Geschrieben am 19. Oktober 2013 von für Crimemag, Kolumnen und Themen

Laudatio auf Patrícia Melo

Patrícia Melo hat auf der Buchmesse den „LiBeraturpreis“ für ihren Roman „Leichendieb“ (Rezension bei CrimeMag) erhalten. Die Laudatio­, die sich nicht nur mit diesem Roman, sondern mit dem Gesamtwerk von Patrícia Melo beschäftigt, hielt in Frankfurt Thomas Wörtche:

meloLiebe Patricia,

eigentlich ist es ja ein kleiner Skandal, dass erst Dein sechstes Buch auf dem deutschen Markt den Anlass für die Laudatio bietet, die eigentlich für jedes andere auch fällig gewesen wäre.

Denn dieser neueste Roman, „Leichendieb“, führt ein Projekt in acht Teilen weiter (zwei Teile, die Romane „Mundo Perdido“ und „Jonas o Copromanto“ – Sie möchten nicht wirklich wissen, was ein Copromant ist ‒ von 2006 und 2008 fehlen auf Deutsch, vermutlich weil in diesen beiden Jahren Brasilien kein Buchmessengastland war), dessen Konturen schon am Anfang zu sehen waren: Die Destabilisierung und die Deregulierung moralischer Standards und ethischer Normen mit den Mitteln des Erzählens.

Patrícia Melo_Der LeichendiebDas hört sich zunächst arg abstrakt und unsinnlich an – deswegen schauen wir uns direkt den „Leichendieb“ an, weil er für Faser und Textur des Melo’schen Gesamtwerkes typisch ist. Der „Held“, die männliche Hauptfigur, sagen wir lieber, ist kein sympathischer Mensch: Als Geschäftsführer einer Telefondrücker-Firma schlägt er eine Mitarbeiterin, die sich daraufhin gedemütigt und machtlos umbringt. Das ist nicht schön von dem Mann – noch unschöner aber ist, dass er uns diese Geschichte im salbungsvoll halb-selbstkritischen Ton erzählt, der ihn letztendlich als im Grunde guten Kerl einerseits darstellen soll, der aber im gleichen Atemzug andererseits jede Verantwortlichkeit ablehnt: „Ich weiß“, raisoniert er vor sich hin „es war nicht meinetwegen. Sie hatte schon mit dem Abgrund geliebäugelt. Ich hatte ihr nur den Anlaß gegeben, zu springen.“ Dieses fiese Unschuldslamm, dem die Autorin keinen Namen geben möchte – später wird er unter Drogendealern und ähnlichem Gesindel „porco“ genannt, Schwein ‒, wird im Verlauf des Romans eine vom Himmel gefallene Leiche ausrauben und im piranhahaltigen Gewässer des Rio Paraquay, irgendwo an der bolivianischen Grenze versenken, sich bei den Eltern des Toten einschleimen und einen Job annehmen, und die arme Mutter des Verunglückten mit einem Leichnam erpressen, den er, wie der Buchtitel nahelegt, aus irgendeinem fremden Grab ausgebuddelt und gestohlen hat. Und je mehr er lügt und betrügt und seine Wohltäter mit Bedacht behumst, desto mehr wünschen wir ihn in die Hölle oder zumindest ins tiefste Elend.

Aber nein, nicht in der Welt, wie sie Patricia Melo sieht. Natürlich ist Porco ein ekelhafter Kerl, noch nicht einmal ein Monster, kein Killer, keine Bestie – sondern ein selbstgefällig bramarbasierender Opportunist, der mit seiner ekligen Nummer durchkommt …

Und ein insofern noch moderater Typ aus Melos Kabinett der Aufsteiger, Krisengewinnler, Lügner und Wahrheitsverdreher, die uns in ihren Romanen immer wieder begegnen: Der namensgebende Killer aus „O Matador“ (bei Kaliber.38) häuft Leichenberge an, weil er, wie sein Kollege Reizinho, der kleine König, aus „Inferno“, im Morden und Drogenhandel den einzigen Weg sieht, aus der Armut, aus dem Dreck, der Depravation und der Marginalisierung herauszukommen. Und weil ihnen dieser Weg leicht gemacht, mehr noch: Er ihnen gesellschaftlich empfohlen und geebnet wird, gar gratifiziert. Der Matador killt im Interesse von Gruppierungen, deren ordnungspolitische Vorstellungen sie zu den Antagonisten der Dealer und Kleinkriminellen aus den favelas machen, unter denen sich Reizinho nach oben tötet, um den Werten und Symbolen eben dieser Klasse habhaft und anteilig zu werden. Einer Klasse, die die Matadores dieser Welt auf die Menschheit loslässt. Nicht nur so gesehen ist Patricia Melo eine (Groß-)Ironikerin.

