Geschrieben am 1. April 2021 von für Crimemag, CrimeMag April 2021

Patrick Lohmeier: „Columbo, Columbo“

Satte, pralle TV- und Filmgeschichte

(AM) 69 Episoden in zehn Staffeln, in den USA zwischen März 1968 bis Mai 1978 sowie Februar 1989 und Januar 2003 ausgestrahlt und rund um die Welt gegangen, weder Schießer- noch Schlägereien, höchstens mal ein Auffahrunfall mit dem Peugeot 403 Cabriolet, Baujahr 1959, von dem weltweit nur 2043 gebaut wurden und dessen gewiss zerbeultestes Exemplar prima zu Regenmantel und zerknautschtem Erscheinungsbild des Inspektors passt (im Original ein Polizei-Lieutenant) – das ist Columbo. Patrick Lohmeier hat sich mit allen neunundsechzig Fällen dieses Kriminalitätsphilosophen beschäftigt und daraus ein sehr kundiges, sehr lesbares und ungemein informatives Buch gemacht.

Zusammen mit Frank Göhre habe ich etwas Ähnliches zu den Polizeiromanen von Ed McBain und zum Werk von Elmore Leonard (beide bei CulturBooks) unternommen, ich kann also einigermaßen abschätzen, wieviel Arbeit in solch einem Buch steckt. Man muss dafür ein wenig verrückt sein. „Columbo, Columbo“ ist darüber hinaus ein saftiges Stück Film- und Fernsehgeschichte. Patrick Lohmeier breitet elegant immer wieder viel Hintergrund aus, versorgt uns noch anhand von Nebendarstellern mit einer prallen Sozial-, Produktions-, Star- und Kulturgeschichte Hollywoods. Hier ist immenses Wissen und viel Hintergrund zusammengetragen, oft serviert mit einer Prise lakonischen Humors. Und ehrlich sind die Einschätzungen auch – das machen unsere zwei Leseauszüge deutlich, denke ich.

Signierte Exemplare gibt es über die Internetseits des Autors. Die Farbausgabe dürfte vermutlich bereits vergriffen sein und Columbo, Columbo natürlich auch im Handel erhältlich bzw. bestellbar.

Fall 7. Schritte aus dem Schatten (Lady in Waiting, 1971) 

»Ich glaube, meine Tochter ist völlig übergeschnappt.« (Mrs. Chadwick)

Darsteller*innen: Susan Clark (Beth Chadwick), Leslie Nielsen (Peter Hamilton), Jessie Royce Landis (Mrs. Chadwick), Richard Anderson (Bryce Chadwick), Joel Fluellen (Charles), u.v.a. Story: Barney Slater. Drehbuch: Steven Bochco. Regie: Norman Lloyd. US-Erstausstrahlung: 15. Dezember 1971 (NBC). Deutsche Erstausstrahlung: 3. Januar 1974 (Bayerisches Fernsehen). Laufzeit: ca. 73 Minuten.

Der Fall in einem Satz: Eine junge Unternehmerin fühlt sich zu kurz gekommen und wird nach dem Mord an ihrem kontrollsüchtigen Bruder vom schüchternen Entlein zum koketten Schwan.

Der Mord in Schritte aus dem Schatten gehört zu den schlampigsten der gesamten Serie und der gute Lieutenant selbst kommt bis 30 Minuten vor Ende der Episode kaum zum Einsatz. Und dennoch gehört Columbos siebter Einsatz in das Pantheon seiner besten Fälle. Die Gründe hierfür sind so vielfältig wie unkonven- tionell für das Format: Erstmals bricht die Serie mit dem Leitmotiv eines Verbrechens aufgrund von Habgier. Für Mörderin Beth (Susan Clark) scheint die alleinige Kontrolle über die von ihr und ihrem Bruder (Richard Anderson) geführte Werbeagentur nur eine angenehme Begleiterscheinung seines Tods zu sein. Viel wichti- ger aber ist es ihr, ihrem Zorn auf das herrische Brüderchen endlich eine Stimme verliehen zu haben. Die dramatische Geschwisterfehde gipfelt in seinem intervenierenden Brief an Beths Liebhaber Peter Hamilton (Leslie Nielsen) und endet mit dem von Kugeln durchlöcherten Bryce im Schlafzimmer der Schwester. Hach, Geschwisterliebe!

