, da dieses in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts endet) trotzen die Dinosaurier eben dieser Schwerkraft: sie hüpfen, sausen und tanzen nun geradezu durch die Luft – ob die Anatomie das überhaupt zugelassen hätte, muss weiter diskutiert werden. Aber: wie visionär schon „LAELAPS“ von Charles R. Knight (1897): hochdynamische Raubsaurier![13] Und wie hätte ein Burian die wirklichen Großen (später entdeckten) gezeichnet: Argentinosaurus oder Sauroposeidon?

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III

Paleo-Art: Es ging und geht keinesfalls um angestrebte Mimesis (wie auch?), sondern um eine Interpretation, die bei allem Naturalismus (oder auch nicht) ihre Subjektivität bei der Darstellung eines Sachgegenstandes keineswegs verschleiern möchte – bis zu einer Entwicklung beispielsweise bei Heinrich Harder, der den Schritt von einer naturwissenschaftlichen Darstellung hin zu eigenständigen künstlerischen Werken vollzog.[14] Besonders beeindruckend sind in diesem Kontext auch die irritierend-irrlichternden Farbstudien von Konstantin Konstantinowitsch Fljorow – voller Expressivität, Nachdenklichkeit und Stärke.[15] Wir brauchen diese überbordende Subjektivität des Künstlerischen, die das So-Gewesene als Möglich-Gewesenes uns sichtbar, vielleicht sogar plausibel macht: sonst blieben nur eine Handvoll Kochen und Steine. (Anmerkung: Eine Handvoll Knochen ist bei Dinosauriern gewissermaßen eine gewollte Untertreibung!)

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Die Auswahl der hier besprochenen Künstler war biographisch bedingt – das Buch bietet eine weitaus größere Fülle zum Entdecken! Ich bin nämlich mit Zallinger, Burian und Knight groß geworden. Und diese Bilder haben mich lange begleitet und tun es immer noch. Sie brachten mir das Faszinosum und Tremendum bei (eine Beschreibung von Religion bzw. des Heiligen nach Rudolf Otto) – heißt appliziert: das Stauen-Können über die räumliche Weite und zeitliche Tiefe dieser Welt, über die Fülle und das Geheimnis der Evolution, über den Kosmos; und dass wir dies alles erforschen können! Aber da war und ist auch jenes Gefühl von Marginalität, das ein wenig oder sehr viel mich schaudern lässt. Diese beiden Momente, zutiefst religiös, ohne konfessionell-ideologisch zu sein, relativieren das Machtgehabe geschichtlich zufällig emporgekommener Religionen, sofern sie mit zerstörerischen Absolutheitsansprüchen auftreten. Am Anfang schuf Gott die Dinosaurier. Und es war gut! Und wir? Nur ein Zufall der Evolution – die Jagd nach einem Rhinozeros oder Kannibalismus unter Neandertalern, gemalt von Burian, zeigen prophetisch, welche Bestie auf die Erde losgelassen werden sollte. „Das Nachsinnen über die Frage, ob die Menschheit als Art alle Zeiten überdauern wird, bedeutet auch, sich seines eigenen Lebens und unvermeidlichen Todes bewusst zu werden. […] Ein leidenschaftsloses Stück Paläo-Kunst ist schwer zu finden: die Hingabe dieser Künstler an längst ausgestorbene Urtiere als Gegenstand ihrer Arbeit erfüllt ihre Werke mit fühlbarem Pathos. Die besten ihrer Schöpfungen wecken nicht nur unsere Neugier, sondern auch unser Mitgefühl.“[16] Eines der letzten Bilder in diesem Buch, von W. H. Bond: „HOMO ERECTUS AM LAGERFEUER“[17] (1966), umringt von totaler nächtlicher Schwärze: der Erfinder, der Geschichtenerzähler inmitten eines dunklen, gleichgültigen Universums? 

Zoë Lescaze: Paläo-Art. Darstellungen der Urgeschichte. Mit e. Vorwort v. Walton Ford, übers. v. D. Eliass, Köln 2017 (TASCHEN)

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Markus Pohlmeyer unterrichtet an der Europa-Universität Flensburg.

1. Zum wissenschaftlichen Weiterlesen empfohlen:

R.T. Bakker: The Dinosaur Heresies, 8. Aufl., New York 1996.

A.A. Debus – D. E. Debus: Paleoimagery. The Evolution of Dinosaurs in Art, McFarland, 2002.

A. Dworsky: Dinosaurier. Die Kulturgeschichte, München 2011.

D.E. Fastowsky – D. B. Weishampel: Dinosaurs. A Concise Natural History. Cambridge University Press 2009.

N. Klein et al. (Hrsg.).: Biology of the Sauropod Dinosaurs. Understanding the Life of Giants, Indiana University Press 2011.

