Geschrieben am 1. November 2021 von für Crimemag, CrimeMag November 2021

TW über John Le Carrés letzten Roman „Silverview“

Was jetzt, Spion?

In seinem letzten Roman, „Silverview“, demontiert John Le Carré den Job des Spions und den Spionageroman gleich mit – von Thomas Wörtche

„Silverview“ ist der letzte Roman von John Le Carré. „Silverview“ ist nicht der letzte Roman von John Le Carré.  Ja, John Le Carré ist am 12.12.2020 gestorben, sein Sohn Nicholas Cornwell, der bei uns als Aidan Truhen Furore machte und auch unter dem Namen Nick Harkaway schreibt, hat das Manuskript am Ende milde redigiert, ein paar Tupfer hier und da ergänzt. Mit dem Roman selbst allerdings hatte sich Cornwell père schon seit einem Jahrzehnt herumgeschlagen. „Silverview“ ist also nicht der wütende Paukenschlag zum Abgang eines der ganz großen Literaten unserer Zeit. Seine Wut über den Brexit, Trump und überhaupt über den verrotteten Zustand der westliche Wertewelt hatte er schon viel prononcierter 2019 in „Federball“ artikuliert. Schade, dass man in der deutschen Ausgabe von „Silverview“ keinen Hinweis auf diese Konstellation findet.

„Silverview“ ist ein melancholischer Herrensitz in East Anglia, auf den sich die ehemals brillante Nahost-Analystin Deborah Avon nach ihrer Pensionierung vom MI6 zurückgezogen hat und allmählich an Krebs stirbt. Verheiratet ist sie mit Edward Avon, ein polnischstämmiger Topagent des Dienstes, auch er im Ruhestand. Ein Leck in einer ultrageheimen, wenn auch schon ein wenig heruntergekommenen NATO-Einrichtung lässt keinen anderen Schluss zu, als dass dieses Leck auf Silverview hinweist. Diesen Verdacht scheint auch Deborah zu haben, die in einem Brandbrief an den Chef der Spionageabwehr, Stewart Proctor, vermutlich ihren Gatten Edward beschuldigt, Informationen an einen Dienst im Nahen Osten weiterzugeben. Weil wir aber nicht wissen, was in dem Brief steht, könnte es sich in der opaken Welt der Dienste auch um ein Ablenkungsmanöver handeln. 

Natürlich scheint alles auf Edward Avon hinzudeuten – ein in die Jahre gekommener, jovial auftretender Bonvivant, der sich am liebsten mit chinesischem Porzellan und gehobener Literatur (sein Gott: W.G. Sebald) beschäftigt. Früher glühender Kommunist, dann ebenso glühender Anti-Kommunist, machte er Karriere als Spitzenagent beim britischen Geheimdienst, wurde desillusioniert im Balkan-Krieg und ist, weil unsterblich verliebt in eine jordanische Ärztin, der Sympathie mit der palästinensischen Sache verdächtig. Avon ist ein begnadeter Manipulator, wie fast alle Figuren in „Silverview“, der den leicht naiven Julian Lawndsley als Kurier und Internet-Café funktionalisiert. Lawndsley ist ein Fondmanager aus London, der sich aus Weltekel in ein Kaff nächst Silverview zurückgezogen hat und einen Buchladen betreibt, obwohl er noch nicht einmal weiß, wer Noah Chomsky ist. Maulwurfjäger Proctor, fixiert auf ausgekochte Profispione, hat es also plötzlich mit einem unbedarften Amateur zu tun – eine zutiefst Le Carré´sche Gestalt, und natürlich auch ein Echo auf die in Schwierigkeiten geschlitterten Helden von Eric Ambler. 

Altersmilde?

Spektakulär ist das alles nicht, aber das war auch nie Le Carrés Ding. Sein Furor über die die Torheiten der Welt hatte er in Romanen wie „Der ewige Gärtner“ oder „Verräter wie wir“ ausgetobt, insofern scheint das altersmilde „Silverview“ tatsächlich zu einem letzten Roman zu passen. Zu einer Summa des britischen Geheimdienstes und zu einer Summa von Le Carrés  Romanen über diesen Geheimdienst. 

