Geschrieben am 1. Mai 2022 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2022

Alf Mayer: Mehr als ein Klassiker der Botanik

Wegweisendes aus dem Jahr 1543

Alf Mayer über „Das New Kreüterbuch“ von Leonhart Fuchs von 1543

„Heilende Gifte“ hieß die Ausstellung zum 20-jährigen Jubiläum des Leonhart-Fuchs-Gartens im Ansbacher Hofgarten im letzten Jahr. Die Bayerische Schlösserverwaltung präsentierte dabei zehn besonders giftige Pflanzen, die schon vor 500 Jahren zur Heilung von Erkrankungen und anderweitigen Leiden verwendet wurden. Das optische Highlight der Ausstellung, die Blüten gelb und zart, war der Gelbe Eisenhut (wissenschaftlicher Name „Aconitum vulparia“), eine der giftigsten Pflanzen Europas. Binnen drei Stunden kann sein Nervengift zum Tod führen. Mit dabei unter anderem auch der sehr giftige Wunderbaum, aus dessen Samen das Rizinusöl gewonnen wird. Allen ausgestellten Giftpflanzen gemeinsam: Zuerst systematisch beschrieben wurden sie vom Botaniker Leonhart Fuchs in seinem „New Kreüterbuch“ aus dem Jahr 1543. Die Arbeit daran begann er in Ansbach.

Fuchs gilt als Vater der Botanik. Im bayrisch-schwäbischen Wemding bei Nördlingen geboren und immer ein sehr guter Schüler, gründete er schon im Alter von 17 eine Privatschule, studierte weiter in Erfurt und Ingolstadt, wo er mit 23 zum Doktor der Medizin promovierte und mit 25 Professor wurde. Er wurde Leibarzt des Markgrafen Georg von Brandenburg in Ansbach, studierte die Schriften von Hippokrates, Dioskurides und Galen, reformierte 1535-1566 an der Universität in Tübingen den gesamten Lehrbetrieb und bestand darauf, nach den Originalschriften der antiken Mediziner zu arbeiten, statt nach den teilweise verfälschenden Übersetzungen. 

Der Zufall (?) will es, dass in dieser CulturMag-Ausgabe auch ein anderes wissenschaftliches Buch aus dem Jahr 1543 eine wichtige Rolle spielt: nämlich das Anatomie-Standardwerk „De Humani Corporis Fabrica“ von Andreas Vesal. (Siehe hier nebenan „Reading ahead (23): John Byron „The Tribute“.) Das dritte wesentliche Buch aus diesem Jahr übrigens verortete die ganze Erde und den Menschen neu, stellte die Sonne in den Mittelpunkt des Universums. Es war Nikolaus Kopernikus mit „De Revolutionibus Orbium Coelestium Libri VI“. Welch ein Jahr, dieses 1543.

Die in Basel erschienene „Fabrica“ von Andreas Vesal war eine monumentale Bestandsaufnahme vom Bau des menschlichen Körpers, die mit den Irrtümern der antiken Ärzte aufräumte und damit das Fundament für die moderne Anatomie legte. (John Byron in seinem Roman „The Tribute“ macht daraus eine hochintelligente Variation des Serienkiller-Genres.) 

Ebenfalls in Basel gedruckt – nicht bei Oporinus wie Vesal, sondern in der Offizin von Michael Isingrin – wurde das „New Kreüterbuch“, dessen „kunstvolle Abbildungen einen bis heute bewunderten Höhepunkt der botanischen Buchillustration darstellen und dessen Text bereits ahnen lässt, wie sich die Botanik weiter entwickeln wird“, so der Experte Werner Dressendörfer.

Das Interesse dieses Pharmaziehistorikers gilt frühneuzeitlichen Kräuterbüchern, der Kulturhistorie von Nutz- und Heilpflanzen sowie der Pflanzensymbolik in der Kunst. Er ist Verfasser zahlreicher pharmazie- und botanikhistorischer Publikationen. Bei Taschen sind von ihm „Der Garten von Eichstätt“, die „Pomona Britannica“, „The Tempel of Flora“ und „The Vegetable Garden“ erschienen, so wie eben auch Leonhart Fuchs „Kräuterbuch“ von 1543. Der hier besprochene Nachdruck in XL-Ausgabe – wie bei Taschen üblich in bester drucktechnischer und buchbinderischer Qualität und nur durch internationale Ausgaben mit einem solchen Preis-Leistungsverhältnis realisierbar – basiert auf dem persönlichen handkolorierten Exemplar von Leonhart Fuchs, das auf wundersame Weise viereinhalb Jahrhunderte in makellosem Zustand überstand und in Ulm aufbewahrt wird.

Der Band ist ein Meisterwerk der Buchkunst, faszinierend nicht nur für Medizin- und Kunsthistoriker, Garten- oder Heilkräuterfans sondern natürlich auch für Kriminalautorinnen und -autoren, die sich für Giftmorde interessieren oder einen grünen Daumen haben wie Monika Geier, die eine ganze Zeitlang eine monatliche Kolumne des Titels „Geiers Giftlabor“ schrieb, woraus dann das prächtig illustrierte „Voll fiese Flora“ wurde (hier bei uns besprochen von Anne Kuhlmeyer). Ein Kabinettstück, wunderbar illustriert, ist auch der Begleitband „Leonhart Fuchs.Arzt und Pionier der modernen Botanik“ von Klaus Dobart und Werner Dressendörfer. Es finden sich darin nicht nur informative Essays sowie Glossar, Register und eine Bibliographie, sondern kurz kommentiert sämtliche von Fuchs porträtierten Pflanzen – von Wermut, Staubwurz, Eibisch, Dill, Wegerich, Beifuss, Anis, Amarant, Aloe, Ehrenpreiss, Entzian, Salbei, Lattich, Koriander, Zeitlose, Hanf und Kümmel bis Hirse, Kohl, Safran, Galgant, Katzenklee, Kerbel, Alraune, Teufelsmilch, Engelssüss, Lungenkraut, Porree, Majoran, Wegwarte, Nachtschatten, Schafgarbe, Mangolt, Wolfsmilch, Schmaltzblumen oder Fingerhut.

