Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

Verbrechen in Harlem: The Conjure-Man Dies

 „The Conjure-Man Dies“ ist ein ausgesprochen treffender Titel von Rudolph Fishers Kriminalroman: das erste Mal stirbt der Hellseher Frimbo gleich zu Beginn des Buchs – und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass er gestorben ist oder für tot gehalten wird. Dennoch hat Fishers 1932 erschienener Kriminalroman nichts mit Magie am Hut.

An einem späten Abend in Harlem in den frühen 1930er Jahren wird der Arzt Dr. Archer von Bubber Brown und Jinx Jenkins zu einem Notfall gerufen. Der Hellseher Frimbo, der in Archers Nähe wohnt, scheint ohnmächtig zu sein, aber Archer weiß es besser: Frimbo ist tot. Zusamme mit dem Schwarzen Sergeant Perry Dart nimmt Archer fortan die Ermittlungen auf – und schon bald ist die Leiche verschwunden, entpuppt sich Frimbo als äußerst lebendig und ist eigentlich nur eines klar: eine*r von Frimbos Besucher*innen an diesem Abend muss hinter dem Anschlag stecken.

Rätsel über Rätsel

In bester Golden-Age-Rätsel-Manier sind alle Verdächtigen an einem Ort versammelt: dem Haus, in dem Frimbo die obersten beiden Etagen gemietet hat, während das Erdgeschoss von dem Besitzer und Bestattungsunternehmer Samuel Crouch genutzt wird. In der ersten Etage versammeln sich nun der Ex-Müllmann Bubber Brown und sein Kumpel Jinx Jenkins, die sich einen Rat vom Frimbo erhofft und Archer verständigt haben, nachdem Frimbo während Jenkins‘ Konsultation zusammengebrochen ist. Außerdem die religiöse Aramintha Snead, die Hilfe gegen ihren gewalttätigen Ehemann suchte, der Drogensüchtige Doty Hicks; der glaubt, dass Frimbo seinen Bruder verflucht hat; der numbers-runner Spider Webb, der herausfinden wollte, worauf er wetten soll; der Eisenbahnschaffner Easley Jones, der erfahren wollte, ob seine Ehefrau treu ist; und Martha Crouch, die Ehefrau des Bestattungsunternehmers, die an dem Abend die Miete einsammeln wollte. Durch Befragungen versuchen Archer und Dart herauszufinden, wer was gesehen hat. Die Indizen belasten schon bald Jinx Jenkins, bei dem aber zumindest den Leser*innen, Bubber Brown und Archer klar ist, dass er unschuldig ist. Und es gibt noch zahlreiche weitere Rätsel: Wer hat es auf Frimbo abgesehen? Warum ist seine Leiche verschwunden und taucht er kurz danach äußerst lebendig wieder auf? Und warum ist Frimbo so bedacht darauf, nicht zu viel preiszugeben?

Ein Hellseher, der in seinem eigenen Mord ermittelt, ist schon eine ziemlich kühne Anlage. Zu diesen Rätselkrimi-Elementen kommt noch der Einfluss der mean streets von Hammett. Hammetts „Malteser Falke“ ist zwei Jahre früher erschienen und wie in Stanley Ellins Vorwort der Ausgabe von Fishers „Conjure-Man“ zu lesen ist, ist es sehr wahrscheinlich, dass Fisher Hammetts Buch kannte. (Möglicherweise ist auch der Name seiner Hauptfigur Archer nicht ein Zufall, sondern eine direkte Referenz an Hammett.) Daher zeigt sich im Plot und in vielen Beschreibungen der Einfluss der Golden-Age-Romane (Ellin vermutet hier den Einfluss von S.S. Van Dine), in den Charakteren und dem Dialog hingegen Hammett.

Harlems mean streets

 „The Conjure-Man Dies“ wird oft als erste afroamerikanische Detektivroman bezeichnet, tatsächlich aber gab es zuvor schon Pauline E. Hopkins „Hagar’s Daughter“ (von 1901 bis 1902 in Colored American Magazine) und J. E. Bruces „The Black Sleuth“ (1907 to 1909 in McGirt’s Magazine). Fishers Roman nun war der erste, der nicht als Serie, sondern in Buchform erschien ist – und vor allem gibt es in diesem Roman nicht eine einzige weiße Figur: „it is the first black detective novel to assert proudly its detective themes in a completely black environment with an all-black cast of characters” (Mary Condé in „Polar Noir”). Harlem war hierfür der ideale Ort. Wie Fisher in einem Radio-Interview gesagt hat, ist Harlem der ideale Ort für eine mystery novel, weil die Menschen, die dort nicht leben, wenig über den Stadtteil wissen.

