Geschrieben am 30. Mai 2012 von für Musikmag

Heliocentric Counterblast: A Tribute To Sun Ra

Heliocentric Counterblast: A Tribute To Sun RaMusikalische Substanz

– Thomas Wörtche mag die Hommage von Heliocentric Counterblast an Sun Ra, vermisst aber dann doch die anarchistischen Momente.

Alles ganz wunderbar: Klasse Bandname, Heliocentric Counterblast!, und natürlich – „A Tribute To Sun Ra“ ist eh eine sympathische Angelegenheit. Man sollte sowieso viel mehr Sun Ra hören. Und am besten seine bizarren, großartigen bis völlig besemmelten und irren Bühnenshows erleben (ältere Menschen wie ich hatten dieses Vergnügen). Aber leider ist Herman Blount, so hieß der Meister bürgerlich, seit 1993 tot. Wenn man ihn überhaupt noch kennt oder kennenlernen möchte: Man sollte nicht nur auf das Spektakuläre, die Show-Elemente, die exaltierte Exzentrik achten, sondern auch auf die eminente musikalische Substanz (John Gilmore, Marshall Allen, Julian Priester, Charles Davis etc., etc.), die das Sun Ra Arkestra immer hatte.

Genau auf diese Substanz zielt die Hommage der Berliner 8- resp. 9-Mann/Frau-Band um die Saxophonistin und Arrangeurin Katrin Lemke – und zwar sehr geschickt. Sun Ra wird ent-klamaukt, transparent gemacht, die ‚Methode Sun Ra‘ auch an ‚fremden‘ Kompositionen durchgespielt (eine von Katrin Lemke, „To do Voodoo“, die den spirit des Aufbruchs, des new things und seiner Traditionsbezogenheit sehr schön trifft; eine nicht minder gelungene von Trompeter Nikolas Neuser, „Hypertorus“, und eine Gershwin-Transkription, „ S´Wonderful“), und – der Rest der CD besteht aus alten Sun Ra-Krachern wie „A Call for Demons“ – neu interpretiert (nicht nachgespielt), aber im jeweiligen Idiom belassen: Also irgendwie zwischen R&B, Vaudeville und Free Music. Hörbar wird dabei ein ‚Klassiker‘ des modernen Jazz, ein weiteres Glied in der Reihe Ellington bis Mingus. Das ist der ganz große Vorteil des Projekts.

Nicht mehr sehr hörbar wird der Anarchist im Land der Töne und des guten Geschmacks, der Frontalangriff auf Konventionen der Performance. Zirkus und Klamauk, das bizarre SF-Getue mit Saturn (wo Sun Ra herkommt und vermutlich auch wieder hinging), die ganzen magischen und rituellen Momente (ernstgenommen oder parodiert oder noch verzwirbelter) – also alles, was Sun Ra in den Kontext von Albert Ayler und den phasenweise ähnlich bizarren Bühnenshows des Art Ensembles of Chicago stellte, ist auf dieser Produktion sehr in den Hintergrund gedrängt.

Zu sehr, wie ich finde, sicher aus den ehrenwertesten und respektvollsten Gründen, aber auch aus dem sehr ‚deutschen‘ (oder: europäischen) Misstrauen gegenüber dem Exzess, der Burleske, dem allzu Fremdem, dem Ungebärdigen und der karnevalistischen Weltumstülpung heraus. Das mindert die Qualität einer wirklich sehr schönen CD kein bisschen, aber gleichzeitig ist es auch ein wenig schade.

Thomas Wörtche

Heliocentric Counterblast: A Tribute To Sun Ra. Enja. Zu MySpace.

Tags :