
Alf Mayer über eine äußerst formidabel illustrierte Kulturgeschichte der Schuhe
„Ein Schuh sagt über seinen Träger mehr als 1000 Worte“, findet Daphne Guiness in ihrem Vorwort zu „Shoes A–Z“. In Paul Austers Monumentalroman „4 3 2 1“ (Rowohlt, 2017) schreibt eine der Hauptfiguren eine Kurzgeschichte über zwei „Sohlenverwandte“, eine linke und eine rechte Ledersohle, die als Straßenschuhe bei einem Cop landen, unterschiedlichen Charakter und unterschiedliche Ambitionen haben, miteinander im Streit liegen, trotzdem zusammen Karriere machen und die Polizistenwelt erleben. Sehr komisch, sehr witzig und als Filmprojekt eines Freundes immer wieder ein Auftauchen im Roman wert sind. Die Welt, von den Schuhen her zu betrachten, das wird in der Literatur viel zu selten unternommen. Märchen haben uns da etwas voraus.
Seit Merkurs geflügelten Sandalen sind es oft Schuhe, die magische Kräfte besitzen, denken wir an Andersens „Die roten Schuhe“, an Ernst Moritz Arndts „Der gläserne Schuh“, an „Die zertanzten Schuhe“ und „Der gestiefelte Kater“ der Gebrüder Grimm oder an ihre „Wichtelmänner“, die so beginnen: „Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, dass ihm endlich nichts mehr übrig blieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe …“
Und nicht immer nehmen Texte so deutlich Schuh-Bezug wie etwa Robert Zions Nachruf auf Rhonda Fleming (bei uns im November 2020), betitelt mit: „Aschenputtel in Hollywood“. Ihre Geschichte sei wie die Aschenputtels gewesen, wie sie es in späteren Jahren selbst immer wieder betonte, heißt es darin, „wie jenes Märchen, das von der Vorwegnahme künftiger Möglichkeiten einer Frau handelt. Geboren am 10. August 1923 als Marilyn Louis in – tatsächlich – Hollywood, wurde sie als 15-Jährige auf ihrem Weg zur High School entdeckt. Doch zunächst zog sich Aschenputtel die passenden Schuhe noch nicht an – sie rannte auf der Straße in ihren Strümpfen davon …“
All diese Märchenbezüge kommen beim Anblick dieses in prächtigster Ausstattung beim Taschen Verlag erschienen Buches nicht von ungefähr. Man muss kein Schuhfetischist sein, um „Shoes A-Z. The Collection of The Museum at FIT“ traumhaft zu finden. Kulturgeschichte, buchstäblich von unten, und, ebenso buchstäblich, vom Kopf auf die Füße gestellt.
Das 1969 gegründete Museum at the Fashion Institute of Technology (FIT) ist das einzige, der Mode gewidmete Museum New Yorks und beherbergt eine der größten Sammlungen der Welt. Über 400 Schuhkreationen aus der Sammlung wurden von kundiger Hand für das XXL-Buch ausgewählt und werden größtenteils lebensgroß präsentiert (okay, nicht die overknees). Kein Schuhladen kann so abwechslungsreich und nuanciert sein, wie das Buch uns all die Schuhmodelle präsentiert; Buchdesignerin Anna-Tina Kessler verdient hierfür Extra-Credit.
Die Auswahl und Kommentierung besorgten Valerie Steele, Direktorin und Chefkuratorin des Museum at FIT, und Colleen Hill, dort Kuratorin für Kostüme und Accessoires. Valerie Steele, mit Doktortitel aus Yale, Thema ihrer Dissertation „Mode und Erotik im viktorianischen Zeitalter“, gilt als eine der „intellektuellsten Frauen der Modewelt“. Als Autorin, Kuratorin und Journalistin hat sie entscheidend zur Entstehung des noch jungen Fachgebietes der Fashion Studies beigetragen.