Trotzköpfigkeit und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung mögen auf den ersten Blick nicht als überzeugende Mordmotive dienen. Dank des brillanten Spiels von Susan Clark und Bochcos grundsolidem Drehbuch aber zieht mich Schritte aus dem Schatten immer wieder auf seine Seite. Die Kränkung der mausigen Beth durch die Konfrontation mit der Möglichkeit, sie sei nicht gut genug für einen erfolgreichen Mann wie Hamilton, hat einen nachvollziehbaren emotionalen Nachhall. Wer von uns bekam familienintern nicht schon einmal die Ohren dafür langgezogen dafür, dass man sich angeblich mit den falschen Freunden umgebe oder eine neue Flamme mit nach Hause gebracht habe, die nicht die diffusen Standards der Eltern oder älterer Geschwister erfüllt? Die Autoren Bochco und Barney Slater greifen ein faktisch banales, aber psychologisch schwergewichtiges Trauma auf, lassen dies eskalieren und liefern die schmutzigen Details der systematischen, langjährigen Erniedrigung Beths durch ihre Familie im Laufe der Ermittlungen Columbos nach. Viele spätere Episoden sollten sich des Motivs der tödlichen Kränkung im Laufe der Jahre bedienen, inklusive des bemerkenswerten Falls →Black Lady (1989) mit Lindsay Crouse als »Reispudding«. Nie aber war die seelische Befreiung der Mörderin oder des Mörders so nachvollziehbar und zugleich amüsant wie hier.

Die alleinige Existenz von Beths Schokoladen-induzierter Mordfantasie macht uns darauf gefasst, dass ihr übers Knie gebrochener Plan gründlich misslingen wird. Die drei für ihren Lover Hamilton in deutlichem zeitlichen Abstand vor dem Ertönen des Hausalarms hörbaren Schüsse auf Bryce geben bereits zu Beginn einen eindeutigen Hinweis darauf, welches Details die junge Unternehmenserbin überführen wird. Slater und Bochco ist die Vorhersehbarkeit der ganzen Affäre sehr wohl bewusst, weswegen sie uns statt eines im klassischen Sinne spannenden Kriminalfalls das Psychogramm einer zutiefst neurotischen Frau in einem toxischen familiären Umfeld servieren. Dabei stehen die Autoren eindeutig auf Beths Seite. Bryces Eingriff in das Liebesleben seiner Schwester ist ebenso anmaßend wie amoralisch. Der von ihm als karrieregeiler Goldgräber charakterisierte Hamilton entpuppt sich als einziger Mensch, der voll- kommen integer ist und nur das Beste für Beth möchte. Und bereits der erste Auftritt der despotischen Matriarchin Mrs. Chadwick (Jessie Royce Landis) signalisiert eindeutig, dass Beth innerhalb ihrer Familie ohne Zuhilfenahme drastischer Mittel niemals einen Blumentopf voll Respekt gewinnen wird. Selbst Columbo kann dem ver- wandtschaftlichen Zwist nicht entkommen. Kunstgriffe wie die Beleidigung von Mrs. Chadwicks Pekingschnauzer als »possierlichen Affen« und die beharrliche Forderung nach Erstattung der Kosten fürs Taxi bringen weder Beth noch ihre Mutter aus der Fassung. Columbo mag seine Rolle zunächst als aufklärerische Kraft in einem Krimi verstehen, doch er steckt knietief in einer unkontrollierbaren Seifenoper.

