Geschrieben am 1. Mai 2021 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2021

Schatzsuche: Crime-Neuerscheinungen

Eine Vielzahl Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe von: Kaliber.38 und der befreundeten Buchhandlungen Chatwins (Berlin), Wendeltreppe (Frankfurt) und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg) auf interessante Neuerscheinungen hin. Empfehlungen für DVDs, BluRays und Comics geben Katrin Doerksen und Thomas Groh

Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokale Buchhandlung(en) besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. –

Claudia Denker von der Krimiabteilung im Chatwins in Berlin-Schöneberg:

Auch wenn man bemüht ist, so positiv wie möglich zu denken, es geht ja auch immer noch schlimmer – manchmal platzt einem schon der Kragen, weil es einfach nicht voran geht mit dieser Pandemie bzw. die geht einfach nicht weg. Von der überall und immer wieder betonten »Spaltung« der Gesellschaft mal ganz abgesehen. Deshalb beginne ich heute mit etwas Lustigem. Gestern eingetroffen, erst vier Kapitel gelesen, aber jetzt schon begeistert von Richard Osman: »Der Donnerstagsmordclub« (List). Ich mag die Truppe aus der britischen luxuriösen Seniorenresidenz (Aufgabe: ungelöste Kriminalfälle aufklären) jetzt schon und bin neugierig, wo die Reise hingeht …

Und weil ich gerade so schön albern bin, interessiert mich auch brennend:

»Die Theologie des Wildschweins« von Gesuino Némus (Eisele Verlag). 1969 – Geheimnisse um ein sardisches Bergdorf – bin gespannt.

Oh, und dann ist mir letzten Monat etwas durchgerutscht. Chris Lloyd: »Die Toten vom Gare D’Austerlitz« (dt. von Andreas Heckmann, Suhrkamp), dieses Buch liegt auf dem »Unbedingt-Lesen-Stapel«, es darf dann auch wieder etwas historischer und ernsthafter werden. Bald. 

Ich warte auch noch interessiert auf das Leseexemplar von Santiago Díaz: »Talión – Die Gerechte« (Heyne) und freue mich wie immer sehr auf den neuen Friedrich Ani: »Letzte Ehre« (Suhrkamp).  

Aber noch mehr sehne ich ihn herbei, den neuen Roman von Johannes Groschupf »Berlin Heat« (Suhrkamp) und bin mir sicher, dass das einer der Titel des Jahres wird: »Berlin ist kochend heiß im ersten Sommer nach der Pandemie« … puuuh …

Und hier noch zwei Nicht-Krimi-Tipps: Igor Levit und Florian Zinnecker: »Hauskonzert« (Hanser), ein Buch von und über eine der meines Erachtens interessantesten Figuren im Kulturbetrieb, und dazu passt auch Wiglaf Droste: »Chaos, Glück und Höllenfahrten« (Edition Tiamat), Autobiographisches von ihm und mit Beiträgen vieler seiner Freunde (u.a. Franz Dobler, Christian Y. Schmidt, Gerhard Henschel oder Fritz Eckenga).

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg

Bereits gelesen und für (mindestens) gut befunden habe ich:

– Ulrike Edschmid, Levys Testament, Suhrkamp 2021, 144 S., 20 Euro: Edschmid, die Meisterin der autofiktionalen Erzählung, berichtet aus dem Leben des „Engländers“, einst ihr Liebhaber und Gefährte. Der erkennt auf der Suche nach den Wurzeln seiner jüdischen Familie, dass ihn mir der neben dem Fußballclub Tottenham Hotspurs auch das Verbrechen verbindet. Präzise, entschlackt, großartig. 

Ortun Ertener

– Orkun Ertener, Was bisher geschah und was niemals geschehen darf, Scherz Verlag 2021, 333 S., 20 Euro: Endlich. Nach „Lebt“ ein neuer Roman vom Grimme-Preisträger Ertener. Ganz anders als der Vorgänger (unbedingt lesen, falls noch nicht geschehen!) , aber ebenfalls schwer gut. Finn, Paul und Khalil auf dem Roadtrip ins Erwachsenenleben (und was alles niemals geschehen darf).

– Wolfgang Franßen, Mado, Europaverlag 2021, 373 S., 22 Euro: Der Polar-Verleger als Autor. Ist der Verlag doch eher nicht für seinen Frauenschwerpunkt bekannt, überrascht Wolfgang Franßen in seinem Romandebüt mit einer weiblichen Protagonistin namens Mado, die sich gegen die Männerwelt in der Bretagne zur Wehr setzt. 

– Doris Gercke, Die Nacht ist vorgedrungen, Argument 2021, 247 S., 18 Euro: Sie kann es einfach. Doris Gercke benennt unerbittlich die Verbrechen des Systems, von Gewalt gegen Frauen, über Geheimdienst-Ferkeleien bis hin zu Neonazi-Idyllen. Da wird der klassische Krimiplot zur Nebensache, denn „man soll die Wahrheit schreiben oder man soll gar nicht schreiben.“ Ganz klarer Lesetipp!