Dreisprachig aufgebaut, sind die Textteile auf eine gewisse Prägnanz angewiesen, beim Taschen Verlag hat man das zur Meisterschaft gebracht. Die über 50 Designerporträts – allesamt großzügig illustriert, Manolo Blahnik etwa auf 16 Seiten, Chanel mit zehn – sind ebenso leichtfüßig wie gehaltvoll und informativ geschrieben. Der alphabetische Aufbau von Azzedine Alaïa bis Giuseppe Zanotti stellt manch schönen Zusammenhang her, bildet einen weiten Spann. Die Texte von Daphne Guinness, Valerie Steele, Colleen Hill erkunden das jeweilig einzigartige Œuvre all der vorgestellten Designer wie auch den fortwährenden Einfluss des Schuhs auf die Kultur. Exklusive Originalskizzen, Werbeanzeigen und Fotografien aus den Privatarchiven der Designer erhellen zusätzlich den Schöpfergeist hinter den funktionellen, skulpturalen Wundern, ohne die wir alle nicht leben können wollen.


Während der Eiszeit barfuß unterwegs?
Fußbekleidung trägt der Mensch wahrscheinlich schon seit 40.000 Jahren, auch wenn einige vermuten, dass der Neandertaler unbeschuht war, meint der Evolutionsbiologe Daniel E. Lieberman. Aber kann man sich wirklich vorstellen, während der Eiszeit barfuß unterwegs gewesen zu sein? Stroh, Rinde, Papyrus- oder Yukkablätter, Leder, Fell oder Holz waren die frühen Schuhmaterialien. Im Südwesten der USA wurden 10.000 Jahre alte Sandalen gefunden. Ötzi war auf Hirschleder unterwegs, Fellseite nach innen, mit Heu gepolstert. Aus dem 1. Jhdt. vor Christus gibt es Abbildungen mit Aphrodite, der Göttin der Schönheit, auf Plateausandalen, Schauspieler standen auf Kothurnen, Hermes, das hatten wir schon oben, trug geflügelte Sandalen. Wie der Schuh – ob für Männer oder Frauen – in den letzten 400 Jahren zur Mode wurde, das behandelt Colleen Hill in einem 80-seitigen Schlusskapitel, teils von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und alles anschaulich illustriert.
Fußbekleidung hat heute einen deutlichen Geschlechterbezug (Tom Ford: „Es ist schwer, in High Heels nicht sexy zu sein“), Männerschuhe kommen in diesem Buch eher unter „ferner liefen“ vor. Schuhdesigner gibt es erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. André Perugia war einer von ihnen. Machen wir einen Schnelldurchlauf. Auf Azzedine Alaïa folgen im Buch Cristóbal Balenciaga, das Luxuslabel Susan Bennis & Warren Edwards, Manolo Blahnik natürlich, Chanel, der Space-Age-Couturier André Courrèges. Bei Capezio finden wir eine Reklame von 1963: „The only time I take off my Capezios ist o have my toes kissed.“
Von Herman Delman (1865-1955) heißt es: „Nicht seit Aschenputtel haben Schuhe solche Magie besessen“. Marilyn Monroe, sehen wir bildhaft, trug am Set von The Seven Year Itch“ sling-backs von David Evin. Der stattete auch, no pun intended, Ava Gardner in „Die barbüssige Gräfin“ aus und entwarf die Plattformsandalen und Clogs für Elizabeth Taylor als „Cleopatra“. Salvatore Ferragamo starb bereits 1960, seine Witwe führte das Unternehmen über 50 Jahre und sagte über ihre ersten Ferragamo-Schuhe: „Ich hatte noch nie so etwas Komfortables getragen. Ich dachte, ich könnte fliegen.“ Das ganzseitige Foto auf Seite 187 zeigt Ferragamo inmitten Dutzender beschrifteter Schuhleisten: Greta Garbo, Anna Magnani, Lauren Bacall, Ava Gardner, Sophia Loren sind nur einige der Namen.