The-Immediate-Experience-Warshow-RobertIn solchen Konstellationen stecken auch noch ein paar nette Implikationen mehr: Dass die Schurken bei Patricia Melo „durchkommen“, zumindest keiner „gerechten Strafe“ zugeführt werden, steht quer zu zwei Linien der Literaturgeschichte: einmal zum populären Mythos des Gangsters, zu dessen Merkmalen im wildgewordenen Kapitalismus das Scheitern gehört, wie der Kulturtheoretiker Robert Warshow es in seinem immer noch sträflich unbekannten Standardwerk „The Immediate Experience“ als „Tragic Hero“ beschrieben hat. Melos Gangster scheitern nicht, sie sind noch nicht einmal tragisch. Sie sind anhand ihrer Wertewelt betrachtet, gesellschaftlicher mainstream.

Und sie stehen quer zum dem Typus des „charmanten Schurken“, den Patricia Highsmith zum Reflektor unser aller niederer Instinkte als alternative Option zur „Banalität des Bösen“ aufgebaut und mit hochkulturellen Attributen ausgestattet hat.

Beides funktioniert bei den Melo’schen Figuren nicht so recht. Auch dann nicht, wenn sie gar nicht so richtig kriminell sind, sondern nur Psychoterroristen vom Schlage des „Maestro“, des neurotischen, psychotischen und für seine nächste Umwelt brandgefährlichen Dirigenten aus „Schwarzer Walzer“. Auch der hat alle Attribute höchster Zivilisiertheit und Kultiviertheit, Geschmack, Genie und alle skills, die man so auf dem glatten Parkett des Musicbusiness braucht. Nur Charme hat er nicht und widerlegt somit alle benevolenten Thesen über die regulierende und dämpfende Funktion von Kunst und Kultur. Sein Ziel des Terrors, sein Objekt der Obsession sind Frauen: seine Tochter, seine Ex, seine aktuelle Gattin, seine Geliebte, die zudem in seinem Orchester Violinistin ist, ihm also auch noch offiziell hierarchisch untergeordnet. Dieser Geschlechterkampf wird nicht gut ausgehen und es wird keine poetische Gerechtigkeit herrschen. Der Psychopath fühlt sich im Einklang mit den gesellschaftlichen Normen. Aber sein Misstrauen diesen Normen gegenüber muss er nichtsdestotrotz als Ich-Erzähler immer wieder mantraartig thematisieren: indem er versucht, mit dem Leser Einvernehmlichkeit herzustellen, indem er sich immer wieder dessen Absolution durch Selbstbezichtigung versichern möchte: „Die Wahrheit ist, dass Frauen lügen. Männer betrügen, lügen und verraten auch, aber Frauen betrügen, lügen und verraten sehr viel mehr.“ – wer möchte solchen Weisheiten eines hochsensiblen Künstlers widersprechen?

Schlange_LügeLügen & betrügen, die Wahrheit nach gusto hin- und verbiegen, überhaupt die Wahrheit als wenig substantielles Gebilde zu begreifen – das ist ein Thema, das alle Bücher von Patricia Melo durchzieht, sozusagen der basso continuo, der in dem Roman „Wer lügt, gewinnt“ (bei Kaliber.38) zum programmatischen Hauptthema wird. Auch hier ist von Authentizität der Figuren und anderen Standards des psychologischen Realismus wenig zu spüren. José Guber, der lügnerische Anti-Held, plagiiert Klassiker der Kriminalliteratur von E. A. Poe, Agatha Christie & Co. zu hingeknallten Heftchenromanen und wechselt, als das nicht mehr so richtig funktioniert, zur Ratgeberliteratur, was Patrícia Melo auch weidlich nutzt, sich über the pain in the ass der brasilianischen Gegenwartsliteratur, Paulo Coelho lustig zu machen (der ja leider in sehr breiten Leserkreisen für das literarische Brasilien steht). Und natürlich kommt es auch in diesem Buch zu ungesühnten Todesfällen, wobei das Emblem-Tier der Lüge, die Schlange, eine essentielle Rolle spielt. Denn Gubers Geliebte Fúlvia Melissa ist Giftschlangenspezialistin im Institut für Serotherapie – und was heilt, kann auch töten, ein klassischer Melo’scher doublebind.