Überhaupt muss sich der Lieutenant in diesem Fall nur mit einer größeren Nebenrolle zufrieden geben. Die Bühne gehört Susan Clark als Beth. Mit ihrer Emanzipation vom duckmäuserischen Nesthäkchen zum skrupellosen Familien- und Firmenoberhaupt steht und fällt Schritte aus dem Schatten. Dafür gehen die Autoren unkonventionelle Wege und verkürzen die Ereignisse mehrerer Wochen auf wenige Minuten. Unmittelbar, nachdem Columbo auf dem Sofa der Chadwicks Platz nimmt, trägt uns der Schnitt zum letzten Tag des Prozesses gegen Beth, an dem sie vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen wird. Dies gibt ihr die Freiheit zur persönlichen Entfaltung und stellt Columbo vor die Herausforderung, gegen eine von offizieller Stelle für unschuldig befundene Frau ermitteln zu müssen. Wüssten wir nicht um Beths Verbrechen, der Lieutenant liefe ständig Gefahr, auch von uns als nerviger und vor allem seine Kompetenzen überschreitender Klotz am Bein aller Beteiligten wahrgenommen zu werden. Diesem Eindruck wirken Beths zunehmender Narzissmus und ihre Gefühlskälte entgegen. Und letztgenannte wendet sich nicht nur gegen tote wie lebende Familienmitglieder, sondern mehr und mehr gegen Kunden ihrer Werbeagentur, die nicht nennenswert profitabel sind. Selbst ihrem Partner Hamilton gewährt sie kein Mitspracherecht bei Beschluss und Verkündung der gemeinsamen Verlobung. In solchen Momenten haben gar Leslie Nielsens hochgezogene Augenbrauen, die zu den wirkungsvollsten in ganz Hollywood gehören, Sendepause.

Für einige Columbo-Fans mag auch die Überführung der Mörderin enttäuschend sein, fußt sie doch auf der als Indiz klar vorhersehbaren Abfolge der Geräusche von Pistolenschüssen und Hausalarm. In ihrer selbstzerstörerischen Art und Weise ist sie jedoch psychologisch so wasserdicht wie unausweichlich. Zum einen, weil sie Beths fragile Fassade aus aufgesetzter Ignoranz und Härte niederreißt und ihre Unfähigkeit zur Konfliktbewältigung mit emotionaler Wucht auf den Punkt bringt. Zum Zweiten, weil ohne das eigene Schuldgeständnis unter vorgehaltener Waffe die Beweislage – letztendlich nur eine revidierte Zeugenaussage Hamiltons – zu dünn wäre, um uns als kritische Zuschauer zufrieden zu stellen. Wie ein Geschenk verpackt inszeniert Regisseur Norman Lloyd seinen Star Clark in einem glamourösen Spiegelbild ihrer Erscheinung in der Mordnacht zu Beginn: voller Selbstbewusstsein, offenherzig und beim Genuss eines harten Drinks statt softer Süßigkeiten. Eine bestechende Erscheinung, doch ohne Substanz. Vielleicht ist dies gar sinnbildlich für die gesamte Episode. Aber wer könnte angesichts all der psychologischen Raffinesse des Gezeigten davon allzu sehr enttäuscht sein?

Berufskriminelle

Susan Clark (*1940) gehört nicht nur zu den unterschätztesten Mörderinnen in Columbos langer Historie, auch ihre weitere Filmografie lohnt einen zweiten Blick. In Coogans großer Bluff (Coogan’s Bluff, 1968) an der Seite Clint Eastwoods und im sehr sehenswerten dystopischen Thriller Colossus (Colossus: The Forbin Project, 1970) spielt sie erinnerungswürdige Hauptrollen. Die heiße Spur (Night Moves, 1975) ist nicht nur ein Meisterwerk des Paranoiakinos der 1970er Jahre, sondern ebenfalls eine Glanzstunde für Clark als Ehefrau von Gene Hackman. Zwar betrügt sie ihn mit einem anderen Mann, als echte Schurkenfigur taugt sie aber auch dort nicht.

Qualität als Columbo-Gegenspielerin: 🔪 🔪 🔪 🔪 
Berufskriminelles Potential: 🔪

Das erste Mal

Columbo lässt das Verdeck seines Peugeot Cabrio herunter, damit Peter Falk und Leslie Nielsen bei strahlendem Sonnenschein Burger und Shakes in einem Drive-in Restaurant genießen können. Ein seltenes Vergnügen, das man nur in vier weiteren Episoden beobachten kann: →Zigarren für den Chef (1972), →Schach dem Mörder (1973), →Der alte Mann und der Tod (1976) und →Tödliche Liebe (1991). In letztgenannter Folge behauptet Columbo gar, er sei noch nie unter offenem Himmel in seinem Auto gesessen. Auch auf seine alten Tage kann man nie sicher sein, ob dem Lieutenant zu trauen ist. Oder ob die Drehbuchautoren ihre eigene Serie so gut kennen wie die Zuschauer.

