Geschrieben am 1. Juni 2023 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2023

Peter Münder: „Ultimate Collector Motorcycles“

Der Faszination Motorrad auf der Spur

Die technisch anspruchsvollsten, ungewöhnlichsten und seltensten hundert ultimativen Motorräder von 1894-2020 auf fast 1000 Seiten und mit faszinierenden Fotos präsentiert in zwei Bänden. – Eine Besprechung von Peter Münder.

Charlotte & Peter Fiell: Ultimate Collector Motorcycles. Verlag Benedikt Taschen, Köln 2023. Format  37,59 x 11, 18 cm x 43,94 cm. Gewicht 11,1 kg. 2 Bände im Schuber, 940 Seiten, 250 Euro. (In englischer Sprache.) 

Für Sammler exotischer und exklusiver  Vehikel seien Motorräder über etliche Jahrzehnte als eher  zweitklassige  Mobile betrachtet worden, konstatiert der kalifornische Museumsbetreiber und Talkmaster Jay Leno in seinem Vorwort zu diesen beiden begeisternden einmaligen „Ultimate Collector“-Bänden über die Geschichte des Motorrads: Erst nach der aufsehenerregenden Guggenheim-Ausstellung „The Art of  the Motorcycle“ von 1998 habe sich ein Prozess des Umdenkens entwickelt, der technische Meisterleistungen der Zweirad-Bauer auch als Kunstwerke zu bewundern und zu respektieren begann. 

Die ersten Motorräder waren zwar noch Fahrräder, denen Otto-Motoren implantiert waren, doch beim Betrachten der großformatigen Fotos des ersten, 1894 gebauten Hildebrand & Wolfmüller-Modells (zwei Zylinder, 1,5 Liter Hubraum mit 2,5 PS,  Vmax 45 km/h) reibt man sich verblüfft die Augen angesichts der fortschrittlichen Kardanwellen-und Hinterrad-Konstruktion. Der schräg eingebaute Tank erleichterte einen unbehinderten Einstieg.

Die beiden Herausgeber, die Design- und Kunst-Experten Charlotte und Peter Fiell, betreuten schon die beiden beeindruckenden Bände „Ultimate Collector Cars“ von 2021 (meine Besprechung bei CulturMag hier) und haben etwa 70 Bücher zu vielen Kunst- und Design-Aspekten veröffentlicht. Hier beschreiben sie auch alle wichtigen Details zur Entstehungsgeschichte und den Anfängen des Motorrads.  

Alois Wolfmüller aus Landsberg am Lech war schon von Anfang an auf Expansion und internationale Exporte erpicht: Er sorgte für Beteiligungen an italienischen Straßenrennen sowie am stark beachteten Rennen Paris-Bordeaux-Paris, bei dem auch mehrere Dampfwagen und Autos mit Otto-Motor teilnahmen. Das einzige Motorrad, das Bordeaux erreichte, war ein Hildebrand & Wolfmüller. Exportiert wurden die Motorräder nach Frankreich, Österreich und in die Schweiz, zwischen 800 bis 2000 Exemplare produzierte  Wolfmüller. Ohne Frage waren die Rennerfolge der Marke ein entscheidender Werbefaktor, der schnell auch von anderen Herstellern wie Alcyon und Anzani (Frankreich), Harley-Davidson Model 3 (USA) oder Curtiss V8 Land Speed (USA) erkannt und eingesetzt wurde.

Der als Einzelexemplar 1907 gebaute, auf Rekorde getrimmte Curtiss mit 4,9 Liter-V8-Motor und 40 PS war in jeder Hinsicht ein monströser Power-Bolide mit extrem langen Lenkstangen, der alle anderen Motorräder deklassierte: Sein Top Speed von 219 km/h war damals einfach unfassbar und wurde weder von Flugzeugen, Automobilen oder  Rennbooten erreicht. Seinen Geschwindigkeits-Weltrekord von 1907 in Ormond Beach, Florida hatte Curtiss unter eher improvisierten Bedingungen  realisiert und verteidigte ihn bis 1930. Eigentlich aber war er vor allem ein Flug-Pionier, der am liebsten Flugzeuge konstruierte. Diese Hinweise auf  Querverbindungen unterschiedlicher Design-Disziplinen sind faszinierende Bereicherungen dieser Ausgabe. Wir haben es ja nicht mit einem der üblichen Fachbücher zu tun, sondern mit einem bibliophilen Meisterwerk, das ästhetische Aspekte der Konstruktionen genauso akribisch evaluiert wie die Technik und die Entstehungsgeschichte samt fremder Einflüsse.

