Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Schatzsuche: Crime-Neuerscheinungen

Eine Vielzahl Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe von: Kaliber.38 und der befreundeten Buchhandlungen Chatwins (Berlin), Wendeltreppe (Frankfurt) und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg) auf interessante Neuerscheinungen hin. Empfehlungen für DVDs, BluRays und Comics geben Katrin Doerksen und Thomas Groh

Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokale Buchhandlung(en) besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. –

Claudia Denker von der Krimiabteilung im Chatwins in Berlin-Schöneberg:

Wenn man zufällig einem Bären begegnet und etwas zum Schießen dabei hat, sollte man nicht auf den Kopf zielen, weil die Kugel am Schädel abprallt. Und immer bergab davonrennen (wenn’s geht), der Bär hat damit wohl so seine Schwierigkeiten. Gut, dass ich »Unbarmherziges Land« von Chris Offutt (Tropen) gelesen habe, man lernt doch nie aus.

Liest sich fröhlich schnell weg. Vom Umfang her ähnlich und auch gerade eingetroffen: Castle Freeman »Herren der Lage« (Hanser), ich freu mich drauf.

Hmmm … 700 Seiten – ein neuer Stephen King: »Billy Summers« (Heyne) … soll ich? Soll ich nicht? Ebenfalls bei Heyne erschienen und auf meinem »Unbedingt-Lesen-Stapel«: Susanne Saygin: »Crash«

Auf dem »Mal-sehen-ob-ich-das-schaffe-Stapel« liegt noch Angelika Felenda: »Aufmarsch« (Suhrkamp), Catherine Ryan Howard: »The Nothing Man« (Rowohlt) und mal wieder ein neuer Fall für Kostas Charitos: »Das Lied des Geldes« von Petros Markaris (Diogenes).

Mein Krimi des Monats August ist allerdings sowieso »Russische Botschaften« von Yassin Musharbash (Kiepenheuer & Witsch). Seine ersten beiden Romane »Radikal« und »Jenseits« fand ich schon sehr gut, sein neuer hat mich restlos begeistert. Wen es interessiert, wie Investigativjournalisten arbeiten, wie Desinformationskampagnen »gemacht« werden – der kann sich schon mal den 19. August im Kalender anstreichen. Dann liegt das Buch hoffentlich überall in den Buchhandlungen. Der Autor (Journalist und Rechercheur für John le Carré) weiß, wovon er spricht.  

Aus meiner Reihe »Kein Krimi, aber toll!«: Dennis Pausch: »Virtuose Niedertracht. Die Kunst der Beleidigung in der Antike« (C.H. Beck). Das ist bereits im Mai erschienen, darf aber nicht verloren gehen, ein echter Schatz mit Bildern und Literaturverzeichnis und zum Stöbern: »Du wagst es, hier den Liebhaber zu geben, du Männchen in Daumengröße, …« Was einem entgehen würde, wenn man nicht Kunden hätte, die Bücher bestellen.Und zum Schluss noch eine kleine Herzensangelegenheit: In den nächsten  Tagen erscheint ein Fotoband mit dem Titel »Closed Doors. Ein Fotobuch in Zeiten der Pandemie«Lenny Rothenberg ist drei Monate durch Berlin gezogen und hat 39 Künstler*innen vor Clubs fotografiert und sie interviewt. Es wird ein schönes Buch. Der Reingewinn kommt den Clubs zugute.

Jutta Wilkesmann, Wendeltreppe, Frankfurt:

Herbert Dutzler: Letzter Knödel (Haymon)

Meddi Müller: Fahrgemeinschaft (Edition Krimi)

Susan Hill: Schattenrisse (Kampa)

Louisa Luna: Tote ohne Namen (Suhrkamp)

Andreas M. Sturm: Verlorenes Land (Edition Krimi)

Viele Grüße und viele gute Wünsche für helle Tage und ein helles Gemüt.
Hilde und Jutta

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg

Folgendes habe ich gelesen oder möchte es ganz bald lesen:
Max Bronski, Halder, Edition Nautilus 2021, 157 S., 16 Euro: Nichts Neues aus der Gossec-Reihe, sondern ein Krimi um rechte Umtriebe im Verfassungsschutz. Erscheint demnächst.

Tade Thompson, Wild Card (Ü: Karl-Heinz Ebnet), Suhrkamp 2021, 330 S., 10,95 Euro: Weston reist aus London zur Beerdigung der Tante nach Nigeria und gerät wegen kleiner Korrekturen im Lebenslauf schnell zwischen alle Fronten. Als Taschenbuch vor kurzem ausgeliefert.