Fred Draper (1923-1999), ein guter Freund von Falk und John Cassavetes, ist in einem kurzen Auftritt als Taxifahrer erstmals in Columbo zu sehen. Fünf weitere Auftritte sollten folgen, mit deutlich größeren Rollen im bezaubernden →Ein Hauch von Mord (1973) und im gruseligen →Der alte Mann und der Tod.

Regisseur Norman Lloyd, bekannt für seine Kollaborationen mit Alfred Hitchcock, ist zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buchs 106 Jahre alt und war noch bis 2015 in kleinen Schauspielrollen aktiv. Eine Legende.

Dem Inspektör ist nichts zu schwör

Die deutsche Synchronfassung der Münchener Lingua Film ist gewohnt hörenswert, offenbart aber auch so manch ärgerliche Schlampigkeit, die eine ohnehin dünne Beweislage gegen Mörderin Beth noch schwächer macht. So fehlt Columbos eindeutiger Hinweis darauf, dass er um die regelmäßige Rasenrasur im Hause Chadwick an Donnerstagen weiß, weswegen das Mordopfer Spuren von Gras an seinen Schuhen haben müsste. Auch die genaue Herkunft des Ersatzschlüssels bleibt im Deutschen vage. Und die im Englischen deutlich weniger emphatischen Liebesbekundungen Hamiltons tragen schlüssiger zu Beths unterschwelliger Sorge bei, ihr Bruder könne mit dem Hinweis auf die unlauteren Motive des Anwalts Recht gehabt haben. Immerhin klingt das originale »I miss you« nicht halb so überzeugend wie »Ich liebe dich«, was Hamilton im Original nie über die Lippen geht.

Der Rüde Enrico (»Boy!«) von Mrs. Chadwick wird in der deutschen Sprachfassung zur Hündin Agathe.

Fall 54. Schleichendes Gift (Uneasy Lies the Crown, 1990)

 »Sie sind Polizist? Ich bin Arnold Schwarzenegger.« (Mann #1)

Darsteller*innen: James Read (Dr. Wesley Corman), Jo Anderson (Lydia Corman), Paul Burke (Horace Sherwin), Mark Arnott (David Sherwin), Marshall R. Teague (Adam Evans), Steven Gilborn (George), u.v.a. Story & Drehbuch: Steven Bochco. Regie: Alan J. Levi. US-Erstausstrahlung: 28. April 1990 (ABC). Deutsche Erstausstrahlung: 28. Mai 1991 (RTL). Laufzeit: ca. 91 Minuten.

Der Fall in einem Satz: Ein Zahnarzt blickt dem finanziellen Ruin ins Auge, als er seine Gattin und das Vermögen ihrer Familie zu verlieren droht, und zieht einen Zahn mörderische Konsequenzen.

Steven Bochcos letztes Drehbuch für Columbo, eine reizvolle Variante von →Zwei Leben an einem Faden (1973), kann qualitativ fast an seine Sternstunden der 70er Jahre anknüpfen. Um ein echtes Highlight zu sein, hält Schleichendes Gift aber etwas zu oft inne und sonnt sich allzu offensichtlich in deplatzierter Nostalgie. Und ein charismatischer Star der Größenordnung Leonard Nimoys hätte dem – trotz fehlender Chemie-
Kenntnisse – smarten Mörder besser zu Gesicht gestanden als Sonnyboy James Read. Was nicht bedeuten soll, dass er eine schlechte Figur als
Mörder der Stunde macht. In seinem Beruf als Zahnarzt mag Dr. Wesley Corman nur mäßig talentiert sein, als intriganter Gewaltverbrecher aber gehört er zu den geschicktesten Gegenspielern in Columbos Seriengeschichte. Auch unter zunehmendem Druck durch den Lieutenant zeigt Corman keine erkennbare Furcht davor, erwischt zu werden. Und doch weiß er, dass er es mit einem trügerisch harmlosen, faktisch unerbittlichen Ermittler zu tun hat. Er solle bloß aufpassen, Columbo sei viel cleverer als man annimmt, zischt er seinem Schwager David (Mark Arnott) zu, dessen Schwester Lydia (Jo Anderson) er den Mord am Filmstar und Lover seiner Frau Adam Evans (Marshall R. Teague) in die Schuhe schieben will. Cormans frühzeitige Einschätzung des Lieutenants als Gegenspieler auf Augenhöhe wirkt Wunder für die Dramaturgie des Falls, macht sie uns doch bewusst, dass der Zahnarzt stets auf der Hut ist und nicht etwa ins offene, investigative Messer zu rennen droht. Nicht im von Columbo vorgeschlagenen Chili-Restaurant wird die Befragung fortgesetzt. Nein, ein lauter Nachtclub wird auf Cormans Wunsch zum Treffpunkt der beiden Kontrahenten. Unentwegt versucht sich der Mörder daran, Tempo und Richtung der Ermittlung zu bestimmen. Ein taktisch formidabler Schachzug. Insbesondere, nachdem man Corman schon enttarnt glaubt, als Columbo ihm einen (sehr guten) Witz erzählt und unser Mörder unverhältnismäßig herzlich und langanhaltend lacht für eine Person, die wenige Minuten zuvor über den Tod eines Freundes und wichtigen Kunden unterrichtet wurde. Der Startschuss für ein psychologisch ausgefeiltes Katz und Maus-Spiel in der Tradition früher Columbo-Fälle.

