Posted On 1. April 2016 By In Comic, Litmag, News With 1925 Views

Comics: Jul Gordon: Le Parc // Sascha Hommer: In China

tumblr_o04onuPV0s1uiqawzo1_r1_500Wunderschön und ziemlich fremd: Zwei neue Comics von Jul Gordon und Sascha Hommer

von Brigitte Helbling

JULGORDONcoverNeulich schaute ich einem Freund zu, wie er sich in Jul Gordons Comic „Le Parc“ verliebte. Er schlug das Buch auf, sah sich den Park aus dem Titel in nächtlicher Großaufnahme an. Blätterte weiter, hielt ein bei der Panel-Serie mit gymnastischen Übungen. Pause. Beschleunigung in Richtung hinten, im mittleren Tempo zurück, Vollbremsung bei der Doppelseite, auf der sich ein Rollstuhlfahrer in pointillistischem Schlaf verliert…

„Wer ist das? Wo hast du das her?“

Ich erklärte es ihm (ich war bei einer Lesung mit Gordon gewesen, wo der Band druckfrisch auflag). Danach unterhielten wir uns weiter, über Blutadern und Achterbahnen, und irgendwann nahm er das Buch wieder zur Hand, ging noch einmal, langsamer, die Seiten durch, als wurde er an einem feinen Gericht schnuppern… als wollte er die Bilder aufsaugen, sie trinken… gémit, mit einer Konzentration…

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Auf Vögel schießen, essen, platzen.

Es ist Kunst, sage ich in Ermangelung eines besseren Worts, wenn es um „Le Parc“ geht. „Kunst“ meint dann auch eine gewisse Einschränkung, was mögliche Liebhaber betrifft: Nicht jeder Leser lässt sich so bereitwillig in diese seltsame Welt hineinfallen. „Le Parc“ ist im Original Deutsch („Im Park“), liegt aber bislang nur in französischer Übersetzung vor. Die wunderschöne Ausgabe des Marseiller Verlag Editions Na rechtfertigt beinah den Sprachwechsel. Was die Leser-Reichweite angeht, ist Französisch ohnehin keine schlechte Entscheidung; die potentielle Kundschaft ist in dieser Sprache zweifellos größer, die Übersetzung, soweit ich sie beurteilen kann, hervorragend. Und doch, und doch… Lesern, die sich auch hierzulande für „Le Parc“ begeistern könnten, entgeht durch das Fehlen der Originalausgabe einiges.

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Jul Gordon

Das eine oder andere Biographische ließe sich zu Gordon anfügen, nur kommt mir das wenig nötig vor. „Le Parc“, erst das zweite Buch der Künstlerin, ist weitgehend selbst erklärend. Genügt festzuhalten, dass Gordon, geboren 1982, an der HAW bei Anke Feuchtenberger studiert hat und weiterhin in Hamburg lebt. Neben der Abschlussarbeit „Candie Coloured Clown“ (Mami-Verlag, 2008) sind von ihr vor allem kürzere Geschichten und einige gezeichnete Filme zu finden. Western-Motive tauchen auffallend häufig auf, sofern ein Pferd und ein Reiter, mit oder ohne Pistole, als Western-Motive gelten können. Vielleicht liegt es auch an den Landschaften.

Seit längerem beeindruckt mich, wie Gordon mit Raum umgeht, Flächen durchsetzt mit Objekten (Hochhäuser, Straßen, Sträucher…), die in einem beinah kindlichen Stil gezeichnet sind und dennoch wirken, als könnten sie nur so, an diesen und keinen andern Ort, gesetzt werden. Schamanistische Anordnungen! In „Le Parc“ dankt das Impressum der Künstlerin Verena Issel, „qui m’a permis de dessiner son installation d’art pour le jardin des cochons d’Issel“ – DER Park, in seiner dreidimensionalen Ursprungsform?, der hier in zweidimensionalen 360-Grad-Ansichten das Szenario zu sämtlichen Geschichten einer guten Dutzendschaft Figuren (Tierchen nicht mitgerechnet) abgibt.

Soviel Drama, so wenig Platz! Da will ein Mann von seiner Schwester Geld leihen, damit er sich eine Frau kaufen kann, da planen die Fünflinge, die seine Söhne sind, ihm eine Frau zu klauen (die Nachbarstochter) damit er endlich aufhört, sie zu triezen. Ein alter Mann im Rollstuhl schießt mit Revolvern auf Vögel und Ratten, während sein Sohn beim Computerspielen soviele Bonbons isst, bis er platzt. Ein blasser Jüngling faltet sich nachts auf der kurzen Bank in einem Wohnwagen zusammen, in dem er zur Untermiete wohnt, und verbringt seine Tage auf einer ausrangierten Waschmaschine. Am Ende findet er die wahre Liebe, während weitere Ereignisse zum blutigen Showdown gerinnen.

