Geschrieben am 1. April 2022 von für Crimemag, CrimeMag April 2022

Schatzsuche April`22 – Crime Neuerscheinungen

Eine Vielzahl von Krimi-Neuheiten …

… erscheinen jeden Monat, dazu Graphic Novels (vulgo: Comics) und DVDs und BluRays. Unmöglich, das alles zu überblicken und zu rezensieren. CrimeMag siebt und schürft deshalb für Sie und weist hier regelmäßig mit Hilfe von: Kaliber.38 und der befreundeten Buchhandlungen Chatwins (Berlin), Wendeltreppe (Frankfurt) und Buchladen in der Osterstraße (Hamburg) auf interessante Neuerscheinungen hin. 

Empfehlungen für DVDs, BluRays und Comics und auch Podcasts geben Katrin Doerksen und Thomas Groh

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Bitte denken Sie daran, dass gerade in diesen Zeiten Ihre lokale Buchhandlung(en) besonderer Unterstützung und Solidarität bedürfen. Lieber dort bestellen als bei amazon. –

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Claudia Denker von der Krimiabteilung im Chatwins in Berlin-Schöneberg:

Nach Durchsicht der April-Neuerscheinungen habe ich rund 20 Titel mit blauem Cover gezählt, die in der Toskana, Provence, Mallorca, Portugal usw. spielen, abgesehen von Friesen-, Leuchtturm– und Küstenkrimis. Papierknappheit? Ich hätte da eine Idee. 

Den Preis für den beklopptesten Titel bekommt »Miez Marple und die Kralle des Bösen« (Katzendetektivin), gleich nach »Willkommen in St. Peter-(M)Ording« und »Saarbotage«.

Nun aber mal ernst. 800 Seiten mexikanische Unterwelt – an die Seite legen, für Tage mit Zeit: Guillermo Arriaga: »Das Feuer retten« (Klett-Cotta, deutsch von Matthias Strobel).

Als Fan von Friedrich Glauser bin ich gespannt auf »Wachtmeister Studers Ferien«Andrea Fazioli hat sich getraut, Glausers angefangenen Roman weiterzuspinnen (Atlantis, deutsch von Franziska Kristen).  

Zwei Japaner haben mein Interesse geweckt: Keiichir Hirano: »Das Leben eines Anderen« (Suhrkamp, deutsch von Nora Bierich), und Kotaro Isaka: »Bullet Train« (Hoffmann & Campe, deutsch von Katja Busson).

In die Karibik geht es mit Jacob Ross: »Die Knochenleser« (deutsch von Karin Diemerling) und nach Illinois mit Marie Rutkoski: »Real Easy« (deutsch von Stefan Lux) – beide Titel erscheinen gleichzeitig bei Suhrkamp.

Vermutlich ein Hochkaräter – ich freue mich auf den Roman des nigerianischen Literaturnobelpreisträgers Wole Soyinka: »Die glücklichsten Menschen der Welt«(Blessing, deutsch von Inge Uffelmann)

Auch wenn ich noch nicht so ganz weiß, wo die Reise hingeht: Jonathan Lee: »Der große Fehler« (Diogenes, deutsch von Werner Löcher-Lawrence) – meine aktuelle Lektüre – gefällt mir. 

Und am Ende noch mein derzeitiges Schätzchen. Ich habe mich noch nie für Duelle oder ihre Geschichte interessiert, aber immer für die Romane von Rayk Wieland»Ich schlage vor, dass wir uns küssen« (2009) und »Kein Feuer, das nicht brennt« (2012) sind immer noch im Verlag Antje Kunstmann lieferbar. Ich empfehle sie sehr. Im März ist dort sein neues Buch »Beleidigung dritten Grades« erschienen. Im heutigen Berlin wird der bedauernswerte Psychiater Markow von einem eifersüchtigen Antiquar zum Duell gefordert. Was das für Probleme mit sich bringt, liest sich komisch im besten Sinne. Der Autor nimmt uns außerdem zwischendurch immer wieder mit ins Jahr 1937 und erzählt die Geschichte des letzten Duells in Deutschland. Das macht seinen Roman rund und spannend bis zum Schluss. 

Und wer wusste eigentlich, dass der rechtsextreme Jean Marie Le Pen in den Sechziger Jahren noch als Sekundant fungierte?

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Jutta Wilkesmann, Wendeltreppe, Frankfurt:

Die Zeit eilt wahrhaftig im Sauseschritt – also hier die neuen Tipps.

Chang Kuo-Li: Der grillende Killer( Droemer/Knaur, deutsch von Alice Jakubeit)

Mary Paulson-Ellis: Die andere Mrs Walker (Argument, übersetzt von Kathrin Bieleldt)

Katharina Peters: Ufermord (Aufbau)

Louise Penny: Totes Laub (Kampa, übersetzt von Nora Petroll)

Raphael Confiant: Unbescholtene Bürger (Litradukt, übersetzt von Peter Trier)

David Safier: Miss Merkel – Tod auf dem Friedhof (Kindler)

Torsten Meinicke, Buchladen in der Osterstraße, Hamburg

Hier kommt meine Leseausbeute für die April-Schatzsuche:
– Gesuino Némus, Süße Versuchung (Ü: Juliane Nachtigal), Eisele 2022, 329 S., 16,99 Euro: Zwei Tote im (fiktiven) sardischen Bergdorf Telévras. Es ist der zweite Teil der Sardinien-Krimi-Reihe von Matteo Locci (wie der Autor wirklich heißt), der wieder nicht mit Lokalkolorit und kulinarischen Tipps (Cannonau, su casu marzu) geizt. Erscheint aber erst Ende April.

