Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

TW über „Jazz Covers“

Cover von Langspielplatten – ob Jazz oder Rock oder was auch immer – waren 50 Jahre lang, also von ca. 1940 bis 1990, ein sehr eigenes Kunstgenre. Ihre Bilder, ihr Design, ihre Motive schufen eine Art von Eindringlichkeit, die für die Ewigkeit gemacht scheint. „Jazz Covers“ von Joaquin Paulo und Julius Wiedemann präsentiert auf ca. 550 Seiten ein riesiges Panorama feinster Cover von fast allen wichtigen Labels der Zeit, wobei der Schwerpunkt auf den 50er, 60er und 70er Jahre liegt, als Blue Note, Impulse, Verve, MPS, CTI  oder CBS nicht nur den Markt, sondern auch die musikalische Entwicklung vom Modern Jazz zu Free Jazz und Fusion dominierten. Das LP-Format war für künstlerischen Freiraum groß genug, die Rückseite bot meistens Platz für die Liner Notes, die – im Gegensatz zu Buch-Blurbs etwa – durchaus zur seriösen Jazz-Publizistik gezählt werden dürfen (die aber in diesem Band keine Rolle spielen, für die aber ein „Best of …“ auch einmal sinnvoll wäre).

Aber natürlich macht die Vorderseite die Musik lecker, die Cover versprechen musikalische Sensationen, kitzeln die Will-ich-unbedingt-haben-Synapsen, und brachten es sogar fertig, dass man mittelmäßige Musik akzeptierte, nur weil das Cover so geil war.  Das Durchblättern des Bandes ist, je nach Lebensalter, eine Zeitreise, ein andauerndes „Ach-die-hatte-ich-auch“, ein „muss-ich-unbedingt-wieder-hören“, denn die optische Einprägsamkeit triggert das musikalische Gedächtnis. Oder, für jüngere Menschen, eine Entdeckungsreise in eine Ästhetik, die fremd und verlockend sein könnte, wenn man sich darauf einlassen wollte.  

Das Verhältnis der Profis zu den Covern illustrieren sechs Interviews, von verschiedenen Standpunkten: Dem Art Director Bob Ciano, dem Toningenieur Rudy van Gelder, dem Schallplattenhändler Fred Cohen, dem Autor Ashley Kahn, dem Produzenten Michael Cuscuna und dem Label-Chef Creed Taylor, die über ihre verschiedenen Zugänge zu den Covers erläutern, oszillierend zwischen ökonomischen Kalkül und künstlerisches Intention, mit anderen Worten: sechsmal die Quadratur des Kreises.  

Und natürlich geben die Cover den Zeitgeist wieder, der mit der tatsächlich auf der Platte zu hörenden Musik nichts zu tun haben muss; „Playboys“ von Chet Baker und Art Pepper etwa, gestaltet als „Playboy“-Heft mit entsprechendem Cover Girl, ruft zwar sexy Coolness als Lebensgefühl auf, was natürlich nichts mit der kühlen Ästhetik des Musik zu tun hat.  Und natürlich kann man das eine oder andere Cover als absolut bescheuert empfinden, damals wie heute. Und wenn man sich vom heutigen Point-of-View Gedanken über die Funktion von Cover-Girls macht oder darüber nachdenkt, welche Musikerinnen ihr eigenes Cover-Girl sein dürfen und welche nicht, mon dieu …

Ein ganz großer Vorzug des in der üblichen Taschen-Qualität aufgezogenen Prachtbandes ist seine Thesaurus-Funktion: Man findet Musiker*innen und Formationen, von denen man nie gehört hat oder die man so gründlich vergessen hat, als ob man nie davon gehört hätte. Das ist natürlich subjektiv, aber mir ist zum Beispiel Janko Nilovic nie begegnet, nie von einem Don Randi Trio gehört, und wer war Gay Vaquer? Bevor ich mich jetzt weiter blamiere, rufe ich einfach zum Selbstcheck auf … Vielleicht hilft, dass hinten im Band Jazz-Publizisten ihre Top Ten-Cover verraten und natürlich ein klein wenig mit ihrem exquisiten Insider-Geschmack angeben. Aber das ist natürlich auch lustig, und welcher Jazz-Freak will da den ersten Stein werfen?

Anyway, eines wird auch klar: In dem relevanten Zeitraum war die Jazz-Welt us-amerikanisch dominiert, mit ein paar japanischen, europäischen und lateinamerikanischen Ausnahmen. Heute ist die Jazz-Welt größer geworden, diverser, globaler. Nicht, dass es anderswo auch in dieser Zeit nicht genug und guten Jazz gegeben hätte (Afrika, Türkei, Osteuropa etc) – aber der konnte keine internationale Aufmerksamkeit erringen. Insofern sind die hier vorgestellten Jazz Cover auch eine Art Kanon, der, problematisch wie alle Kanonices, von heute aus gesehen fast monolithisch und exkludierend wirkt. Aber auch gilt: Um einen Kanon mit Gründen abzulehnen, muss man ihn erst einmal kennen.  Das Vergnügen an der Sammlung schmälert dies allerdings nicht im Geringsten.

Thomas Wörtche

Joaquim Paulo, Julius Wiedemann: Jazz Covers. Verlag Benendikt Taschen, Köln 2021. Hardcover, Format 29,3 x 29,3 cm, 4,21 kg. 552 Seiten, 50 Euro. – Verlagsinformationen hier und hier.

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