Im Original heißt der Roman, ganz 17. Jahrhundert, „Elogio da mentira“ – „Lob der Lüge“ und schließt damit noch deutlicher als der emblematische Bezug an barocke Sinnsysteme an – genauer: weniger an metaphysische denn an literarische Kontexte, zum Beispiel ganz deutlich an das Konzept von Betrug & Enttäuschung, von engaño und desengaño, wie wir es aus der spanischen Kunst und Literatur des siglo de oro kennen und dort besonders bei Francisco de Quevedo schätzen, der nicht zufällig einer der größten Spötter und Speier der Literaturgeschichte ist.

Und natürlich ist es auch kein Zufall, dass man auf Quevedo stößt, wenn man sich die Machart von Patricia Melos Romanen genauer ansieht. Weit entfernt davon, bei allen Büchern gleich zu sein – au contraire – folgt sie doch ein paar deutlichen Prinzipien, die sie einer Strömung zugehörig machen, die man im allerweitesten Sinne karnevalistisch, grotesk, auf jeden Fall komisch, gebrochen, ambigue bezeichnen könnte.

melo_scjUnd das rührt bei weitem nicht nur von den Themen und plots her, sondern von der literarischen Inszenierung. Deren Subtilitäten unbeschadet und funkelnd ins Deutsche gebracht zu haben, ist das Riesenverdienst von Barbara Mesquita, die glücklicherweise alle Text von Patrícia Melo übersetzt hat und auf die das sonst arg strapazierte Wort „kongenial“ ausnahmsweise völlig zutrifft. Allein in „Inferno“ kann es passieren, dass auf einer Druckseite die Erzählinstanzen dutzendfach wechseln, dass jeder Satz einen anderen „Sprecher“ im Sinne von Erzähler hat, dass Paraphrase, direkte Rede, Erzählerkommentar und personale Partikel sich abwechseln, als ob’s der Illustration aller Kategorien von Michail M. Bachtin diente, der nicht umsonst der große Theoretiker des Komischen und De-Zentralen in Texten ist.

Aber auch da gilt, liebe Leserinnen und Leser, keine Panik: Nur die Beschreibung und Analyse hört sich gefährlich un-narrativ an, dabei schafft es das Duo Melo und Mesquita genau an solchen Stellen einen groove, einen spezifischen Sound herzustellen, der ein gewaltiges Lesevergnügen bereitet.

Ein Lesevergnügen, das auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Alle Melo-Romane und erst recht der neueste, „Leichendieb“, sind auf eine gewisse Art plot-driven, das heißt, man will dringend wissen, wie es weitergeht, wie es endet, was passieren wird. Wird der psychopathische Maestro aus dem „Schwarzen Walzer“ seinen Kontrollwahn mit der Waffe in der Hand ausleben, wird Reizihno aus „Inferno“ der Aufstieg zu Macht und Geld gelingen, wird der Lügner José Guber davonkommen, und eben, im aktuellen Buch, wird der niederträchtige Namenlose, das Schwein, tatsächlich der irdischen Gerechtigkeit entgehen, obwohl doch seine miesen Tricks mit der ausgegrabenen Leiche keineswegs subtil, clever oder auch nur gekonnt sind.

O_Matador_Patrícia_MeloAuf einer zweiten Ebene kann man sich an den vielen intertextuellen Bezügen, Hinweisen, Anspielungen und Zitaten erfreuen. Vor allem Rubem Fonseca (bei CrimeMag),  Patricia Melos Freund und Mentor, hat in ihrem Werk eine eminente Präsenz, von der Widmung über die Übernahme einer Figur (aus Fonsecas Erzählung „O Cobrador“ – „Der Absahner“ – in Patricias Roman „O Matador“) bis hin zu Zitaten und nachskizzierten Konstellationen aus Fonsecas Werken.

Im „Leichendieb“ liegt der erste intertextuelle Bezug schon im Titel: „The Body Snatcher“ von Robert Luis Stevenson, der sogar im Roman direkt zitiert wird. Dazu jede Menge sarkastischer Verweise und Bezüge auf die ideologisch aufgeladenen Omnipotenzfantasien amerikanischer Gerichtsmedizin- und Forensik-Serien wie CSI & Co. Und ebenso wie bei den oben genannten Fonseca-Anspielungen und Verarbeitungen und der persiflierenden Deklination kriminalliterarischer Klassiker in „Wer lügt, gewinnt“ geht es natürlich nicht nur um das Vergnügen der Gelehrsamkeit und – auf Leserseite – um die manchmal auch eitle Freude am Wiedererkennen von Tradiertem aus dem kulturellen Speicher, der in der Post-Moderne jeder fröhlichen Plünderung offensteht. Bei Melo sitzt der Grund der Bezüge tiefer.

