Posted On 15. März 2017 By In Bücher, Crimemag With 645 Views

Sachbuch: Nora Bossong: Rotlicht

41wv10Bux7LEin Blick auf das Rotlichtmilieu

Von Sonja Hartl

Es ist eine interessante Ausgangssituation in Nora Bossongs „Rotlicht“: Als Kind war für die Autorin die rote lackierte Tür eines Sex-Shops in Bremen ein Ort der Geheimnisse und Heimlichkeiten, nun will die Schriftstellerin sie öffnen und das Rotlichtmilieu erkunden. Sie will das Geschäft (mit) der Erotik und der käuflichen Lust erforschen, sie will in eine Domäne eindringen, die weiterhin fast ausschließlich auf Männer ausgerichtet ist. Deshalb besucht sie die Erotikmesse Venus, einen Swingerclub in Kreuzberg, ein Bordell, ein Sex-Kino, geht zur Tantra-Massage und spricht mit Prostituierten. Dazwischen macht sie sich Gedanken über das Machtgefälle zwischen Mann und Frau, über ihre eigene und die gesellschaftliche Wahrnehmung von Lust und die Kommerzialisierung der Erotik – und obwohl das aufschlussreich und spannend klingt, verbleibt dieses Buch an der Oberfläche, kommt es diesen Orten, den Menschen, die dort arbeiten oder hingehen, und damit letztlich auch diesen Themen nicht wirklich nahe.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zunächst ist beim Schreiben über das „Rotlichtmilieu“ der Grat zwischen Voyeurismus und Nähe ebenso schmal wie zwischen Betroffenheitsjournalismus und tatsächlicher Anteilnahme. In diesem Fall kommt aufgrund der Konzeption des Buchs noch die Intimsphäre der Autorin hinzu. Deshalb wägte ich beim Lesen – und auch beim Schreiben dieses Textes – beständig ab, ob ich wirklich kritisieren kann, dass Nora Bossong hier nicht weiterschreibt, nicht tiefer geht oder ich akzeptieren muss, dass sie hier ihre Intimsphäre nicht verletzten wollte.

Jedoch gehen ihre Beobachtungen über gelegentliche (und sicherlich nachvollziehbare) Panikanfälle beim Anblick von einem Gangbang in einem „Erlebniskino für Erwachsene“ und über Ekel im Sex-Kino kaum hinaus. Je weiter das Buch voranschreitet, desto problematischer wird diese Beschränkungen. In dem Kapitel, das der weiblichen Lust gewidmet ist, bucht Nora Bossong für sich eine Tantra-Massage, schreibt mehrfach und ausführlich, dass eine Tantra-Massage eben keine Sex-Massage ist, sondern es um ein spirituelles Erlebnis geht. Als sie dann den Raum nach Zögern betritt, schweigt sie sich über den Ablauf und das Ende aus.

Es geht hier nicht darum, dass ich „schmutzige“ Details erfahren will – aber in dem Buch ist beständig zu lesen, dass es so wenige Angebote gibt, die sich an Frauen richten, nun wird eines davon aufgesucht und man erfährt auch im nachfolgenden Gespräch mit einer Tantra-Masseurin kaum etwas. Dies wäre aber einer der vielen Punkte gewesen, an dem Nora Bossong über die üblichen Reaktionen angesichts glattrasierter Körper bei Sexmessen und gelangweilter Prostituierter in Hamburger Laufhäusern hinausgehen könnte. Oder anders gesagt: Ein Buch, das von weiblicher und männlicher Lust erzählen will, muss auch darüber schreiben.

rotBuñuels 50 Jahre alter Film „Belle de Jour“ als Referenz

Deshalb ist der Wagemut, das Aufregende, mit dem das Buch beworben und aufgemacht wird, letztlich eine Behauptung: Man erfährt hier nicht mehr über das Sex-Gewerbe als in einem Zeitungsartikel, es gibt weder eine harte Aufmachung mit Fakten und Zahlen, noch eine investigative Reportage oder einen radikal feministischen Blick auf das Rotlichtmilieu. Ja, noch nicht einmal zu dem umstrittenen Prostitutionsgesetz, das in zwei Kapiteln aus verschiedenen Sichtweisen vorgestellt werden soll und zu dem sie ihre Meinung grundlegend ändert, ist viel zu erfahren.

Dafür aber einiges über ihre Sichtweise von Buñuels „Belle de Jour“ – einem männlichen Blick auf eine Frau, die sich für Prostitution entscheidet, der 50 Jahre alt ist. Jedoch hat sich die Prostitution seither verändert, das schreibt auch Nora Bossong, allein der Erkenntnisgewinn aus der Auseinandersetzung mit dem Film bleibt abgesehen von einer kulturellen Referenz gering. Und die schöne Pariser Bürgersfrau des Films hat nun gar nichts mehr gemein mit den ungarischen Frauen, die in Berlin auf der Kurfürstenstraße arbeiten.

Deshalb gibt es in „Rotlicht“ kaum neue Dinge zu entdecken: dass das Geschäft auf die Befriedigung männlicher Lust ausgerichtet ist, wissen Autorin und Leser_innen vorher. Aber auch der Schluss, dass die Gesellschaft übersexualisiert ist, ist nicht neu. Welche Konsequenzen es indes auf die Gesellschaft, auf Jugendliche oder auch auf Medien hat, bleibt vage. Dabei muss man sich nur einmal anschauen, mit welchen Videos und Bildern so manche Textbeiträge zu diesem Buch versehen werden.

Dort ist dann auch gelegentlich von den tiefen Einblicken zu lesen, die Nora Bossong gewährt, dass sie „Räume sichtbar werden (lasse), die Frauen sonst nur sehen, wenn sie dort arbeiten“ (Spiegel Online). Ich arbeite dort nicht – und doch kamen mir fast all diese Räume bekannt vor, aus Büchern, aus Filmen, aus Reportagen, aus Interviews. Sicherlich ist es etwas anderes, über diese Räume zu lesen (so wie ich) oder sie tatsächlich aufzusuchen (wie Nora Bossong).

Als Rezipientin dieses Buches aber habe ich diese Unterschiede nicht. Es sind vermittelte Erfahrungen – und hier ist zu spüren, dass Nora Bossong oftmals ihre eigenen Grenzen überschritten hat. Dadurch aber ist dieses Buch weniger über das „Rotlicht“ als vielmehr über den bürgerlichen Blick einer Außenstehenden auf dieses Milieu. Daher der Rückgriff auf Buñuel – oder auch die Entscheidung, an sehr viele Orte einen männlichen Begleiter mitzunehmen, der dann oftmals zum Beschützer wird.

Nora Bossong benennt und reflektiert diesen Blick aus einer privilegierten Herkunft auch, aber sie verändert diese grundlegende Haltung nicht und daher werden deren Beschränkungen letztlich nicht überwunden. Vielmehr tritt er immer stärker zutage, als sie sich gegen Ende des Buches zunehmend mit sich selbst und der moralischen Legitimität ihres Handelns auseinandersetzt. Türen öffnet Nora Bossong mit diesem Buch daher allenfalls einen Spalt breit.

Sonja Hartl

Nora Bossong: Rotlicht. Hanser Verlag, München 2017. 240 Seiten, 20,00 Euro.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Position des Buchs zur Sex-Arbeit und weiterführende Links finden sich hier.

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