Posted On 15. April 2017 By In Bücher, Crimemag With 1208 Views

Bloody Chops – April 2017

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Bloody Chops im April 2017

Kurzbesprechungen von fiction und non fiction. Zerteilt und serviert von: Max Annas (MA), Alf Mayer (AM), Frank Rumpel (rum), Susanne Saygin (sy) und Thomas Wörtche (TW).

Über: Eleanor Canton, Kanae Minato, Butz Peters, Anja Rützel, Nicholas Searle, Hans Schefczyk, Philip Siegel, Takis Würger, die Zeitschrift Mittelweg 36 und ein True-Crime-Buch.


chop CrimeBook1000_01Besser als gedacht

(AM) Nun also nach Film, Geschichte, Religion, Politik und so weiter „The Crime Book“ vom Verlag Dorling Kinderley (DK). Einige dieser enzykopäischen Werke gibt es auch auf Deutsch, etwa „Das Philosophie-Buch: Große Ideen und ihre Denker“, das Soziologie-, Psychologie-, Mathematik-, Management-, Wirtschafts- und Soweiter-Buch. „Big Ideas Simpley Explained“ verspricht ein Sticker auf dem Cover, und das ist auch schon das ganze – durchaus erfolgreiche – Programm. Hier sind es die Autorinnen Shanna Hogan, Rebecca Morris und Cathy Scott zusammen mit dem Briten Michael Kerrigan und dem Kanadier Lee Mellor, alle haben sie zuhauf True Crime veröffentlicht, in Buchform oder in Zeitschriften und Zeitungen.

Tatsächlich ist das Sachkunde-Niveau durchgängig ziemlich hoch, ich hatte mehr recycelte Allgemeinplätze befürchtet. Natürlich aber bewegen wir uns hier insgesamt im Bereich der Populärkultur. Nicht erwartet hatte ich zum Beispiel die vier Seiten über den Armeescharfschützen Charles Whitman, der am 1. August 1966 vom Turm der Universität von Austin aus 14 Menschen erschoss und 31 verletzte, so den Vietnamkrieg nach Hause brachte (siehe dazu auch meine achtteilige „Kulturgeschichte des Scharfschützen“  bei CrimeMag) und dessen Fall soetwas wie ein Zivilisationsbruch war.

Charles Mansonss „Helter Skelter“ kommt auf acht Buchseiten, hat Platz auch für ein informatives Diagramm der „Family“. In acht große Kapitel gliedert sich das True-Crime-Werk: Banditen, Räuber und Brandstifter, dann Betrüger, Wirtschaftskriminelle, organisiertes Verbrechen, Kidnapping und Erpressung, Mordfälle (mit 20 Beispielen der umfangreichste Teil), Serienmörder, Attentate und politische Verbrechen. Das alles üppig illustriert, lesegerecht serviert und unterhaltsam. Für eine deutsche Ausgabe müsste es entsprechende Ergänzungen geben. Jürgen Bartsch, Fritz Haarmann, Fritz Honka, Vera Brühne, Rosemarie Nitribitt, Marianne Bachmeier oder Jakob von Metzler fehlen. Bei den „White Collar Crimes“ haben es allerdings die Deutsche Bank mit ihrer gigantischen Geldstrafe vom US-Justizministerium und Volkswagen mit dem Abgasskandal auf eine Doppelseite geschafft.

Shanna Hogan, Michael Kerrigan, Lee Mellor, Rebecca Morris and Cathy Scott: The Crime Book. Part of Big Ideas Simply Explained. True Crime. Foreword by Peter James. DK Dorling Kindersley, London 2017. Hardcover, heavily illustrated. 352 pages, 16,77 GBP. Verlagsinformationen.


 

41LW-37dY9L._SX314_BO1,204,203,200_Keine Gewinner

(rum.) In ihrer Heimat Japan landete Kanae Minato mit ihrem Debüt „Geständnisse“ 2008 einen Bestseller. 3,5 Millionen Exemplare verkaufte sie allein dort. Der Roman wurde von Tetsuya Nakashima verfilmt und lief 2011 auch hier in den Kinos, weshalb manchem die Geschichte bekannt vorkommen mag. 

