Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Peter Münder: Kulturerbe Sowjetkaserne

Verfallen, verdrängt, vergessen: Sowjetische Kasernen in der DDR

Der Bildband „Kulturerbe“ von Stefan Neubauer holt mit  beeindruckenden Fotos die Epoche sowjetischer Besatzungstruppen in der DDR ins kollektive Gedächtnis zurück: Wandmalereien im Stil des sozialistischen Realismus verherrlichen militante Kämpfer, Raketen und Astronauten, während die verfallenen Ruinen an das Ende einer  Großmacht erinnern. – Von Peter Münder. 

Rund 500.000 Soldaten der sowjetischen Besatzungsmacht bezogen gemäß den Vereinbarungen der Aliierten Streitkräfte ab Mai 1945 ihre Stellungen in der damaligen „Sowjetisch Besetzten Zone“ Deutschlands. Sie verließen das Gebiet der DDR während der von Gorbatschow eingeleiteten Tauwetter-Phase ab 1988, in die auch das Ende der sowjetischen Intervention in Afghanistan (von 1979-1989) fiel. Als  Stefan Neubauer, Jahrgang 1971, Ende 1999 in der Nähe von Karlshorst die ersten Wandbilder in verfallenen ehemaligen sowjetischen Kasernen fotografierte, war ihm das ästhetische Potenzial dieser Bilder sowie der mächtigen,  völlig heruntergekommenen Gebäude noch nicht richtig bewusst geworden, wie er in seinem Kommentar berichtet. Erst als ihn ein Freund auf den Ausnahmefall Jüterbog hinwies, wo die riesigen Gebäude mit den faszinierendsten Wandmalereien auf dem größten deutschen Gelände der sowjetischen Besatzer standen, war der Fotograf von diesem spezifischen Kulturerbe-Phänomen so begeistert, dass er 64 weitere ehemalige Standorte zwischen Rechlin in Mecklenburg-Vorpommern und Schöneck in Sachsen besuchte und mit einer 6×17 Zentimeter-Panorama-Kamera sowie  mit Platten- und Mittelformat-Apparaten ablichtete. Aus über tausend Fotos hat er einige hundert für diesen Band ausgewählt: Es sind Bilder von Propaganda-Parolen und Lenin-Porträts, von   monströsen Kämpfern und Athleten,  von Panzern und MIG-Jägern, idyllischen Wäldern und zerbröselnden Ruinen. 

Die Beiträge von Andreas Hilger (Deutsches Historisches Institut Moskau), Christoph Meissner (Deutsch-Russisches Museum Karlshorst) und Tanja Zimmermann (Professorin für Kunstgeschichte Uni Leipzig) liefern Analysen und Hintergrund-Infos zu speziellen Aspekten des Kalten Krieges, zur Ästhetik des sozialistischen Realismus, zum Dienst in der sowjetischen Armee, zu Perestroika und Wiedervereinigung sowie im Kapitel „Deutungen nach dem Abzug“ eine Einschätzung der permanenten Abschottung und Ausgrenzung der sowjetischen Soldaten. 

So wird aus der Beschäftigung mit einer „Ästhetik des Verlusts“ und der Bilderwelt von „Lost Places“ ein Prozess des Eintauchens in historisch-politische Dimensionen und deren weitreichende Auswirkungen. Wer weiß denn schon, dass die sowjetischen Atomraketen bei Vogelsang – 60 km nördlich von Berlin, wo 15.000 Soldaten stationiert waren und in 500 Gebäuden lebten, auf Frankreich und Großbritannien gerichtet waren? Oder dass viele verwundete sowjetische Afghanistan-Kämpfer in der Beelitzer Lungenheilstätte behandelt wurden, in der noch im Dezember 1990  Erich Honecker mit einer Leberkrebs-Diagnose eingeliefert und im März 1991 zur weiteren Behandlung nach Moskau ausgeflogen wurde? 

