Geschrieben am 1. März 2022 von für Crimemag, CrimeMag März 2022

Zu „Milch oder Blut“ von Liza Cody

Es beginnt wie eine Romanze: In einer Bar begegnet Seema dem wesentlich älteren, sehr charismatischen Lazaro. Er ist wie kein anderer Mann – aber was will er von ihr? Und warum beginnt Seema, sich zu verändern? Sonja Hartl hat Liza Codys Schauerroman gelesen.

Es gibt Autor*innen, von denen lese ich alles. Liza Cody ist eine von ihnen und ihr neuestes Buch „Milch oder Blut“ entpuppt sich als ein irrer Trip: Seema Dahami ist Ende 20, atheistische, vegetarische Jüdin und Gärtnerin in London. Sie lebt mit ihrer besten Freundin Amy in einer Wohnung, hat eine eher langweilige Beziehung mit Jake und ein schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter. Eines Abends begegnet sie einem gutaussehenden, geheimnisvollen, älteren Herrn namens Lazaro und gerät unversehens in seinen Bann. Er ist anders, er scheint sie genau zu kennen, ja, regelrecht zu erkennen, und endlich zu entfachen, was in ihr steckt. Kurzum: er ist ein gefährliches Abenteuer, in das sie sich kopfüber stürzt. Schon nach dem ersten Treffen nimmt Seema Veränderungen an sich wahr, die auch ihrem Umfeld – insbesondere ihrer mütterlichen Freundin Hannah – nicht verborgen bleiben. Vor allem aber sehnt sie sich danach Lazaro wiederzusehen, denn sie wie mit ihm hat sie sich noch nie gefühlt. Deshalb kann sie auch über die blutigen Stellen an ihrem Hals hinwegsehen.

„Milch oder Blut“ ist mehr Gothic- als Crime-Story, wenngleich es zu einem Mord kommen wird. Aber Kern dieses Buchs ist die Geschichte einer jungen Frau, die in den Bann eines gefährlichen Mannes gerät, bei dem nicht nur Seema an einen Vampir denken muss. Diese Passagen des Kennenlernens, Zusammenseins und vor allem der Sehnsucht in einem hinreißend romantischen Ton (von Cody und in der Übersetzung von Martin Grundmann) gehalten, der niemals übertreibt, aber auch nicht herablassend ist. Dazu stellt Cody ihnen eine ordentliche Dosis Rationalität entgegen. Ja, Seema gerät in den Bann dieses Mannes, aber für seine mysteriöses Verhalten findet insbesondere Hannah sehr vernünftige Erklärungen. Dadurch wird vor allem deutlich, wie bereit Seema ist, der weniger wahrscheinlichen, der geheimnisvolleren und romantischeren Deutung zu folgen.

Tatsächlich ist es doch das, was Literatur immer wieder verspricht: dass die große Liebe auf Widerstand und Unverständnis trifft und Hindernisse überwinden muss – in der Literatur und im Film auch sehr häufig zwischen einem älteren, reicheren Mann (oft auch mit anfangs verstörenden Neigungen) und einer jüngeren Frau. Aber Seema weiß auch, dass sie eigentlich nicht die Art Frau ist, der solche Dinge passieren – und dennoch ist es verführerisch einfach, sich Lazaros Führung zu ergeben und ihm zu folgen; sich diesem Gefühl hinzugeben, dass er ihr gibt, wenn er in ihrer Nähe ist.

Dadurch erzählt „Milch oder Blut“ die Geschichte einer jungen Frau, die sich in eine manipulative und toxische Beziehung begibt – wobei das Wort Beziehung viel zu groß und vernünftig ist, außerdem eine Zweiseitigkeit suggeriert, die es nicht gibt. Seema ist Lazaro verfallen. Sie findet Entschuldigungen und Rechtfertigungen für sein Verhalten, obwohl sie weiß, dass es falsch ist, dass er sie manipuliert und letztlich auch, dass er gefährlich für sie ist. Hier gelingt es Cody, dass ich zu jeder Zeit verstanden habe, warum Seema sich so verhält – auch wenn sie beim Lesen gerne einmal geschüttelt hätte.

Manipulationen aber geschehen nicht immer nur bei großen Dingen und durch mysteriöse, reiche Männer, sie geschehen auch im Alltag, wie Seema merken wird. Sie muss in diesem Buch einen Umgang damit finden – und nicht nur das: Indem sie sich so willig auf die Version der Geschichte einlässt, die Lazaro ihr erzählt; indem sie immer wieder nach Gründen und Erklärungen sucht, die zu dem passen, was sie sich wünscht, was wahr ist musste ich immer wieder an Menschen denken, die sich allzu gerne auf Verschwörungstheorien einlassen. Und hier gibt diesen Moment, in dem sich Seema fragt, ob sie möglicherliche die „größte Idiotin auf Erden ist“. Aber sie ist keine Idiotin. Sie wurde von jemandem manipuliert, der stärker, abgebrühter und egoistischer ist, der ausschließlich auf seinen eigenen Erfolg aus war. Aber sich genau das einzugestehen, ist ein schwieriger, schmerzhafter und sehr langer Prozess, der immer wieder Rückschläge beinhaltet. „Milch und Blut“ erzählt auch davon.

Liza Cody: Milch und Blut (Gift or Theft, 2020). Übersetzt von Martin Grundmann. Argument Ariadne, Hamburg 2021. 368 Seiten, 23 Euro.

Mehr über Liza Cody bei uns im CrimeMag: Thomas Wörtche über „Ballade einer vergessenen Toten“ und Edina Picco über „Miss Terry“.

Tags : , ,