Zwei Jugendliche ermorden an ihrer Schule die kleine Tochter einer Lehrerin. Der eine Täter, ein hoch intelligenter Sonderling, hat eine Geldbörse entwickelt, die, sobald man ihren Reißverschluss berührt, Stromstöße verteilt. Die geben sie dem Kind in die Hand, das daraufhin ohnmächtig wird. Der zweite Junge zerrt sie ins nahe Schwimmbecken. Dort ertrinkt das Mädchen. Diese Version der Geschichte erzählt jene Lehrerin, die ihre Tochter verloren hat, ihren Schülern am letzten Schultag, bevor sie den Dienst quittiert. Sie kennt die Täter und offenbart ihnen, dass sie soeben von ihr mit HIV-kontaminierten Blut präparierte Milch getrunken haben.

In den folgenden Kapiteln lässt die 1973 geborene Minato, die etliche Jahre selbst als Lehrerin arbeitete, eine Mitschülerin, die Schwester und die Mutter eines der Täter, aber auch die beiden Täter selbst zu Wort kommen, lässt sie ihre Sicht auf das Geschehen schildern. Das ist, wenngleich manches Detail auf den ersten Blick etwas schrill wirken mag, alles sehr subtil erzählt. Minato lässt ihre Charaktere längst nicht nur die Tat selbst rekapitulieren, sondern zeigt, wie es zu dem Mord kam und wie die Täter, aber auch die Schulklasse oder die Mutter des Opfers mit dem Verbrechen umgingen. So geht sie auf interessante Weise den Fragen nach Schuld und Sühne nach, gibt aber auch reichlich Einblicke ins japanische Alltagsleben.

Kanae Minato taucht tief in die Psychen ihrer Protagonisten ein, erzählt kühl und geordnet, grundiert mit bitterbösem Humor. Bei jenen, die da ihren Teil zur Geschichte beitragen, gibt es keine Gewinner. Überall tun sich Abgründe auf, offenbaren sich reichlich schräge Verhältnisse zur Realität. Mancher mag auf den ersten Blick ganz vernünftig erscheinen, entpuppt sich dann aber als höchst unzuverlässiger Beobachter und Erzähler. Und mit jedem bekommt die Geschichte einen neuen Dreh. Klasse.

Kanae Minato: Geständnisse (Kokuhaku, 2008). Roman. Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann. C. Bertelsmann,  München 2017. 270 Seiten, 16,99 Euro.

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Terrorismus (1) Viel guter Stoff 

(MA) Es ist 1991. Kommunikation funktioniert noch ganz anders als in diesen Tagen. So auch Verabredungen. Im Notfall am ersten Samstag im Monat im IKEA in Toulouse. Es geht um Leute, die verschwinden, wenn auch nur für ein paar Tage. Und Leute, die längst verschwunden sind, auch Gründe haben, es zu bleiben. Netzwerke, und wie sie funktionieren. Die, die ein Interesse daran haben, sie zu zerstören. Und immer geht es, natürlich um Geld, denn das fehlt normalerweise. Gerade, wenn Du untergetaucht bist.

Morlock war Mitglied einer Zelle, seit fünfzehn Jahren ist er untergetaucht. Einige aus der Zelle sind identifiziert, also permanent verschwunden. Andere nicht, leben noch in ihrer bürgerlichen Existenz, wie man sagt, legal also. Als Morlock Wohnung und Habe in Barcelona verliert, dazu noch seine Legende, nimmt er Kontakt auf zu den anderen – das ist der Termin bei IKEA. Gemeinsam hecken die, die illegal sind, aber eine Bude haben, mit Morlock und mit Ronja, die noch ganz und gar legal ist, einen Plan aus, Geld zu beschaffen. Die Textilkette Jansen & Peters ist das Ziel. Schlimme Arbeitsbedingungen, kleine Feuer, mächtige Sprinkleranlagen – wir Älteren erinnern uns noch an die Bekleidungskette Adler und an die Rota Zora, so viel Bezug zur Geschichte muss sein. Die Erpressung der Firma ist schlau angelegt und so international wie deren Läden, aber was die Beteiligten nicht wissen, ist, dass ihnen der deutsche Staat auf den Fersen ist. Und nicht nur der.

