Geschrieben am 1. Februar 2022 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2022

Kolumne Iris Boss (19): Wordnapping

Iris Boss © Birgitta Weizenegger

Wort halten

„Ich mach‘ dann mal meinen Spaziergang.“
„Alles klar, vergiss dein Pappschild nicht!“, kommt es vom tollsten Mann der Welt zurück – so trocken, dass ich einen Moment brauche, bis der Groschen fällt und wir beide albern loskichern.
„Was? Ach so…Hihi, nee, klar, ist an der Frau!“

Auf meinem – natürlich pappschildlosen – Spaziergang fällt mir plötzlich meine vielfach veröffentlichte „Biographie“ ein:

„Iris Boss: Gesichtsverleiherin, Worteerfinderin, Spaziergängerin, Phänomenologin. In kühnen Träumen manchmal Ameisenumsiedlerin. Wohn- aber selten sesshaft in Berlin.“ 

Kann ich das denn so stehenlassen? Oder denkt sich da gleich jeder seinen (falschen) Teil? Ist doch unfassbar, dass ein so harmloses Wort plötzlich für etwas steht, womit ich auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden möchte! Und beim „Spaziergang“ fängt es ja erst an. 

Leider verhält es sich mit Wörtern wie mit Menschen: Die Guten laufen Gefahr, missbraucht zu werden. Das ist kein neues Phänomen, wahrscheinlich ist es so alt wie die Sprache selbst. In der jüngeren deutschen Vergangenheit haben sich die Nazis unter anderem an der „Betreuung“, der „Selektion“ und der „Aktion“ als Synonyme für Massenmord vergriffen. Da die ursprüngliche Bedeutung dieser Wörter aber offensichtlich stärker war als ihre hässliche Verkleidung, können wir sie heute wieder ohne Geschmäckle benutzen. Das gibt mir Hoffnung, denn von den heute in Geiselhaft genommenen Wörtern ist der „Spaziergang“ – trotz meiner großen Leidenschaft für selbigen – noch eines der leichter zu verschmerzenden. 

Die Wordnapper von heute haben es in erster Linie direkt auf die Basis abgesehen (ja, auch dieses Wort wurde bereits missbraucht): Wörter, die grundlegende Werte beschreiben: „Freiheit“, „Toleranz“, „Gerechtigkeit“, „Mut“, „Liebe“. Und das tut weh, aber so richtig! Dabei machen mich Selbstetikettierungen schon seit jeher misstrauisch. Zu oft habe ich Menschen mit Bluthochdruck: „Ich bin ja sehr tolerant, aber…“ schreien hören. Und wenn jemand von sich behauptet, er sei ehrlich oder treu, blinken bei mir riesige Warnschilder, auf denen „Lügner“ oder „Schweinepriester“ steht. 

Nun ist die Theorie, dass Sprache eher dazu dient, unsere Absichten zu verschleiern, als sie offenzulegen, nicht gerade neu. Um es mit Elias Canetti zu sagen:

Es gibt keine größere Illusion als die Meinung, Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen Menschen.“ 

Und vielleicht ist meine Selbstbezeichnung als Spaziergängerin sogar ein gutes Beispiel dafür: Ich bin nämlich eigentlich sowohl faul als auch überspannt – also eher dazu gemacht, auf dem Sofa „Egoshooter“ zu zocken, als in innerer Balance durch die Gegend zu spazieren. Aber: Ich wäre das gern! Ich bewundere die Flaneure des 19. Jahrhunderts, die tiefenentspannten Dandys, die mit einer Schildkröte an der Leine spazieren gingen. Von nichts getrieben, aber immer unterwegs. Wenn man es mal ganz wohlwollend betrachtet, geht es denjenigen, die sich als „Freiheitskämpfer“ unter der Flagge von „Liebe“ und „Wahrheit“ bezeichnen vielleicht ähnlich. Vielleicht also wären sie das tatsächlich gerne, was sie auf ihren Pappschildern vor sich hertragen. Das würde bedeuten, dass ihr ethischer Kompass theoretisch gar nicht so schlecht funktioniert, nur leider in der Praxis komplett versagt. Was mich von ihnen glücklicherweise unterscheidet, ist, dass ich mir der Diskrepanz zwischen Realität und Selbstbild bewußt bin und unternehme, was in meiner Macht steht, um sie einander näher zu bringen. Oder anders ausgedrückt: Ich krakeele nicht auf der Straße rum, dass ich das verdammte Recht habe, spazieren zu gehen, sondern ich gehe spazieren und zwar täglich, und ich bin dadurch zwar noch nicht zur Schildkröten-Halterin, durchaus aber ein kleines bisschen weniger faul und ein kleines bisschen weniger überspannt geworden.

