Posted On 15. März 2016 By In Crimemag, Film/Fernsehen, Kolumnen und Themen, News With 1275 Views

Kolumne: Max Annas: On Dangerous Ground (5)

Film, Verbrechen und ungleiche Mittel (5)

Heute: David Millers „Executive Action“, nach einem Drehbuch von Dalton Trumbo. Von Max Annas

„Executive Action“ beginnt mit dem Zoom auf ein Landgut und zwei davor stehende, sehr teure, Autos. Die Einstellung sagt: Die Leute, die wir jetzt sehen, haben Geld. Viel Geld. Der erste Schnitt führt zu Robert Ryan, immer noch mein favorisierter Schauspieler in Hollywood, vielleicht überhaupt. Er geht auf die sich zurückziehende Kamera zu, ruhig, aber entschlossen, während wir im Hintergrund einen Vortrag hören über die Kennedys und ihren Plan, das Land, die USA, im Griff zu behalten.
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„Two terms for JFK,“ sagt die Stimme,“ two for Bobby, and two for Ted.“ Die Kamera hat sich mittlerweile um 90 Grad gedreht und verfolgt Ryan in einen Raum, in dem vier weitere, nicht mehr junge weiße Männer sitzen. Wir sehen, dass die Stimme nicht aus dem Off kommt, sondern einem dieser vier gehört. „And in each administration,“ fährt der Mann fort, „the brothers who are not president would take over the most powerful cabinet posts.“ Der rechte Albtraum geht weiter. Die Kennedys haben Geld und die nötigen Gehirne, um ihre Pläne durchzusetzen. „They have put together a powerful coalition of big-city machines. Labor, Negroes, Jews, Liberals… and the Press. That will make him unbeatable in 1964.“

Der klassische Polit-Thriller als Kammerspiel

Deshalb haben sich diese Männer versammelt. Das Datum war ganz zu Beginn eingeblendet worden. Es ist der 5. Juni 1963. Der Vorwahlkampf hat noch nicht begonnen. Aber der Ausblick richtet sich auf die Wahlen im November 1964. Die nun fünf Männer diskutieren, was die Macht der Kennedys bedeutet. Es geht um Taktik, die Schließung von Air Bases und um Politik gegen die Industrie. Einer sagt, das amerikanische Volk werde wählen, wie ihm befohlen würde. Währenddessen führt uns ein kurzer Schnitt auf die Bibliothek im ersten Stock. Von dort hat man den Raum bestens im Blick. Burt Lancaster schaut sich die Diskussion an. Er tut nur so, als habe er Besseres zu tun und blättert dabei in einem Buch. Dann kommt die Diskussion auf die wirklich wichtigen Dinge. Der, den wir am Anfang schon unter Ryans Schritten gehört haben, fährt fort: „In the next few months, you’re going to see JFK do the following: One, he is going to lead the black revolution instead of fighting it. Now we all know what that means.“ „Damn right,“ ergänzt ein anderer, „a white backlash. Federal troops backing up the blacks. Blood in the streets.“ Der erste übernimmt wieder. „Two, he’s going to try to put across a test-ban treaty with the Russians. And three, he’s going to try to pull out of Vietnam and turn Asia over to the Communists.“

Dann beginnt der entscheidende Part der Diskussion. Einer sagt: „The public would soon be disenchanted with the war.“
Robert Ryan entgegnet: „Which would make action imperative.“
„What kind of action?“ fragt der andere.
„Executive.“ Die Kamera ist jetzt auf dem Gesicht Lancasters. Seine Figur übernimmt die Verantwortung für die Diskussion von dieser Sekunde an.

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Burt Lancaster : kühler Experte

Die ganze Sequenz dauert ein wenig mehr als zwei Minuten dieses mit 87 Minuten recht kurzen Films, der den klassischen Polit-Thriller zum Kammerspiel umdefiniert. In der englischen Sprache existiert der Begriff des conspiracy thrillers, der besser geeignet erscheint. Aber der Thrill ist nicht Teil der Inszenierung. Wir erinnern uns: Der Film beginnt mit der statischen Einstellung auf ein Landhaus und zwei teure Autos sowie dem Gang eines älteren Mannes in einer blauen Weste. Schon während die Verschwörer ihren Plan zu diskutieren beginnen, sind zwar Versuche von Scharfschützen zwischengeschnitten, die bewegliche Ziele anvisieren, aber diesen Bildern ist nicht viel an Drama eingeschrieben. Das Drama findet woanders statt.

