Geschrieben am 1. März 2021 von für Crimemag, CrimeMag März 2021

Peter Münder über Martin Maurer „Die Krieger“

Neun Anschläge, vierzehn Tote: Wie Kommissar Nick Marzek 1984 die Gruppe Ludwig bekämpfte

Kaum hat er in München seinen Dienst angetreten, soll Nick Marzek Revierkämpfe im Zuhälter-Milieu und einen spektakulären Brandanschlag auf eine Diskothek aufklären. Da einige Spuren zu einer Italian Connection führen, macht sich Marzek auf den Weg in den Süden. Martin Maurers auf historischen Fakten beruhender Krimi „Die Krieger“ nimmt die um 1984 verübten Attentate einer italienischen Gruppe ins Visier. – Von Peter Münder    

Aus seinem tiefschwarzen depressiven Berliner Loch fand Kriminalkommissar Nick Marzek erst heraus, als ihm sein Münchener Freund Aki eine Stelle in der Münchener Mordkommission vermittelte. Die liegt zwar im Rotlichtviertel, ist extrem renovierungsbedürftig und hat ihren Eingang zwischen Kofferbasar und dem „Bosporus“, aber das ist für den Kommissar kein Problem – was ihn nervt, ist das hier eklatant auffällige  Nord-Süd-Gefälle und die groteske Kulturkluft, die aus verschluckten bajuwarischen Guttural-Lauten und einer unergründlichen Topografie besteht, die Marzek auch nicht mit seinen elaborierten Stadtplänen (wir sind im Jahr 1984 – also ohne Navi) in den Griff bekommt. 

Martin Maurer

Als Pragmatiker kann der Kommissar einen Brandanschlag auf Wohnmobile von Prostituierten ohne theatralische Exzesse bearbeiten und als Zuhälterkrieg einordnen. Doch der kurz darauf durchgeführte verheerende  Anschlag auf die angesagte Disko „Liverpool“ lässt sich nicht unter der Rubrik Revierkämpfe oder Rache-Motiv erfassen. Plötzlich bekennt sich eine obskure italienische Gruppierung „Ludwig“ zu diesem Verbrechen – ihr  Bekennerschreiben ist mit Reichsadler-Symbolen und einem unsäglichen Blut-und Boden-Jargon versehen, was in dieses Schicki-Micki-Ambiente der Disko überhaupt nicht passt. Als die Ludwig-Aktivisten sich noch mit weiteren Bekennerschreiben zu Attentaten auf Priester, Prostituierte und Drogensüchtige bekennen, die alle in Italien begangen wurden, soll Marzek sich bei den Kollegen in Mailand, Verona und Vizenca um heiße Spuren kümmern – schließlich könnten an der Isar ja schon die nächsten Katastrophen von dieser Truppe vorbereitet werden. So weit so gut und krimi-affin. Doch der Thriller-Autor („Terror“, 2011) und Drehbuch-Schreiber Martin Maurer, Jahrgang 1968, setzt hier mit  einer Verbindung von historischen Fakten und literarischer Fiktion ungewöhnliche Akzente: Sein Kommissar macht sich mit der ebenso dynamischen wie cleveren italienischen Revier-Putzfrau Graziella auf die Reise in den Süden. Sie fungiert als Dolmetscherin und lässt sich weder von aggressiven Macho- oder Fascho-Typen beeindrucken noch einfach abwimmeln, wenn die  bornierten Verwalter fehlender Akten und nicht koordinierter Ermittlungen indisponiert sind. 

Dieses herrliche, gut eingespielte  Duo  können wir hoffentlich in Maurers nächsten Krimis in ähnlicher Höchstform erleben! Es kann sich jedenfalls  intensiv aufs Studium verstaubter Akten, aber auch aufs Auskosten unterhaltsamer Momente konzentrieren. Und sogar – in einer unorthodoxen Interims-Herberge – auf das Füttern von Schlangen mit Mäusen und Ratten. 

Kurz und gut: Mit seinem Blick zurück auf eine von Attentaten, Entführungen und politisch motivierten Morden geprägte Phase  der 1970er und 1980er Jahre gelingt es Maurer, eine extrem chaotische, mörderische  Periode italienischer Verwerfungen einzukreisen, in der es vielen Gruppierungen nicht nur um das Austragen von Konflikten mit brutaler Gewalt ging, sondern auch darum, größtmögliche Verwirrung zu stiften. Daher blendet er hier auch sehr geschickt Erörterungen über mögliche Trittbrettfahrer ein (wie ernst soll man die Gruppe Ludwig  überhaupt nehmen?), die sich zwar zu grauenhaften Verbrechen bekennen, aber sich vielleicht auch nur in Szene setzen wollen, um eine perverse Mutation von Prestige zu demonstrieren und für maximale Verwirrung der Öffentlichkeit zu sorgen. Dieser brillante Mix aus spannendem  Krimi, zeitgeschichtlichem Rückblick und locker-ironischen Dialogen ist jedenfalls sehr gelungen und schon ziemlich einmalig. Und brisant, weil die Diskussion über die Gruppe Ludwig und deren mögliche Hintermänner/Unterstützer in Italien immer noch kontrovers geführt wird, wie wir in Maurers informativem Nachwort nachlesen können.  

Martin Maurer: Die Krieger. DuMont, Köln 2020. Klappenbroschur, 362 Seiten, 16 Euro.

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