Geschrieben am 1. November 2021 von für Crimemag, CrimeMag November 2021

Markus Pohlmeyer: DUNE

Konsequente Reduktion

Gedanken zu der Verfilmung von Denis Villeneuve

Endlich wieder ins Kino können! Und ich habe es genossen: einen Film zu bewundern, für den jede noch so große Leinwand zu klein schien. Und der nach zweieinhalb Stunden immer noch viel zu kurz war.

I

Falls und wenn Sie DUNE (Der Wüstenplanet oder auch Arrakis) sehen: Entdecken Sie irgendwo Computer? Sehr merkwürdig für eine merkwürdige Gesellschaft der Zukunft, die eher mittelalterlich und feudal anmutet.

II

„Wenn du Poesie perfektionieren willst, musst du auch etwas zerstören.“[1] So Villeneuve, der eine konsequente Reduktion der geradezu barocken Romanvorlage[2] durchführt, die wiederum auch nur einen kleinen Mosaikstein im DUNE-Universum darstellt – vielleicht noch nicht einmal das Zentrum. In meiner Lesart der Sequels und Prequels finden sich zwei Hauptfiguren: die eine tritt hier noch nicht in Erscheinung und von der anderen ist kaum zu erahnen, welche Bedeutung sie einmal haben wird. Wie in Star Wars – Eine neue Hoffnung: Wir steigen irgendwo in der Mitte ein.

III

Dieser Film ist grandios, weil er verzichtet. Es werden nicht gezeigt: die geheimnisvollen Navigatoren und der schwache Kaiser/Imperator. Wenige Szenen müssen reichen, um wichtige Impulse zu setzen. Sind hochverdichtet, poetisch, wuchtig. Schlachten und Kämpfe wie Gemälde.

IV

„Ich sehe ‚Dune‘ nicht als Film, sondern als Skulptur, die sich über die Zeit fortentwickelt, das war Learning bei Doing.“[3] So Villeneuve. Achten Sie doch bitte einmal auf vorkommende Skulpturen oder die Wanddekorationen. Weitere Hauptdarstellerin die Farbsprache, eine Verfahrensart, welche große Ähnlichkeit zum Blade Runner-Sequel[4] aufweist. Und achten Sie auf die Langsamkeit (darum auch nur Part One von DUNE), auf die leeren, weiten Gebäude und Räume, auf die weite, leere Wüste – ein denkbar extremer Kontrast zu Caladan, zur Heimat- und Wasserwelt der Atreiden. Vieles wird zelebriert, in mehreren Angängen, wie das Auftreten, Auftauchen der gigantischen Sandwürmer, die durch die Dünen – riesigen Walen gleich – zu schwimmen scheinen … und Dich anblicken?

V

Fast körperlich zu spüren die Hitze von Arrakis. Manche Bilder flimmern. Das Spice funkelnd, bisweilen rötlich. Ist DUNE eine ökologische Katastrophe, die in ein Paradies verwandelt werden müsste? So der Traum mancher Fremen, die als wilde Stämme im Widerstand gegen die jeweiligen Besatzer tief in den Wüsten leben.

VI

Fanatische Religiosität, Prophezeiungen, Visionen und Träume weisen in die Zukunft. Ein archetypischer Rahmen, in den sich Paul – hier grandios als Nicht-mehr-Junge-und-noch-nicht-Mann – erst hineinfinden muss: ein Held, ein Messias? Kann er den Wüstenplaneten und sich verändern? Oder läuft alles nur auf ein fürchterliches fatum hinaus? Droht ein Heiliger Krieg? Religion als Massen manipulierender Machtfaktor.[5]

VII

Das (altbekannte) Modell einer zukünftigen Menschheit: sich brutal befehdende Adelshäuser; eine allmächtige Handelsflotte; ein Kaiser und seine Heere. Die Bene Gesserit als rein weiblicher Orden, der Männer und Frauen nach genetischen Aspekten paart, um den Einen, den Kwisatz Haderach, zu züchten. Ach, wenn nur nicht Lady Jessica diesen Plan aus Liebe zu Leto durchkreuzt hätte.

VIII

Und alles hängt am Spice, einer seltsame Substanz, die sich nur auf dem Wüstenplaneten finden lässt. Wer über es herrscht, herrscht über diese Gesellschaft. Denn ohne es keine Raumfahrt: die mutierten Navigatoren können nur mit Hilfe von Spice ihre Schiffe durch die Raumzeit lotsen. Das  Öl der Zukunft. Aber: Welche Verbindung zwischen den Sandwürmern und dem Spice?

IX

Durch ein Netz von Verweisungen gelingt es dem Film, Kontinuität zur (nicht-gezeigten) Vergangenheit aufzubauen: beachtenswert beispielsweise, wie oft das Motiv des Stiers variiert wird. Herzog Letos Vater wurde nämlich bei einem von den brutalen Harkonnen manipulierten Stierkampf getötet. Aber dieses Motiv reicht viel weiter zurück – zu den mythischen Ursprüngen der Atreiden. Am Anfang war Homer.

X

Es tritt auf eine Judas-Figur. Zu sehen auch ein Letztes Abendmahl und nicht nur eine Kreuzigungsszene.

XI

Ein Ausblick: Wer lauert wirklich als dämonischer Feind der Menschheit in den Tiefen des Alls?[6] Konnten Sie nun im Film irgendwelche Computer entdecken?


Markus Pohlmeyer lehrt an der Europa-Universität Flensburg. Seine weit über hundert Texte und Essays bei uns hier.

[1] Zitiert nach CINEMA 9/21, 81.

[2] Die Neuübersetzung: F. Herbert: Der Wüstenplanet. Roman, übers. v. J. Schmidt, 5. Aufl., München 2016 (HEYNE). Mit hilfreichem Glossar und den phantastischen Farbtafeln v. J. Schoenherr!

[3] Zitiert nach CINEMA 9/21, 81.

[4] Siehe dazu Markus Pohlmeyer: Blade Runner 2049. Liebe und Einsamkeit, transhuman und nach der Apokalypse. Ein Essay, in: http://culturmag.de/crimemag/essay-markus-pohlmeyer-zu-blade-runner-2049/108648, Zugriff am 14.4.2018

[5] Vergleiche dazu unvergleichlich Isaac Asimov: Foundation.

[6] Siehe dazu B. Herbert – K. J. Anderson: The Butlerian Jihad, The Machine Crusade, The Battle of Corrin, Hunters of Dune, Sandworms of Dune.

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