Der Mann, den Burt Lancaster darstellt, ist ein Experte, der solcherart Sachen nicht zum ersten Mal tut. Er verweist im Dialog auf seine Erfahrung und kontert Fragen mit genauen Antworten. Als sich einer der Verschwörer nicht vollends überzeugt verabschiedet, dabei aber darauf verweist, dass er selbst schon ähnliche Aktionen verantwortet habe – aber eben nur, wenn er davon überzeugt ist, dass sie gelingen, zitiert er eine aus seinem Ölgeschäft. Lancaster bezieht sich darauf, als der Öl-Mann die Gesellschaft verlassen hat und behauptet, er habe sie durchgeführt.

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Robert Ryan:Edelmann mit blauer Weste

Was haben wir bisher gesehen? Reiche weiße Männer, die ein Komplott schmieden, das zur Ermordung des Präsidenten John F. Kennedy führen soll. Niemand von ihnen bezweifelt die Notwendigkeit der Idee. Über eine Strategie müssen sie sich nicht einig werden. Dafür haben sie den Experten. Die Männer haben Namen, die nichts zur Sache tun. Sie bekleiden Positionen, die wir uns vorstellen können. Vorstellen müssen. Robert Ryan ist der am legersten Gekleidete, er ist der Hausherr. Ryan ist faszinierend. So oft hatte er schon Rechte, Arschlöcher oder rechte Arschlöcher gespielt. Und niemand war überzeugender als er, wenn es darum ging, eine Figur zu repräsentieren, die eine Gruppe unter Druck setzen oder eine Situation aus der Balance bringen sollte. Darin ging er stets so weit, wie es das Repertoire der Figuren die er spielte, eben erforderte: Rassisten, Antisemiten, Psychopaten an der Grenze ihrer selbst auferlegten Kontrolle. Hier ist das alles ganz anders. Seine vorletzte Rolle als Foster interpretiert er ohne jedes Zucken. Die Bedrohlichkeit, die seine Figur verströmt, liegt ganz in der lässigen Freundlichkeit des Edelmannes mit jener blauen Weste, die er in der Eingangsszene trägt.

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Kalte Techniker der Macht und des Mordes

Originalmaterial von Kennedy, neugedrehte Schwarzweißbilder von Lee Harvey Oswald, die Verschwörer, die Attentäter, Dallas aus dem Helikopter – das hört sich nach den Bestandteilen des Polit-Thrillers an. Ein Großteil der Action aber findet statt auf der Dialogebene, und davon wieder die wichtigsten Momente zwischen Ryan und Lancaster, die Teile des Plans vor uns auslegen.
Sie diskutieren. Das Wo und Wann und Wer. Und sie tun das in aller Zurückhaltung. Da ist kein Fanatismus zu sehen in ihren Diskussionen. Kein Hass. Nicht einmal Leidenschaft. Sie sind kalte Techniker der Macht und des Mordes, und der Film passt sich den Figuren an.

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David Miller, Kirk Douglas – und Dalton Trumbo

David Miller war kein großer Filmemacher. Aber unter all den vielen, die keine wirklich Bedeutenden ihres Fachs waren, hat er die meisten großen Filme gemacht. Zwischen 1941 und 1981 hat er 25 Spielfilme produziert, die letzten von ihnen fürs Fernsehen. Und der größte Teil von ihnen ist heute vergessen oder nicht mehr aufzufinden. Obwohl ich nicht alle gesehen habe, gehe ich davon aus, dass das in Ordnung ist. „Executive Action“ (Unternehmen Staatsgewalt) war unter seinen großen Filmen der letzte, sein vorletzter fürs Kino.

lonely-are-the-brave-movie-poster-1962-1020437156Miller war ein Auftragsregisseur, einer der vom Buch abhängig war. Aber einer, dem man große Bücher gegeben hat. Wie dieses hier von Dalton Trumbo. Es war ein spektakulärer Film, dessen Spektakularität heute nicht mehr sofort ersichtlich ist. Und es war sein zweiter Film nach einem Buch von Dalton Trumbo. Der erste war der Post-Western „Lonely are the Brave“ von 1962 (nach dem Roman des Wüsten-Anarchisten Edward Abbey), den Kirk Douglas produziert und gespielt hat – und den er oft als seinen besten Film bezeichnet hat. Ein Cowboy er, der die Zeit und ihre Veränderungen nicht in sein Leben zu übertragen in der Lage war. Und der am Ende vor der Wirklichkeit davon reitet, die ihn einzuholen droht. Ein Film zur Unzeit. Wer wollte damals noch Western sehen? Und wer schon Filme, die das Genre dekonstruierten?