Apropos frühe Fälle sei an dieser Stelle auch der größte Kritikpunkt an Schleichendes Gift genannt: Der Fernsehfilm hat seine liebe Mühe damit, 90 Minuten zu füllen. Positiv ist anzumerken, dass der überwiegende Teil humorvoller Momente sinnvoll in die Handlung eingebettet ist und die kurze Dauer selbiger unsere Geduld nie strapaziert. Die in die Handlung eingeflochtene Besonderheit, dass die von Corman und Schwiegerpapa Horace (Paul Burke) geführte Praxis der dentale Hotspot für Hollywood-Prominenz der Güteklassen A bis C ist, trägt jedoch seltsame Früchte, die das Geschehen mitunter abrupt zum Stillstand bringen. Der rein quanti- tativ größte narrative Stolperstein ist sicherlich Cormans lustige Pokerrunde, mit der wir mehr Zeit verbringen als es der Unterhaltungswert eines Wiedersehens mit Nancy Walker (u.a. als stumme Köchin an der Seite von Peter Falk in Eine Leiche zum Dessert, 1976, zu sehen) und Dick Sargent (die Zweitbesetzung der männlichen Hauptrolle in Verliebt in eine Hexe, 1964-1972) hergibt.

Die sehr authentisch anmutende, kindliche Begeisterung Columbos im Beisein der Schauspielerin »aus der Rock Hudson-Serie« und ihrer Kollegen macht offensichtlich, dass die Bauchpinselei von Star Peter Falk hier wieder einmal Regie führte. Im Vergleich zu späteren ABC Specials ist die kleine Nabelschau aber harmlos. Und der Hollywood-Einfluss trägt Sorge dafür, Cormans opportunistische Gleichgültigkeit frühzeitig zu entlarven. Denn trotz Strahlemannlächeln im Beisein seines angeblichen Buddys Adam Evans hat er herzlich wenig Interesse an dessen Berufszweig, wie seine ignorante Nachfrage, was denn ein Schauspieler in Cannes so treiben könne, beweist. Sacre bleu!

Der Blick auf die wenig beeindruckenden Namen in der Besetzung von Schleichendes Gift ist trügerisch, erweist sich doch gerade Cormans kompetent gespieltes Umfeld als echte Bereicherung für das Geschehen. Lässt man die nicht immer elegante Exposition über den familieninternen Zwist und Rekapitulation von Lydias Trauma aufgrund des Todes ihres Ex-Manns hinter sich, profitieren spätere Szenen im familiären Umfeld von unserem Wissen, was so alles im Argen liegt. Eine in späteren Fällen oft vergessene Tugend ist, dem Mord eine emotionale Resonanz zu verleihen. Ohne Trauer und Wut über den Tod des Opfers fehlt das dringend benötigte, dramaturgische Gewicht. Eine Episode wie →Mord im Bistro (1977) mag unterhaltsam sein, die Indifferenz aller Beteiligten hinsichtlich des gewaltsamen Ablebens einer mehr oder weniger geliebten Person verhindert aber, dass der Fall je mehr ist als eine amüsante Belanglosigkeit.