Hans Schefczyk, der als Drehbuchautor in Frankreich lebt, hat 23 Jahre nach seinem ersten Roman „Patt“ nun seinen Zweitling veröffentlicht. Schnell geschnitten und gut erzählt entwickelt die Geschichte um einen wirklich allerletzten Coup einen feinen Sog und öffnet nebenbei den Blick auf aktuell auftauchende Berichte um Untergetauchte und Geldbesorgung. Die Geschichte der militanten Bewegungen bietet ja viel Stoff, der in der französischen und italienischen Kriminalliteratur längst ein alltägliches Sujet ist. Ein tolles Buch.

Hans Schefczyk: Das Ding drehn. Transit Verlag, Berlin 2017. 192 Seiten, 20,00 Euro.

61YIgQlxXsL._SX314_BO1,204,203,200_Nicht ganz wahr

(sy) Die Qualität eines Kriminalromans steht und fällt damit, mit welcher Tiefenschärfe er eine bisher unbekannte soziale Realität erfasst und sichtbar macht. Dazu braucht es eine gewisse analytische Distanz. Gute Kriminalliteratur hat mithin viel mit gutem Reportage-Journalismus gemein. Takis Würger hat mehrere Journalisten-Preise gewonnen, unter anderem für eine Reportage aus Afghanistan, für die er 2011 im Auftrag des Spiegel als embedded journalist eine deutsche Kampftruppe am Hindukusch begleitet hat. Drei Jahre später hat der Amateurboxer Würger ein Studienjahr in Cambridge verbracht und wurde in dieser Zeit gleich in mehrere der dortigen Clubs und Drinking Societies aufgenommen. In Deutschland haftet den Eliteunis Oxford und Cambridge und ihren noch elitäreren Männerbünden ‑ mutmaßlich vor allem dank Bollinger-Bolschewiken wie Kim Philby, Guy Burgess et al. – selbst in linken Anarcho-Kreisen gern etwas märchenhaft Entrücktes an. In Großbritannien hingegen, sind die Clubs und Societies der Upper Class mit ihren Saufgelagen und ihrer ritualisierten Frauenverachtung ähnlich schlecht beleumundet wie schlagende Verbindungen bei uns.

Wenn nun jemand von der Statur eines Takis Würger antritt, einen Kriminalroman über das Innenleben eines solch exklusiven Zusammenschlusses zu schreiben, und wenn dieser Roman wie ein Märchen beginnt und mit dem Satz „Es ist alles wahr“ endet, sind die Erwartungen entsprechend hoch. Leider werden sie nicht erfüllt. Das liegt nicht am Plot. Die Story vom frühverwaisten deutschen Boxer Hans, der von seiner zwischen Hexe und guter Fee chargierenden Tante, einer Professorin in Cambridge, an die Uni geholt wird, um dort den real existierenden aristokratischen Pitt Club als Maulwurf zu unterwandern und ein Verbrechen aufzuklären, geht druckvoll voran. Auch sprachlich ist der Roman in Ordnung. Würgers geschliffene Prosa ist so knapp, dass man ihm die wiederkehrenden stilistischen Anleihen bei Ernest Hemingway und Bret Easton Ellis ebenso verzeiht, wie die teilweise mangelnde Ausgestaltung der verschiedenen Figuren, die neben Hans zu Co-Erzählern der Geschichte avancieren. Das Problem ist die Haltung. Hans, der Ich-Erzähler, grenzt sich zwar immer wieder gegen die moralisch bedenklicheren Umtriebe seiner neuen Freunden ab, aber der sprachliche Duktus dieser Abgrenzungen ist sperrig im Vergleich zu den lustvollen Ausführungen zur Wahl des richtigen Schwarztons für den maßgefertigten Smoking oder schwelgerischen Schilderungen von Abendessen in Chelsea, Wochenenden auf denkmalgeschützten Herrensitzen und Ferien in italienischen Sommerhäusern. Der Verdacht drängt sich auf, dass der Autor Takis Würger der großen Gefahr für embedded journalists erlegen ist: Er hat die Distanz verloren und ist beim Hobnobbing mit seinen Kumpels im Pitt Club und bei den Adonians dem diskreten Charme der Aristokratie aufgesessen. Das ist schade, denn so ist zwar alles, was Würger über diese Zirkel schreibt, wahr, aber nichts stimmt.