Dalton Trumbo? Kirk Douglas? Genau… Douglas, der in diesem Jahr seinen einhundertsten Geburtstag feiern darf, spielt eine entscheidende Rolle in dem gerade erscheinenden Biopic „Trumbo“, das seinen Protagonisten als Überlebenden des McCarthyismus feiert und diese Geschichte Hollywoods erzählt, wie sie so groß und bunt noch nicht dargestellt worden ist. Douglas taucht darin irgendwann auf und bringt Trumbo dazu, das Drehbuch für Kubricks Film „Spartacus“ zu schreiben. Damit bricht und zerbricht er den Bann des Regimes gegen die linken Autoren. Einen Star wie ihn wollte am Ende des 50er niemand mehr angreifen im Kampf gegen den Kommunismus und was sie dafür hielten. Douglas hat auch dazu beigetragen, dass „Executive Action“ hergestellt werden konnte. Finanziell.

Für eine Dekade völlig verschwunden

Für Dalton Trumbo, dessen Überlebenswillen und Humor in dem angelaufenen Film bestens dargestellt werden, war „Executive Action“, wie für Ryan, der vorletzte Film, an dem er mitgearbeitet hat (der letzte war „Papillon“). Und obwohl 1973 vieles möglich war, darstellbar, was zuvor nicht zeigbar schien; und obwohl mit Lancaster und Ryan zwei Stars des Systems in Boot waren; und obwohl die Hinweise auf ein politisches Komplott beim Mord an Kennedy auf der Straße lagen, muss „Executive Action“ vorzeigbare Schocks ausgelöst haben, als er zum ersten Mal zu sehen gewesen ist. Der Film war der allererste Anlauf, die Verschwörung hinter dem Mord an John F. Kennedy darzustellen, und löste beträchtliche Konvulsionen aus. Es gab zum Beispiel TV-Sender, die sich geweigert haben, Trailer zum Kinostart zu spielen. Und nach einer knappen Zeit in den Sälen war der Film erst einmal für mehr als eine Dekade komplett verschwunden aus den Kinos und der Öffentlichkeit.

executive-action-movie-poster-1973-1020232693Dass er die Verschwörung darstellt, ist allein interessant, zu diesem Zeitpunkt. Und wie es das tut, ist ganz erstaunlich. „Executive Action“ ist ein Angebot. Hallo, liebe USA, beginnt doch einfach mal, Euch vorzustellen, dass die Dinge rund um den Kennedy-Mord eigentlich ganz anders abgelaufen sind als man euch das immer erzählt hat. Dass mit Robert Ryan und Burt Lancaster zwei wichtige Stars des Systems die Sätze mit Gewicht sagen, nimmt dem Film vieles Spekulative – als Gegenmodell zu, sagen wir, bekifften, langhaarigen Spinnern, die irgendwo ein Komplott ausgraben. Ihre extrem zurückgenommene Art bewirkt zweierlei. An der Oberfläche hilft es, zu verstehen, was der Film transportiert: Der Kennedy-Mord ist von solcher Art Leuten geplant und in Auftrag gegeben worden, reichen weißen Männern, die die Interessen der Industrie vertreten. Darunter allerdings hat „Executive Action“ auch noch eine andere Botschaft, die gemeiner ist, subversiver. Es ist ganz normal, dass solche Art Leute, reiche weiße Männer, die die Interessen der Industrie vertreten, solche Verbrechen begehen. Guckt Euch nur an, mit welcher Selbstverständlichkeit sie das tun. Und gewöhnt Euch daran, sagt der Film.

Max Annas

Executive Action (USA 1973, dt. Titel: Unternehmen Staatsgewalt); Regie: David Miller; Drehbuch: Dalton Trumbo; Kamera: Robert Steadman; Musik: Randy Edelman; mit: Burt Lancaster, Robert Ryan, Will Geer, Gilbert Green.

Bisher erschienen:
(1) Pietro Germi: „La città si difende“
(2) Carlos Saura: „Deprisa, deprisa“
(3) Yilmaz Güney: „Aci“
(4) Anthony Manns „Devil´s Doorway“

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