Der Peugot unterwegs …

Es gibt wenige echte Sympathieträger in diesem Ensemble, vom armen Tropf David einmal abgesehen, aber fast alle sind mehr als nur Stichwortgeber im Dienste der Story oder Karikaturen echter Menschen. Bochcos Script füllt sie mit Leben, wodurch selbst das erschummelte Ge-
ständnis unseres mörderischen Zahnarzts mehr beeindruckt als es sollte. Cormans hanebüchene Rechtfertigung für die eigene moralische Obrig-
keit im Beisein seiner Familie verschafft Schleichendes Gift einen emotional starken Abgang, das die Unwahrscheinlichkeit des ›Gotcha!‹ vergessen macht. Als i-Tüpfelchen gibt Papa Horace Columbo noch ein vielsagendes Zwinkern mit auf den Weg. Aber er durfte bereits in so vielen Szenen den Erklärbär spielen, weswegen ihm die kryptische Albernheit verziehen sei.

Berufskriminelle

James Read (*1953) wer?!? Die Chancen stehen gut, dass die Existenz des talentierten Schauspielers kaum jemandem bewusst ist, der das TV-Event Fackeln im Sturm (North and South, 1985-1994) verpasst hat. Read spielt darin neben Patrick Swayze zwar die Hauptrolle, konnte allerdings nicht mit dessen Starqualitäten mithalten. Auf diesen Höhenflug folgten unzählige, überwiegend kleine Gastrollen in Fernsehserien. Im Kino war er unter anderem als Dad von Reese Witherspoon in Natürlich blond (Legally Blonde, 2001) und dessen Sequel zu sehen. Die Abwesenheit erwähnenswerter Schurkenrollen in seiner Filmographie überrascht angesichts seiner überzeugenden Leistung in Schleichendes Gift.

Qualität als Columbo-Gegenspieler: 🔪 🔪 🔪 🔪 
Berufskriminelles Potential: 🔪

Das erste Mal

Vorhang auf für Steven Gilborn (1936-2009) in seinem ersten von vier Columbo-Auftritten als Rechtsmediziner George Johnson. Sein wohltu- end akribisches Berufsethos bietet einen willkommenen Kontrast zu all seinen Serienkollegen, die sich als eher inkompetent erweisen, damit Columbo umso heller mit kriminalistischem Spürsinn glänzen kann. Ganze 57 Verletzungen zählt er am Körper des Toten in Schleichendes Gift und kann jede noch so spezifische Nachfrage des Lieutenants beantworten. Selbiges gilt für seinen namenlosen Kollegen aus dem Polizeilabor (Morgan Jones). Den postkoitalen Tod des Mordopfers kommentiert George mit einem fast neidvollen »Gibt es einen schöneren Tod?«

Dem Inspektör ist nichts zu schwör

Columbo darf einen neuen Pausensnack genießen: Bagels. Das Anfang der 90er Jahre hierzulande wenig geläufige Gebäck aus Hefeteig wurde für das potentiell überforderte RTL-Publikum auf der deutschen Tonspur zum schnöden Brötchen.

Während der Befragung der Pokerrunde beschreibt Nancy Walker das Eheleben von Wesley und Lydia Corman als Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – Zweiter Teil.

Die Antithese zu George findet sich beispielsweise in →Mord nach Takten (2001), in dem ein sichtlich überforderter Pathologe von Columbo auf Versäumnisse bei der Untersuchung des Mordopfers hingewiesen wird.

Aber nur in der RTL-Synchro. Im Original nennt sie das (fiktive) Sequel One Flew Over the Cuckoo’s Nest, Part 2. Egal, ob deutsche oder englische Sprachfassung: Wirklich viel Sinn ergibt bei kritischem Blick auf die Handlung der zitierten Filme keiner der genannten Fortsetzungstitel.

Just one more thing—

Die bei ihrer Begegnung mit Actionstar Evans wie hysterische Teenies zappelnden und kreischenden Damen zu Beginn unterfüttern mein Bedauern, dass nicht ein einziges Mal in Columbos langer Geschichte eine Frau auf dem Regiestuhl saß. Wichtigstes Argument für mehr weibliches Empowerment hinter den Kulissen ist der nun folgende Fernsehfilm…

Patrick Lohmeier
und sein Bahnhofskino – im Blog, bei SpotifyiTunesDeezerTuneIn……und überall, wo es gute Podcasts gibt.

Tags : , , , ,