Suggestive Selbstbestätigung als Kunst am Bau, militantes Erbe, ausgegrenzter Mikrokosmos

Die Besatzer wurden in ehemaligen Wehrmachtsgebäuden, Krankenhäusern oder Schulen untergebracht, die restauriert und für eine Umnutzung verwendet werden konnten. Dazu gehörte auch die Unterbringung  von Angehörigen der Offiziere. Im 60 Kilometer südlich von Berlin gelegenen Flughafen von Wünsdorf wurden 5000 Soldaten einquartiert, die für Betreuung und Transport der Wehrpflichtigen zuständig waren. Neben Kampfparolen und Propagandasprüchen („Ohne Fernmeldewesen keine Führung, ohne Führung kein Sieg!“), Astronauten-Porträts und Lenin-Bildern präsentiert der dreisprachige Bildband (Deutsch, Englisch, Russisch) auch Motive aus russischen Kinderbüchern („Doktor Aibolit und die Bärin“), gigantische Urwald-Panoramen, aber auch naive Folklore-Darstellungen, Offiziersporträts, Panzerkämpfer und Abbildungen von Kundgebungen an der Wolga: Fern der Heimat versprechen sich die ungeliebten Besatzer von diesen Bildern eine auto-suggestive  Bestätigung für ihren Einsatz. Wobei sie auch kulturelle Traditionen, Kirchenbilder, MIG-Düsenjäger oder Hochleistungs-Sportler abbilden, die als „Neue Menschen“ den Aufschwung des Sozialismus propagieren sollten.

Standorte der sowjetischen Kasernen in der DDR

Selbst Alexander Newski (1220-1263) wurde noch auf einem riesigen Wandbild für solche identitätsstiftenden Zwecke eingespannt: Der Kämpfer gegen den Deutschen Orden, der 1242 mit seinen Truppen in der Schlacht  auf dem Eis des zugefrorenen Peipus-Sees deutsche Kreuzritter  und dänisch-estnische Hilfstruppen vernichtend besiegte, galt auch für die sowjetischen Soldaten immer noch als Leitbild im Kampf gegen die Nazis. Was Regisseur Eisenstein ja bereits in seinem gigantischen Newski-Film von 1938 zeigen wollte, in dem er das bekannte Newski-Zitat als finale Warnung an das Filmende stellte: „Wer mit dem Schwert zu uns kommt, wird mit dem Schwert umkommen.“ 

Übrigens ergab eine russische Umfrage von 2008, dass der Heerführer Fürst Alexander Newski auch rund 800 Jahre nach seinen Kriegszügen  immer noch als „größter Russe aller Zeiten“ verehrt wird. Keine Frage: Die nationalistische Trumpfkarte spielte für die Identitätsstiftung immer schon eine große Rolle, diese Rückbesinnung auf Heroen, „russische Tugenden“, Astronauten oder auf historische Kulturgüter war für die in der DDR stationierten Soldaten von enormer Bedeutung, um das Gefühl von Entfremdung und Ablehnung kompensieren zu können, mit dem sie dort konfrontiert waren. 

Umso schmerzhafter und zermürbender waren daher die Minderheitsgefühle, die sich mit der Perestroika und der Auflösung der ehedem so mächtigen Sowjetunion, dem Rückzug aus Afghanistan und dem Abzug der Besatzungstruppen aus DDR einstellte: „Dass die deutschen Behörden, Militärs und Vertreter des öffentlichen Lebens streng zwischen Besatzungsmacht Sowjetunion/Russland und den westlichen Alliierten als Schutzmächten unterschieden, schmerzt die russischen Soldaten bis heute“, erklären Andreas Hilger und Christoph Meissner  in ihrem Fazit „Deutungen nach dem Abzug“.

Denn viele russische Offiziere hätten ihre Besatzerzeit als „Höhepunkt ihres Lebens“ und privilegierte Dienstzeit  empfunden und wären stolz auf eine ehemals mächtige Armee gewesen. Doch nach negativen Erfahrungen mit sozialem Abstieg sowie politischer Unzufriedenheit seien sie mit einem sehr ambivalenten Gefühlsgemisch konfrontiert worden.       

Dieser faszinierende, ästhetisch so mitreißende Bildband von Stefan Neubauer lässt uns jedenfalls eintauchen in ein zerfallenes, verlassenes und zum größten Teil auch verdrängtes Kulturerbe, das mit diesem perfekten Mix von grandiosen Bildern und luziden historischen Exkursen aus der Vergessenheit zurückgeholt werden kann. 

Peter Münder

Stefan Neubauer: Kulturerbe. Ein Bildband mit Beiträgen von Andreas Hilger, Christoph Meissner, Tanja Zimmermann. Könemann Verlag, Köln 2021. 420 Seiten, Format 281mm x 310mm, rund 500 Abbildungen, 29,95 Euro.

Die Internetseite von Stefan Neubauer hier.

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