Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

nonfiction: kurz – Dezember 2021

Sachbücher, kurz besprochen von Alf Mayer (AM):
Ingmar Bergman: Ich schreibe Filme. Arbeitstagebücher. 1955–2001
David Koenig: Coeurs Noirs: Film Noir Newsprint Advertising of the 40’s & 50’s
David Lynch: Someone is in my House (Ausstellungskatalog)
Christina Mohr: Female Sounds & Words
Diana Garcia Simon: Ich hab‘ kein Heimatland. Jüdische Spuren im argentinischen Tango
Georg von Wallwitz: Die große Inflation

Film Noir im Anzeigendschungel

(AM) Es begann als Fanzine, wuchs sich zu einem dicken Projekt. Der Grafikdesigner David Koenig durchforstete dafür Hunderte von Zeitungsarchiven in den USA und Kanada. Sein Coeurs Noirs ist eine irrwitzige Sammlung von Zeitungsanzeigen der 1940er und 1950er Jahre – und gilt dem Film Noir. Der 426 Seiten starke, A3-große Band versammelt Tausende von Abbildungen, allesamt in den Werbeabteilungen der Studios und meist vor Ort aus den angelieferten Matern im Akzidenzsatz entstanden, stets eine drängende Deadline vor Augen.

Die Anzeigen haben kein Datum, keine Bildlegenden. Es handelt sich einfach um eine Sammlung, ein „Look book“, wie sein Autor es nennt. Vier bis sechs Anzeigen finden sich pro Seite. Er habe versucht, die Integrität der einzelnen „ads“ zu erhalten. 406 Filme, die meisten von ihnen längst vergessen, manche aber auch Klassiker, finden sich auf den Seiten. Die Filme sind alphabetisch geordnet, man kann Kampagnen vergleichen. Eine Fundgrube. Buchstäblich.

David Koenig: Coeurs Noirs: Film Noir Newsprint Advertising of the 40’s & 50’s. Cafe Noir Press Publications, Georgetown, Kentucky, 2020. 426 Seiten voller Abbildungen, USD 17,95.

Mehr als spannend

(AM) Ein Buch mit unverhofft verschärfter Aktualität, noch geschrieben, als die Wasserstandsmarke die 2% kaum zu überschreiten versprach, das ist Die große Inflation. Als Deutschland wirklich pleite war. Autor Georg von Wallwitz arbeitet im Brotberuf als Fondsmanager und ist Mitinhaber einer Vermögensverwaltung, hat bereits einige populärwissenschaftliche Bücher geschrieben, darunter eine „fröhliche Einführung“ in die Geschichte der Finanzmärkte und eines über die Dogmengeschichte der Ökonomie. Sein Stil ist geschmeidig, er kann wirtschaftshistorische Zusammenhänge verständlich machen.

Das finanzielle Gedächtnis eines Landes begreift er als Teil des kulturellen, das Geld als Ordnungsfunktion. Zerfällt und zersetzt es sich, wirkt das wie ein Krebsgeschwür in die Gesellschaft. Denn „Inflation bedeutet das Ende aller Planung und Hoffnung, sie reduziert den Zeithorizont auf dem täglichen Überlebenskampf … Der Verlust der Ersparnisse ist ein existentielles Erlebnis. Diese Erfahrung lässt sich nicht wieder abschütteln. Generationenlang.“ Den Deutschen steckt das immer noch in den Knochen. Jede Familie hat ihr eigenes finanzielles Gedächtnis, kollektiv bleibt der enorme Vertrauensverlust in Staat und Banken. Wallwitz seziert die Mythen, Tatsachen und Falschheiten, die hier seit nun hundert Jahren wirken, zieht Schlüsse für die Gegenwart. Das Buch ist kenntnisreich und anschaulich, eine mehr als spannende Lektüre. Und es hat – Gestaltung Antje Haack, Satz Beate Zimmermann, Bindung Beltz, Bad Langensalza – eine überaus angenehme Haptik, liegt schön in der Hand. Bei Berenberg weiß man, wie man Bücher macht.

Georg von Wallwitz: Die große Inflation. Als Deutschland wirklich pleite war. Berenberg Verlag, Berlin 2021. 320 Seiten, Halbleinen, fadengeheftet, 25 Euro.