– Sara Paretsky, Landnahme (Ü: Else Laudan),  Argument 2021, 544 S., 24 Euro: Privatdetektivin Warshawski kämpft gegen die Spekulanten in ihrer Stadt Chicago. Dafür besteigt sie auch ihren Mustang und prescht in die Prärie von Kansas, wo auch heute noch blaue Bohnen fliegen. Starke poltische Themen, serviert mit beiläufiger Eleganz.

Auf ganz baldige Lektüre  warten nun:
– Louisa Luna, Tote ohne Namen (Ü: Andrea O’Brian), Suhrkamp 2021, 440 S., 15,95 Euro: Eine hartgesottene Privatdetektivin. Alice Vega ermittelt in San Diego. Gerade ausgeliefert.

– David Peace, Tokio, neue Stadt (Ü: Peter Torberg), Liebeskind 2021, 432 S., 24 Euro: Kaum zu glauben, aber wahr: Nach zwölf Jahren Wartezeit ist soeben der abschließende Teil der Tokio-Trilogie von Peace erschienen. Große Freude! – Siehe die Besprechung von Peter Münder und einen Textauszug in dieser Ausgabe, d.Red.

Bleibt gesund und solidarisch, achtet auf eure Liebsten, lest (und kauft!) Bücher und freut euch auf den Frühsommer!

Jutta Wilkesmann, Wendeltreppe, Frankfurt:

Hier kommt das Voting der Wendeltreppe für:  

Gerd Zahner: Die Maske des Netzes (Transit)

Stefan Slupetzky: Im Netz des Lemming  (Haymon)

Alexander Oether: Mittwochs am Meer  (Atlantik)

Chris Lloyd: Die Toten vom Gare d’Austerlitz (Suhrkamp)

Gesuino Nemus: Die Theologie des Wildschweins (Eisele)

Jan Christian Schmidt von Kaliber.38:

Neues von David Peace! Der englische Autor erregte vor einigen Jahren Aufsehen mit seiner schwer beeindruckenden Yorkshire-Tetralogie („1974“, „1977“, „1980“ und „1983“, auch als „Red-Riding-Quartet“ bezeichnet), die sich inhaltlich, aber auch im Sound mit den LA-Quartets von James Ellroy vergleichen lässt. Auf den Yorkshire-Zyklus folgten zwei Noir-Thriller, die in Tokio direkt nach der Kapitulation Japans spielten und ein Bild der Verwüstung der Stadt wie auch ihrer Bewohner zeigten. Nach gut zehn Jahren ist nun endlich mit „Tokio, neue Stadt“ der (vorläufige?) Abschluss der Tokio-Trilogie erschienen (Liebeskind, dt. von Peter Torberg). Wie in all seinen Roman zuvor, hat sich David Peace einen realen Kriminalfall vorgenommen und literarisch verarbeit: Hier geht es um den Präsidenten der Japanischen Eisenbahngesellschaft, der im Juli 1949 – einen Tag, nachdem er die Entlassung von 30.000 Angestellten hat verkünden müssen – spurlos verschwindet. Die Suche leitet Detective Harry Sweeney auf direkten Befehl von General MacArthurs Hauptquartier. Ich oute mich nicht so gern als Fan – aber David Peace hat mich mit seiner hypnotischen Schreibe in all seinen Bücher gewaltig in den Bann geschlagen – dem neuen Roman fiebern wir entsprechend mit großer Freude entgegen!

Bernhard Jaumann ist einer der renommiertesten – und vielseitigsten – deutschsprachigen Krimi-Schriftsteller. „Caravaggios Schatten“ heisst sein neuer Roman, der zweite Fall für Rupert von Schleewitz, Inhaber einer Detektei, die auf Recherchen im Kunstmilieu spezialisiert ist. Es beginnt zu Potsdam – auf dem Schlosse Sanssouci: Rupert von Schleewitz besucht mit seinem alten Schulfreund Alban die dortige Gemäldegalerie, als Alban urplötzlich vor einem Caravaggio-Gemälde ein Messer zieht und auf das Gemälde – „Der ungläubige Thomas“ – einsticht. Alban schweigt beharrlich über seine Motive, und die Sache wird noch verdrehter: Auf dem Weg in eine Restaurationswerkstatt wird „Der ungläubige Thomas“ gestohlen, die Diebe des berühmten Barockgemäldes fordern ein beachtliches Lösegeld. Es entspinnt sich Katz- und Maus-Spiel um die Abwicklung des Artnappings. Vielversprechend auch die Referenz an den Apostel Thomas – den Zweifler, der nicht an die Wiederauferstehung Jesu glauben wollte, bis er die Wundmale mit eigenen Händen berührte und so Gewissheit erlangte. Wir sind gespannt!