Aber zurück zu den Wörtern: Anders als bei den eher ätherischen Begriffen wie „Freiheit“ oder „Liebe“, die von den „Spaziergängern“ ganz simpel in ihr Gegenteil verkehrt werden (also nicht „quer“-, sondern „180 Grad“-gedacht), handelt es sich beim „Spaziergang“ um einen falschen Gebrauch des Wortes. Ein Spaziergang ist per Definition ein absichtsloses sich Bewegen. Wobei: So einfach ist es dann wahrscheinlich doch wieder nicht: Ein naher Verwandter der „Spaziergangs“, der „Bummel“ wurde bereits zwischen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg von nationalistischen Corpsstudenten verunglimpft, die ihre Aufmärsche so nannten. Ein Schelm, wer diese historische Parallele für Zufall hält. Tja, und was „Querdenker“ als Selbstbezeichnung betrifft: Dass an diesem Begriff etwas nicht stimmen kann, wenn in Sprechchören quergedacht wird, müsste inzwischen selbst den „kritischen Geistern“ selbst aufgefallen sein.

Was tue ich nun also mit der „Spaziergängerin“ in meiner Biographie? Ich könnte sie natürlich ersetzen. Durch „Flaneuse“ zum Beispiel. Aber das klingt viel prätentiöser, als es gemeint ist, und wenn ich selbst ungenau oder falsch mit Sprache umgehe, um mich dagegen zur Wehr zu setzen, dass andere das tun, kann das nicht der richtige Weg sein. Sollte ich dann vielleicht ein eigenes Wort dafür erfinden? Schließlich bezeichne ich mich ja auch als „Worteerfinderin“? Aber beim Spazierengehen geht es ja gerade nicht darum, dass ich was Exklusives und Ausgefallenes tue! Im Gegenteil: Obwohl ich meistens alleine spazieren gehe, fühle ich mich dabei als Teil eines Kollektivs, zu dem – neben all den mir unbekannten Menschen, die ebenfalls ohne Sinn und Verstand die Pampa durchstreifen – auch meine selbstgewählten Ahnen, Robert Walser, Soren Kierkegaard, Charles Dickens und viele andere von mir Verehrte gehören. Sie alle waren eben Spaziergänger und keine „Freiluft-Impressions-Geher“. Und auch hier: Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass andere die Geschichte leugnen oder verdrehen, indem ich es selbst tue.

Nein, so leicht komme ich aus der Nummer nicht raus. Aber vielleicht muss ich das ja auch nicht. Wenn sich irgendjemand vorstellen kann, dass ich mit einem Pappschild spazieren gehe, ist sowieso alles zu spät! Es gibt ein schönes italienisches Sprichwort: „Tra il dire e il fare c’è di mezzo il mare.“ (Zwischen Reden und Tun liegt das Meer). Ich kann die Wörter nicht beschützen vor denen, die sie missbrauchen. Aber ich kann dazu beitragen, dass sie ihre ursprüngliche Bedeutung nicht verlieren und zwar indem ich sie tue; indem ich spazieren gehe, liebe, mutig und frei bin und nicht aufhöre, nach der Wahrheit zu suchen. – Ok, also zumindest das mit dem Spazierengehen müsste ich hinkriegen…

Iris Boss ist Diplomschauspielerin (U.d.K. Berlin) und eine erfahrene Sprecherin. 2021 gründete sie ihr eigenes Studio „CURRY-HAHN-RECORDS“ in Berlin. Neben dem Einsatz als Sprecherin in Fremdstudios bietet sie Sprachaufnahmen, Schnitt, Bearbeitung in professioneller Qualität direkt aus dem Home-Studio an. CURRY-HAHN-RECORDS im Netz.

Mit vielen neuen Hörproben direkt aus dem Home-Studio. Vieles ist gerade in Arbeit und kommt in nächster Zeit dazu.

„Curious eyes never run dry“ lautet das Motto von bossbloggt. Dort gibt es ihre Texte – oder die von ihr bei uns hier. Eben beim Slamdance Festival in L.A. Premiere, der Film „Be Right Back“ von Frauke Havemann, in dem sie eine Hauptrolle spielt.

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