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„Pleure!“, „Gémit!“, „Sanglote!“ – „Bis einer heult“ heißt ein beliebtes T-Shirt Motiv des Hamburger Labels „Mägde und Knechte“, das zwei Tanks zeigt, die ihre Kanonen aufeinander gerichtet haben. Daran unter anderem dachte ich beim Gordonschen Showdown, der in Wind und Regen stattfindet und in fühlbarer Stille endet, Verletzte, vielleicht Tote auf einem Schlachtfeld, über dem ein einsamer Vogel pfeift, hinter dem ein Regenbogen sich bäumt, etc., etc., etc…

„Die meisten Comics lassen irgendwann nach“, sagte der Freund, der sich in „Le Parc“ verliebt hatte. „Aber dieser nicht. Die Panelabfolgen, die Dramaturgie, die Bildwelten bleiben stark bis zum Schluss, auch wenn mein Französisch nicht ausreicht, um die Geschichte zu verstehen. Trotzdem, ich bleib dran. Wie macht sie das bloß?“

tumblr_o2sl28loym1uiqaguo1_500Die plappernde Verwandtschaft.

Geschichten fallen nicht vom Himmel, und noch weniger die Tonlagen, in denen sie daherkommen. Oft reden bei einem Buch, einer Kurzgeschichte, viele Stimmen mit: Gute Freunde, Zufallsbegegnungen, die plappernde Verwandtschaft, Lieblingsbücher, Songs. Warum sollte das beim Comic anders sein? Epigonal werden Anleihen auch in der Bilderwelt erst, wenn mit ihnen nichts weiter unternommen wird. Es gibt keine „originäre“ Kunst, aber das ist ja gerade das Schöne daran. Unentwegt findet auch in Comics ein Austausch statt, in einem offenen Gespräch oder in kleinen, verstohlenen Blicken, mit oder zu anderen Comics, weiteren visuellen Medien, als eine Art Surplus, der einem Leser erst lange nach der Erstlektüre auffallen kann (und dann nicht weniger Freude bringt).

Das Gespräch: Dialogisiert in „Le Parc“ (scheint mir) intensiv auch mit den Farbwelten der Malerin Gosia Machon, die mit Gordon an der HAW studiert hat. Andere Stimmen in „Le Parc“ klingen nach Kindern, im aufgeregten Gebrabbel kleiner Tierchen im Park, in der Direktheit der Erzählung, und selbst in dem verblüffend unschuldigen Vergnügen an Blut und Gewalt. Eine alchemistische Verwandlung auf Bildebene, dessen Ingredienzien auch aus dem Hamburger St. Pauli-Viertel kommen könnten, aus dem Gemeinschaftszentrum Kölibri, wo Gordon ein Comiczeichnenprojekt mit Kindern betreut.

tumblr_nydu3xEvMP1uiqaguo1_500Karussell“ heißt die kleine Anthologie, die Jul Gordon und ihr Comic-Kollege Sascha Hommer im Rahmen ihrer Arbeit mit Schülern (8 bis 12 Jahre) vom Hamburger Kiez herausgeben. Es ist durchaus möglich, die eine oder andere Seite darin auch als primitive Vorstufe von Ansichten in Gordons Park zu studieren – Park-Elemente im Blaupausenzustand. „Mit Bildern Geschichten erzählen“ will das Projekt, das von verschiedenster Seite gefördert wird, aber „Karussell“ als Bestandsaufnahme entwickelt in dieser Hinsicht keinen falschen Ehrgeiz; es gibt darin ebensoviele Figurinen und Stadtansichten wie ausgearbeitete Geschichten, darunter auch solche, deren Verfertigung mit Filzstift gefühlt fünf Minuten gedauert haben dürfte.

Ich selbst habe die bisher erschienenen „Karussell“-Bände im Hamburger Comicladen Strips & Stories erstehen können (zu fünf, bzw. sechs Euro). Im Vorfeld war mir nicht unbedingt einsichtig, warum die Dokumentation von minderjährigen Comiczeichnern in progress irgendjemanden außerhalb der stolzen Verwandtschaft interessieren sollte. Die Frage verschwindet nach der Lektüre nicht ganz, aber es ist doch so, dass mit „Le Parc“ im Auge auch etliche der kindlichen Comicgeschichten anders daherkommen – veredelt gewissermaßen, ein Effekt, vergleichbar mit der Art, wie Kinozuschauer nach einem Westernfilm mit Cowboy-Wiegeschritt aus dem Kino schreiten.

