Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Schatzsuche Februar ’22 – Crime Neuerscheinungen

Eine Vielzahl von Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe von: Kaliber.38 und der befreundeten Buchhandlungen Chatwins (Berlin), Wendeltreppe (Frankfurt) und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg) auf interessante Neuerscheinungen hin. Empfehlungen für DVDs, BluRays und Comics – und dieses Mal Podcasts – geben Katrin Doerksen und Thomas Groh

Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokale Buchhandlung(en) besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. –

****

Claudia Denker von der Krimiabteilung im Chatwins in Berlin-Schöneberg:

Ein Bücherregal ist ja an sich eine sehr praktische Erfindung. Wenn es allerdings im Weg steht und die Besitzerin mit voller Kraft mit dem Fuß an dessen Ecke knallt, dann hat es etwas Teuflisches … das Wochenende war so mittel.

Wegen des Jahresrückblicks gab es ja keine Januar-Schatzsuche, deshalb sei dies hier noch nachgeholt:

Zhou Haohui: 18/4 Der Hauptmann und der Mörder (Heyne, deutsch von Julian Haefs) hat mir schon mal gut gefallen, und dieses Jahr erscheinen noch zwei weitere Fälle der Serie mit der Sondereinsatzgruppe. 

Vielen Dank an Sonja Hartl für ihren Beitrag auf Deutschlandfunk Kultur, Tuff von Paul Beatty (btb, deutsch von Robin Detje) hätte ich bestimmt übersehen. 

Den hier aber nicht: Scott Thornley: Der gute Killer (Suhrkamp, übersetzt von Andrea O’Brien) ist bereits lieferbar, der zweite Band mit dem netten Cop aus Kanada.

Auch bereits im Januar erschienen: Doug Johnstone: Eingeäschert (Polar Verlag, deutsdch von Jürgen Bürger) und – er darf aus Gewohnheit nicht fehlen: James Lee Burke: Eine Zelle für Clete (Pendragon, deutschen von Norbert Jakober) – Robicheaux Nr. 18 (!).

Im Februar kommt – ich freue ich mich schon – Die Schülerin von Matthias Wittekindt (Kampa), der zweite »alte« Fall des Kriminaldirektors a. D. Manz. Im selben Verlag: Alfred Bodenheimer: Mord in der Straße des 29. November, ein Jerusalem-Krimi – mal ansehen.

Dieser Monat ist insgesamt nicht so spannungsreich, aber sehr neugierig bin ich noch auf David Chariandy: Francis (Claassen, deutschen von Thomas Brovot) und auf Sasha Filipenko: Die Jagd (Diogenes, Ü: Ruth Altenhofer). 

Und weil ich am Wochenende ein bisschen Zeit hatte (siehe oben), noch Tipps außerhalb des Krimiuniversums: Böse vergnügt habe ich mich mit Chloé Delaume: Das synthetische Herz (Liebeskind, Ü: Claudia Steinitz), meine Schmerzen vergessen habe ich allerdings hier: Abbas Khider: Der Erinnerungsfälscher (Hanser). Mein erstes Buch von ihm, aber ganz sicher nicht das letzte …

****

Jutta Wilkesmann, Wendeltreppe, Frankfurt:

Auf ein gutes Neues Jahr!!!

Und weiter geht’s mit:

Pedro Badrán: Die Faustregel (Edition 8, übersetzt von Benjamin Loy)

Amanda Cross: Thebanischer Tod (Dörlemann, deutsch von Monika Blaich
und Klaus Kamberger)

Louise Penny: Totes Laub (Kampa, deutsch von Nora Petroll)

Zhou Haohui: 18/4 Der Hauptmann und der Mörder (Heyne, deutsch von Julian Haefs)

Richard Osman: Der Mann, der zweimal starb (List, übersetzt von Sabine Roth)

******

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg

Hier kommen meine Lektüreeindrücke der letzten Wochen (in alphabetischer Reihenfolge):

James Lee Burke, Eine Zelle für Clete (Ü: Norbert Jakober), Pendragon 2022, 542 S., 24 Euro: Mangroven, Hornhechte und Schüsseln voller Gumbo. Richtig: Dave Robicheaux ist zurück. Als seine Tochter Alafair entführt wird, segeln Dave und Clete Prucel unter schwarzer Flagge. Das ist – wie immer -spannender und blutiger Suchtstoff. Als Band 18 der 23 Bände umfassenden Reihe gerade erschienen.

Massimo Carlotto, Und es kommt ein neuer Winter (Ü: Ingrid Ickler), Folio 2022, 224 S., 22 Euro:
Verbrechen und Nachbarschaft in den Hügeln Venetiens, deren Abgründe der Autor sehr gut kennt. Bruno wird bedroht, der Wachmann Manlio Giavazzi hilft und produziert in seiner Freizeit „Marrons glacés“. Doch die können tödlich sein. Nach etwas behäbigem Beginn überzeugt Carlotto doch mit überraschenden Wendungen. Erscheint Ende Februar.