Seine Figuren nun stammen aus verschiedenen sozialen Klassen und verweisen auf die Vielfältigkeit der Lebensweisen in Harlem: Archer, der Bestatter Crouch und seine Frau gehören der Mittelklasse an, dagegen ist der Zugbegleiter Teil der Arbeiterklasse und sind Bubber und Jinx – bekannt aus Fishers vorherigem Roman „The Walls of Jericho“ – zwei Männer der Straße, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Bubber kennt jeden in Harlem, er wird zum vierten Ermittler in dieser Geschichte, um seinen Freund zu entlasten. Mit ihm lernt man die Kneipen, die Versammlungsräume, die unruhigen Straßen kennen. Zugleich verweisen Bubber und Jinx auf eine besondere Form der Gemeinschaft: sie frotzeln miteinander, tun so, als würden sie einander nicht mögen, sind aber tatsächlich gute Freunde. Der US-amerikanischen Ausgabe – eine deutsche Übersetzung gibt es nicht – steht der Hinweis voran, dass das Buch racist language enthält, that would be considered offensive if used today. It is presented here in full for the sake of historical accuracy. Und dieser Hinweis ist sehr angebracht, insbesondere Bubbers und Jinx‘ Schlagabtausche sind bisweilen durchzogen von internalisiertem Rassismus. Außerdem sprechen gerade die weniger gebildeten Figuren sehr umgangssprachlich miteinander.

Rassismus

Der Rassismus beschränkt sich aber nicht auf Worte, sondern zeigt sich in Verhaltensweisen und Vorurteilen. Dazu gehört ein Misstrauen gegenüber staatlicher Repräsentanz, auch wenn es in diesem Fall Schwarze Ermittler gibt. Noch nicht einmal der Polizist Dart wendet sich an weiße Kollegen oder Vorgesetzte. Außerdem wird die Hautfarbe ständig kommentiert (ein Charakteristikum der Romane der Harlem Renaissance) – je heller jemand ist, desto besser. So betont der Bestatter Crouch, was er alles mit Toten anstellen kann: er könne „the dark ones bright und the bright ones lighter“ machen. Das verweist auf seinen internalisierten Rassismus, aber diese Annahme wiederum verschleiert einen Hinweis auf den Täter.

Rudolph Fisher (Public Domain)

Mehrdeutig ist auch Archers Einschätzung, dass Frimbo delusional sei – also unter Wahnvorstellungen leidet. Der Arzt führt aus, dass Frimbo der Wahnvorstellung erlegen sei, er habe aufgrund seiner Hautfarbe Schwierigkeiten am College. „The delusion in that is that plenty of students the same color, but with more satisfactory formal preparation, have no such difficulty. Also that plenty the same color with unsatisfactory preparation don’t draw the same conclusion. And also that plenty without his generous inheritance of pigment and with unsatisfactory preparation have the same difficulty and don’t draw the same conclusion.” Sowohl der Autor als auch Archer und Perry müssen erkannt haben, dass diese Erklärung keinen Sinn ergibt – es sei denn, man zieht heran, was Frimbo vorher bereits erwähnt hat. Dass Archers helle Hautfarbe ihm ein anderes Erlebnis beschert habe, während er – Frimbo – nun herausfinden will, warum er Schwarz ist.

Der Rassismus ist natürlich keine Wahnvorstellung – und für Frimbo ein regelrechter Schock. Er ist der König eines Reichs in Afrika, der sich von seinem Bruder vertreten lässt, um in den USA sein Wissen zu vertiefen, und dort gelernt hat, dass seine Haut zu dunkel ist. Sogar in Harlem spielt er seinen „exotischen“ Hintergrund voll aus, in dem er sich als Hellseher ausgibt und den Leuten ihre Zukunft voraussagt, obwohl er selbst nicht daran glaubt. Vielmehr gibt er gegenüber Archer seine Methoden offen zu. Das Bild des Lebens in Afrika ist hier sicher sehr romantisiert, es sorgt dafür, die Wissenschaft mit der Magie zu kontrastieren und – zusammen mit der Religion – das Nebeneinander dieser „Glaubensrichtungen“ in Harlem darzustellen.

Mehr als einmal ist Fishers „The Conjure-Man dies“ vielschichtiger als es erscheint. Beispielsweise gibt es gleich am Anfang mithilfe eines populären Songs, der im Verlauf immer wieder zu hören sein wird, eine ersten Hinweis auf den Täter. Auch wird die Erklärung am Ende wird dann nicht von einem der Detektive geleistet: Bubber Brown, Archer, Dart und Frimbo steuern alle einen Teil bei, durch die das Verbrechen am Ende vollständig aufgeklärt werden kann.

Rudolph Fisher hatte weitere Romane mit Archer und Dart geplant, erschienen ist aber nur noch eine Kurzgeschichte mit ihnen. Er starb 1934 an Krebs. Mit seinem Porträt von Harlem und der Verknüpfung mit der mystery novel ist er einer der Wegbereiter von Chester Himes, der dieses Potential vollends ausschöpft. Aber schon Fisher zeigt, wie in diesem populären Genre von Lebensrealitäten erzählt werden kann – und das mystery dabei mehr als ein Rätsel sein kann.

Sonja Hartl

Rudolph Fisher: The Conjure-Man Dies. Collins Crime Club 2021. 293 Seiten. 11,38 Euro.

Tags : , ,