Könnte das ein Definitionsmerkmal für „Kunst“ (oder ihrer Wirkung) sein? Wie der visuelle Nachhall eines Werks es schafft, den Blick auf die Welt, und sei es nur für fünf Minuten, zu verändern. (Nennen wir es den Cy Twombly-Effekt. Da stehen Museumsbesucher auch gerne vor Leinwänden und erklären, das könne ihr Zweijähriger auch.)

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Sascha Hommer

Hommer in allen Gassen…

Wenn es Vernetzung gibt in der alternativen deutschsprachigen Comicszene, dann steht an vielen ihrer wesentlichen Knotenpunkte der 1979 geborene Sascha Hommer. Gordons Mitstreiter im Kindercomic-Bereich ist seit der Studienzeit an der HAW in Hamburg (2002-2008) eine Instanz nicht nur mit eigenen Comics und Comic-Strips, sondern auch als Herausgeber der Comic-Anthologie Orang und Mitbegründer des Hamburger Comicfestivals, beides Unterfangen, die über ein Jahrzehnt mit großem Einsatz und erstaunlich wenig Geld einer exponentiellen Wachstumskurve folgten. Hommer gibt Workshops in vielen Ländern, war mehrfach Herausgeber des renommierten Comic-Magazins Strapazin, und ist zweifellos auch der Motor hinter dem ungewöhnlich breiten Vertrieb (Comicläden, Messen) der Miniauflage von „Karussell“.

Er denkt gerne und gemeinschaftlich groß, und das in einer Welt, die sich auch mal mit klein begnügt, solange nur Zeit für den Zeichentisch bleibt. Freundliche Insistenz wird in seinen Händen zu einem Energiefaktor, der im Rahmen der deutschsprachigen Alt-Comic-Szene eine beachtliche Strahlkraft entwickelt hat. In den letzten Jahren ist es unwesentlich stiller um ihn geworden, das Comicfestival übergeben an den Nachwuchs, „Orang“ vorläufig (2013) zu Grabe getragen, die Reisetätigkeit eingeschränkt. Die Energien wurden andernorts benötigt, das Ergebnis liegt nun vor. Fast zeitgleich mit Gordons „Le Parc“ ist beim Verlag Reprodukt „In China“ erschienen, Hommers Impressionen zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in Chengdu im Jahr 2011.

… und in China.

9783956400575-398x500Nebensächlich schien es, die Fiktionen von „Le Parc“ mit erweiterten biographischen Angaben zur Person Jul Gordons zu unterfüttern. Bei Hommer ist das Gegenteil der Fall, nicht zuletzt deswegen, weil „In China“ die Stadt Chengdu mit den Augen eines Protagonisten betrachtet wird, der sich „Sascha“ nennt, aus Hamburg kommt, und vor Ort für ein Buchprojekt recherchieren will. Ein deutscher Freund, Karl, hilft ihm bei der Zimmersuche und macht ihn in Restaurants und Bars mit der örtlichen Expats-Szene bekannt. Im Gegenzug hilft „Sascha“ ihm beim Austragen der Stadtzeitschrift, die Karl und seine amerikanische Freundin Linda in Chengdu herausgeben. Bei einer Werbe-Agentur findet er ein Zubrot als Sprecher deutscher Texte (in haarsträubender Übersetzung aus dem Chinesischen), ansonsten läuft er meist im Regen durch Verkehr und Hochhaus-Siedlungen, führt Gespräche für sein Buch, lernt Chinesisch in einer Sprachschule.

Und liest und träumt: Zwischenteile schildern ein China aus längst vergangenen Zeiten, zeigen alptraumhafte Szenen auf einem Katzenplaneten, erzählen von einem Wespenforscher aus der Zeit von Sigmund Freud. Ist „Sascha“ glücklich in dieser Fremde? Nicht besonders, vermutet man, die detailreichen Stadtbilder bleiben grau und schmutzig, die Einheimischen kommen als ununterscheidbare Hello-Kitty-Gesichtermenge daher, Anekdoten erzählen vom Kampf gegen Kakerlaken und Ratten. Nur die Nudelgerichte dampfen mit appetitlicher Regelmäßigkeit auf Kneipentischen vor den Figuren (während der Koch eine weitere Kakerlakengeschichte zum Besten gibt).