Patrick Findeis, Paradies und Römer, Liebeskind 2022, 206 S., 20 Euro: Frankie, Danilo, Ellen und der Icherzähler Ferry stammen aus der gleichen Sozialsiedlung. Danilos Tochter soll es mal besser haben, deshalb zweigt Danilo Geld von der Wettmafia ab. Der Autor erzählt die Geschichte einer entscheidenden Nacht raffiniert mit Rückblenden. Sicher, Herkunft ist gerade ein Trendthema der Literatur, Findeis‘ Buch sticht aus der Menge der Neuerscheinungen zum Thema aber heraus. Erscheint Mitte Februar.

Santiago Lorenzo, Wir sind alle Widerlinge (Ü: Daniel Müller und Karolin Viseneber), Heyne 2022, 239 S., 20 Euro: Manuel verletzt einen Polizisten, flüchtet und führt  fortan das Leben eines Eremiten. Das alles berichtet sein Onkel mittels Dauermonolog. „Es schmerzt mich, ein Plappermaul zu sein.“ Wohl wahr. Warum auch immer: Für El Mundo „das beste Buch des Jahres.“ Erscheint im Mai.

Alan Parks, Bobby March Forever (Ü: Conny Lösch), Heyne 2021, 427 S., 16 Euro:  Es ist schon lange her, dass ich Blutiger Januar und Tod im Februar gelesen habe. Fast hatte ich vergessen, wie gut Alan Parks plotten kann. Harry McCoy ermittelt im schwülen Glasgow im Sommer 1973 und rettet nebenbei noch seinen alten Jugendfreund Stevie Cooper vor den Drogen. Bereits erschienen. – Siehe auch unsere „Bloody Chops“ in dieser Ausgabe – d. Red.

Deb Olin Unferth, Happy Green Family (Ü: Barbara Schaden), Wagenbach 2022, 282 S., 20 Euro: Sicher, obwohl industrielle Massentierhaltung ein Verbrechen sein sollte und militante Tierbefreiung unter Strafe steht, ist dieser Roman natürlich kein Krimi. Zwei Frauen entwickeln den Plan, Hunderttausende von Hühnern zu befreien und setzen ihn um. Nicht alles geht glatt und am Ende wundert sich eine Park-Rangerin über neue Waldbewohner. Soeben ausgeliefert.

Bleibt gesund und solidarisch (und spaziert nicht mit den Falschen)

Torsten Meinicke

****

Podcast-Empfehlung – von  Thomas Groh

Der US-Pornofilm der Siebziger bildet ein ganz eigenes Faszinosum – gerade für Menschen, die sich für alles interessieren, was im weitesten Sinne mit Kriminalkultur, urbanem Realismus und gesellschaftlichem Außenseitertum zu tun hat. Kaum ein New Yorker Kriminalroman aus den Siebzigern, der ohne die Kulisse des sündigen Pornokino-Gebrodels rund um den Times Square und auf der 42nd Street auskommt. Dass die Mafia hier kräftig mitmischte, ist ein offenes Geheimnis. Entsprechend lang ist der Boulevard of Broken Dreams.

Der Podcast „The Rialto Report“ ist ein äußerst verdienstvolles Projekt, der an dieser kaum je wirklich fixierten Geschichte mitschreibt und dazu vor allem zahlreiche Protagonistinnen und Protagonisten von damals zu Wort kommen lässt, um ihre Perspektive zu erzählen. Das ist oft verblüffend (“Am Set von Sexploitation-Filmen wurde ich nie belästigt, das waren Gentlemen. Die Übergriffe kamen erst bei den Hollywoodfilmen”, erzählt etwa Uschi Digard), aber stets erhellend.

Für Kriminalfans besonders interessant sind einige Sonderfolgen, die ich Euch unbedingt ans Herz legen möchte (dass die Links allesamt NSFW sind, versteht sich von selbst):

– „The Murder of Kathy Harcourt„. Kathy Harcourt war eine Britin, die in den frühen Achtzigern mit illegalem Aufenthaltsstatus in der Branche arbeitete. Mit ihrem britischen Akzent hatte sie ein echtes Markenzeichen. 1984 wurde sie ermordet aufgefunden – Kopfschuss. Die Tat wurde nie aufgeklärt – bis jetzt. Eine äußerst hörenswerte, liebevoll aufbereitete Reportage mit einem Twist, für den es sich unbedingt lohnt, dranzubleiben.

– „Murder Noir: Who Killed June Mack? Who Really Killed June Mack?“ June Mack war Schwarz und „more to love“. Für die Filme von Russ Meyer war sie daher prädestiniert. 1984 kam sie bei einer Schießerei auf der Straße ums Leben. War es wirklich nur ein Fall von „zur falschen Zeit am falschen Ort“? Dieser Fragen geht dieser zweiteilige, wie ein lakonischer Hardboiled-Roman verfasste Podcast nach. Hier der erste, dort der zweite Teil.

– „The Secret of Dolly Sharp„. Dolly Sharp spielte in „Deep Throat“ eine Nebenrolle, zuvor war sie in günstig für die Grindhouse-Kinos produzierten Loops zu sehen. Nach „Deep Throat“ verliert sich von ihr jede Spur. Doch wer gräbt, wird fündig: Bevor sie in die Pornobranche wechselte, hatte sie bereits eine Karriere am Broadway und in Hollywood. Was war geschehen? Eine Podcast-Reportage in vier Teilen, die das Geheimnis von Dolly Sharp erst allmählich lüftet. Hier der erste Teil, die weiteren Teile finden sich hier.

Tags : ,