Aber, siehe oben, dem ist nicht ganz so. Und alters- bzw. überhaupt milde ist das Buch auch nicht, auch wenn der Titel schon fast Gottfried Keller´sche Abendstimmung konnotiert. Le Carré spiegelt seine permanenten Themen, allerdings in einem Zerrspiegel: Proctor ist ein naher Verwandter von George Smiley, inklusive einer vermutlich betrügerischen Ehefrau; Edward Avon und Julian Lawndsley haben eine Art Vater-Sohn-Beziehung, eine Konstellation, die bei Le Carré immer einen autobiographischen Aspekt hat, wie wir allerspätesten seit „Ein blendender Spion“ wissen. Und der Motor der Handlung ist, wie immer, der Maulwurf, der Verräter, das Übertrauma aller Spionage-Romane der Le Carré-Kategorie. Dessen letztendliche Überführung dann vermutlich der Grund für die Liebe und Zuneigung der Brits zu ihren Geheimdiensten ist, auch wenn die – right or wrong my castle – furchtbare Dinge anrichten.  In „Silverview“ verschwindet der Maulwurf einfach, entweder weil er tot ist (Deborah) oder weil er ultraclever ist (Avon). Vieles deutet auf letztere Variante, aber es deutet eben nur. Moralische Grauzonen waren schon immer das Spezialgebiet von Le Carré, hier aber baut er eine semantische Uneindeutigkeit auf, die das Konzept „Spionageroman“ herausfordert, auch und gerade in Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien, die es ja schon reichlich vor Trump gegeben hat. Wenn es einst das Kerngeschäft des Polit-Thrillers war, die Wahrheit hinter der Wahrheit zumindest fiktiv zu enthüllen oder deren Existenz zumindest anzudeuten, ist diese Tugend zur Blaupause für Lüge und Täuschung als offizielle Politik geworden – siehe Powells Begründung des Irak-Krieges und Tony Blairs Rolle als „poodle“, hinter deren Offensichtlichkeit man nichts mehr anderes als Lüge und Täuschung pur und dreist vermuten konnte, aller sinnvollen Paranoia zum Trotz. 

Der Maulwurf als Fetisch

Das ist ein Punkt, der „Silverview“ bemerkenswert macht. Der andere Punkt entzaubert den Fetisch Maulwurf. Le Carré konzediert hier eine gewisse Sinnfreiheit, die diese Jagd zu einer Art literarischen l´art pour l´art gemacht hat – auch in seinen eigenen Romanen. In „Silverview“ bleibt sehr lauthals völlig unklar, welche Übeltaten der Verräter angerichtet hat, ja, ob sein Verhalten überhaupt Schaden angerichtet hat. Die Metaebene der Maulwurfjagd, so kann man das vom Ende eines Lebenswerks her betrachten, war immer wichtiger als die operativen Ergebnisse und Konsequenzen. „Wir haben nicht viel erreicht, um den Lauf der Geschichte zu verändern, oder? So von einem alten Spion zum anderen, würde ich schätzen, ich wäre als Leiter eines Jugendclubs nützlicher gewesen“, sagt einmal ein pensionierter Agent zu Proctor.  Das literarisiert diese Spielart des Genre Spionageroman sehr prononciert und nimmt es aus etwaigen „Realismus-Debatten“ heraus. Suspense und action, die das Genre so reizvoll mach(t)en, werden so zu Zeichenoperationen deklariert. Vielleicht war diese Erkenntnis auch der Grund, warum sich Le Carré soviel Zeit mit diesem Buch gelassen hatte. 

Wer bist Du, Spion?

Ein dritter Punkt, der „Silverview“ ein wenig anders macht, ist ein Leitmotiv, dass Le Carré von seinem zwar weniger bekannten, aber nicht minder bedeutenden Kollegen Robert Littell übernommen hat: „Edward, wer bist du?“, grübelt Proctor, „wen finden wir da, wenn wir alle Schleier gelüftet haben? Oder warst du immer nur die Summe deiner Legenden?“. Das verweist direkt auf Littells Roman „Legends“ (auf deutsch aus unerfindlichen Gründen „Die kalte Legende“), ein Buch über einen CIA-Agenten, der nicht mehr weiß, wer er ist, weil er in unzähligen Rollen agieren musste. Bisher waren bei Le Carré die Identitäten klar: Smiley war Smiley, Karla war Karla, egal, wie viel Tarnung und Täuschung im Spiel war; der Maulwurf war der Maulwurf, der Jäger der Jäger. Das Ende von „Silverview“ und das, was wir über Edward Avon zu wissen glauben, lässt genau diese Frage offen. Die ihm im literarischen Spiel zugewiesene Funktion, Maulwurf, ist lediglich eine Rolle, möglicherweise eine unter vielen, eine Legende, wie andere auch. Eine Psychologie des Verräters, eine Analyse seiner Dispositionen und Intentionen muss scheitern. Und schon gar eine moralische Verortung.  So gesehen thematisiert „Silverview“ den Spionageroman als außerliterarisches Nullsummenspiel. Ob John Le Carré das am Ende resignativ feststellt oder einfach realistisch, auch das bleibt offen, faszinierend ist es allemal. 

Allerdings kommen alle diese Implikationen sehr samtpfötig daher. Seine Geheimdienstler, vor allem die Pensionäre, sind mehr oder weniger langweilige Mittelständler (naja, gehobene), kultiviert und freundlich, Familienmenschen und Freunde des englischen Landlebens – und notfalls tödlich. Seine Dialoge sind gewohnt wollüstig doppel- und trippelbödig, jede artige Konversation hat mindestens einen vierfachen Schriftsinn (naja, den Kalauer konnte ich mir jetzt nicht verkneifen, aber, obwohl, bei Le Carré weiß man ja nie …), seine Prosa elegant. Nichts Neues also auf dieser Ebene – aber dieses Nichts-Neues hat ganz gewiss einen hochtoxischen Twist, den man so noch nicht kannte.

John Le Carré: Silverview (Silverview, 2021). Deutsch von Peter Torberg. Ullstein Verlag, Berlin 2021. 252 Seiten, 24 Euro.

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