Die Theologie des Wildschweins“ heisst der Debüt-Roman des italienischen Autors Gesuino Némus (Eisele Verlag, dt. von Sylvia Spatz), den ich allein schon wegen des wunderbaren Titels (und des schönen Covers mit einem Wildschwein, das scheinbar im Tiefflug durch Raum und Zeit bricht) beschnuppern muss. Schauplatz ist das sardische Bergdorf Telévras im Juli des Jahres 1969, in dem ein Bewohner ermordet aufgefunden wird. In dem Fall ermittelt der Maresciallo De Stefani. Der Carabiniere ist Piemonteser und versucht als Frischling in der verschworenen Dorf-Gemeinschaft, die ungeschriebenen Gesetze zu verstehen und die gut gehüteten Geheimnisse zu durchdringen. Doch hoffentlich nicht noch ein unsäglicher Urlaubs-Krimi? – Eher nicht: „Ein originell und vielstimmig erzählter Krimi voller sardischer Gerüche, Geschmäcker und üppigem Lokalkolorit“, so verspricht der Verlag, „der ein traditionelles Sardinien an der Schwelle zur Moderne zeigt und mit Humor und Ironie seinen skurrilen Bewohnern ein Denkmal setzt.“. Cool! Gibt’s eigentlich einen „Asterix auf Sardinien“? Ach, egal.

Sichtbar viel Spaß hatten die Macher der Film-Komödie „Heute stirbt hier Kainer„, die Sie in der ARD-Mediathek finden. Der Film erzählt die Geschichte des miesepetrigen Ulrich Kainer (Martin Wuttke), der, final an einen Gehirntumor erkrankt, zu einer letzten Reise aufbricht: Mit einer Pistole, die mit einer einzigen Kugel geladen ist, landet der todkranke Mann in dem hessischen Dorf Oberöhde, wo er beabsichtigt, sich ein selbstbestimmtes Ende zu setzen. Doch auch tief in der Provinz kommt der beklagenswerte Mann nicht zur Ruhe, sondern gerät in einen völlig durchgeknallten Mix aus dörflichen Ränken um ein Lokal, einen italienischen Wirt mit vermeintlicher Mafia-Connection, liebesbedürftigen Frauen, Thomas Mann lesenden Land-Nazis und einem Ekelpaket von Cop (Justus von Dohnányi). Das ganze kulminiert in einer Ballerei wie bei Quentin Tarantino, allerdings mit öffentlich-rechtlichem Etat. Das ist kurzweilige Unterhaltung von Maria-Anna Westholzer (Drehbuch und Regie) und Michael Proehl (Drehbuch), wobei an manchen Stellen weniger mehr gewesen wäre – da hatten die Macher wohl mehr Spaß als die Zuschauer.

Comic/Heimkino – von Katrin Doerksen und Thomas Groh:

Knights of Sidonia von Tsutomu Nihei
Cross-Cult, Hardcover, Schwarzweiß, 408 Seiten, bestellbar

Space Opera meets Mecha Action: In insgesamt vier Sammelbänden bringt Cross-Cult ab sofort noch einmal den modernen Mangaklassiker Knights of Sidonia heraus, in dem die Menschheit in einem riesigen Raumschiff von der Erde geflohen ist, um außerirdischen Angreifern zu entgehen.

Steinfrucht von Lee Lai
avant-verlag, Hardcover, vierfarbig, 232 Seiten, bestellbar

Ein aufregendes queeres Debüt, inzwischen schon in neun Sprachen übersetzt: Wenn sie mit ihrer sechsjährigen Nichte spielen, sind Ray und Bron die lustigen Tanten. Außerhalb davon ist ihre Beziehung jedoch belastet: Von Vorurteilen gegenüber Transpersonen, von familiären Konflikten und emotionalen Altlasten. Lee Lai greift für ihre Geschichte stilistisch auf Monsterfilmtraditionen à la Creature From The Black Lagoon zurück und überführt diese aufs Schönste in die Gegenwart.

Will Eisner – Graphic Novel Godfather von Alexander Braun
avant-verlag, Hardcover, vierfarbig, 384 Seiten, bestellbar

Der opulente Band über den The-Spirit-Erfinder Will Eisner ist die Begleitpublikation zur gleichnamigen Eisner-Ausstellung im Dortmunder Schauraum comic + cartoon, die derzeit online zu besichtigen ist. – Siehe auch den großen Textauszug in unserer April-Ausgabe, d. Red.

Zwang von Simone F. Baumann
Edition Moderne, Softcover, Schwarzweiß, 344 Seiten, bestellbar

Noch ein Debüt, diesmal aus der Schweiz: In mit schwarzer Tusche wild schraffierten, häufig ins Absurd-Alptraumhafte kippenden Bildern gibt die Zürcherin Simone F. Baumann Einblicke in ein Leben mit Zwangsstörungen.

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