Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

nonfiction, kurz – Februar 2022

Sachbücher, kurz besprochen von Alf Mayer (AM):

Monica Black: Deutsche Dämonen. Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit…
Stig Dagerman: Deutscher Herbst
Carol Leonnig: Secret Service Die geheime Geschichte der Agenten, die den US-Präsidenten schützen sollen
Guy Stern: Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys
Katalog: Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944
Susan Williams: White Malice: The CIA and the Covert Recolonization of Africa

„Die Sprache, die ich liebe“

(AM) Es ist eine eindrucksvolle Metapher, die hinter dem amerikanischen Originaltitel dieser sehr besonderen Memoiren von Guy Stern steckt, der als Junge Günther hieß und in Hildesheim aufwuchs. „Unsichtbare Tinte“ war der Ausdruck, den sein Vater gebrauchte, als er 1933 nach der Machtergreifung der Nazis eine Ansprache an seine kleine jüdische Familie hielt. Eigentlich ein unverbesserlicher Optimist neigte er nicht zur Verzweiflung, aber er war nicht naiv. „Auf uns kommen schwere Zeiten zu“, sagte er. „In den nächsten Jahren wird es zwingend notwendig sein, keinerlei Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Wir alle müssen sein wie unsichtbare Tinte. Bleibt unauffällig, bis wir wieder in Erscheinung treten und uns zeigen können, wie wir sind.“

Diese Überlebensmaxime abzulegen, sich von den letzten Spuren dieser unsichtbaren Tinte durch das Aufschreiben der eigenen Lebenserinnerungen zu befreien, das war für Guy Stern der Anlass für dieses Buch. Außerdem ist er ein Brückenbauer. Für die deutsche Ausgabe hat er einen Untertitel zugefügt: Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys.

„Ritchie Boys“, das waren die Angehörigen einer amerikanischen Spezialeinheit, allesamt Emigranten – Geflohene vor dem Nationalsozialismus und jetzt an der Schnittstelle von Exil und Widerstand – als Feindaufklärer, Vernehmer und Propagandasoldaten in „Camp Ritchie“ in Maryland ausgebildet. Guy Stern, als Fünfzehnjähriger in die USA gelangt (und als einziger seiner Familie überlebt), betrat bei der Invasion in der Normandie erstmals wieder europäischen Boden, um deutsche Kriegsgefangene zu verhören. Solche Aufklärungsergebnisse trugen entscheidend zum Sieg über Deutschland bei. Die Geschichte dieser Einheit ist wenig bekannt (siehe meinen Text „Bücher über die ‚Ritchie Boys’“), Andreas Pflüger hat sie – mit einer fiktiven Frauengestalt im Mittelpunkt – zum Kern seines aktuellen Romans gemacht. So war es nur folgerichtig, dass die Beiden aus Anlass von Guy Sterns 100. Geburtstag aufeinander trafen (siehe „Das Erinnern und das Vergessen“ von Andreas Pflüger in dieser Ausgabe, sowie in der SR-Mediathek ein längeres Gespräch).

Nach dem Krieg machte Guy Stern Karriere als ein weltweit renommierter Germanist, der sich der Exilliteratur und dem Holocaust widmet. Sein in 13 Kapitel gegliedertes Buch ist auch eine Rückkehr in die von ihm so geliebte deutsche Sprache. Bis heute quält es ihn, sich vorzustellen, dass seine Eltern und Geschwister, die diese Sprache ebenso liebten, deren Worte „wahrscheinlich in den Momenten vor ihrem Tod durch Mörderhand in ihrer niederträchtigsten Form zu hören bekamen“. Sterns Kollege Robert Kahn drückte das einmal kurz und bündig aus: „Ich hasse die Sprache, die ich liebe.“

Guy Stern: Wir sind nur noch wenige. Erinnerungen eines hundertjährigen Ritchie Boys (Invisible Ink. A Memoir, 2020). Aus dem Amerikanischen von Susanna Piontek. Aufbau Verlag, Berlin 2022. 302 Seiten, 23 Euro.