Chris Offutt, Unbarmherziges Land (Ü: Anke Caroline Burger), Tropen 2021, 220. S., 15 Euro: Mick Hardin hilf seiner Schwester Linda, weiblicher Sheriff von Eldrige County. In den Hügeln Kentuckys geht es zur Sache. Soeben erschienen.

John Mair, Es gibt keine Wiederkehr (Ü: Jakob Vandenberg), Elsinor 2021, 264 S., 18 Euro: Desmond Thane gegen eine dubiose Geheimorganisation. Ein früher Agenten-Thriller, ergänzt durch ein spannendes Nachwort von Martin Compart.

Und etwas abseits vom Genre:
Donatella Di Pietrantonio, Borgo Sud, (Ü: Maja Pflug), Kunstmann 2021, 224 S., 20 Euro: Adriana, die wilde Schwester der Ich-Erzählerin stürzt im Borgo Sud von Bari vom Balkon und liegt im Koma. Ein Blick auf die Fischer- und Halbwelt der apulischen Hafenstadt.

Andreas Speit, Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus, Ch. Links 2021, 240 S., 18 Euro: Reichsflaggen neben Regenbogenfahnen. Warum ist das Alternativ-Milieu für rechtes Gedankengut empfänglich? Andreas Speit liefert Beispiele und gibt Antworten. 

Bleibt alle gesund und solidarisch! 
Torsten Meinicke

Comic/Heimkino – von Katrin Doerksen und Thomas Groh

Die Unheimlichen: Der Schatten von Hans Christian Andersen und Aike Arndt
Carlsen, Hardcover, 64 Seiten, bestellbar

Endlich wieder ein neuer Eintrag in der schönen Reihe „Die Unheimlichen“, in der verschiedene Comickünstler*Innen Klassiker der Gruselliteratur als Comic interpretieren. In Hans Christian Andersens Märchen trachtet ein Schatten nach der Seele seines Herren.

Mangaka von Shigeru Mizuki
Reprodukt, Klappenbroschur, schwarzweiß und farbig, 504 Seiten, bestellbar

Der dritte und letzte Teil von Shigeru Mizukis Comicautobiografie widmet sich seiner Karriere in den Jahren 1958 bis 2001: Von ersten Schritten im Business und einem Leben in prekären Umständen über seinen Durchbruch mit Kitaro und Co bis hin zu den Reisen, die der Mangakünstler unternahm und den fremden Kulturen, die Einfluss auf seine Werke nahmen.

Sunny 3 von Taiyo Matsumoto
Carlsen, Softcover, 224 Seiten, bestellbar

Der dritte Teil einer autobiografisch inspirierten und durchweg schwer empfehlenswerten Slice-of-Life-Mangareihe über die Bewohner des Kinderheims Star Kids. Die Kinder sind Waisen oder zur Pflege hier und schlagen sich mit den üblichen Problemen des Heranwachsens herum. Außer wenn sie draußen im Wrack eines Nissan Sunny 1200 sitzen, ihrem Rückzugsort, an dem sie von Abenteuern und einer aufregenden Zukunft träumen.

Tagebuch einer Reise von Craig Thompson
Reprodukt, Hardcover, schwarzweiß, 256 Seiten, bestellbar

Mit Habibi schuf Craig Thompson einen modernen Comicklassiker, dessen Recherchen ihn nach Marokko und Europa führten. Tagebuch einer Reise versammelt Anekdoten, Skizzen, Eindrücke aus dieser Zeit und erscheint nun erstmals in einem größeren Hardcoverformat und erweitert um einen 30-seitigen Epilog.

Fabian oder der Gang vor die Hunde von Dominik Graf
174 Minuten, ab 5. August im Kino

Kein Ausstattungskitsch, kein Dekors-Exzess, kein Simulationskino: Dominik Graf taumelt in seiner losen Kästner-Verfilmung mitten hinein in den chaotischen Herbst der Weimarer Republik. Ein Land unter Anspannung: Nachts wird gelebt, geliebt, tagsüber das Elend ausgeblendet. Nazis schwirren ebenso am Rande mal durchs Bild, wie orthodoxe Juden, die selbstverständlich auf der Straße stehen. Graf bedient sich eines Brecht‘schen Verfremdungseffekts nach dem nächsten, bedient sich im Formen-Arsenal der Filmgeschichte, sucht schroffe Reibungen und harte Brüche. Ein nervöses Land, nervöse Menschen, ein nervöser, zutiefst faszinierender Film – das grelle Bild einer Vergangenheit scheint auf, die unerreichbar fern, hinter den Verwehungen des „Dritten Reichs“, zu liegen scheint, und doch irritierend an die Gegenwart erinnert.