Sie haben alle mit dem merkwürdigen Themenbereich Kriminalliteratur/Nicht-Kriminalliteratur zu tun. Sie, meine Damen und Herren, haben vielleicht bemerkt, dass „Der Leichendieb“ nicht nur auf unserer WELTEMPFÄNGER-Liste aufgetaucht ist, sondern auch auf der KrimiZeit-Bestenliste sich rekordverdächtig lange hält. Das mag den Skeptikern unter Ihnen Recht geben, die vermuten, man könne ein Buch heutzutage nur verkaufen, wenn Krimi darauf stünde und damit gehe eine Marginalisierung und Trivialisierung von komplexer Literatur einher, die zu bedauern sei.

Auf den ersten Blick könnte man sogar Patrícia Melo selbst zu diesen Skeptikern zählen, denn sie hat in vielen Interviews und Statements immer wieder betont, sie schreibe keine Krimis. Das ist natürlich völlig richtig – Schema-Mysteries um Mord, um Aufklärung gibt es bei Patrícia Melo nur parodiert oder persifliert. Wer sich von ihren Büchern und gerade vom „Leichendieb“ einen der üblichen Krimi-Schmöker mit exotischen Hintergrund – Brasilien, Hitze, Kokain, Piranhas, Gewalt – erwartet, wird bitter enttäuscht sein. Auch wer allzu sehr auf die berühmten gesellschaftlichen Verhältnisse in Brasilien abhebt, kommt nicht sehr weit. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Patricia anlässlich einer Lesetour zu „O Matador“ in den 1990s kennengelernt habe, wie sie schon damals zu Recht leicht gereizt reagiert hat, wenn die Interviewer wissen wollte, was sie denn von jugendlichen Delinquenten, dem brasilianischen Gefängnissystem und allen anderen Missständen einer radikal zwischen arm und reich gespaltenen Gesellschaft so hielte. Ja, was denn wohl? Schlimm, natürlich, sehr schlimm, aber Hintergrund und manchmal Bedingung für die Geschichten, die viel globaler gültig sind als „sozialkritische Krimis“. Wir kommen gleich dazu, warum …

Das intensive Verhältnis zu den Werken Rubem Fonsecas, vor allem zu seinen ebenfalls nur mit einem weiten Begriff zu fassenden „Kriminalromanen“ regelt sozusagen die innerbrasilianischen Verhältnisse. Rubem Fonseca war und ist der Autor (nur Luis Fernando Verissimo) könnte man an dieser Stelle noch nennen), der die Schnittstelle von Genre und Mainstream-Literatur in Brasilien neu definiert hat. Seine Themen waren weder mainstream, noch gehörten sie zur sozialkritischen „narrativa brutalista“ wie Afredo Bosi eine entsprechende Strömung nannte; Fonsecas Sprache war alltäglich, schmutzig, gemein und komisch, sein Intention politisch, (meistens) ohne Politik zum Thema zu erklären, seine Inszenierungen hoch stilisiert, von skaz bis zur Montage. Fonsecas Literatur fügte sich so, international gesehen, in die Reihe des eher „avangardistischen“ Polar oder Neo-Polar, für den Autoren wie Jean-Patrick Manchette, Paco Ignacio Taibo II, Jerome Charyn oder Derek Raymond stehen.

Patrizia_Melo_infernoDass Patricia Melo über Fonseca zudem ebenfalls an diese Strömung anschließbar ist, holt sie aus dem Krimi-Verdacht heraus und gliedert sie in eine andere Reihe ein, die sowohl für Brasilien als auch international ziemlich explikativ ist: in das, was man „urbane Literatur“ nennen könnte. Brasilien hatte nie eine eigene starke Krimitradition im engeren Sinne. Die Themen, die man genremäßig eingekastelt zu haben glaubt – Mord, Gewalt, Verbrechen, Grausamkeit etc. – bilden sozusagen das Roland Barth’sche „Rauschen“ im Hintergrund urbaner Literatur. Melos Romane sind urbane Literatur sui generis – auch wenn der „Leichendieb“ für einmal im Hinterland spielt wie Fonseca „Buffo & Spallanzani“: Das production design ist urban bis auf den Asphalt ‒ und sie sind Kriminalliteratur in diesem weiten Sinne. Und deshalb gehört Patricia mit ihren Büchern grundsätzlich auf beide Listen: Auf den Weltempfänger und die KrimiBesten-Liste.