Die Geister der Vergangenheit

(AM) Im Haus des Henkers, so ein berühmtes Dictum, darf (und kann) vom Strick nicht geredet werden. Deutschland, besiegt – und eben nicht befreit, siehe auch Andreas Pflüger in dieser Ausgabe nebenan –, hatte nach dem Mai 1945 keine Worte. Keine Sprache. Keine Gefühle, für das, was da in zwölf Jahren geschehen war. „Der wahre Zustand der materiellen und moralischen Vernichtung, in welchem das ganze Land sich befand, durfte aufgrund einer stillschweigend eingegangenen und für alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung nicht beschrieben werden. Er blieb ein mit einer Art Tabu behaftetes Familiengeheimnis“, fand später W.G. Sebald. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich erlebte 1946 die „beklemmende Atmosphäre“ im Nürnberger Prozess: „Die Erkaltung der Beziehung der Menschen untereinander ist unfaßbar, kosmisch wie eine Klimaschwankung.“ Diese Unfähigkeit zu trauern fasste er 1967 in ein wegweisendes Buch.

Unruhe-, Schuld-, Rache- und Hassgefühle wurden verlagert und in eine Sprache eingeschlossen, in der sie erneut maskiert wurden. Deutsche Dämonen. Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland nennt die amerikanische Sozial- und Kulturhistorikerin Monica Black ihre Gegengeschichte Deutschlands, in der sie der Nachkriegszeit eine neue Deutung gibt. Unter dem gefühllosen Verhalten, das zum Beispiel Hannah Arendt oder Anna Seghers beobachteten und erlebten, verbargen sich, so liest es Black, „Ängste, die nicht einmal einen Namen hatten“. Deutschland nach der Niederlage 1945 wurde, gleich ob Stadt oder Land, von Wunderheilern, Hexenfurcht und Hexenprozessen, von Obsessionen, apokalyptischen Visionen und Hoffnungen auf einen Messias heimgesucht und erschüttert. Verschwörungs-Erzählungen hatten Hochkonjunktur, ebenso Wunderheiler und Messiasgestalten. Eine der bekanntesten: Bruno Gröning, der zur „Großen Umkehr“ aufrief, einen göttlichen „Heilstrom“ an Kranke weiterleitete und eine millionenfache Anhängerschaft hatte. Das Verdrängte kehrte als zwanghafte Beschäftigung mit dem Bösen zurück. Dieses Buch öffnet ein Portal in ein von Dämonen heimgesuchtes Land – manch verschüttete Kindheitserinnerung von uns Nachgeborenen findet hier ein Echo.

Monica Black: Deutsche Dämonen. Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland (A Demon-Haunted Land: Witches, Wonder Doctors, and the Ghosts of the Past in Post-WWII Germany, 2021). Aus dem Englischen von Werner Roller. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 424 Seiten, 26 Euro. 

Von wegen „sauber“

(AM) Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Es war kein sauberer Krieg (als ob es den überhaupt gäbe). Diese Ausstellung über die Beteiligung der Wehrmacht an den im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen hat nicht nur Geschichte geschrieben. Sie ist Geschichte geworden. Sie hat den Blick auf (unsere) Geschichte verändert. „Es wird niemals jemand wieder so über die Wehrmacht sprechen, wie das vor 1995 der Fall gewesen ist“, sagte Jan Philipp Reemtsma damals im Verlauf der Debatte um die von seinem Institut kuratierte Wehrmachtsaustellung, die hohe, ja höchste Wellen schlug. In Reflektion auf eben diese hochgeschäumten Emotionen kam es im November 2001 zu einer zweiten Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944. Der Katalog liegt jetzt in der dritten Auflage vor und ist auch erstmals als E-Book erhältlich. Der Unterschied zur ersten Ausstellung ist nicht nur ein semantischer, sie trug den Titel „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“, wurde heftig angefeindet. 