Takis Würger: Der Club. Kein & Aber, Zürich 2017. 240 Seiten, 22,00 Euro.

 

CAM_Cover_Umschlag_3ZKP_20161007_05.inddMitten aus dem Leben (1)

(AM) Einer seiner ewigen Verdienste wird es bleiben, dass er als 17-jähriger Schüler zusammen mit Milan Pavlovic 1982 die Filmzeitschrift steadycam gegründet hat. Der Name feierte ein komplexes Halterungssystem für tragbare Kameras, das einem frei beweglichen Kameramann absolut verwacklungsarme Bilder ermöglicht. Die Kamera kann sich elegant im Raum bewegen, sie schwebt. John G. Avildsens „Rocky“ (1976) war einer der ersten Einsätze, Niklaus Schilling drehte damit fast den kompletten „Willy-Busch-Report“ (1979), Kubrick glänzte mit „Shining“ (1980). Auf gewisse Weise hat der dann zum Fernsehreporter gewordene Philip Siegel es verstanden, dieses Prinzip in seinen Journalismus zu übertragen. So wie uns eine Steadycam scheinbar mühelos etwa am Ende eines Fußballspiels zu den Akteuren bringt und wir ihre Emotionen direkt mitbekommen, so führen uns seine Texte und Recherchen ungefiltert nahe an gewisse Wirklichkeiten heran. „Drei Zimmer, Küche, Porno“ eben.
Das erfreulich unverklemmte und unverblümte Buch ist das ziemliche Gegenteil dessen, was der – in Sprache und Haltung – distanzierte Milieuausflug „Rotlicht“ von Nora Bossong zu leisten vermag (CrimeMag-Kritik von Sonja Hartl hier). Philip Siegel fragt direkt und ohne Umschweife nach, warum immer mehr Menschen in die Sex-Branche einsteigen. Er fragt es, während sie es tun. Mit über 100 Männern und Frauen hat er unmittelbar bei Pornodreharbeiten geredet. Das Buch ist die Fortführung und Zuspitzung seiner ersten großen Recherche, „Porno in Deutschland – Reise durch ein unbekanntes Land“ (2010), von den großen Buchverlagen abgelehnt und dann im Münchener Kleinverlag Belleville erschienen. Dieses Mal sind es die Pornoamateure, die er aufsucht, denn kein anderes Filmgenre hat sich in den letzten 20 Jahren derart verändert und demokratisiert. Mit dem Smartphone lassen sich längst problemlos Filme drehen, schnell, billig, überall. Aus einstigen Monumentalpornos wie „Katharina die Große“ werden heute die Clips von „Parkplatzluder19“ oder „FrankfurterTitten“.

