Posted On 15. Oktober 2016 By In Bücher, Crimemag With 1472 Views

Roman: Liza Cody: Miss Terry

41eocnnxldl-_sx318_bo1204203200_Schwimmen im Brexit-Kielwasser der Britannia

Wie sich die Verhältnisse in Großbritannien entwickeln würden, dass es einen Austritt aus der EU geben würde, war 2012, als der Roman erschien, nicht abzusehen. Nun liegt das Buch auf Deutsch vor, dankenswerter Weise frisch übersetzt beim Argument/Ariadne Verlag, findet Edina Picco, denn sie ist sehr begeistert.

– „Meine Nachbarn sind ausländerfeindlich. Seit etwa fünf Jahren diskriminieren sie mich, sagen, ich soll zurückgehen in mein eigenes Land. Ich soll verschwinden, weil ich die britische Gesellschaft, ihre Art nicht verstehe. Ich habe oft die Polizei gerufen, rassistisch-motivierte Verbrechen angezeigt, aber die Polizei hat nicht einmal geholfen, weil ich keine Beweise habe. Da ist nur mein Wort gegen das meiner Nachbarn.“ – (Quelle: istreetwatch.co.uk)

Das Boot der einstigen Weltensegler ist voll! Brexit und Großbritanniens von einem gewaltigen Rechtsruck geprägte Einwanderungspolitik sollen das Ruder herumreißen und den alten Dampfer Britannia wieder ins sichere Fahrwasser bringen. Wie viele dabei von Bord gehen müssen, damit der vermeintliche Hafen „Wohlstand“ in Theresa Mays und UKIPs Vorstellung erreicht werden kann, bleibt unklar. Doch eins ist Fakt: Sicher können sich wohl bei diesem Kurs die wenigsten Briten mit dunkler Hautfarbe oder anderen ausländischen Herausstellungsmerkmalen fühlen, denn die Ausländerfeindlichkeit ist auf dieser Kreuzfahrt in den feinen Upper-Class Kabinen salonfähig geworden und auch Unterdeck ist die Rate der rassistisch-motivierten Straftaten stetig angestiegen. Gut wer da Schwimmen kann.

cody_miss-terry_240Die dunkelhäutige Nita Tehri in Liza Codys Thriller „Miss Terry“ kann es nicht! Das kalte, dunkle Wasser der Themse erfüllt sie mit Grauen und erinnert sie an Leicester, woher die dunkelhäutige Britin nach London geflohen ist. Denn die Welt um sie herum heißt die Londoner Grundschullehrerin kaum mit offenen Armen Willkommen – bestenfalls steht die Welt ihr gleichgültig, im schlimmsten Falle feindselig gegenüber. Diese Überzeugung entwächst nicht nur Nitas persönlichem Gefühl der Ablehnung, sondern ist eine erlittene Realität, die sich öffentlich aus der Post-Brexit verschärften Sündenbockkultur speist und im Privaten aus der männlichen Selbstermächtigung in ihrer traditionellen, indischstämmigen Familie. Trotzdem oder gerade deswegen versucht Nita Tehri, eine Nische in der liberalen Londoner Großstadtanonymität zu finden. Alleine und mit hartem Griff in Bezug auf ihre Essstörung gibt sie sich der Illusion hin, sich mit ihrer respektablen Anstellung und Eigentumswohnung ein Stück der Behaglichkeit erkaufen zu können, die ihr bisher in ihrem jungen Leben versagt war. Doch selbst in London bleibt die in den East Midlands geborene Britin Nita eine Außenseiterin:

Ihre Kontakte im Schulkollegium sind flüchtig und in den 30 Reihenhäusern der bereits von der Gentrifizierung berührten Guscott Road ist sie für die meisten Anwohner eine dunkelhäutigen Fremde. Lediglich das schwule Mediziner-Pärchen, das unter ihr lebt und ein paar Altmieter von gegenüber, die eher vom unteren Ende der sozialen Leiter kommen, nehmen Notiz von ihr. Das ändert sich drastisch, als eines Morgens genau gegenüber von Nitas Haus, eine Luxussanierung beginnt und ein Schuttcontainer aufgestellt wird. Nur kurz bleibt der Container leer. Dann tauchen wie von allein Weihnachtsbäume, allerlei illegal entsorgter Sperrmüll zwischen dem Bauschutt und eines Feierabends auch die Polizei in Nitas Wohnung auf. Höflich und Britisch beherrscht buchstabiert Nita Tehri immer wieder ihren Namen, wenn sie der krude Sergeant wiederholt Miss „Terry“ nennt.