In der Tat hielt das Institut der gigantischen Vorwurfsmaschinerie und Hetze stand, „Nestbeschmutzer“ noch ein harmloser Vorwurf, unter dem Strich zeichnete die aktualisierte Ausstellung ein noch düstereres Bild, widerlegte endgültig den Mythos der „sauberen Wehrmacht“, zeigte tatsächlich Dimensionen auf. Ein ganzes Heft von Mittelweg 36, der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, ist der Resonanz und den Folgen gewidmet (Heft 5-6, Oktober 2021). 

Ausstellung und Katalog sind in mehrere Themenbereiche gefächert: Krieg und Recht/ Kein Krieg im herkömmlichen Sinne/ Völkermord/ Sowjetische Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft/ Ernährungskrieg/ Deportationen/ Partisanenkrieg/ Repressalien und Geiselerschießungen/ Handlungsspielräume/ Nachkriegszeit – sowie ein Kapitel über die Kontroversen zur Ausstellung. Eines der wichtigsten Bücher zu unserer Vergangenheit. 

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944. Katalog zur Ausstellung, dritte Auflage (erste: 2002). Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2021. Hardcover, 765 Seiten, 961 Abbildungen, 46 Karten, farbig, Großformat, 30 Euro. – Auch als E-Book erhältlich. Verlagsinformationen hier.

In der Schusslinie

(AM) Der bekannteste von ihnen ist vermutlich Clint Eastwood, verewigt im Wolfgang Petersen-Film „In the Line of Fire“ von 1993. Er spielt darin den Secret-Service-Agenten Frank Horrigan, der unter Einsatz seines Lebens ein Attentat auf den amerikanischen Präsidenten verhindert. Verwunderlich, dass es erst jetzt das erste Sachbuch über die Personenschützer des Präsidenten gibt. Die Autorin und Pulitzerpreisträgerin Carol Leonnig hat dafür mehr als 180 Personen interviewt, ihr Buch Secret Service Die geheime Geschichte der Agenten, die den US-Präsidenten schützen sollen, schreibt sie selbst, „ist ein Nebenprodukt“ ihrer Berichterstattung für die „Washington Post“. Sie ist seit 2012 am Thema, seit „Hookergate“, als ruchbar wurde, dass ein Dutzend  Agenten, eigentlich dazu abgestellt, den Barak Obama bei einem Ferienaufenthalt zu beschützen, bei Sauf- und Hurengelagen ertappt wurde.

Die Personenschutz-Einheit des Präsidenten – heute auf dessen Familie und sogar entfernte Verwandtschaft, auf viele Untergebene und sogar die politischen Gegner ausgedehnt – wurde 1865 in Folge des Attentats auf Abraham Lincoln gegründet. In den Fokus rückte sie erstmals 1963, mit der Ermordung von John F. Kennedy. Clint Eastwoods Filmrolle ist an den Leibwächter Clint Hill angelehnt, der am 22. November 1963 in Dallas nach dem dritten Schuss auf Kennedy, dem Kopfschuss, auf den Kofferraum der Präsidenten-Limousine kletterte  und sich schützend über den getroffenen Präsidenten und die First Lady beugte. 

Seitdem ist die Einheit von 300 Agenten und einem Budget von fünf Millionen Dollar auf eine Größe von 7600 Agenten, Beamten und weiteren Mitarbeitern und ein Budget von über 2,2 Milliarden Dollar gewachsen. Alle Gefahren, denen US-Präsidenten je ausgesetzt waren, haben sich im hasszerfressenen Amerika von heute vervielfacht. Umso wichtiger, dass dieser Geheimdienst funktioniert. Leonning betont, ihr Buch sei keine geschichtswissenschaftliche Abhandlung. Sie wolle den Fokus „auf den Aufstieg und den ganz und gar vermeidbaren Niedergang des Secret Service über die letzten sechzig Jahre von Kennedy bis Trump“ richten. Denn „wir vergessen bisweilen, dass diese stolze, weitgehend unsichtbare Streitmacht zwischen dem Präsidenten und allen denkbaren Angreifern steht. Indem sie den Präsidenten schützt, schützt sie die Demokratie.“ Die steht mehr denn je – siehe auch die monatlichen Essays unseres Korrespondenten Thomas Adcock – nahe am Abgrund. 