Über zwölf Prozent aller Inhalte, die in Deutschland im Internet angesehen werden, sind pornografisch. Aber nicht nur das: In keinem anderen Land der Welt spielen so viele Menschen in Pornos mit. Über 50.000 Frauen und Männer betätigen sich in Deutschland mittlerweile als Mini-Pornoproduzenten, hat Siegel recherchiert. Porno ist buchstäblich „My Dirty Hobby“ geworden, wie eines der größten Portale für die Amateure heißt. Sie sind unsere Nachbarn. Philip Siegel redet mit den Akteuren, es sind Menschen aller Stände; er redet auch über Strategien der Selbstvermarktung und Sex als Freizeitabenteuer, über die Vorzüge der sozialen Medien und den manchmal fließenden Übergang zur Prostitution. Dem Campus-Verlag rechne ich es hoch an, dass das Buch in der Abteilung „Gesellschaft & Wirtschaft“ erscheint. Denn dort gehört es hin: mitten in die Wirtschaft, mitten in die Gesellschaft, mitten in die Kultur.

Philip Siegel: Drei Zimmer, Küche, Porno. Warum immer mehr Menschen in die Sex-Branche einsteigen. Campus Verlag, Frankfurt 2017. Klappenbroschur , 275 Seiten, 19,95. Die Clips zum Buch unter www.3zimmerporno.de 

 

51-d6zgRuAL._SX290_BO1,204,203,200_Gelungene Balance

(TW) Wie eine Gauner-Komödie unter älteren Menschen beginnt Das alte Böse des Briten Nicholas Searle. Der über 80jährige Roy ist darauf spezialisiert, per Internet-Dating einsame alte Damen auszuplündern, und so gerät er an Betty. Und die, so ahnen wir, scheint den Spieß umzudrehen. Je mehr wir aber von Roy und Betty erfahren, desto undurchsichtiger wird die Angelegenheit. Wir tauchen in die unappetitliche Biographie von Roy ein und die führt zunächst ins Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und nachdem Searle immer mehr Zweifel an der Identität seiner Figuren sät, gelangen wir an den Ursprung der Geschichte in der Nazi-Zeit. Roy ist nicht Roy und Betty nicht Betty.

Die Drehung des Romans ist atemberaubend gut, sehr intelligent gemacht und läuft am Ende dann doch nicht ganz so, wie man es ein zweites Mal ahnen wollte. Das ist, trotz der herzzerreißenden Wendung, sehr vergnüglich und raffiniert gemacht. Komödie und Tragödie siedeln nah beieinander, Searle handhabt diese Balance meisterhaft und sehr spannend. Ein brillanter Erstling, jenseits aller Schubladen.

Nicolas Searle. Das alte Böse. Roman. Kindler 2017, Übers.: Jan Schönherr, 368 Seite, 19,95 Euro

 

51blLxT5hqL._SX331_BO1,204,203,200_Terrorismus (2) Kapitalistentochter mit Maschinenpistole

(AM) Patty Hearst – dieser Name sagt heute vermutlich nicht mehr allen etwas. Gut, dass Wolfgang Kraushaar in seiner so verdienstvoll geführten „Protest-Chronik“ nun an den „15. April 1974, San Francisco“ erinnert. So heißt sein Beitrag in der April/Mai-Nummer 2017 des „Mittelweg 36“, der immer wieder anregenden und hier schon öfter empfohlenen Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Patty Hearst ist eine Enkeltochter des einflussreichen US-amerikanischen Medienmoguls William Randolph Hearst. Ihre Entführung durch die linksradikale „Symbionese Liberation Army“ (SLA) bewegt seit Februar 1974 die Nation wie einst die Entführung des Lindbergh-Babys im Jahr 1932, verdrängt sogar Watergate aus den Schlagzeilen. Als Lösegeld verlangt die SLA vom „Volksfeind“ Hearst, Lebensmittel in Höhe von bis zu 400 Millionen Dollar an die Bedürftigen in Kalifornien auszugeben. Gouverneur Ronald Reagan meint, trump-like, man solle doch die erpressten Lebensmittel vergiften. Zwei Monate nach der Entführung, eben an jenem am 14.4.1974, überfällt ein schwerbewaffnetes SLA-Kommando eine Filiale der Hibernia Bank in San Francisco, erbeutet 10.000 Dollar, verletzt zwei Kunden schwer. Einige der Bankräuber sind auf den Bildern der Überwachungskamera zweifelsfrei zu identifizieren. So auch die mit einer Maschinenpistole bewaffnete Milliardärstochter Patricia „Patty“ Hearst. Die Bilder der 20-jährigen jungen Frau sind ein Schock. Ein Promi-Kind als gewaltbereite Terroristin! Oder doch eher gehirngewaschen, die Arme? Die Medien und die Deutungen überschlagen sich, auch in Deutschland, wo der Fall die Sympathisantendebatte um die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) befeuert.