Nita serviert Tee, auch noch als die Beamten von ihr, aus unerklärlichen Gründen, plötzlich eine DNA-Probe verlangen und Nita am darauf folgenden Tag kurzerhand vom Schulunterricht suspendiert wird. Doch als ihre Hauswand mit xenophoben Hassparolen beschmiert, ihr Flur in Brand gesetzt wird und ihre Nachbarn sie offen auf der Strasse anfeinden, sogar sexuell belästigen, beginnt ihre Fassung zu zerbröseln.

Der Grund für diese Hetze offenbart sich in Puzzleteilen: Im Container wurde eine Babyleiche gefunden und Nita, die seit ihrem Einzug beträchtlich an Gewicht verloren hat, erweist sich in den Augen der Polizei und ihrer Nachbarn sofort als ideale Verdächtige.

Als schließlich unweit von Nita eine illegal eingewanderte Frau ermordet und Nita selbst angefahren wird, ist Nitas Fluchtinstinkt geweckt.

„Aber Weglaufen lädt zur Verfolgung ein, und es wird immer als Feigheit, Schwäche und Schuld interpretiert.“ (Zitat „Miss Terry“)

Also sucht die junge Lehrerin verzweifelt Zachs Hilfe. Obwohl der Privatermittler Zach sofort einen Plan präsentiert, begreift Nita Tehri erschreckend schnell, sie hätte lieber schwimmen lernen sollen.

Mit „Miss Terry“ zeichnet, die 1944 geborene, Britin Liza Cody, wie schon in ihrem preisgekrönten Krimi „Bag Lady“ (2015, Argument Verlag), stilsicher und authentisch wieder ein Frauenschicksal, in dem sie ihrem Publikum eindringlich vor Augen hält, wie schnell man aus einem normalen Leben herausfallen kann. Allerdings wird in „Miss Terry“ eine Frau von der Sogwirkung der gesellschaftlichen Abwärtsspirale erfasst, weil sie die falsche „Hautfarbe“ hat.

51owrnyliyl-_sx331_bo1204203200_„Miss Terry“ liefert nicht nur Spannung, sondern auch wie nebenbei eine sozialkritische Bestandsaufnahme des (Miss-)Verhältnisses, in dem die einstmals offene Weltfahrer-Gesellschaft und ihre Zuwanderer stehen. Obwohl die Ingredienzien in dem Thriller scharf Indisch und distanziert Britisch daher kommen, ist Codys Roman ein erschreckend universeller Spiegel aktueller misogyner und xenophober Realitäten und durchaus denkbar in jeder deutschen Stadt.

Trotz aller politischen Aktualität bleibt „Miss Terry“ wunderbar leicht und gewaltfrei unterhaltsam, voller leiser Komik, die der Übersetzer Martin Grundmann genau erfasst. Im Spannungsfeld einer fortwährenden Verkehrung von Gut und Böse, hinterlässt Cody mit „Miss Terry“ erneut, ein paar erfreulich klischeefreie, britische Unterschicht-Charaktere und äußerst liebenswerte Randfiguren.

Auf die Frage nach biografischer Inspiration antwortet Mrs Cody, die selbst indisch-kanadischen Wurzeln entstammt:

„Sicher, Miss Terry ist auch ein Portrait der Situation, in der wir uns alle befinden, die wir versuchen, in einer Aufnahmegesellschaft anzukommen, ohne gänzlich die Verbindung zu unserer ursprünglichen Herkunft zu verlieren. Wir stehen vor harten Zeiten in Europa. Alles was wir jetzt tun können ist, unseren Idealen treu zu bleiben.“

Edina Picco

Liza Cody: Miss Terry, Kriminalroman, Argument/Ariadne Verlag Hamburg 2016, Deutsch von Martin Grundmann, 288 Seiten, 17,00 Euro, Die eBook-Ausgabe ist bei Culturbooks Hamburg erschienen, 12, 99 Euro

 

Edina Picco ist freie Schriftstellerin. Demnächst zu hören: „Sangre Kosher – Ruth Epelbaum und die Zwi Migdal „-Kriminalhörspiel von Edina Picco, nach den Motiven von María Inés Krimer,  Sendetermin Februar 2017, DeutschlandRadioKultur.

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