„Das New Kreüterbuch“ erschien 1542 zuerst in lateinischer Sprache als „De historia stirpium commentarii“, zu deutsch „Kommentare zur Geschichte der Pflanzen“, die erste deutsche Übersetzung dann wie bereits erwähnt im Jahr 1543. Es enthielt eine systematische Darstellung von rund 400 Wildgewächsen und über 100 Nutz- und Zierpflanzen, zum ersten Mal methodisch beschrieben: mit Berücksichtigung des Standortes, botanischen Exemplifikationen, Blütezeiten und medizinischen Verwendungsmöglichkeiten („Krafft und Würckung“). Indem Leonhart Fuchs die von den „alten Griechen“ empfohlenen Heilpflanzen in der hiesigen Flora vor allem rund um Nördlingen und Tübingen zu finden versuchte, schuf er durch den peniblen Vergleich von Pflanzen verschiedener Standorte die Grundlage der heutigen Botanik als Wissenschaft. Das Buch enthält zudem auch die ersten bildlichen Darstellungen von Pflanzenarten aus der Neuen Welt, wie Mais, Feuerbohnen, Kakteen und Tabak. Schnell galt es vor allem aufgrund der detailreichen und hochwertigen Abbildungen als zuverlässiges wissenschaftliches Nachschlagewerk, das eine rasche Artenbestimmung erheblich erleichterte und neue Maßstäbe für die Genauigkeit und Qualität botanischer Schriften setzte. 

„Habe Kräuter abconterfeit“

„Ich habe jetztund ein Herbarium verfertigt; es ist aber noch nicht im Druck; darin sind mehr als vierthalbhundert (i.e. 350) Kräuter abconterfeit mit ihren Wurzeln, Stengeln, Blättern, Saamen und Blumen, wird ein lustig Buch zu sehen. Hab’s mit großer Kost und Arbeit, Gott habe Lob, ans Ende gebracht“, schrieb Fuchs schon 1538 an Herzog Albrecht von Preußen. Aber die Arbeit zog sich hin, immer mehr Pflanzen kamen hinzu, auch galt es, aktuelle Literatur einzubeziehen, ehe 1542 die lateinische „Historia“ mit über 900 Seiten und 511 traumhaften Abbildungen erschien. Um sechs neue Bildtafeln ergänzt, erschienen sie dann alle ein Jahr später in dem für einen breiteren Leserkreis gedachten „Kreüterbuch“ wieder. Die Anordnung der Pflanzen erfolgte nach dem Alphabet ihrer griechischen Namen. (Ein nützliches Register dazu gibt es hier.)

Illustriert ist das Kräuterbuch mit meisterhaften Holzschnitten. Noch heute wirken die Pflanzenbilder wie soeben von einer Exkursion mitgebracht oder frisch aus dem Garten geholt. Fuchs versicherte sich dazu der Mitarbeit von drei Illustratoren, bezahlte sie aus eigener Tasche. Ihre Arbeit ist es wert, dass sie beim Namen genannt werden: es waren die Zeichner Heinrich Füllmauer und Albert Meyer sowie der in Straßburg arbeitende Holzschneider Veit Rudolph Speckle, der die Druckstöcke herstellte. Die Porträts dieser drei Künstler finden sich sogar seitenfüllend im dem Buch, eine für die damalige Zeit einmalige Wertschätzung und Heraushebung.

Ihre Bilder bestechen vor allem durch die Exaktheit der Wiedergabe. Erst wurde auf Pergament eine Zeichnung angefertigt, dann aquarelliert, dann auf eine feingeschliffene, glatte Holzoberfläche übertragen, dort dann in sämtlichen Details erhaben herausgearbeitet. Alle freien Flächen mussten eingetieft, jede einzelne Linie der Zeichnung als erhöhter schmaler Grat ausgeführt werden, all dies seitenverkehrt und dann noch richtig eingefärbt. Um Kosten und Platz zu sparen, ließ Fuchs gelegentlich verwandte Arten in einem Bild zusammen darstellen. Auch frisch entfaltete Blüten und überreife Früchte sind manchmal zusammen an der gleichen Pflanze im Bild. Manche im Frühjahr begonnene Zeichnung konnte so erst im Herbst fortgeführt und im Winter beendet werden. Die Drucke wurden anschließend dann noch einzeln handkoloriert. 15 Gulden kostete dann ein Buchexemplar, so viel wie ein Monatsgehalt für einen Universitätsprofessor wie Fuchs. Es war ihm nicht einmal möglich, selbst engsten Freunden ein Exemplar zu schenken.

Leonhart Fuchs verfasste noch über 50 Bücher und Streitschriften. Er starb in Tübingen am 10. Mai 1566. Sein Geburtsort Wemding ehrt ihn jährlich im Mai/ Juni mit einem Fuchsien- und Kräutermarkt. Der französische Botaniker Charles Plumier benannte ihm zu Ehren die Gattung Fuchsia aus der Pflanzenfamilie der Nachtkerzengewächse. 

Alf Mayer

Leonhart Fuchs. Das New Kreüterbuch. Vollständige kolorierte Ausgabe von 1543. Hardcover mit Begleitbuch. XL-Format 23 x 37 cm, 4,77 kg. Ausgabe: Deutsch (auch Französisch oder Englisch erhältlich). 892 Seiten, 125 Euro. Verlagsinformationen hier.

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