500 Polizisten umstellen dann am 17. Mai 1974 ein Wohnhaus in Los Angeles, nehmen es 45 Minuten lang unter Feuer. „Es ist wie in Vietnam“, ruft ein Polizist einem Reporter zu, „wenn die mich doch nur Splitterbomben werfen ließen.“ Sechs SLA-Mitglieder kommen ums Leben, Patty ist nicht im Haus. Die Jagd auf sie dauert noch bis zum September 1975, kostet das FBI, das 25.000 mögliche Informanten befragt, über 270.000 Arbeitsstunden. Der Prozess für die „zur Stadtpartisanin umgedrehten Millionenerbin“ (Der Spiegel) wird zum Spektakel. Wie gütlich das dann ausging und was aus „Patty“ wurde, auch das zeichnet Wolfgang Kraushaar nach. Wer es noch ausführlicher nachlesen will: Relativ neu und umstritten ist Jeffrey Toobins Sachbuch „American Heiress: The Wild Saga of the Kidnapping, Crimes and Trial of Patty Hearst“ (2016), William Graebner hatte es 2008 mit „Patty’s Got a Gun: Patricia Hearst in 1970s America“ versucht (kann ich empfehlen). Fiktional näherte sich Mary Lambeth Moore 2010 mit „Sleeping with Patty Hearst“ an. Fulminant, vielbödig und von vielen Ketten frei ist Christopher Sorrentinos „Trance“ aus dem Jahr 2005.

Ansonsten beschäftigt sich das aktuelle Heft von „Mittelweg 36“ mit dem Thema Multikulturalismus und in einer Beilage mit Russlands Gesellschaft. Für 9,50 Euro kann man sich deutlich schlechtere Zeitschriften kaufen.

Hamburger Institut für Sozialforschung: Mittelweg 36. 26. Jahrgang, Heft 2, April/ Mai 2017. Verlag Hamburger Edition. 104 Seiten, 9,50 Euro.

 

41sLTNsxDuL._SX338_BO1,204,203,200_Großvater Eco lässt grüßen

(AM) Als Hardcover ging dieses Buch vermutlich an Vielen vorbei, jetzt kommt es im Taschenbuch, und wenn die Buchhandlungen schlau sind, legen sie es in der Abteilung Strandlektüre aus. Denn Muße braucht es für diesen Schmöker, den man am besten wohl als viktorianisches Retro-Pastiche klassifiziert. Und das von hohen Graden. Eleanor Canton war 27, als „The Luminaries“ für den Booker Prize nominiert wurde und damit der monumentalste neuseeländische Roman seit 110 Jahren (seit dem dystopischen „Limanora“ von J. Macmillan Brown) weltweit Aufmerksamkeit erhielt. Tatsächlich ist beeindruckend, was die Autorin an Erzählkunst auffährt. In der Zeit des neuseeländischen Goldfiebers in der Hafenstadt Hokitika angesiedelt, kommt das Buch wie ein Narrativ des 19. Jahrhunderts daher, perfekt ausgestattet nicht nur in Dekor, Personal und Beleuchtung, sondern eben auch in Satzbau und Sprache. Übersetzerin Melanie Walz, der eine Verbeugung gebührt, meinte, nach der Arbeit an diesem Text wäre sie jederzeit in der Lage, „in einem neuen Goldfundgebiet als Goldschürferlehrjunge zu arbeiten … auch in einem Wahrsagerbetrieb als Pseudomedium oder als Schankkraft in einem mittelklassigen Bordell“.