Sogar die Sohle wird wertvoll und sexy
Weiter geht es mit Romeo Gigli, mit Hubert de Givenchy, mit Alberto Guardiani und seinem Lipstick-Heel. Guccio Gucci, auch ein Pionier (1881-1953), lehnte seine Lederslipper an Mokassins an, seine Gucci-Loafers wurden zum Welterfolg. Die (funktionslose) Spange in Form einer Trense erinnert an die Wurzeln der Firma aus einer Sattlerei. Überhaupt gibt es nicht wenige Schuhdynastien, die sich aus Werkstätten für Reiter- und Reisebedarf entwickelten, so auch Miuccia Prada etwa oder Louis Vuitton (1821-1892), der zuerst wie Prada mit Überseekoffern reüssierte. Charles Jourdan gehört zu denen, die elegante Schuhe für viele preiswert machte. Christian Louboutin gelang es, einen bis dahin unbeachteten Teil des Schuhes wertvoll, sexy, begehrt (und teuer) zu machen: die Sohle. Von ihm gibt es den Satz: „Die Frau trägt die Kleider, doch der Schuh trägt die Frau.“ Und, ebenfalls von ihm: „Ich könnte es nicht ertragen, wenn jemand auf meine Schuhe schaut und sagt: „Oh Gott! Sie sehen so bequem aus!“
Für Yves Saint Laurent fielen Schuhe in die Kategorie abrundendes Detail, „ein leichter Final Touch, mit dem man sparsam umgehen muss“. Roger Vivier gilt als Erfinder des Stilettoabsatzes, in den frühen 1950er Jahren für Dior entwickelt. Natürlich darf auf der Illustrationsebene des Buches der große Schuhfetischist Helmut Newton nicht fehlen, zur Sexiness der Heels hat er mit seinen Fotografien maßgeblich und prägend beigetragen. Vergessen werden auch nicht Alexander McQueen, Jean-Louis Francois Pinet, Valentino, Iris van Herpen, Gianni Versace, Giuseppe Zanotti. Vivienne Westwood ist wohl der bekannteste Name der extravagantesten Schuhdesigner, von denen eine stattliche Zahl präsent ist: Nicholas Kirkwood, Tokio Kumagai, Martin Margiela, Rick Owens, Norita Tatehana und seine Schuhe ohne Absatz oder Masaya Kushino etwa. Der leiht seinen Modellen mit Flügeln, Krallen, Geweihen „die Kraft der Natur“.
Schuhe sind sublime Botschafter. Manchmal aufreizend provokant. Höllisch sexy. Oft unglaublich elegant. Immer zu teuer. Aber eben viele Sünden wert… Das rosafarbene breite Lesebändchen erinnert an solche Boudoir-Geheimnisse und trägt zum Luxuriösen dieses Buches bei. Das Cover zeigt „Zebra printed ponyskins“ von Manolo Blahnik aus dem Jahr 1998.
Und hier zum sich nun allmählich verlierenden Stöckelgeräusch einige Schuh-Zitate:
Neue Schuhe heilen vielleicht kein gebrochenes Herz oder Migräne, aber sie werden sicherlich die Symptome lindern und die Laune verbessern. (Holly Brubach)
Gib einer Frau die richtigen Schuhe und sie kann die Welt erobern. (Marilyn Monroe)
Schuhe sind die ersten Geräte für Erwachsene, die wir beherrschen müssen. (Nicholson Baker)
Eine Frau in guten Schuhen ist niemals hässlich! (Coco Chanel)
Alf Mayer
Valerie Steele, Colleen Hill: Shoes A-Z. The Collection of The Museum at FIT. Ausgabe Deutsch, Englisch, Französisch. Verlag Benedikt Taschen, Köln 2023. Famous First Edition: Nummerierte Erstauflage von 10.000 Exemplaren. Hardcover im Schuber, Format 26,2 x 33,6 cm, Gewicht 4,30 kg. 532 Seiten, über tausend Abbildungen, 125 Euro. – Verlagsinformationen dazu. (Bald auch als limitierte Collector’s Edition erhältlich, die ein Portfolio mit drei Sonderdrucken von Manolo Blahník enthält.)
PS. Das Buch ist ein Folgeband von „Fashion Designers A–Z“, ebenfalls aus den Beständen des Museum at FIT illustriert und inzwischen als Volksausgabe zum Preis von 25 Euro erhältlich.





