– Fabio Stassi, Ich töte wen ich will (Ü: Annette Kopetzki), Edition Converso 2022, 304 S., 22 Euro: Vince Corso ist Bibliotherapeut, er gibt Buchempfehlungen als Lebenshilfe (sozusagen ein Kollege von uns). Als seine Wohnung in der Via Merulana in Rom verwüstet wird, vermutet Corso eine Verbindung zu einer Mordserie. Realität vermischt mit Fiktion, Lesetipps inklusive (Gadda, Chandler, Sciascia und viele mehr). Seit kurzem  auf dem Markt.

– David Heska Wanbli Weiden, Winter Counts (Ü: Harriet Fricke), Polar 2022, 459 S., 16 Euro: Im Rosebud-Reservat in South Dakota regelt Vigil Wounded Horse die Sachen, die die Feds nicht geregelt kriegen. Als sein Neffe Nathan von Narco-Gangstern entführt wird, wird es blutig. Ein Native-Americans-Noir, der den Vergleich mit Marcie Rendons Romanen nicht zu scheuen braucht. Schon im Handel.

– Mary Paulson-Ellis, Die andere Mrs. Walker (Ü: Kathrin Bielfeldt), Argument 2022, 488 S., 23 Euro: Schottland ist krimimäßig en vogue: Doug Johnstone, Denise Mina, Alan Parks und andere). Gefunden wird die Leiche einer unbekannten alten Frau. Gesucht wird von Margaret Penny im Auftrag des Amts für Verlorengegangene. Ein Debütroman als Geschichtsepos. Soeben ausgeliefert.

– Max Czollek/Erik Riedel/Mirjam Wenzel (Hg.), Rache. Geschichte und Fantasie, Hanser 2022, 176 S., 26 Euro: Begleitband zur (gerade eröffneten) Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt. Spannende Lektüre über jüdische Selbstermächtigung in der Realität und der Fiktion. Einschließlich des Baseballschlägers von The Bear Jew.

Einen sonnigen und gesunden Monat wünscht
Torsten Meinicke

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Comic/Heimkino – von Katrin Doerksen und Thomas Groh

Das Gutachten von Jennifer Daniel
Carlsen Comics, Hardcover, farbig, 208 Seiten, bestellbar

Vor dem Hintergrund der RAF-Paranoia lässt Jennifer Daniel bei einem Autounfall in Bonn 1977 Welten aufeinanderprallen. Ein BRD-Krimi mit Illustrationen in wunderschön magazinigem Retrolook.

Die Geschichte der 3 Adolfs von Osamu Tezuka
Carlsen Comics, Softcover, schwarzweiß, 416 Seiten, bestellbar

Auftakt zu Osamu Tezukas Spionagethrillertrilogie zwischen Berlin und Kobe 1936: Ein japanischer Student wird während der Olympischen Spiele ermordet und sein Bruder gerät während der Ermittlungen zwischen die Fronten der Geheimdienste. Tezuka zeichnet hier außergewöhnlich realistisch, lehnt seine Hitler-Karikaturen aber bei Charlie Chaplins Der große Diktator an.

Nami und das Meer von Catherine Meurisse
Carlsen Comics, Hardcover, farbig, 128 Seiten, bestellbar

Autobiografisch inspiriertes Comic-Märchen über eine französische Zeichnerin, die in Japan nach Inspiration sucht. Catherine Meurisse ist als Zeichnerin für das Satiremagazin Charlie Hebdo bekannt geworden. Hier gestaltet sie eine kleine Hommage an die japanische Kunst der Druckgrafik.

Surwilo – Eine russische Familiengeschichte von Olga Lawrentjewa
avant-verlag, Hardcover, schwarzweiß, 312 Seiten, bestellbar

Die erste ins Deutsche übersetzte Graphic Novel aus Russland erzählt in fleckigem Mehr-Schwarz-als-Weiß von den Auswirkungen von Stalins Terrorherrschaft auf eine Familie und zieht Linien zum heutigen russischen Nationalismus unter Wladimir Putin.

Deso – Der Rapper, der zum IS ging
Podcast von Azadê Peşmen bei Funk, sechs Folgen in wöchentlicher Lieferung

Berlin-Kreuzberg, Kottbuser Tor. Asphalt, Sozialwohnungen in Gebäuderiegeln aus den Siebzigern, harte, gesellschaftliche Realität – in den Medien oft das Synonym für „sozialer Brennpunkt“. Hier wächst in den Achtzigern und Neunzigern Dennis Cuspert auf, rutscht in die Kriminalität ab, landet im Knast. In den Nullerjahren versucht er mit wenig Erfolg, sich als Rapper Deso Dogg einen Namen zu machen. Dann geistert er als Terrorist durch die Berichterstattung der Medien – als Abu Talha al-Almani in den Reihen des IS. Berlin-Kreuzberg, Kottbuser Tor – hier ist auch die Journalistin Azadê Peşmen aufgewachsen. In ihrer auf sechs Folgen angelegten Reportage befragt sie das ehemalige Umfeld von Cuspert, forscht in der Hip-Hop-Szene nach: Wie kam es dazu, dass der selbsternannte King vom Kotti zum islamistischen Mörder und Propagandisten wurde? Hörenswert!

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