Am 6. Januar 2021, während des Sturms auf das Capitol, fuhr der Konvoi der US-Vizepräsidentin Kamala Harris mitten in Washington nur wenige Meter entfernt an einer Rohrbombe vorbei …

Carol Leonnig: Secret Service. Die geheime Geschichte der Agenten, die den US-Präsidenten schützen sollen (Zero Fail: The Rise and Fall of the Secret Service, 2021). Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Hans-Peter Remmler, Marlene Fleißig, Thomas Stauder und Jens Hagestedt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 672 Seiten, 28 Euro.

Spannend wie ein Krimi

(AM) Arglist, Böswilligkeit, Niedertracht, Schädigungsabsicht, Vorsatz oder Heimtücke, so übersetzt sich das englische Wort malice. Die Londoner Wissenschaftlerin Susan Williams, die 2015 bereits den vom Westen mitverschuldeten Tod des UN-Generalsekretärs Dag Hammarskjöld untersuchte, nimmt das Substantiv für den Titel ihres neuen Buch und setzt noch ein „Weiß“ davor. White Malice: The CIA and the Covert Recolonization of Africa ist eine grundlegende Studie der schmutzigen Tricks der CIA in Afrika, mit denen die postkolonialen Freiheits- und Demokratiebewegungen aufgehalten, geschädigt und sabotiert wurden. Dies geschah, so zeigt Williams in ihrem 672-Seiten Buch, mit allen heimtückischen, arglistigen, niederträchtigen Mitteln. Auch die Ermordung von Patrice Émery Lumumba gehört dazu, von Juni bis September 1960 erster Premierminister des unabhängigen Kongo.

Williams stützt sich auf Archive aus acht Ländern und das der UN sowie auf zahlreiche andere Quellen, hatte Zugang zu erst jüngst freigegebenen Dokumenten. In Materialfülle und Recherche steht ihr Buch neben Thomas Pakenhams Grundlagenwerk „Der kauernde Löwe. Die Kolonialisierung Afrikas 1876–1912 (Econ, 1993), im Originaltitel deutlicher als „The Scramble for Africa: The White Man’s Conquest of the Dark Continent from 1876 to 1912“ benannt. 

Williams konzentriert sich hauptsächlich auf den Kongo und auf Ghana, wo Kwame Nkrumah die Stimme eines neuen Pan-Afrikanismus wurde. Die „Hands Off Africa“-Konferenz 1958 in Accra, Ghana, brachte die jungen Anführer der Freiheitsbewegungen mit amerikanischen Bürgerrechtlern zusammen – und markierte zugleich eine neue Ära ausländischer Einmischung und Intervention. Malcolm X war in Accra, Martin Luther King nutzte Nkrumahs Rede als Vorlage für seine „I Have a Dream“-Ansprache, so groß waren die Parallelen zwischen den USA und den neuen afrikanischen Nationen. Auch Vizepräsident Richard Nixon nahm an der Konferenz teil. Er fragte eine Gruppe schwarzer Delegierter: „Wie fühlt es sich an, frei zu sein?“ Sie antworteten: „We wouldn’t know. We’re from Alabama“.

Susan Williams: White Malice: The CIA and the Covert Recolonization of Africa. PublicAffairs, London/ New York 2021. 672 Seiten, 35 USD. 

Hier bald außerdem zu lesen:

Stig Dagerman: Deutscher Herbst (Tysk höst, 1947). Aus dem Schwedischen, mit einer Briefauswahl und einem Nachwort von Paul Berf. Guggolz Verlag, Berlin 2021. Hardcover, 192 Seiten, 22 Euro.

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