Geschrieben am 1. Juni 2021 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2021

Robert Rescue: Das Schloss in der Wand

Ein solches befindet sich seit kurzem neben der Haustür. Ein Schloss in der Wand, darauf kann man sich im ersten Moment keinen Reim machen. Vielleicht handelt es sich um eine Art Notfallschloss, falls mal wieder das Schloss der Haustür defekt ist. Das passiert öfter, weil die Hausverwaltung immer Billigschlösser mit Billigschlössern auswechselt und der Schlosser deshalb dreimal im Jahr vor der Tür steht. Wenn das Schloss also in Zukunft kaputtgeht, dann stecken wir den Schlüssel in die Hauswand und irgendeine Hydraulik sprengt die Flügel der Haustür ab.

Wie praktisch. Aber ein gutes Türschloss wäre kostengünstiger zu haben gewesen.

Jetzt habe ich mal nachgeschaut. Das Schloss soll tatsächlich als Notfallschloss für Feuerwehr und Polizei dienen. Das ganze funktioniert wie ein Tresor und hinter dem Schloss befindet sich ein Ersatzschlüssel für die Tür. Das soll dazu dienen, dass die Rettungskräfte die Tür nicht gewaltsam öffnen müssen. Also in unserem Fall wäre das wohl besser wegen Billigschloss. Manche dieser Wand-Schlösser sollen ein Zahlenschloss haben. Wie merken sich die Rettungskräfte den Code? Stehen die bei einem Brand da und der eine ruft: „Thomas, weißt du noch, wie der Code von der Seestraße 606 war?“ „Nicht genau. 3456 oder 1234.“ „Nee, passt beides nicht.“ „Dann klingel mal bei den Leuten.“

Oder tragen die einen massigen Schlüsselbund mit sich, wie früher die Zeitungsausträger, und verlieren wertvolle Zeit, wenn sie vor der Haustür nach dem passenden Schlüssel suchen?

Ohnehin finde ich befremdlich, dass ich nicht darüber informiert wurde, dass die Hausverwaltung einfach wildfremden Leuten einen Schlüssel zu unserem Haus gibt. So, jetzt ist die Geschichte zu Ende. Ich hatte gedacht, dass meine Recherche zu einer unglaublich absurden Erklärung führt, worüber ich eine unterhaltsame Geschichte schreiben könnte. Aber Pustekuchen. Bei manchen Sachen sollte man auf einen Realitätscheck verzichten und seiner Kreativität freien Lauf lassen. Einfach über dieses Schloss in der Wand nachsinnen und sich eine unglaubliche Geschichte ausdenken. Ich könnte ja mal so tun, als hätte ich nicht im Internet nachgeschaut. Einfach mal aufschreiben, was mir als Erstes dazu einfällt:

Hermann Kasulke aus dem Vorderhaus holt den Brief aus der Post.

„Sehr geehrter Herr Kasulke, in den nächsten Tagen bekommen Sie Besuch. Bitte öffnen Sie diesem ausnahmsweise die Tür und bewirten Sie ihn nach ihren Möglichkeiten.
Wir betonen das Wort „ausnahmsweise“. Wir weisen darauf hin, dass Sie als Mieter allen Aufforderungen unsererseits demütig nachzukommen haben.

Mit nicht so freundlichen Grüßen,

Ihre Hausverwaltung

PS: Bitte unterlassen Sie künftig auch ihre Suizidversuche an dem Baum am Fahrradständer. Dieser trägt ihr Gewicht nicht und zudem sind Sie damit ein Ärgernis für die übrigen Mieter.

Tage später öffnet er die Tür. Ein mittelalter Mann im Trenchcoat, Ledertasche unter dem Arm steht vor der Tür und nimmt zur Begrüßung einen Hut vom Kopf. „Gestatten, Miller, US-Regierung, darf ich reinkommen?“

Kasulke muss an den Brief der Hausverwaltung denken und nickt.

„Wollen Sie was zu trinken?“, fragt er seinen Besucher, als sie die Küche erreichen.

„Oh ja“, antwortet dieser. „Wenn Sie einen Kaffee haben, gerne.“

Kasulke nimmt eine Tasse aus der Spüle und füllt sie mit Wodka.