Muschel und Perle

(AM) Was macht man, wenn man ein Hirn hat wie meines?, notiert Ingmar Bergman am 15.6.1938, kurz vor seinem 20. Geburtstag. „Ja doch, man dreht in der kleinen Küche zu Hause den Gashahn auf und alles fliegt davon. Boff!!“ Er tut es dann doch nicht, in seiner närrischen kleinen Seele hegt er nämlich einen kleinen hochmütigen Gedanken: „Vielleicht wird sich einmal – irgendwann einmal – etwas Helles und Schönes aus all dem Elend schürfen. Wie eine kleine, kleine, kleine Perle aus einer großen schwarzen, vertrackten Muschelschale.“

Diese Muschelschale hält man nun mit Ich schreibe Filme. Arbeitstagebücher. 1955–2001 in der Hand, 448 Seiten dick, schwarzer Umschlag, gute Haptik, dies ist schleißlich ein Buch aus dem Hause Berenberg. Die kundige Herausgeberin Renate Bleibtreu hat 2002 bereits das 886 Seiten starke Werk-Porträt „Im Bleistift-Ton“ (Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins) vorgelegt und dafür größtenteils unveröffentlichte Materialien – Erzählungen, Tagebucheinträge und vor allem Drehbücher und Szenarien – zusammengetragen. Schon damals wurde gemäkelt, ob es sinnvoll sei, „einen Regisseur von der Seite des Schreibens her kennenzulernen“. (Antwort: Nein, für Leute, die keine Bücher lesen, nicht.)

Vierzig Regalmeter umfasste der Nachlass, den Bergman dem Schwedischen Filminstitut vermachte. Die Arbeitsbücher darin, wie er sie nannte, sechzig Spiralblocks, blieben unzugänglich, weil Experten erst die Schrift entziffern mussten. 2008 erschienen dann im Verlag Norstedts zwei Bände mit mehr als tausend Seiten. Sie sind die Quelle dieser Ausgabe. „Der Spiegel ist zerschlagen, und was spiegeln die Scherben?“, fragt ein Eintrag. Kunst war für Bergman „Bewußtmachung des Unbewußten, Ausspruch des sozial Unausgesprochenen“. In diesen Journalen ringt er darum. Rasend spannend für Leute, die Bücher lesen und Filme schauen.

Ingmar Bergman: Ich schreibe Filme. Arbeitstagebücher. 1955–2001 (Arbetsboken 1955–1974 / 1975–2001; 2008 erschienen). In einer Auswahl übersetzt, kommentiert, herausgegeben, aus dem Schwedischen übersetzt und mit einem Nachwort von Renate Bleibtreu. Berenberg Verlag, Berlin 2021. 448 Seiten, Halbleinen, fadengeheftet, 28 Euro.

Tango, Exil und Sprache

(AM) Selbst wenn wir Astor Piazzolla hören, hören wir Klezmer, schreibt Diana Garcia Simon in ihrer aufregenden Spurensuche Ich hab‘ kein Heimatland. Jüdische Spuren im argentinischen Tango.  Nicht alle Tangoliebhaber wollen wahrhaben, dass der Tango, der so sehr die christlichen Wertvorstellungen repräsentiert, auch von anderen Kulturen und von einer anderen Religion beeinflusst ist. Als Piazolla 1924 mit seinen Eltern nach New York emigrierte, wohnte er in einem italienischen und jüdischen Viertel, wohnte er gegenüber der Synagoge. Manchmal durfte er bei der Vorbereitung von Festen helfen, spielte mit seinem Bandoneon seine Variante von Klezmer. „Best goy“ wurde er genannt. Die Spurensuche nach dem jüdischen Einfluss im Tango gestaltet sich nicht einfach, notiert die Autorin, weil viele jüdische Musiker in Argentinien nicht offen aktiv waren. Viele änderten ihren Namen, passten ihn an das Spanische an, aus Abraham wurde Alberto, aus Israel Raúl. Sie waren Geiger, Klarinettisten, Flötisten und später sogar Sänger, sie kamen aus Polen, Rumänien, Russland und Deutschland. Und sie trugen, so Diana Garcia Simon, „die Zeichen des Tangos in sich: das Exil, die Abwesenheit von Vater und Mutter, die Zerstörung des Heims, die Vertreibung aus ihrem Heimatland, aus ihrer Sprache, aus ihren Bräuchen. Das Weiterleben in fünf Notenlinien.“

Die Autorin verfolgt die Wege zurück, auf denen die Texte oder die Musik, die dann zum Tango gehörten, an den Rio de la Plata gelangten. Sie erzählt auch von dem beschönigend „Semana Trágica“ genannten Massaker. In Folge eines Streiks für bessre Arbeitsbedingungen kam es 1919 in den jüdischen Stadtvierteln von Buenos Aires zu einem Massaker: mehr als tausend Tote, 500 Schwerverletzte und eine traumatisierte Gemeinschaft, die meisten Opfer Juden. Erstaunlich sind die Zahlen, die ihre Recherche zur Bordellwirtschaft zu Tage fördert: 30.000 Frauen und 2.000 Bordelle wurden um 1930 in der Millionenstadt von der polnisch-russischen Mafia unter dem Deckmantel der „Sociedad Israelita de Socorros Mutuas“ kontrolliert, auch Varsovia, Askenasum oder Zwi Migdal genannt.