Eine der Raffinessen dieses postmodernen Schmökers – mich wundert, dass Großvater Umberto Eco im Diskurs über dieses Buch nicht benannt wird – ist die Einpassung der vergnüglich durchdeklinierten Rashomon“-Variante in eine astrologische Struktur, eben „Die Gestirne“. Die Hauptfiguren, deren Geschichten sich auf zwölf Kapitel verteilen, sind mit den zwölf Tierkreiszeichen assoziiert. Die Kapitelüberschriften kommen mit barocken Unterzeilen wie zum Beispiel: „Mars im Krebs – In welchem Kapitel Carver sich auf die Suche nach Crosbie Wells macht, Edgar Clinch seine Dienste anbietet und in Anna Wetherell ein Entschluss heranreift.“ Die Kapitel werden immer kürzer, dünnen aus. Am Ende – im zwölften und titelgebenden Teil – umfasst die Kapitelunterzeile den Umfang einer Buchseite, der Text selbst dann ganze 19 Zeilen. Es ist ein letzter Salto, wie die über 1000 Handlungsseiten sich in Schwerelosigkeit und Sternenstaub auflösen. Aber dazu muss man sie gehabt haben, die Muße, durch die verbrecherische Seite Neuseelands und ein Buch zu reisen, das am Ende eine völlig andere Gestalt gewinnt und nicht mehr seine Geschichte, sondern das Lesen selbst zum Thema hat. Das, was mit uns geschieht, wenn wir Romane lesen …

Eleanor Canton: Die Gestirne (The Luminaries, 2013). Roman. Übersetzt von Melanie Walz. Verlag btb, München 2017. Taschenbuchausgabe, 1040 Seiten, 14,00 Euro.

 

raf 51x+SLcyEjL._SX324_BO1,204,203,200_raf 51UNuI+FIPL._SX327_BO1,204,203,200_Terrorismus (3) Schlüsseljahr 1977

(AM) Von einem „Ergreifungsdefizit, das uns alle bedrückt“, spricht Horst Herold, der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), am 6. Dezember 1977 bei einer Art Jahrespressekonferenz in der Akademie für Politische Bildung in Tutzing am Starnberger See. Sein Publikum sind Chefredakteure, Kommentatoren und ein paar jüngere Journalisten (u.a. me). Die Bilanz kommt sieben Wochen nach Ende des sogenannten Deutschen Herbstes. Es ist das heftigste Terrorjahr, das die Bundesrepublik bis heute erlebt hat. Eineinhalb Millionen Menschen werden im Deutschen Herbst von der Polizei kontrolliert, es geht nicht immer höflich zu. 1500 Personen werden verhaftet, „aber leider alle nicht von Rang: kein einziger Terrorist“, berichtet Herold in Tutzing. 30 Millionen Fahndungsplakate (einschließlich der ganzseitigen Zeitungsanzeigen) sind in Umlauf, sie bringen 30.000 Hinweise, „erfolgsträchtig“ seien sie nicht, sagt Herold. „Langhaarig“ zu sein, das genügt damals manchem Nachbarn als Verdachtsmoment. Von den zweiundzwanzig RAF-Akteuren des Jahres 1977, die dem Staat die Machtfrage stellten, den Generalbundesanwalt und dessen Fahrer auf offener Straße erschießen, die Wirtschaftsführer angreifen und den Arbeitgeberpräsidenten entführen, um in der „Big Raushole“ zehn Genossen freizupressen, fasst die Polizei trotz Großfahndungen im gleichen Jahr nur fünf, mit dem Rest braucht sie bis 1982. Erledigt hat sich das alles noch lange nicht.