Dabei ist auch die Polemik gegen „Krimis“, gegen das Prinzip der Aufklärbarkeit von Verbrechen, gegen die „Wir-kriegen-euch-alle!“-Rhetorik US-amerikanischer Fernsehsendungen, von der es gerade in „Leichendieb“ wimmelt, absolut plausibel und wichtig. Doris Wieser hat in ihrer kapitalen Arbeit zum lateinamerikanischen Kriminalroman („Der lateinamerikanische Kriminalroman um die Jahrtausendwende. Typen und Kontexte“) auf die Ubiquität US-amerikanischer Fernsehserien in Brasilien hingewiesen und somit auf deren Einfluss auf den alltäglichen Diskurs über Gewalt und Verbrechen. Bzw. auf deren von vielen Krimis und Kriminalromanen aus aller Welt geteilten Vorstellung, Verbrechen sein aufklärbar, ein Zustand der Unordnung sei am Ende wieder repariert, die Bösen bestraft, und damit zumindest ein Aspekt von Sinnhaftigkeit wiederhergestellt.

All das dementieren die Bücher von Patricia Melo aufs Eleganteste und Vergnüglichste – ohne dabei auf eine moralische Positionierung zu verzichten. Diese moralische Positionierung liegt allerdings tiefer und damit sehr fest grundiert – als „Mythologin“ des Alltags – des brasilianischen und des Weltalltags – ist sie, um mit Roland Barthes zu sprechen, „ein gesellschaftliches Wesen darin, dass sie ein aufrichtiges Wesen ist. Ihre größte Sozialität liegt in ihrer höchsten Moralität. Ihre Verbindung zur Welt ist sarkastischer Art“.

Allerdings möchte ich Roland Barthes bekanntlich eigenes Misstrauen gegen Maximen und Sentenzen noch einmal kurz unterfüttern: Patrícia Melos narratives Zentrum ist der soziale Status ihrer Figuren, ihre ups und downs in einer Welt, die weniger von Moral und Ethik bestimmt wird, sondern eher von Indolenz, Opportunismus, Gewalt, Macht und eben darum von der Ökonomie. Man kann sie in der Tat als sarkastischen Kommentar zu Georg Francks Konzept des „Epochenendes“ und damit „der Annahme es gebe so etwas wie objektiven Wert und universelle Verbindlichkeit“, wie es seiner Schrift „Mentaler Kapitalismus“ heißt, lesen.

Patricia Melos komische, brutale, traurige, virtuose Literatur bekommt noch eine weitere weltliterarische Gültigkeit, weil sie sich in ein sehr zeitgenössisches, modernes, kitsch- und ideologiefreies Konzept des homo narrans einklinkt, wie es der Erzählforscher Albrecht Koschorke in letzter Zeit präzisiert hat.

In dem sie mit den Parameter Lüge & Wahrheit, Vernunft & Wahrheit und Moral & Wahrheit arbeitet und somit Platos Dichter wieder hereinholt in den Staat, ist sie eine Autorin, die eine „Demontage hegemonialer Sinnzwänge“ betreibt, statt „symbolische Orientierungsleistungen“ anzubieten, fröhlich, anarchisch und subversiv narrativ bewirkte Desorientierung anrichtet und überhaupt, um noch einmal mit Koschorke zu sprechen, die „Differenz zwischen real und irreal, und wahr und falsch aussetzt, sie aufhebt, mit ihr spielt“ und damit statt eines schlichten Wittgenstein’schen Sprachspiels ein hochkomplexes Erzählspiel inszeniert. Schillernd, glitzernd, amüsant, ohne den notorischen Ekel vor dem Leichten, dem Hohe Literatur oft verfällt, und notfalls tödlich.

LiBeraturpreis, ganz klarer Fall!

Vielen Dank!

© 10/2013 by Thomas Wörtche

Dieser Text ist die ursprüngliche, vollständige Version der Laudatio, die aus Gründen der Vortragsdramaturgie während der Zeremonie gekürzt werden musste. Die gekürzte Vortragsversion finden Sie in den nächsten Tagen bei Kaliber38.

Tags :