Die Fremde bleibt fremd, und das gilt auch für den Protagonisten. Als einzige Figur trägt er eine Maske, die zwar wechselt, bis zum Schluss aber nie ablegt wird – eine zögerlich blickende Grinsekatze, eine finster blickende Fratze aus der Peking-Oper, ein lachender Panda. Hinweise auf den Seelenzustand des Reisenden? Wohl nur sehr bedingt; dafür bleiben die Pappteller-Gesichter zu starr.

Ausschnitt Hommer

Stroh bleibt Stroh.

Von einem, der auszog, etwas zu erleben: Hommer, der seinen viermonatigen Aufenthalt selbst finanzierte und mithin keiner Neugier oder Wahrheit außer der eigenen verpflichtet war, hält nicht hinterm Berg mit Reisebefindlichkeiten, die jeder kennt, aber selten (oder nur unter Freunden) eingesteht. Bei allem guten Willen ist das Fremde, das Fremdsein zuallererst verstörend, nervenaufreibend, nicht selten auch deprimierend. Essen hilft. Sich verlieben wäre denkbar (aber da ist die Maske vor). Es gibt kleine Zwischenhochs – der erste Moment, in dem das erlernte Chinesisch von Chinesen verstanden wird, ein Pingpong-Spiel mit einer humpelnden Rentnerin – , und es wird immer besser, je näher das Ende rückt. Letzte Bilder zeigen den Helden, der sichtlich erleichtert nach Hause fliegt (oder liegt das nur am Panda?).InChina_Andruck.indd

Es erfordert dann eine gewisse Renitenz, in der Nachbereitung an solcher Einsicht festzuhalten, die verklärende Redaktion der Erinnerung nicht zuzulassen, die im Erzählen, und mehr noch im Vergessen, beschönigen will, was im Moment nur anstrengend war. Stroh zu Gold spinnen! So funktioniert der Reisebericht gerne. Hier wird das verweigert. Stattdessen sprechen die Bilder von einer Stadt, die ungastlich und wolkenverhangen bleibt, mit einem immer wieder angeekelt-faszinierten Blick auf unappetitlichere Kriechtiere, und man erfährt doch viel über Chengdu, ihre Plätze und Gebäude und Fußgängerstreifen, und mehr noch über die Expats, die sich hier eingenistet haben, mit fantastischen Köpfen, die ihre Unzugehörigkeit noch verstärken. Postkoloniale Gestalten unter sich… nicht nur in diesem Sinne könnte „In China“ ein gültiger Beitrag zur deutschen Reiseliteratur werden.

Was sich der Reisende wünscht.

Was sich der Reisende aber wünscht – und was ihm nicht gewährt werden kann – fasst der vogelartige Sprachlehrer am Ende in einem Vortrag über reisende Entdecker damals und heute zusammen.

„Je weniger die menschlichen Kulturen miteinander kommunizieren konnten, desto unfähiger waren sie auch, den kulturellen Reichtum des jeweils anderen zu erkennen… Entweder also man ist ein Reisender des Altertums, der zwar einem gewaltigen Schauspiel hätte beiwohnen können, dem jedoch fast alles entgangen wäre. Oder ein moderner Reisender, der den Überresten einer verschwundenen Realität nachjagt… Bin ich, der dem Vergangenen nachtrauert, nicht blind gegenüber dem wirklichen Schauspiel, das sich hier und heute vor meinen Augen abspielt?“

„Das hat mich wirklich sehr berührt!“ erklärt „Sascha“ dem Referenten nach dem Vortrag. Es ist einer der wenigen wahrhaft begeisterten Momente in diesem Buch.

A medieval painting showing the 13th-century caravan of Niccolo Polo (father of Marco Polo) and Maffeo Polo (uncle of Marco Polo) crossing Asia. Detail of the Carta Catalana (1375). --- Image by © Bettmann/CORBIS

Niccolo und Matteo Polo reisen nach China (Carta Catalana 1375)

Mit Dank an Jul Gordon für das deutschsprachige PDF von „Le Parc“.

Jul Gordon, Le Parc, Editions Na, Marseille 2016
Sascha Hommer, In China, Reprodukt Verlag, Berlin 2016
Karussell, Bd 1 und 2, Publikationen im Rahmen einer Ausstellung der Comicgruppe des GWA St. Pauli zum Comicfestival Hamburg 2015.
comickarussell.tumblr.com

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