„Ich habe nur geiles Zeug im Haus“, erklärt er und stellt die Tasse auf den Tisch.

Der Besuch reagiert nicht darauf, sondern zeigt auf das Fenster zum Hof.

„Haben Sie schon gesehen, was dort draußen geschieht?“

Kasulke stellt sich neben Herrn Miller. Bauarbeiter graben mit einem Bagger ein tiefes Loch. Über die Hälfte des Hofes hat sich in eine Baustelle verwandelt.

„Was soll das werden?“, fragt Kasulke.

„Ein Silo.“

„Ein Silo?“

„Die Eigentümer des Hauses“, so führt Herr Miller aus, „sind an einer Wertsteigerung der Immobilie interessiert. Über zeitgeistig angepasste Mieten lässt sich das bei der jetzigen politischen Lage in Berlin schlecht realisieren. Deshalb haben die Eigentümer ein Angebot der US-Regierung angenommen, die Fläche im Hof für ein Silo bereitzustellen.“

„Was denn für ein Silo?“, fragt Kasulke.

„Atomwaffen.“

„Atomwaffen?“

„Ja, was sonst? Was haben Sie gedacht? Riesige Sonnenschirme oder eine ausfahrbare Bewässerungsanlage für die mickrigen Pflanzen da draußen?“

„Und wofür?“

„Wofür? Ist doch klar. Entweder die Bolschewisten oder die Schlitzaugen. Beides Gefahren für den Weltfrieden im 21. Jahrhundert.“

„Und warum erzählen Sie mir das?“

„Sie haben Mietschulden, nicht wahr?“

Hermann Kasulke antwortet nicht.

„Die Eigentümer haben sich gedacht, dass sie eine Gegenleistung von Ihnen einfordern können. Sie werden zum Raketensilo-Wart. Keine Sorge, sie müssen dafür wenig tun. Ich habe hier was für sie.“

Herr Miller nimmt aus der Ledertasche ein altes Nokia-Handy und einen Schlüssel.

„Sie brauchen ihrer Aufgabe nur ein einziges Mal nachzugehen. Das ist doch bequem, oder? Eines Tages erhalten Sie über dieses Handy hier eine Freischalt-SMS. Dann nehmen sie den Schlüssel, gehen an die Haustür und stecken ihn in das Schloß in der Wand. Dann drehen sie einmal nach links und einmal nach rechts, geben den Zahlencode aus der SMS ein und dann öffnet sich das Silo. Das wars.“

„Ich habe gedacht, das Schloss wäre so ein Notfall-Schloss für die Feuerwehr und Polizei. Und was mache ich dann?“

Herr Miller überlegt kurz.

„Das bleibt letztlich ihnen überlassen. Sie könnten einen letzten Spaziergang machen und ihr Ende auf einer Bank im Park finden. Oder sie kommen zurück in ihre Küche, nehmen sich einen Stuhl, setzen sich ans Fenster zum Hof, nehmen einen tiefen Schluck aus der Wodka-Tasse, blicken hinaus und lassen ihr Leben Revue passieren.“

„Und die Mietschulden sind dann getilgt, ja?“

„Richtig“, sagt Herr Miller. „Sie sind dann wieder im Reinen. Und denken sie daran, das Handy alle halbe Jahr mal aufzuladen. Wäre ja blöd, wenn sie im Falle des Falles nicht erreichbar wären. Ach, bevor ich es vergesse: Die Transporteure der „heißen Fracht“, wenn sie verstehen, was ich meine, kommen nächste Woche und klingeln dann bei ihnen. Wäre nett, wenn sie denen die Türen zum Hof aufhalten könnten und den Empfang quittieren. Ach, und noch was: Bitte kümmern sie sich im Herbst und Winter um Laub und Schnee. Das Zeug verträgt sich nicht mit den Öffnungsklappen des Silos.“

Nachdem Herr Miller die Wohnung verlassen hat, nimmt Hermann Kasulke das Handy und den Schlüssel und verstaut beide Sachen im Küchenschrank. Den Schlüssel legt er in eine Tasse mit anderen, alten Schlüsseln.

Obenauf, damit er ihn gleich findet.

Robert Rescue bei CrimeMagZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

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