R.T. J. Moody et al. (Hrsg.): Dinosaurs and Other Extinct Saurians: A Historical Perspective, The Geological Society London 2010.

D. Norman: Dinosaurier, übers. v. S. Held, Stuttgart 2011.

J.H. Ostrom: Dinosaurs, in: Carolina. Biology Readers, hg. v. J. J. Heade, 98, 1981.

Ders.: On a new specimen of the lower cretaceous theropod dinosaur Deinonychus antirrhopus, in: Breviora. Museum of Comparative Zoology, Nr. 439 (1976), 1-21.

M.J. S. Rudwick: Scenes from Deep Time. Early Pictorial Representations of the Prehistoric World, Chicago – London 1992.

V. Scully et al. (Hrsg.): The Age of Reptiles. The Great Dinosaur Mural at Yale, Yale University 1990.

D.B. Weishampel u.a.: The Dinosauria, 2. Aufl., University of California Press 2007.

2. Zum Staunen und Schwärmen:

  1. Csotonyi – S. White: The Paleo-Art of Julius Csotonyi, Titan Books 2014.

Ricardo Delgado’s Age of Reptiles. Omnibus, Vol. 1, Dark Horse Books 2011.

Ricardo Delgado’s Age Of Reptiles. Ancient Egyptians, Dark Horse Books 2015- 2016.[18]

  1. Kuther: The Amazing World of Dinosaurs. An Illustrated Journey Through the Mesozoic Era, Adventure Publications, 2016.
  2. Milner: Charles R. Knight: the artist who saw through time, New York 2012.
  3. V. Špinar: Leben in der Urzeit, Illustrationen v. Z. Burian, übers. v. E. Echsnerová, Hanau 1973.
  4. White (Hg.): Dinosaur Art. The World’s Greatest Paleoart, Titan Books 2012.

Ders.: Dinosaur Art II. The Cutting Edge of Paleoart, Titan Books 2017.

  1. P. Witton: Recreating an age of Reptiles, The Crowood Press Ltd. 2017
[1] Aus dem Vorwort v. W. Ford: „Doppelte Zeitmaschine“, in: Z. Lescaze: Paläo-Art. Darstellungen der Urgeschichte, übers. v. D. Eliass, Köln 2017 (TASCHEN), 11-12, hier 11. Graphische Gestaltungen in den Originalüberschriften habe ich hier nicht übernommen. Zur Diskussion der historischen Einordnung vgl. auch ausführlicher M. J. S. Rudwick: Scenes from Deep Time. Early Pictorial Representations of the Prehistoric World, Chicago – London 1992.
[2] Ford: Vorwort (s. Amn. 1), 11 f.
[3] Vgl. dazu: „Die Paläo-Kunst boomte in den Jahren nach der Russischen Revolution und florierte bis zum Fall der Sowjetunion. Von lockeren, unbefangenen Ölskizzen, die auf Kartonresten ausgeführt waren, bis zu eindrucksvollen Mosaiken, die in gewaltigen Ausmaßen angebracht wurden, gehören die sowjetischen Werke der Paläo-Kunst zu den spektakulärsten, die je entstanden sind.“ Lescaze: Paläo-Art (s. Amn. 1), 219.
[4] Ford: Vorwort (s. Amn. 1), 12.
[5] Lescaze: Paläo-Art. (s. Amn. 1), 20.
[6] Lescaze: Paläo-Art. (s. Amn. 1), 101.
[7] Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1), 85.
[8] Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1), 137.
[9] Heute weiß man um wesentlich größere Raubsaurier – und der Fokus von neueren Darstellungen scheint mir eher auf gefiederten Dinosauriern zu liegen. Dennoch ist T-Rex die Ikone des Mesozoikums.
[10] Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1), 138.
[11] Vgl. dazu Microraptor zhaoianus von J. Brougham, in: S. White (Hg.): Dinosaur Art II. The Cutting Edge of Paleo-Art, Titan Books 2017, 100.
[12] Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1), 163.
[13] Vgl. dazu Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1), 90 f.
[14] Vgl. dazu Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1): Kapitel IV.
[15] Vgl. dazu Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1): Kapitel VIII.
[16] Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1), 269.
[17] Lescaze: Paläo-Art (s. Anm. 1), 269.
[18] Vgl. dazu Markus Pohlmeyer: Spinosaurus – ein Samurai-Western aus der Urzeit! Ein Essay, in: http://culturmag.de/allgemein/essay-markus-pohlmeyer-spinosaurus-ein-samurai-western-aus-der-urzeit/93657, Zugriff am 8.6.2016.

In der Februar-Ausgabe wird Markus Pohlmeyer in klassischer Manier einzelne Bildbeschreibungen (eine, wie die „Textbeschreibung“, schon fast verlorene, aber extrem wichtige Kulturtechnik) zu diesem Band vorlegen.

 

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