Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Sonja Hartl über den Roman von Cherie Jones

Geh nicht in den Tunnel, warnt die Großmutter Lala – und erzählt ihr die Geschichte von der einarmigen Schwester. Sie hat alle Warnungen ignoriert, ist nachts in die unterirdischen Gänge auf der Karibikinsel Barbados gegangen und hat einen Arm an ein Monster verloren. Aber mit nur einem Arm wird sie nie einen Mann finden und ihre Familie versorgen können – denn wie will man mit nur einem Arm das Haus fegen?

Die Geschichte der einarmigen Schwester fungiert als Warnung für die Mädchen auf der Insel: Ungehorsam wird sie ins Verderben führen. Aber es braucht keine Monster, die Mädchen ins Verderben reißen – dafür sorgen schon die Männer der Insel. Mit verschiedenen Erzählsträngen, die jeweils mit einem Datum sowie dem Namen der Person übertitelt sind, von der sie erzählen, entwirft Cherie Jones in ihrem Debüt ein komplexes Bild der Gesellschaft des Küstenorts Baxter Beach: Lala hat längst alle Warnungen ihrer Großmutter ignoriert und mit dem gewalttätigen Kriminellen Adan ein Baby. Sie ist der Angelpunkt dieses Romans, zu ihr kehrt die Erzählung immer wieder zurück, sie ist den anderen Figuren verbunden. Zu ihnen gehört Mira Wahlen, die Frau eines weißen Touristen, der von Adan bei einem Einbruch getötet wurde. Sie wurde auf der Insel geboren und es schien, als hätte sie den Sprung in ein besseres Leben geschafft. Oder Sergeant Beckles, der Inselpolizist, der von einer Prostituierten besessen ist. In einem großartigen Kapitel wird deutlich werden, wie diese ihn wahrnimmt. Es gibt Erzählungen von Lalas verstorbener Mutter, ihrer Großmutter – und durch diese vielen Perspektiven kontrastiert Cherie Jones den harschen Alltag der Einheimischen und das idyllische Touristenparadies. Das zieht sich bis in die Sprache: Kokosnüsse sind Touristen unverzichtbarer Bestandteil eines Karibikurlaubs. Auch Lala blickt eigentlich gerne auf die Palmen vor dem Haus. Als sie aber im Verlauf des Romans immer ängstlicher und panischer wird, werden sie zu Geschossen, sie „krachen mit donnerndem Knacken an die Hauswand, sagen ihr, dass die Palme angewidert von ihrer eigenen Frucht ist.“

Darin drückt sich die Gewalt aus, die sich insbesondere durch die Leben der Frauen auf der Insel zieht. Ehemänner prügeln. Väter vergewaltigen. Liebhaber erwürgen. Die Frauen finden keinen Ausweg aus der Gewalt, keinen Weg in ein eigenes Leben, in dem sie nicht von den Männern abhängen. Bei Lala zeigen sich die Folgen vererbter Traumata, mit jedem Kapitel nimmt zudem die Gewalt zu, der sie durch Adan ausgesetzt ist. Sobald sie das Haus betritt, das ihr Zuhause sein soll, sucht sie die Räume nach Gegenständen ab, mit denen er sie verletzen könnte. Es gibt kein Entrinnen für Lala, die ständige Gewalt bestimmt ihr Denken und Handeln, sie zerstört ihren Selbstwert. Die Sprache drückt diese Gewalt eindringlich aus:

„Was hat sie dem Sergeant erzählt? Was? Will sie ihn jetzt? Will sie den Sergeant? Zisch. Pfeif. Klatsch. Beschissene. Blöde. Hure. Was hat sie ihm erzählt? Er sollte sie umbringen. Hat sie mal gesehen, wie er einen Fisch ausnimmt? Er sollte ihr den Bauch aufschlitzen wie einem verdammten Fisch. Wenn sie so weitermacht, wird er das auch tun. Wie einen verdammten Fisch. Verfluchte. Undankbare. Mörderische. Schlampe. Weiß sie vielleicht nicht, dass sie es ist, die Baby umgebracht hat? Sie hätte sie auch gleich mit ihren beiden Händen nehmen und ihr den Hals zudrücken können. Klatsch. Röchel. Würg. Siehst du jetzt, wie sich das anfühlt? Siehst du’s jetzt, Schlampe?“

Die Wörter prasseln beim Lesen auf einen ein, es gibt in der hervorragenden Übersetzung von Karen Gerwig kein Entrinnen. Stattdessen „rachitische Stämme“, die „sich voneinander wegbiegen“, „Schatten mit Krallen“. Ein Meer, „das die zarten schmiedeeisernen Geländer mit den Spitzen wie Speere leckt und peitscht“. Gerade das Meer ist so vieles in diesem beeindruckenden Roman, es bietet Trost und Bedrohung, Stille und Aufruhr.

„Wie die einarmige Schwester das Haus fegt“ besticht durch seine Sprache, Unmittelbarkeit und Komplexität – Gewalt gegen Frauen ist hier kein bloßes Mittel, es geht nicht um den Effekt. Und das Paradies ist Baxter’s Beach nur für diejenigen, die ein paar Tage am Meer verbringen. Für alle anderen ist es ein gefährlicher Ort, dem sie nicht entkommen können.

Cherie Jones: Wie die einarmige Schwester das Haus fegt. Übersetzt von Karen Gerwig. CulturBooks, Hamburg 2022. 325 Seiten, 25 Euro.  

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