Diana Garcia Simon: Ich hab‘ kein Heimatland. Jüdische Spuren im argentinischen Tango. Abrazos Verlag, Stuttgart 2021. 106 Seiten, 15 Euro.

WOO HOO!!!

(AM) Die japanische Girlband The 5.6.7.8’s sorgt für die musikalische Begleitung von Uma Thurmans Blutrausch in einem Tokioter Restaurant und erfreut sich seitdem unverhoffter und verdienter Popularität: „Woo Hoo“ ist längst nicht mehr nur bei Tarantino-Fans ein Hit. Die Band existiert schon seit 15 Jahren… Bei uns kommt die wilde Mischung aus Surf, Trash, Rock’n’Roll und Girlgroup-Gesang sehr gut. Gerade haben die 5.6.7.8’s eine erfolgreiche Kurztournee durch sechs deutsche Städte absolviert; mein Versuch, das Konzert im Wiesbadener Schlachthof zu besuchen, wurde durch das Schild am Eingang „Konzert ist ausverkauft – KEINE KARTEN AN DER ABENDKASSE“ jäh stoppt… also kann ich leider nicht berichten, wie es auf einem Konzert der Girls zugeht, aber wenn man den ersten Song der Compilation so laut wie möglich aufdreht, bekommt man vielleicht eine Vorstellung davon. „Bomb the Twist“ ist ein wilder, durchgedrehter, rasender Ritt durch tausend Jahre Rock’n’Roll in der freien Interpretation wilder, durchgedrehter, rasender Japanerinnen. Wowww!! – – –

So klingt Christina Mohr, wenn sie über Riot Grrrls und Discodiven schreibt, so der Untertitel ihrer endlich zu einem Buch versammelten Female Sounds & Words – Kolumnen aus an die 20 Jahren in satt.org, SpexMelodivakonkretMusikexpress oder dem Missy Magazine – und eben, worauf wir stolz sind – CulturMag.

Christina Mohr wird niemals alt und versteinert werden, ihre Popbesessenheit hat nie nachgelassen. Ist mehr denn je Teil von ihr. Sie ist interessiert, sie ist begeistert. Sie will tanzen. Und gleichzeitig will sie wissen, wer den Sound gebaut hat und wie. Bei der Musik will sie nicht das Gefühl von vorgestern zurück, sondern das von heute spüren. Den Zeitgeist spürt sie eher in den Tracks von Jlin und Helena Hauff als in einem Cicero-Artikel. Und sie fragt sich, warum Frauen sich so auffallend zurückhalten, wenn es um die Beurteilung oder auch nur das Gutfinden von Popmusik geht. Da macht sie nicht mit. Da ist sie ihre eigene Frau. Und dabei verdammt gut lesbar. Bravo!

Christina Mohr: Female Sounds & Words. Von Riot Grrrls und Discodiven. Verlag Andreas Reiffer, Meine 2021, edition kopfkiosk, Bd. 5, Klappenbroschur, 150 Seiten, 10,50 Euro.

Begegnungen mit der Furcht

(AM) „Absurd Encounter with Fear“ hieß David Lynchs zweiter Filmversuch, ein Kurzfilm von zwei Minuten, 1968. „Je mehr Dunkelheit du versammeln kannst, desto mehr Licht siehst du“, notiert er anderer Stelle. Man kennt ihn hauptsächlich als Filmemacher, sein Output als bildender Künstler ist weit weniger bekannt. Von November 2018 bis April 2019 waren davon im Bonnefantenmuseum Maastricht mehr als 500 Werke zu sehen. Someone is in my House ist der Ausstellungskatalog, jetzt als erschwingliches Paperpack im Großformat zugänglich.

Noch mehr als in seinen Filmen, eben wieder und wieder und wieder, erforscht David Lynch die verborgenden Dimensionen unserer Existenz, selbst ein Schneemann wird bei ihm zu einer Figur der Dunkelheit. Über zwei Leinwände hinweg streckt die Figur in seinem Mixed-Media-Bild „Pete goes to his girlsfriends house“ an seinem langen Arm eine Pistole aus, führt in der anderen Hand ein Messer. Seine Gemälde wirken handgemacht, seine Kunst kleistert nicht ästhetisch zu. Da gibt es immer Rohes. Wahres. Tiefes. „Ich vermisse das Malen wenn ich nicht male“, sagt er.
Das Buch bringt seine Werke näher, seien es Papierarbeiten, Öl, Fotografie, Lampen und Objekte oder der Comic Strip „The Angriest Dog in the World“.

David Lynch: Someone is in my House (2018, Hannibal Publications). Mit Beiträgen von Kristine McKenna, Stijn Huijts, Petra Giloy-Hirtz. Alles in Englisch. Prestel Verlag, München 2021. Format 24,5 x 30 cm, Broschur. 250 farbige Abbildungen, 50 s/w Abbildungen, 304 Seiten, 40 Euro.

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