Schnell wurde bereits um 1900 erkennbar, dass das Motorrad eine neuartige Form einer unkomplizierten Mobilität bot. Die hier präsentierten hundert Motorräder zeigen eindrucksvoll den Entwicklungsprozess hin zu mehr Power, mehr Technik , Speed und späteren eher ruppigen „Hell´s Angel“- Außenseiter-Faszination, die mit dem Aufkommen von Superbikes suggerierten, ein „Feeling of flying through space and time“ erreichen zu können. 

Rasende Exoten für die Fahrt ins Nirwana

Sehr erfreulich für „Normalfahrer“ ist natürlich auch, dass bekanntere Marken wie BMW, DKW (inklusive der 30 PS Renn-Version von 1937), NSU (Sportmax), MZ (Ex-DDR), Norton, AJS, Ariel, MV, Ducati, Honda usw. beschrieben werden. BMW feiert in diesen Tagen ja den 100jährigen Geburtstag der legendären R32 mit einer großen Sonderausstellung  im Münchener BMW-Museum, die ein Jahr lang präsentiert wird. Im Taschen-Band wird dieses BMW-Jubiläum schon mit sechzehn  Beiträgen und fabelhaften Fotos antizipiert und die R32 als extrem solide, formschön und bei Rennen erfolgreich gefeiert (240 Siege bis 1926!). 

Ein Vergleich mit der ebenfalls 1923 gebauten Harley Davidson 8-Valve-Racer (60 PS, Hubraum 986 ccm, Vmax 193 km/h) liegt auf der Hand: Die filigrane  Harley wirkt dagegen wie ein Fahrrad, das als Prototyp für einen Ausflug ins Grüne präpariert wurde – von ihr wurden auch nur 20 Stück gebaut. Der brisante Konkurrenzkampf gegen Indian war in dieser frühen Phase für Harley-Davidson schwierig, weil Indian mehr Rennen in den USA gewann und sich auch mit extrem zuverlässiger Steilwand-Attraktion als unwiderstehliche Attraktion bewährte.

Indian konnte mehr Rennsport-Segmente mit  ganz speziellen Motoren bedienen und geriet bald zum Mythos, weil die Marke alle drei National Championships über 5, 15 und 25 Meilen in New York gewann. Die Scout-, Chief- und Indian Prince-Modelle avancierten zu legendären Rennmaschinen, die von einer Aura der Verehrung umgeben waren. Was beim Betrachten der  dunkelrot schimmernden wunderbaren A45 OHV 750cc Road Pacer von 1926  (60 PS, Vmax 201 km/h) absolut nachvollziehbar ist. Der Marken-Name Indian ging übrigens auf den Firmengründer George Hendee – einen Fahrradbauer – zurück, der damit seine indianischen Vorfahren ehren wollte.  Obwohl Indian ja vorübergehend  aufgrund der Umstellung auf Kriegsproduktionen der größte Motorrad-Hersteller der Welt war, geriet die Firma nach Kriegsende 1945 in Schwierigkeiten und konnte den Konkurs 1953 nicht mehr verhindern. 

Beim Blick in die Exoten-Abteilung auf Marken wie den deutschen  Megola-Sport Tourer von 1922 (637 ccm, 5-Zylinder-Rotationsmotor, 14 PS, 85 km/h) wird deutlich, wie genial die Herausgeber ihr Konzept dieser Bände gestaltet haben, um zu illustrieren, dass Mobilität auch mit  unkonventioneller Technik realisierbar ist, um den Weg zur  Spielwiese zu verkürzen. Denn die drei Ingenieure Meixner, Gockerell und Landgraf, die  sich entschlossen, ab 1921 mit ihrem Megola alle Design-Regeln auf den Kopf zu stellen und alle physikalischen Erkenntnisse gegen den Strich zu bürsten, hatten eine wahre zweirädrige Wundertüte fabriziert: Im Vorderrad waren fünf Zylinder montiert, die sich im Rad mitdrehten, es gab keine Kupplung oder Gangschaltung, sondern nur einen fixierten Gang. Außerdem war ein bequemer Sessel statt eines Sattels montiert, und zwei Benzintanks befanden sich an der Verkleidung des Vorderrads.

Auf der Berliner Automobil-Ausstellung von 1921 erregte der Megola natürlich Aufsehen, absolut verblüfft waren die Petrol Heads jedoch, als der Rennfahrer Anton Bauhofer auf einer Megola-Rennversion 1924 die Deutsche Meisterschaft gewann. Ein herrliches Foto zeigt den Fahrer Bauhofer in extremer Schieflage um Kurven jagend, wobei die fünf im Vorderrad befestigten  Zylinder gut sichtbar sind.

