Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Sonja Hartl zum neuen Roman von Dennis Lehane

Eine Frau sieht rot

Dumm gelaufen. Es ist, wie es ist. Was willst du machen? Diese Lebensgrundsätze gelten in Southie, einem irischen Viertel im Süden Bostons. Die 42-jährige Mary Pat Fennessy hat sie verinnerlicht. Sie wurde dort geboren. Sie hat dort geheiratet, zwei Kinder bekommen, ihren Mann begraben, ihren Sohn begraben. Aber sie beklagt sich nicht. Es ist, wie es ist. Aber dann verschwindet im Sommer 1974 ihre 17-jährige Tochter Jules in der Nacht, in der ein junger Schwarzer an einer U-Bahnstation getötet wird. Mary Pat begibt sich auf die Suche nach Jules – und erkennt nach und nach, was wirklich vorgeht in ihrem Viertel. Daraufhin beschließt sie, gegen einen weiteren ehernen Grundsatz zu verstoßen: Sie legt sich mit der Butler-Crew an, die dort das Sagen hat.

„Sekunden der Gnade“ ist der deutsche Titel des neuen Kriminalromans von Dennis Lehane, „Small Mercies“ heißt er im Original. Und die „small mercies“ sind diese Kleinigkeiten, für die man dankbar sein soll, auch wenn der Rest des Lebens ziemlich bescheiden ist. Bisher ist Mary mit dieser Haltung ganz gut gefahren, obwohl sie immer wieder so Momente hat, in denen sie ahnt, dass es nicht reicht: dass es ihr Leben nicht besser macht, wenn sie auf die Schwarzen herabblickt. Dass es mehr geben muss als arbeiten und trinken. Und dass es seltsam ist, dass die Butler-Crew zwar alle und alles im Viertel kontrolliert, aber nichts gegen die Drogen machen kann, die ihren Sohn getötet haben. Aber bisher hat sie diese Gedanken erfolgreich verscheucht. Doch mit Jules‘ Verschwinden verliert sie ihren letzten Halt – und reagiert, wie sie es gelernt hat: sie schlägt um sich.

US-Ausgabe

Damit wäre Dennis Lehane erster Roman seit sieben Jahren eine Eine-Mutter-sieht-rot-Geschichte, wäre da nicht der zeitgeschichtliche Hintergrund: Im Sommer 1974 sollte die Benachteiligungen Schwarzer Schülerinnen und Schüler an den Bostoner Schulen aufgehoben werden. Dafür sollten Teile der Schülerschaften der überwiegend weißen South Boston High School und der überwiegend Schwarzen Roxbury High School mit dem Bus zu der jeweiligen anderen Schule gebracht werden. Gegen dieses sogenannte „Bussing“ regte sich insbesondere in dem irischen Viertel massiver rassistischer Widerstand.

Lehane ist im Süden Boston aufgewachsen, er hat die Proteste als Kind miterlebt, kennt die Gegend, die Menschen, die nötigen popkulturellen Referenzen, so dass dieser Ort zu dieser spezifischen Zeit äußert lebendig wird. Vor allem aber legt er in seinem spannenden Roman die Mechanismen rassistischen Denkens offen – und zwar bei der Figur, mit der wir durch das Buch gehen: Mary Pat hat gelernt, auf Schwarze herabzublicken, sie zu verachten und zu hassen, um sich selbst besser zu fühlen. Sie ist keineswegs eine unschuldige oder gar heilige Mutter, sie ist weit davon entfernt. Vielmehr noch muss sie im Verlauf ihrer Suche erkennen, dass ihr Hass zu dem beigetragen hat, was ihrer Tochter passiert ist. Lehane zeigt, welche Funktionen Rassismus in Gesellschaften hat – mit allen fatalen und brutalen Folgen. Und er verweist auch auf den Zusammenhang von Rassismus und Klassismus, den auch die Menschen in Southie erkennen, aber nicht benennen können. Zwar fällt ihnen auf, dass es in den reichen Viertel und an den Privatschulen in Boston kein „Bussing“ gibt. Aber das bestätigt sie nur noch in ihrer Überzeugung, dass es falsch ist.

UK-Ausgabe

In diesem Buch sind alle Zutaten, die man von Dennis Lehane erwartet: Es spielt in den weißen Arbeitervierteln von Boston, es gibt einen Cop, der im Krieg war, seine Drogensucht überwunden hat und nun die Chance auf eine Romanze bekommt. Und ein Elternteil, das sein Kind rächt. Mary Pat ist eine überzeugende Figur: Sie ist entschlossen, mutig, in ihrer Wut konsequent. Sie erkennt, dass es letztlich immer nur um zwei Dinge geht: Macht und Geld. Nicht nur im Umgang mit den vermeintlich Anderen, sondern auch innerhalb enger Gemeinschaften, die von Männern kontrolliert werden. Was passiert, wenn diese Männer merken, dass ihre Regeln sie nicht mehr schützen, schafft einen herrlichen bitterbösen Abschluss für ihren Rachefeldzug.

Sonja Hartl

Dennis Lehane: Sekunden der Gnade (Small Mercies, 2023). Aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch. Diogenes, Zürich 2023. Hardcover, 400 Seiten, 26 Euro.

Tags : ,