An Ponto, Buback, Schleyer, Mogadischu, Stammheim und viele andere Ereignisse des Jahres 1977 wird in den nächsten Monaten großflächig erinnert werden. Der Jurist Butz Peters, bereits 1993, 2004 und 2006 mit Büchern über die RAF in Erscheinung getreten, bringt das Schlüsseljahr in ein Narrativ – einmal kondensiert als Chronik und im Taschenbuch, einmal deutlich ausführlicher im Hardcover. Er hat mit Zeitzeugen geredet, hat Unmengen Quellen konsultiert: Vernehmungsprotokolle, polizeiliche Ermittlungsberichte, Anklageschriften Gerichtsurteile, Erklärungen von RAF-Mitgliedern und Aussteigern. Sympathien mit den Terroristen und ihren Anwälten hat der ehemalige Moderator der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ keine, aber er geifert nicht, bemüht sich weithin um einen faktischen Ton. Weithin. Im Kapitel „Rückschau“ unter Punkt „95. Karriereende“ vermerkt er akribisch, wenn einer der 22 RAF-Akteure von 1977 heute Hartz-IV-Leistungen bezieht.

Butz Peters : 1977. RAF gegen Bundesrepublik. Droemer Verlag, München 2017. 576 Seiten, gebunden, 26,99 Euro.
Butz Peters: Hundert Tage. Die RAF-Chronik 1977. Knaur Taschenbuch. München 2017. 288 Seiten, 9,99 Euro.

 

chop trash-tv-100-seiten_9783150204337Mitten aus dem Leben (2) Flimmerkiste

(AM) Mit inzwischen über 1000 Folgen und gerade mit der 30. Staffel in Produktion ist die 1989 erstmals ausgestrahlte US-Fernsehsendung „COPS“ nicht nur die längste TV-Serie der Welt, sie gilt als einer der Auslöser des Reality-TV-Booms in den USA und damit auch bei uns (zur Internetpräsenz hier, zum Twitteraccount hier). Natürlich wird die Cop-Doku von der sogenannten seriösen Kritik ebenso beharrlich ignoriert wie das Allermeiste an Reality-TV, ist ja eh nur flimmernder Müll.  Für das Reclam-Format „100 Seiten“ hat sich nun die unerschrockene Fernsehkritikerin Anja Rützel mit „trash-tv“ befasst, herausgekommen sind 100 vergnüglich-informative Seiten, einer schneller Zapp durch all die Programme, in denen es um gesuchte Schwiegertöchter, vermisste Schwestern, getauschte Frauen, Junggesellen, Ausgewanderte, Stimmen, Sterne, Bauernfänger, Superstars, Hilfsdetektive, Messis, Trödler, Möchtegern-Restaurants, Foodtrucks, Einkaufshilfen, E- bis Z-Promis, Kampfshows, Schein-Lebenshilfen, Wohngemeinschaften oder Campbewohner geht.

Anja Rützel lässt allerlei Definitionsversuche von „trash-tv“ Revue passieren, Slavoj Zizek inklusive. (Am besten gefällt mir: „Es ist Mist, aber ich mag’s.“) Als ersten deutschen Trash-Moment macht sie die Familienshow „Wünsch dir was“ ausfindig, in der Moderator Dietmar Schönherr im Jahr 1970 eine Kandidatenfamilie fragte, welches der fünf von Mannequins vorgeführten Kleidungsstücke wohl gleich die 17-jährige Tochter für ihren eigenen Catwalk-Auftritt wählen würde – und die sich dann für die sehr transparente Bluse entschied. Ein damals die Republik erschütternder Moment, von dem Heidi Klum und ihre Nachwuchsmodels bei GNTM noch heute zehren. Man erfährt vom „Hate-Watching“, von den zehn charakteristischen IBES-Rollen („Ich bin ein Star – holt mich….“) und vielen anderen sinnlosen bis sinnfreien Nützlichkeiten. In einem kleinen Feuerwerk ab Seite 97 brennt die Autorin schließlich ein Referenzfeuerwerk berühmter Vorbilder ab, das ein für allemal das schlechte Gewissen am Trash-TV zu besänftigen vermag.

Anja Rützel: Trash-TV. Reihe 100 Seiten. Reclam Verlag, Stuttgart 2017. Broschiert, 100 Seiten, 10,00 Euro.

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