Den britisch-argentinischen Zenith „Super Kim“ von 1930 (2 Zylinder, Hubraum 1,7 Liter, Kompressor, 110 PS, 250 km/h, nur ein Exemplar gebaut) muss man genauso zu den „Dream Bikes“ zählen wie den ab 1991 gebauten verknotet-verspielten bunten Britten V1000 aus Neuseeland ( 160 PS, Top Speed 303 km/h) oder einen englischen Brough, den TE Lawrence am liebsten über englische Landstraßen jagte, wenn er nicht auf Kamelen in Arabien unterwegs war.

Lawrence erwarb im Lauf der Jahre insgesamt sieben Brough-Modelle, die er alle als schnell, robust und absolut zuverlässig bezeichnete und  wie die offizielle Firmenwerbung auch als „Rolls Royce der Motorräder“ pries. Auf den maroden englischen Landstraßen absolvierte er häufig Tagesetappen von 500 Meilen, verunglückte jedoch auf tragische Weise, als er bei einem Ausweichmanöver auf seiner Brough SS100 vor zwei plötzlich  seinen Weg kreuzenden Jungen stürzte und im Mai 1935 verstarb. Lawrence hatte seine spezielle „Brough-Therapie“ auf dem Motorrad einmal als Ausgleich für allzu extreme negative Eindrücke und Stimmungsschwankungen als eine Art  kinetische Beruhigungs-Therapie beschrieben: „Wenn meine Stimmung zu angespannt ist und ich  gerate außer Kontrolle, dann hole ich mein Motorrad und jage es stundenlang mit Vollgas über moribunde Pisten, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.“ 

Was bringt die Zukunft?

Ein mit Turbolader bestückter sehr futuristisch anmutender Aston Martin AMB 001 von 2020 (997 ccm, 180 PS, Kompressor, Vmax 299 km/h) wird schließlich auf den letzten Seiten als Ausblick auf Motorrad- Modelle der Zukunft präsentiert – in Begleitung eines 2007 gebauten  Ducati Desmosedici GP7Works Grand Prix Racer (799 ccm, 225 PS, Vmax 337 km/h) und eines  amerikanischen Confederate P 120 Fighter, dessen Leichtbau-Segmente wie aus einem Baukasten zusammengesetzt anmuten. Seine Eckdaten sind: Hubraum 1,9 Liter, 160 PS, Vmax 250 km/h. Der Strafverteidiger Matt Chambers aus Louisiana gründete 1991 die Confederate Motor Company, um solche ultra-high-end Avantgarde-Motorräder zu bauen, die mit ihrem „inspirierenden Design“  begeistern sollen. Dieses sterile  Alu-Design mit diversen Multifunktions-Aufgaben hat aber, wie die Bilder zeigen, weder Charme noch eine beflügelnde Aura wie etwa ein alter Indian A 45 von 1926. Aber dieser Confederate lässt uns ahnen, wie sich die  Design-Zukunft für Motorräder – speziell wohl für Renn-Motorräder – entwickeln könnte. 

Weitaus faszinierender als solche futuristischen Baukasten-Modelle sind dagegen die Interviews, mit denen Charlotte & Peter Fiell die Bände abschließen: Denn für ihre Diskussionen mit George Barber (Vintage Motorsports Museum Birmingham), Paul d´ Orleans (Vintagent Media Company Stockton, California), Gordon McCall (Director Motorsports Events at Monterey), Sammy Miller (mehrmaliger British Trial Champion, fuhr Rennen auf CZ, Ducati, NSU u.a.), Ben Walker (Director for Collector´s Motorcycles at Bonhams) sind nach wie vor sind Fragen von Interesse wie: „Restaurieren oder Konservieren?“, „Vermittelt das Motorrad tatsächlich ‚Freedom to fly’“?, „Ist der Thrill of Speed ein wichtiger Faktor?“, oder „Welche Aspekte haben Priorität für Sammler?“.      

Mein Fazit: Diese Bände bieten einfach alles, was der Sammler und Technik-Afficionado zum Thema Motorrad  wissen will. Hier wird das Lesen zum Hochgenuss, denn die bibliophile Ausstattung mit fundierten Texten und grandiosen Fotos  ist einfach überwältigend. 

Charlotte & Peter Fiell: Ultimate Collector Motorcycles. 2 Bände im Schuber, Verlag Benedikt Taschen, Köln 2023. Format  37,59 x  11, 18 cm,  x 43,94 cm Gewicht 11,10 kg Taschen Verlag Köln, 940 Seiten, 250,- Euro (In engl. Sprache) 

Bond on a Triumph Scrambler 1200 

Peter Münder
Siehe auch bei uns im April 1921 sein Text über „Ultimate Collector Cars“, über die Autolegende Bertone, seine Beiträge über vergessene Automarken in der NZZ oder seine legendären Spiegel-Reportagen über road trips durch die USA oder als Autoüberführer nach Persien.

Seine Beiträge bei uns.

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